Cover-Bild Parasiti
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24,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Verlag Voland & Quist
  • Themenbereich: Belletristik
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 240
  • Ersterscheinung: 09.03.2026
  • ISBN: 9783863914660
Alisha Gamisch

Parasiti

Ein Brief bringt Aufruhr ins gemütliche Leben von Rina, ihrer Tante Valli und ihrer Großmutter Lydia: Von einem Tag auf den anderen verstummt die Großmutter. Rina beginnt, Fragen zu stellen - und bringt gegen alle Widerstände ein Gespräch zwischen den Generationen in Gang. Denn sie ahnt, dass sie von ihrer Familie nicht nur die eckige Figur und die Vorliebe für Vorabendserien geerbt hat, sondern auch ihre Ängste und Unsicherheiten. Was ist das für ein Seil, das sich um sie schlingt, und so nah an Tante, Mutter und Großmutter bindet? Das ihr Halt gibt, aber oft genug auch die Luft abschnürt?
Zwischen Baracken im Novosibirsk der 1960er Jahre, Auffanglager für Aussiedler in den 1970ern und dem Fürstenfeldbruck einer nahen Gegenwart folgt Alisha Gamisch in ihrem Debütroman den Lebenswegen dreier russlanddeutscher Frauen. Sie erzählt von Ausgrenzung und Anpassung, von Ausbeutung und Emanzipation, von Sexualität und Abtreibung.

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Lesejury-Facts

  • Dieses Buch befindet sich bei MarieOn in einem Regal.
  • MarieOn hat dieses Buch gelesen.

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.03.2026

Sehr fesselnd

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Fürstenfeldbruck 2021

Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, ...

Fürstenfeldbruck 2021

Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, daneben ein streichholzkleines Plastiketwas mit einem winzigen Püppchen darin, dass den Daumen in den Mund gesteckt hat. In dem Begleitschreiben steht, dass ein echter Fötus im Alter von zehn Wochen genauso aussehe. Klein, schutzbedürftig und so bedroht wie nie, so schreiben es die Abtreibungsgegner.

Valli setzt sich neben Lydia, redet auf sie ein. Sie cremen ihre leblosen Hände mit Calendula ein, wie sie es gern hat, dann die Füße. Sie wissen nicht, was sie sonst machen sollen. Valli holt das rote Fotoalbum, das Lydia so liebt, blättert darin und sagt, was sie sieht. Als Rina auf dem Balkon steht und raucht, geht ein Ruck durch den Großmutterkörper. Kuckuckskind krächzt sie, Parasit!

Valli ist erschüttert. Wenn jemand sie jetzt mit einer Nadel pieksen würde, käme kein Blut. Sie weiß, dass sie gemeint ist. Nach allem, was Valli und Lydia zusammen erlebt, die Männer, die sie beerdigt haben. Seit Jahren wohnen sie zusammen, damit Valli sich um Lydia kümmern kann wie die sich einst um Valli und jetzt das.

Novosibirsk 1961

Lydia könnte noch schlafen, aber ihr Sashka hat wieder gestunken wie ein Klohäuschen. Nach Mitternacht kam er in die Hütte gepoltert und stank. Boshe moj! Sie waren in der Baracke untergekommen, weil ihr Schwiegervater es angeboten hatte. Dafür musste sie ihm ihren ganzen Lohn aus der Wäscherei geben. Der Alte lässt Sashka und der Jelenatochter alles durchgehen, nur an ihr mäkelt er rum, sie koche zu wenig und kümmere sich nicht genug um Jelena, dabei hat sie selbst ein kleines Mädchen.

Fazit: Alisha Gamisch, Lyrikerin und Kuratorin, hat in ihrem Romandebüt eine Familiengeschichte erschaffen, die drei Generationen Frauen umfasst. Da ist die jüngste, die unsichere, ängstliche Rina, die gelernt hat, dass man Männern besser kein Nein entgegensetzt. Valli wurde von Ihren Eltern an Lydias Schwiegervater abgegeben, Vallis Eltern hatten schon sechs hungrige Mäuler zu stopfen. Lydia wurde während des 2. Weltkriegs mit ihrer eigenen Familie aus Odessa vertrieben, kam nach Deutschland, dann nach Polen und wurde dann nach Sibirien deportiert, wo sie ihren Sashka kennenlernte. Sie hatte drei Abtreibungen hinter sich und wäre bei der vierten fast gestorben. Die Autorin hat mich absolut gekonnt in eine kalte, fremde Welt ohne Mitgefühl entführt. Frei von Pathos und mit enormer Ausdrucksstärke erlebe ich die unprätentiöse Lydia, die sich ihrem Schicksal nicht ergibt. Parasiten, das sind die Embryos, die sich ungefragt nach dem Geschlechtsakt einnisten. Es ist erschütternd, wie Frauen weltweit ausgebeutet wurden und werden. Wie sie das Nötigste über ihren Körper wussten, aber die „bedürftigen“ Männer nicht von sich fernhalten konnten. Erschütternd finde ich auch, welchen Leidensdruck Frauen aushielten und aushalten, ohne zu klagen. Mit diesem Mechanismus: Gute Miene zum bösen Spiel machen, sind viele Frauen vertraut. Ein wirklich guter Beitrag zum Thema transgenerative Traumata. Wie Erfahrungen auf die nächsten Generationen übertragen werden. Und noch dazu so fesselnd geschrieben.

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