Ein Brief bringt Aufruhr ins gemütliche Leben von Rina, ihrer Tante Valli und ihrer Großmutter Lydia: Von einem Tag auf den anderen verstummt die Großmutter. Rina beginnt, Fragen zu stellen - und bringt gegen alle Widerstände ein Gespräch zwischen den Generationen in Gang. Denn sie ahnt, dass sie von ihrer Familie nicht nur die eckige Figur und die Vorliebe für Vorabendserien geerbt hat, sondern auch ihre Ängste und Unsicherheiten. Was ist das für ein Seil, das sich um sie schlingt, und so nah an Tante, Mutter und Großmutter bindet? Das ihr Halt gibt, aber oft genug auch die Luft abschnürt?
Zwischen Baracken im Novosibirsk der 1960er Jahre, Auffanglager für Aussiedler in den 1970ern und dem Fürstenfeldbruck einer nahen Gegenwart folgt Alisha Gamisch in ihrem Debütroman den Lebenswegen dreier russlanddeutscher Frauen. Sie erzählt von Ausgrenzung und Anpassung, von Ausbeutung und Emanzipation, von Sexualität und Abtreibung.
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Von einem Tag auf den anderen spricht Rinas Oma nicht mehr. Sie wirkt plötzlich hart und reagiert nur noch auf wenige Impulse. Die Veränderung ihres Gemüts scheint durch das Eintreffen eines Briefes ausgelöst ...
Von einem Tag auf den anderen spricht Rinas Oma nicht mehr. Sie wirkt plötzlich hart und reagiert nur noch auf wenige Impulse. Die Veränderung ihres Gemüts scheint durch das Eintreffen eines Briefes ausgelöst worden zu sein. Valli, Rinas Tante, vernichtet diesen jedoch umgehend und ignoriert den unübersehbaren Schmerz der Großmutter. Zumindest versucht sie es. Rina kann das Verhalten ihrer Tante nicht begreifen. Sie beginnt nach Einzelheiten aus der Vergangenheit und der Familiengeschichte zu fragen. Nach und nach entsteht für sie ein immer klareres Bild vom Leben in Novosibirsk in den 1960er-Jahren und Rina erkennt, dass in ihrer Familie die Leben und Schicksale der Frauen unwiderruflich miteinander verwoben sind…
Ich habe „PARASITI“ von Alisha Gamisch so gerne gelesen und das, obwohl einige Passagen schwer auszuhalten sind. Der Druck, dem die einzelnen Frauen in Rinas Familie ausgesetzt sind, ist enorm. Sie erleben Ausgrenzung, Armut und Vertreibung, um nur ein paar Punkte zu nennen. Dennoch gelingt es Alisha Gamisch, die Frauen nicht in der Opferrolle erscheinen zu lassen. Sie gibt ihnen ihre eigene Stimme (zurück) und ermächtigt sie damit, ihre eigene Geschichte zu erzählen.
„PARASITI“ ist eine Ode an die Resilienz der Frauen. Eine absolute Herzensempfehlung.
Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, ...
Fürstenfeldbruck 2021
Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, daneben ein streichholzkleines Plastiketwas mit einem winzigen Püppchen darin, dass den Daumen in den Mund gesteckt hat. In dem Begleitschreiben steht, dass ein echter Fötus im Alter von zehn Wochen genauso aussehe. Klein, schutzbedürftig und so bedroht wie nie, so schreiben es die Abtreibungsgegner.
Valli setzt sich neben Lydia, redet auf sie ein. Sie cremen ihre leblosen Hände mit Calendula ein, wie sie es gern hat, dann die Füße. Sie wissen nicht, was sie sonst machen sollen. Valli holt das rote Fotoalbum, das Lydia so liebt, blättert darin und sagt, was sie sieht. Als Rina auf dem Balkon steht und raucht, geht ein Ruck durch den Großmutterkörper. Kuckuckskind krächzt sie, Parasit!
Valli ist erschüttert. Wenn jemand sie jetzt mit einer Nadel pieksen würde, käme kein Blut. Sie weiß, dass sie gemeint ist. Nach allem, was Valli und Lydia zusammen erlebt, die Männer, die sie beerdigt haben. Seit Jahren wohnen sie zusammen, damit Valli sich um Lydia kümmern kann wie die sich einst um Valli und jetzt das.
Novosibirsk 1961
Lydia könnte noch schlafen, aber ihr Sashka hat wieder gestunken wie ein Klohäuschen. Nach Mitternacht kam er in die Hütte gepoltert und stank. Boshe moj! Sie waren in der Baracke untergekommen, weil ihr Schwiegervater es angeboten hatte. Dafür musste sie ihm ihren ganzen Lohn aus der Wäscherei geben. Der Alte lässt Sashka und der Jelenatochter alles durchgehen, nur an ihr mäkelt er rum, sie koche zu wenig und kümmere sich nicht genug um Jelena, dabei hat sie selbst ein kleines Mädchen.
Fazit: Alisha Gamisch, Lyrikerin und Kuratorin, hat in ihrem Romandebüt eine Familiengeschichte erschaffen, die drei Generationen Frauen umfasst. Da ist die jüngste, die unsichere, ängstliche Rina, die gelernt hat, dass man Männern besser kein Nein entgegensetzt. Valli wurde von Ihren Eltern an Lydias Schwiegervater abgegeben, Vallis Eltern hatten schon sechs hungrige Mäuler zu stopfen. Lydia wurde während des 2. Weltkriegs mit ihrer eigenen Familie aus Odessa vertrieben, kam nach Deutschland, dann nach Polen und wurde dann nach Sibirien deportiert, wo sie ihren Sashka kennenlernte. Sie hatte drei Abtreibungen hinter sich und wäre bei der vierten fast gestorben. Die Autorin hat mich absolut gekonnt in eine kalte, fremde Welt ohne Mitgefühl entführt. Frei von Pathos und mit enormer Ausdrucksstärke erlebe ich die unprätentiöse Lydia, die sich ihrem Schicksal nicht ergibt. Parasiten, das sind die Embryos, die sich ungefragt nach dem Geschlechtsakt einnisten. Es ist erschütternd, wie Frauen weltweit ausgebeutet wurden und werden. Wie sie das Nötigste über ihren Körper wussten, aber die „bedürftigen“ Männer nicht von sich fernhalten konnten. Erschütternd finde ich auch, welchen Leidensdruck Frauen aushielten und aushalten, ohne zu klagen. Mit diesem Mechanismus: Gute Miene zum bösen Spiel machen, sind viele Frauen vertraut. Ein wirklich guter Beitrag zum Thema transgenerative Traumata. Wie Erfahrungen auf die nächsten Generationen übertragen werden. Und noch dazu so fesselnd geschrieben.
Alisha Gamischs Debütroman „Parasiti“ spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart leben Großmutter Lydia, Enkelin Rina und Tante Valli in Fürstenfeldbruck. Als im Briefkasten ein Brief radikaler Abtreibungsgegner ...
Alisha Gamischs Debütroman „Parasiti“ spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart leben Großmutter Lydia, Enkelin Rina und Tante Valli in Fürstenfeldbruck. Als im Briefkasten ein Brief radikaler Abtreibungsgegner landet, verstummt Oma Lydia urplötzlich. Und Rina beginnt, Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Diese möchte Valli lieber nicht beantworten, doch Rina lässt nicht locker. Sie ahnt, dass in ihrer Familiengeschichte einiges im Verborgenen liegt.
In Rückblenden und aus wechselnden Perspektiven erfahren wir nach und nach von Lydias schwerem Leben, in den 1960er Jahren in Sibirien. Als Wolgadeutsche wurde sie während des Zweiten Weltkriegs deportiert und lebt seitdem im eisigen Novosibirsk, in einer Holzbaracke ohne fließendes Wasser und Strom. Sie arbeitet hart als Näherin in einer Fabrik, während ihr Ehemann Sashka die meiste Zeit säuft. Ihrem tyrannischen Schwiegervater muss sie ihren gesamten Lohn abgeben. Neben ihrer kleinen Tochter Lydia lebt auch noch Valli als Ziehkind bei ihnen auf, weil ihre leiblichen Eltern keinen Platz für sie hatten in der Sowjetunion.
Lydia wird ungewollt wieder schwanger; es folgt eine Abtreibung, nicht ihre erste, doch danach ist Lydia nicht mehr dieselbe. Verzweifelt versucht sie, ihren Mann nachts von sich fernzuhalten.
„Er jammert, ohne Rücksicht auf die Schlafenden, was er denn noch alles tun solle, eine Arbeit habe er gefunden, in die eiskalte Hölle gehe er für sie, aber sie sei selber eiskalt, lasse ihn leiden und gebe ihm nicht, was ihm zustünde, obwohl er nun drei Monate nur für sie schuften ginge. Sie sei schuld, wenn ihn seine Kollegen einen Brakadel nennen würden, und überhaupt: Sie sei ihm was schuldig!“
Über ein Auffanglager gelangt Lydia in den 1970er Jahren nach Deutschland, ihre Tochter heiratet, bekommt zwei Kinder, Rina (Irina) und Eugen.
Besonders die Frauen der Familie sind stark miteinander verbunden; selbst ihrem Ziehkind bzw. „Kuckuckskind“ Valli, wie Lydia sie manchmal verächtlich nennt, fühlt sie sich nah.
„Die Frauen ihrer Familie sind durch Seile verbunden, die sich fest um die Taillen winden und nur bis zu einem gewissen Grad nachgeben. Großtante, Mutter und Schwester haben immer wieder an den Seilen gezogen, bis sie nach Estland kam. Aber weil sie so viel Zeit mit der Jelenatochter verbrachte, hat sich das Seil nicht nur um die winzige Hüfte von Elvira geschlängelt, was aus Lydias Sicht der natürlichen Ordnung entspräche, sondern unerwartet auch mindestens zweimal um die eckige Hüfte der Jelenatochter gewickelt, mit der sie nicht mal richtig verwandt ist.“
Doch die unverarbeiteten Erlebnisse und Traumata der vorherigen Generationen haben sich auch auf Rinas Leben übertragen:
„Rina lernte, dass man zu einem Mann nicht direkt Nein sagt, sondern, dass es andere Wege gibt. Am besten, man drapiert alles um ihn herum so, dass er glaubt, er bekäme, was er will. So wendet man das Schlimmste ab, ohne sich in eine Auseinandersetzung zu begeben. In dieser Fähigkeit wurde sie trainiert – von ihrer Mutter, der Tante und der Oma auf je verschiedene Art und Weise, sodass sie jetzt drei unterschiedliche Strategien hat, direkten Diskussionen mit Männern auszuweichen.
Bevor Rina Fra kennenlernte, lag sie oft mit einem Jeweiligen in seinem WG-Zimmer oder Wohnheimbett und nahm wahr, wie der Opageruch aus den Bettlaken kroch. Dann musste sie aufspringen und schnell ihre Sachen zusammensammeln. Wenn der Geruch der Bettlaken frisch war, konnte sie sich in den Gliedmaßen eines Jeweiligen für einen Moment einrichten, sich von aus Filmen abgeschauten Bewegungen leiten lassen, die sich manchmal verselbstständigten.
Aber wenn ein Jeweiliger irgendwas viel zu schnell machte oder zu fest, wenn er etwas Falsches sagte, wenn etwas wehtat oder nichts in Rina auslöste, sagte sie nie etwas, ließ den Jeweiligen gewähren, als liefe da ein unabwendbares Ereignis ab, und tat im Zweifelsfall so, als wäre alles großartig.“
Das Ende des Romans ist offen, lässt jedoch hoffen, dass ein Ausbruch aus dem lähmenden Schweigen der russlanddeutschen Vergangenheit möglich ist.
„Parasiti“ ist ein interessanter Familienroman über Herkunft und Migration, generationenübergreifende Traumata, familiäres Schweigen und den harten Kampf um weibliche Selbstbestimmung.
Vielen Dank an den Voland & Quist Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚