Leise und kraftvoll
England, 1964: Helen arbeitet als Kunsttherapeutin in einer psychiatrischen Klinik. Neben ihrem Beruf bestimmt vor allem eine weitere Tatsache ihren Alltag: die langjährige Affäre mit ihrem Kollegen Gil. ...
England, 1964: Helen arbeitet als Kunsttherapeutin in einer psychiatrischen Klinik. Neben ihrem Beruf bestimmt vor allem eine weitere Tatsache ihren Alltag: die langjährige Affäre mit ihrem Kollegen Gil. Er gehört zur Klinikleitung, ist verheiratet und Vater – und doch klammert sich Helen an die Hoffnung, dass er seine Familie verlässt, sobald die Kinder alt genug sind. Immer wieder ordnet sie ihr Leben seinem Zeitplan unter, für ein paar gestohlene Stunden, und verliert sich dabei zunehmend selbst.
Als ein neuer Patient in die Klinik eingeliefert wird, ist Helen von dessen Schicksal vom ersten Moment an tief berührt. William spricht nicht, ist verwahrlost und hat seit mindestens zehn Jahren das Haus nicht mehr verlassen, in dem er mit seinen Tanten lebte. Helen erkennt sein künstlerisches Talent und versucht mit viel Geduld, Zugang zu dem stummen Mann zu finden. Für beide öffnen sich dabei unerwartete neue Türen.
Kapitel für Kapitel erfährt man als Leser auf sehr behutsame Weise, was William in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat und warum er so isoliert lebte – durch erzählerische Rückblicke ebenso wie durch Helens eigene Nachforschungen. Diese Kombination hat mir besonders gut gefallen, da sie der Geschichte und ihren Figuren spürbare Tiefe und Authentizität verleiht.
Faszinierend ist zudem, dass der Roman trotz seiner großen Ruhe einen stetig ansteigenden Spannungsbogen entwickelt. Der zurückhaltende, feinfühlige Schreibstil passt hervorragend zur Geschichte. Auch wenn das Buch für meinen Geschmack vor allem im ersten Teil stellenweise etwas langatmig ist und es eine Weile dauert, bis es einen wirklich abholt. Wie bei scheuen Wesen selbst, braucht es auch hier vor allem eines: Geduld. Doch es lohnt sich.