Dana Grigorcea verbindet in ihrem Roman die historische Geschichte von Fürst Vlad dem Pfähler (Vlad Dracula), die Darstellung eines post-kommunistischen (ländlichen) Rumäniens und seiner Bewohner sowie ...
Dana Grigorcea verbindet in ihrem Roman die historische Geschichte von Fürst Vlad dem Pfähler (Vlad Dracula), die Darstellung eines post-kommunistischen (ländlichen) Rumäniens und seiner Bewohner sowie den wilden Ritt einer Nachfahrin von Vlad als Vampirin.
Die in einem kleinen Ort in der Walachei angesiedelte Geschichte, wird von der weiblichen Erzählerin wie in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert eingeläutet, nämlich indem sie die Leser*innen direkt durch die dritte Wand hinweg anspricht und darlegt, wie sie gleich versuchen wird, die unheimlichen Geschehnisse, welche sich zutrugen, zu erzählen. Alles was danach kommt, wirkt dann weniger klassisch, als viel mehr wild und verwirrend. Nie kann man wissen, was hier geschieht oder geträumt wird. Bald bekommt die Erzählerin die Fähigkeiten einer Vampirin und gleitet fliegend durch ihre alte Heimat. Die Sprache der Autorin, ihre Erzählweise war dabei für mich häufig sehr zäh, schwafelnd. Teilweise musste ich mich durch das Buch kämpfen. Inhaltlich interessant wurde es, wenn es um einzelne Beschreibungen des post-kommunistischen Zustandes oder die Historie um Vlad den Pfähler ging. Warum es für diese Erzählung jedoch den kuriosen Erzählstrang, welcher in Form vom Vampirdasein Fantasy-Anteile enthält, braucht, ist mir nicht klar geworden.
Schlussendlich bleibe ich mit ein paar wenigen, eindrücklichen Darstellungen der Walachei und ihrer Bewohner zurück, aber eben auch mit viel Verwirrung und Enttäuschung um das unausgeschöpfte Potential. Mich konnte das Buch insgesamt leider nicht begeistern.
Die Ich-Erzählerin dieser (mithilfe des Nachworts der Autorin als solchen erkennbaren) stark autobiografisch grundierten Geschichte ist Ende Zwanzig, bisher in ihrem Leben ausschließlich mit Männern zusammen ...
Die Ich-Erzählerin dieser (mithilfe des Nachworts der Autorin als solchen erkennbaren) stark autobiografisch grundierten Geschichte ist Ende Zwanzig, bisher in ihrem Leben ausschließlich mit Männern zusammen gewesen und lernt nun nach dem Umzug in eine größere Stadt eine 19 Jahre ältere Frau, Finn, kennen, aus deren Freundschaft eine „sexuelle Beziehung“ entsteht. Finn ist allerdings seit zehn Jahren in einer Langzeitbeziehung und gedenkt nicht, ihre Partnerin zu verlassen. Dass diese Liebe keine Chance hat, erfahren wir gleich zu Beginn der Geschichte. Nun ist es an uns, den Niedergang der Liebe zu beobachten. Leider muss man dabei gefühlt quälend lang eine wirklich ungesunde (man kann den aktuell überstrapazierten Begriff „toxisch“ verwenden) Beziehung begleiten und ist nur froh, wenn dann endlich endgültig Schluss ist mit den beiden.
Der Klappentext dieses schmalen Büchleins verspricht uns eine Geschichte über „Liebe, Sexualität und Identität und darüber, ob es nötig bzw. möglich ist, sich diesbezüglich glasklar zu definieren“. Außerdem wird das Buch als „Kult-Buch“ beworben, welches schon 2014 in den USA erschien und dort wohl in der lesbischen Szene sehr erfolgreich war. Ich hatte demnach hohe Erwartungen an diese Geschichte, hoffte einen Einblick in die Protagonistin, ihre Gedanken und Gefühle zu bekommen, bezüglich der Neuentdeckung ihrer sexuellen Orientierung. Also ich dachte, es geht wirklich mehr um diesen ersten Moment nach dem Kennenlernen der anderen Frau und was das alles in ihr selbst in Bewegung setzt. Wie hinterfragt man sich, wenn man so viele Jahre der Meinung war, nur auf Menschen des anderen Geschlechts zu stehen und plötzlich tritt dort eine Person in das eigene Leben, die das alles über den Haufen wirft? Und zwar so nachhaltig, dass danach auch nur noch Frauen als (Sexual-)Partnerinnen infrage kommen? Aber all diese und noch mehr Fragen bezüglich der eigenen Identität werden im Buch nur leicht tangiert. Tatsächlich konzentriert sich die Autorin auf die Darstellung einer massiv ungesunden Liebesbeziehung, die von Wutausbrüchen, Ablehnung, Streitigkeiten aber auch scheinbar mind-blowing Sex geprägt ist. Von der Ich-Erzählerin erfahren wir schnell, dass sie eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hat und nicht nur entsprechende Stimmungsumschwünge an den Tag legt, sondern ihr Sex-/Liebesleben genauso eine Abhängigkeit darstellt, wie sie auch von Substanzen abhängig ist, oder sie zumindest aktuell noch missbräuchlich nutzt.
Nun könnte man denken, dass wenigstens diese Emotionalität der Erzählerin auch im Text emotional aufrüttelnd dargestellt sind, auch wenn sie einem selbst von der Art her massiv auf die Nerven gehen (gefühlt von Seite 10 an). Aber nein, die Autorin hat meines Erachtens einen so oberflächlichen, banalen, unterkomplexen Schreibstil, missachtet vollständig die gängige Empfehlung „Show, don‘t tell!“ und rattert einfach irgendwelche Gefühlszustände runter. Als Leserin habe ich kein einziges Mal im gesamten Text emotional mitschwingen oder kognitiv mitgehen können. Um dies zu unterstreichen, hier ein Zitat. Als Hinweis: Von dem Ex-Freund und seiner Mutter sowie der Freundin mit ihrer Katze, erfahren wie nichts vorher und nicht nachher in dieser Geschichte, dies taucht einfach so im Text auf:
S. 115 und 116:
mitten im Kapitel kommt plötzlich diese Stelle:
"Die Mutter meines Ex-Freundes stirbt an AIDS. Vor Trauer breche ich zusammen. Der Ex ruft mich jeden Tag an, trotzdem rechne ich nie damit. Wir reden zwischen zwei und fünf Stunden pro Tag, egal wo. Er geht durch Chinatown in New York. Ich sitze im Garten hinter dem Aquarium und rupfe Grashalme aus. Er erzählt mir, sein Leben sei eine Folge von Six Feet Under. In der Bibliothek schließe ich mich in einer Toilettenkabine ein, um seine Anrufe anzunehmen. Wir hören uns abwechselnd beim Weinen zu. Eine Freundin, die nicht in der Stadt ist, ruft mich an und bittet mich, ihre Katze einschläfern zu lassen."
Solcherlei Stellen gibt es immer im Text. Aber gut, jetzt könnte man behaupten, man müsse ja gar nicht sich in diese kleinen Anekdoten hineinfühlen können, solange man sich in diese große Liebe hineinfühlen kann zwischen Finn und der Erzählerin. Nur: Auch dies passiert nicht! Die Autorin spricht im Text immer wieder einmal ihre Leser:innen direkt mit „Du“ an und durchbricht auch die Vierte Wand, indem sie während man die Geschichte um die Erzählerin und Finn liest, Hinweise zum Entstehungsprozess des Buches gibt. So meint sie ziemlich zu Beginn des Textes, dass ihre Lektorin sich von Seite Eins an in Finn verknallt hätte. So wie die Autorin die Figur Finn beschreibt, kann man allerdings überhaupt nicht nachvollziehen, warum sie sich in diese Person überhaupt verliebt. Und auch wenn wir als Leserschaft das auch gar nicht müssen, so müsste die Autorin es zumindest plausibel darstellen können, warum dies ihrer Erzählerin so erging. Fehlanzeige.
Wichtig zu wissen, ist, dass das 192 Seiten dünne Büchlein nicht nur die eigentliche Geschichte (Novelle?) enthält, sondern auch noch in dieser Seitenzahl ein Vor- und ein Nachwort enthalten ist. Das Vorwort fand ich nicht uninteressant, aber letztlich auch eher eine "Fanstory" vor der eigentlichen Geschichte. Was ich vom Buchsatz her schlecht gemacht finde, ist, dass unter dem Vorwort nicht, wie das sonst meist der Fall ist, der Ort und Monat/Jahr des Verfassens abgedruckt ist. Aus zwei Gründen ist dies schlecht: Da das Buch ja eigentlich aus 2014 stammt, wäre es mir lieb gewesen zu wissen, wann Katie Heaney das Vorwort verfasst hat. Zum anderen fing dadurch einfach auf der nächsten Seite der Haupttext an, ohne im Grafikdesign hier einen Hinweis darauf zu geben. Ich war noch gar nicht richtig "raus" aus dem Vorwort, da fing schon die Geschichte an. Und ich merkte sehr stark über die ersten 20-30 Seiten des eigentlichen Textes "Women" hinweg, dass ich innerlich immer wieder die Lebensgeschichte von Katie Heaney, die mir ehrlich gesagt überhaupt nichts sagt, mit der autofiktionalen Geschichte von Chloé Caldwell vermischte. Zum Nachwort: Ehrlich gesagt ist dies wohl das bisher am meisten von sich selbst eingenommene Nachwort einer Autorin, das ich je gelesen habe. Es geht über 17 Seiten hinweg nur darum, immer wieder zu betonen, wie unglaublich toll die Geschichte angekommen ist in der lesbischen Szene und wie scheinbar (!) alle lesbischen Frauen sich damit identifizieren könnten. Die Darstellung dysfunktionaler Beziehung und als ob alle oder zumindest ein Großteil alles lesbischen Beziehungen so dysfunktional ablaufen würden und dies auch innerhalb der Szene „normal“ sei, finde ich hoch bedenklich.
Letztlich konzentriert sich der ohnehin schon kurze Text dann mehr auf die ungesunde Beziehung zwischen den beiden Frauen. Und diese Art der Beziehungsführung empfand ich unglaublich anstrengend. Also inhaltlich wie stilistisch anstrengend im Sinne von wirklich „nervig“ und nicht „zu anspruchsvoll“. Leider kann ich von der Lektüre dieses Buches nur dringend abraten und, wenn man sich bezüglich dieses Themenkomplexes interessiert, ruhigen Gewissens zu „Das Archiv der Träume“ von Carmen Maria Machado raten. Schade.
Selten ist mir ein Buchrückseitentext (die Klappe sagt schon mehr aus) so unpassend und verquer wie bei diesem Buch begegnet. Er muss hier genannt werden und wird später noch auseinandergenommen: "Schluss ...
Selten ist mir ein Buchrückseitentext (die Klappe sagt schon mehr aus) so unpassend und verquer wie bei diesem Buch begegnet. Er muss hier genannt werden und wird später noch auseinandergenommen: "Schluss mit allen Romy Schneiders dieser Welt. Dieser - angesichts von MeToo und Cancel Culture - unkorrekte Roman...". Ja, was erzählt dieser "unkorrekte Roman" denn nun? Er erzählt von einer Mitte 20-jährigen Französin, die schon auf den ersten paar Seiten ihren gewalttätigen Freund erschlägt, in die Heimat flieht, nur um dort in ein alt bekanntes Milieu aus Misogynie, Kriminalität und Drogen einzutauchen und sich letztlich zu verlieren. Zwischendrin gibt es viel Gewalt und Ausbruchsversuche.
Eine richtige inhaltliche Quintessenz, eine Aussage des Romans, lässt sich hier leider überhaupt nicht aus diesem überlangen Text herausdestillieren. Der Roman ist zwar flüssig geschrieben und liest sich durch kurze Kapitel technisch schnell runter. Inhaltlich ist er jedoch massiv langatmig und zirkuliert immer wieder um die Ausbruchsversuche aus alten Verhaltensmustern und gleichzeitig wieder Verfallen in ebendiese einer emotional instabilen Person (Mado). Scheinbar versucht der Autor ein Milieu zu skizzieren, in dem sich frauenverachtendes Verhalten ausbreiten kann und die (scheinbar?) einzige Lösung in steinharten Frauen, die willens sind, selbst Gewalt anzuwenden, besteht. Sprachlich wird auch immer wieder (zu Zwecken der Provokation?) Sprache unter der Gürtellinie ausgepackt, ohne sie zu verorten. In der Mitte des Buches zieht sich das Buch so stark und es geht nur noch um durch Gewalteinsatz Verstorbene, dass ich kurz davor war, es abzubrechen. Es wirkt in diesen Abschnitten eher wie ein verkappter Thriller.
Nun zurück zum bewerbenden Text auf der Rückseite des Buches: Den Satz um Romy Schneider verstehe ich einfach nicht. Tut mir leid. Was dann auch noch MeToo dort zu suchen hat (okay, Macht und Missbrauch gegenüber Frauen ist ein Thema) aber dann auch noch zusammenhangslos "Cancel Culture" in den Ring geworfen wird, ist unklar. Es ergibt einfach keinen Sinn. Ist Blödsinn. Ich zitiere hier mal einen Artikel des NDR, der eine gute Definition liefert: ""Cancel Culture" bezeichnet den Versuch, ein vermeintliches Fehlverhalten, beleidigende oder diskriminierende Aussagen oder Handlungen - häufig von Prominenten - öffentlich zu ächten. Es wird zu einem generellen Boykott dieser Personen aufgerufen." Das hat nichts, aber auch gar nichts, mit dem vorliegenden Buch zu tun. Allein, wenn ich dies schreibe, tendiere ich schon wieder zu nur einer 1-Sterne-Bewertung. Belasse es aber bei den zwei Sternen, einfach nur, weil das Buch flüssig geschrieben ist. (Ein leidliches Argument, ich weiß.)
Also auch wenn das Buch keine Quintessenz/Aussage/Fazit aufweist, so doch meine Rezension: Nicht lesenwert. Punkt.
Damir Ovčina erlebte seinerzeit selbst als bosnischer Muslim die Belagerung Sarajevos und die Kriegsgreul von Seiten der serbischen Besatzer. Entsprechend hoch war die Erwartung an diesen 750 Seiten umfassenden ...
Damir Ovčina erlebte seinerzeit selbst als bosnischer Muslim die Belagerung Sarajevos und die Kriegsgreul von Seiten der serbischen Besatzer. Entsprechend hoch war die Erwartung an diesen 750 Seiten umfassenden Roman. Es geht um einen jungen Mann im Alter von ca. 17/18 Jahren, der sich durch Zufall im "falschen" Stadteil Sarajevos bei dessen Belagerung befindet und fortan unter den Milizen zu leiden hat. Er erlebt Schreckliches, befreit sich und kämpft fortan im Untergrund.
Grundsätzlich sind die Bestandteile für einen historisch wie auch immer noch aktuell-politisch hochinteressanten Roman gegeben. Leider ist das Buch aus meiner Sicht kaum über diesen Umfang lesbar, da er durchgängig von stakkatohaften Sätzen lebt. Der Ich-Erzähler beschreibt die Geschehnisse in Form seiner Tagebucheinträge, welche über die ersten 100 Seiten hinweg sogar nicht einmal aus Hauptsätzen sondern vorwiegend aus durch Punkte getrennte Stichpunkte besteht. Selbst im etwas besser lesbaren Mittelteil bleibt es bei besagten stakkatohaften Hauptsätzen wie hier: "Wir laufen hintereinander mit eingezogenen Köpfen. Wir springen in den Geschäftsraum im Erdgeschoss. Aus dem Haus ein Maschinengewehr. Auf der anderen Seite explodiert etwas. Vom Jüdischen Friedhof her häufig etwas Schweres. Wir stellen Säcke mit Erde auf." usw. usf. Ich habe aufgrunddessen über weite Strecken den Text nur überfliegen können, da mir eine emotionale Verbindung zum Schicksal des Protagonisten, zum Schicksal der Bewohner Sarajewos und selbst zum Bosnienkrieg an sich, dadurch vollkommen genommen wurde. Ich habe außerdem wenig über die Zusammenhänge des Konflikts erfahren, da es sich um rein minutiöses Heruntererzählen von Erlebnissen dieser einen Person handelt. Dort gibt es kaum Gedankengänge, Überlegungen, Gefühle.
Leider, leider konnte mir dieser hochgelobte Roman den Bosnienkrieg und den Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen, welcher bis heute anhält, nicht erklären oder zumindest näher bringen.
Der Journalist Alexander Gorkow schreibt in diesem Roman über sein eigenes 10jähriges Ich, welches in einer Vorstadt Düsseldorfs mit Vater, Mutter und herzkranker 16jähriger Schwester in den 1970er Jahren ...
Der Journalist Alexander Gorkow schreibt in diesem Roman über sein eigenes 10jähriges Ich, welches in einer Vorstadt Düsseldorfs mit Vater, Mutter und herzkranker 16jähriger Schwester in den 1970er Jahren aufwächst. Der Roman zirkuliert dabei immer wieder um die Verbindung zwischen dem Jungen und der Schwester, welche ihn zum Pink Floyd-Fan macht und mit ihm die Titel und Alben dieser Jahrhundertband analysiert. Aber auch (zu) viele Alltagssituationen der 70er werden aus der Perspektive des kindlichen Hauptprotagonisten geschildert. Zuletzt gehts noch in die Gegenwart zu einem Gespräch mit Roger Waters - wer sich fragt: Der Durchgedrehtere von den beiden noch lebenden Sängern Pink Floyds. Syd Barrett lass' ich (und auch Gorkow) dabei mal gekonnt unter den Tisch fallen - war auch vor Gorkows Pink Floyd-Zeit...
Was finde ich gut an diesem Roman? Alle Passagen, die sich um die Songs und Alben der Band drehen, sowie die Darstellung von Musikrezeption als solcher. Der Journalist Gorkow versteht sich hervorragend darauf, diese Themen auseinanderzunehmen und für die Lesenden leicht verdaulich und verständlich wieder zusammen zu setzen. Es ist ein Genuss in den Liedtexten zu schwelgen und sich die Tonexperimente vorzustellen. Sofort bekommt man dabei Lust, die Floyd-Sammlung wieder aufzulegen - keine Frage. Und trotzdem hat dieses Buch für mich so viele Schwächen, dass ich es ab ungefähr Seite 50 kaum noch ertragen konnte und es am liebsten abgebrochen hätte. Das liegt vornehmlich an der kindlich-hochnaiven Erzählperspektive eines 10jährigen Jungen. Das kann man mal für die ersten Seiten machen, gut, aber doch bitte nicht über das (fast) gesamte Buch hinweg. Was zum Beispiel Hape Kerkeling in seinem "Der Junge muss an die frische Luft" herrlich beherrscht und auch sehr amüsant zu lesen ist, wird im vorliegenden Roman einfach nur zu einer Nervensache. Selten hat mich eine Erzählstimme so abgestoßen. Wenig fand ich dabei witzig oder auch nur leicht amüsant. Wenn Elke Heidenreich von diesem Roman schwärmt und Passagen verkürzt und pointiert zum besten gibt, klingt das viel begeisterungswürdiger als es sich dann tatsächlich liest. Die Pointen verpuffen leider beim Lesen und können nicht zünden. Auch das Flair der 70er versucht Gorkow zwar auf Papier zu bannen, kann dies auch teilweise transportieren, nur nervt es einfach nur noch, wenn mir zum zehnten Mal die Herstellermarke der damaligen Schulbänke präsentiert wird. Vielleicht liegt es am Fachbereich, denn bei der Schilderung der heimischen Musikanlage erschien mir dies interessant, ausgewogen und präzise.
Inhaltlich ist es meines Erachtens außerdem ein Mangel, dass der Erzählstrang um die contergangeschädigte, herzkranke Schwester einfach so fallen gelassen wird. Es gibt am Ende des Buches nur einen kurzen Halbsatz zu ihrem Verbleib. Aufgrund der bedeutsamen Rolle der Schwester für die Prägung des Jungen erscheint dies ihr einfach nicht gerecht zu werden. Neben der erkrankten Schwester scheint es außerdem in diesem Buch vor "Behinderten" und "Gestörten" nur so zu wimmeln. Annähernd jede noch so für den Plot unwichtige Person hat irgendein Defizit - körperlich oder psychisch - was meist mehr als nur erwähnt, sondern ausführlichst besprochen werden muss. Was der Autor damit bezweckt, außer darzulegen, dass wir alle unperfekt sind, bleibt fraglich.
Insgesamt kann ich also leider nicht zum Kauf des Buches raten, wenngleich die Ausgabe mit der Covergestaltung schön anzusehen und in sich stimmig ist. Wer Pink Floyd-Fan ist, braucht das Buch nicht, um sich eine Platte zu schnappen und ihre Genialität zu erkennen. Dafür lohnt es sich nicht, sich durch die gefühlt endlosen 186 Seiten zu kämpfen. Platte auflegen, Augen schließen und genießen. Damit ist die begrenzte Lebenszeit sinnvoller genutzt. Tick-Tack. "Time", ihr wisst schon...