Die Kategorien sprengen: Starker Roman über Mutterrollen & Frausein
Eve und Hendrik, deren Elternsein nur „so halbwegs“ geplant war, müssen feststellen, dass der Alltag als Familie schwieriger als gedacht ist. Henrik ist beruflich in seinem Verlag stark eingespannt, so ...
Eve und Hendrik, deren Elternsein nur „so halbwegs“ geplant war, müssen feststellen, dass der Alltag als Familie schwieriger als gedacht ist. Henrik ist beruflich in seinem Verlag stark eingespannt, so dass vor allem Eve überfordert ist mit den Anforderungen als Mutter.
„Als Hendrik nach zwei Wochen wieder zurück in den Verlag ging, gab Eve sich Mühe, sich ihren Schock nicht anmerken zu lassen. [...] Die Überforderung kam in den nächsten Wochen schleichend, breitete sich wie ein dunkler Nebel langsam in der Wohnung aus. Zwar schlief das Baby viel, sah dann verquollen aus, friedlich und roh. War es aber wach, trank es aus Eve in tiefen, gierigen Schlucken, halbstündig, manchmal ununterbrochen, Tag und Nacht, wollte nicht allein liegen, lag stattdessen auf ihrem Brustkorb, ihren Oberschenkeln, ihrem weichen, leeren Bauch. Die Unmöglichkeit, auch nur für einen kurzen Augenblick allein, ganz bei sich selbst zu sein, traf Eve wie eine Ohrfeige.
[...]
Sie irrte durch die immer chaotischer werdende Wohnung, kam nicht klar auf ihren müden, blutenden Post-partum-Körper, sehnte sich nach grundlegenden Dingen: Kontrolle, Kraft, dem Gefühl, auf zwei Füßen fest auf dem Boden zu stehen, nach einer Dusche, danach, alleine pinkeln zu gehen, innezuhalten, ohne einzuschlafen.“
Um der Erschöpfung entgegenzuwirken und sich als Paar nicht zu verlieren, nehmen sie Juna, ein Au-Pair aus Südamerika, auf. Junas Anwesenheit erleichtert den Alltag, weckt aber auch ungeahte Gefühle in Eve ...
Es dauerte ungefähr zwei Kapitel, dann war ich voll in der Geschichte drin. Dass hier aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, ist eine der Stärken des Romans. Der Schreibstil von Angie Volk gefällt mir sehr gut. Ich konnte mich in alle Frauenfiguren sehr gut hinenversetzen.
In Zeitsprüngen lesen wir von Eve und Hendrik als Eltern der kleinen Mia, aus Junas Perspektive und aus Sicht von Eves Mutter Gabriele, auch die inzwischen erwachsene Mia kommt zu Wort.
Besonders Juna hat mir als Charakter sehr gut gefallen, aber auch Eve und Mia fand ich sehr gut dargestellt.
Dass auch die Nebencharaktere eine eigene Geschichte bekamen (Juna auf der Suche nach ihrer Mutter, die sie als Kind verließ bzw. Gabriele, die an ihre Zeit als Mutter zurückdenkt), fand ich ebenfalls sehr gelungen.
Insgesamt ein starker Roman über Muttersein, Schwangerschaft, Geburt (und Fehlgeburt), aber auch über Begehren und Befreiung aus vorgegebenen Konventionen.
„Die Kategorien sind zu klein und zu groß,
sie sind brüchig wie Plastik,
wir passen längst nicht mehr in sie hinein,
lasst sie uns sprengen,
lasst sie uns füllen mit allem, was wir auch sind,
Körper in Bewegung,
über alle Ränder tretend,
lasst uns die werden,
die wir bereits sind,
lasst uns einander genügen,
auch wenn das,
was uns geboten wird,
längst nicht genug ist.“
Vielen Dank an den Leykam Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!