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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.05.2026

Familie als Minenfeld

Summer Storms
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Ich bin ehrlich: Der Klappentext und die Stimmen zum Buch haben bei mir eine etwas andere Erwartung geweckt. Aussagen wie „die perfekte Lektüre für diesen Sommer“ oder „Sommerromanze“ ließen mich auf eine ...

Ich bin ehrlich: Der Klappentext und die Stimmen zum Buch haben bei mir eine etwas andere Erwartung geweckt. Aussagen wie „die perfekte Lektüre für diesen Sommer“ oder „Sommerromanze“ ließen mich auf eine leichtere Geschichte mit einigen Summer Vibes hoffen. Tatsächlich schlägt „Summer Storms“ aber eine ganz andere Richtung ein – der Fokus liegt klar auf Drama, familiären Konflikten und emotionalen Abgründen.
Die Ausgangssituation hat es dabei direkt in sich: Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Alice Storm auf die Familieninsel zurück – einen Ort voller negativer Erinnerungen und ungelöster Konflikte. Vor fünf Jahren hat sie sich nicht ohne Grund von ihrer Familie entfremdet. Statt gemeinsam zu trauern, geraten Alice und ihre vier Geschwister mitten in ein perfides Erbschaftsspiel, das der verstorbene Patriarch noch selbst inszeniert hat. Die Aufgaben, die sie dabei erfüllen müssen, sorgen schnell für Spannungen und reißen alte Wunden wieder auf. Schnell wird deutlich: Es geht hier um weit mehr als Geld – nämlich um Macht, Kontrolle und jahrzehntelange Verletzungen. Zusätzliche Komplikationen entstehen dadurch, dass sich Alice’ One-Night-Stand ausgerechnet als rechte Hand ihres Vaters und Leiter dieses Spiels entpuppt.
Das Buch nimmt von Beginn an Fahrt auf und bleibt bis zur letzten Seite spannend. Besonders gefallen hat mir, wie sehr man beim Lesen mitfiebert, miträtselt und darauf hofft, dass sich die Situation doch noch zum Guten wendet. Einige Wendungen waren für mich allerdings nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt vor allem daran, dass manche Figuren sich so extrem verhalten, dass man beim Lesen innerlich nur den Kopf schüttelt. Die Dynamik innerhalb der Familie gleicht einem emotionalen Minenfeld und bietet mehr als nur die eine oder andere Red Flag – auch innerhalb der Liebesgeschichte.
Gerade das macht die Figuren aber gleichzeitig interessant. Sarah MacLean legt es nicht darauf an, dass ihre Charaktere unbedingt sympathisch wirken. Sie handeln oft ambivalent, emotional, egoistisch oder unüberlegt – geprägt von einem Leben, das lange von anderen kontrolliert wurde. Nun stehen sie an einem Punkt, an dem sie entscheiden müssen, wie ihre Zukunft aussehen soll. Diese Vielschichtigkeit macht die Familienkonstellation und die gesamte Dynamik des Buches besonders spannend.
Ein kleiner Kritikpunkt bleibt für mich allerdings, dass nicht alle offenen Fragen am Ende wirklich zufriedenstellend beantwortet werden. Vor allem die Verbindung zwischen Jack und Franklin bleibt für meinen Geschmack zu vage. Warum Jack selbst nach Franklins Tod noch bedingungslos dessen Plänen folgt, wird zwar immer wieder angedeutet, aber nie richtig erklärt – obwohl dieser Aspekt für die Handlung eigentlich sehr wichtig ist.
Trotz kleiner Schwächen ist „Summer Storms“ für mich ein starkes und sehr unterhaltsames Buch. Wer eine leichte Sommerromanze erwartet, könnte überrascht werden – als spannendes Familiendrama mit romantischen Elementen funktioniert die Geschichte für mich aber definitiv sehr gut.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Ein typischer Magnusson

Die Reise ans Ende der Geschichte
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„Die Reise ans Ende der Geschichte“ ist ein etwas anderer Spionageroman. Angesiedelt in den 1990er-Jahren, in der Zeit nach dem Kalten Krieg, begegnen wir einem Doppelagenten mit ganz eigenen Plänen: Dieter ...

„Die Reise ans Ende der Geschichte“ ist ein etwas anderer Spionageroman. Angesiedelt in den 1990er-Jahren, in der Zeit nach dem Kalten Krieg, begegnen wir einem Doppelagenten mit ganz eigenen Plänen: Dieter Germeshausen hat jahrzehntelang erfolgreich für beide Seiten spioniert und nebenbei unzähligen Menschen zu neuen Identitäten – und damit zu einem neuen Leben – verholfen. Anerkennung? Fehlanzeige. Befördert und gefeiert wurden stets andere. Kein Wunder, denn Germeshausen ist alles andere als gesellig oder gut im Umgang mit Menschen.
Doch genau diese Eigenschaften benötigt er für seine letzte Mission – ein Coup, mit dem er als Sieger aus der Welt der Spionage abtreten will. Sein Plan: der wortgewandte, charismatischen Dichter Jakob Dreiser. Germeshausen gewinnt ihn für seine Mission, und gemeinsam begeben sie sich auf eine ebenso absurde wie turbulente Reise von Rom bis nach Kasachstan. Mit im Gepäck: zu viele Geheimnisse, eigene Pläne, zahlreiche Wendungen, ein wachsendes Chaos und weitere Figuren, die ihre ganz eigenen Interessen verfolgen. Kein Wunder also, dass das Vorhaben mehr als einmal ins Wanken gerät.
Kristof Magnusson überzeugt erneut mit seinem unverwechselbar amüsanten Erzählstil. Die eigenwilligen Charaktere sind pointiert gezeichnet – jeder für sich verschroben, im Zusammenspiel herrlich absurd. Gerade die Dialoge und Situationen leben von dieser besonderen Dynamik. Kurz gesagt: das Gespür für Details und die Liebe zu den Figuren spürt man auf jeder Seite.
Besonders gelungen finde ich auch, wie die Umbruchzeit nach dem Kalten Krieg in den Figuren gespiegelt wird: Das Gefühl, etwas verloren zu haben. Die Unsicherheit, was als nächstes kommt. Gewinner oder Verlierer? Und die Suche nach einem neuen Sinn im Leben, selbst wenn der eigene Optimismus dabei mitunter groteske Züge annimmt.
Der Roman braucht zwar ein wenig, um in Fahrt zu kommen, entwickelt sich dann aber zu einem echten Magnusson, ganz nach meinem Geschmack. Insgesamt hat er mir sehr gut gefallen – auch wenn ich gestehen muss: Mit dem Ende hadere ich immer noch.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ich habe es leider nicht gefühlt

Villa Rivolta
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Ich bin ganz ehrlich: Dieses Buch war gar nicht meins. Die Geschichte und die Charaktere haben mich leider nicht berühren können. Das liegt nicht daran, dass auf den fast 600 Seiten nichts passiert. Allerdings ...

Ich bin ganz ehrlich: Dieses Buch war gar nicht meins. Die Geschichte und die Charaktere haben mich leider nicht berühren können. Das liegt nicht daran, dass auf den fast 600 Seiten nichts passiert. Allerdings hatte ich beim Lesen ständig das Gefühl, dass über der Geschichte eine Art Dunstglocke liegt, die alle Höhen und Tiefen der Story abstumpft und die Emotionen der Protagonisten irgendwie banal erscheinen lässt. Entscheidende Szenen unterschieden sich vom Feeling kaum von unbedeutenden Szenen. Es gab keinen Spannungsaufbau, kein Abtauchen in die Geschichte, keine Lieblingsfiguren. Sondern viel gefühlte Eintönigkeit, trotz einer eigentlich ereignisreichen Erzählung. Es ist schwer, das irgendwie in Worte zu fassen, aber vielleicht kann man ansatzweise verstehen, was ich meine.
Schwer getan habe ich mich auch mit den Hauptprotagonisten und deren Beziehungen zueinander und Gefühle füreinander. Die waren für mich nahezu nicht nachvollziehbar und erkennbar. Ein Beispiel ist die im Buch viel zitierte Seelenverwandtschaft zwischen Piero und Valeria – die meiner Meinung nach keine Seelenverwandtschaft ist. Dazu ist die ganze Beziehung viel zu einseitig. Ebenso seltsam ist die Beziehung zu Flavio. Oder aber, dass Valeria immer wieder erzählt, wie erbärmlich ihr Leben ist, ich das beim Lesen aber leider gar nicht so sah. Da scheint irgendwie eine Diskrepanz zwischen der Erzählung der Geschehnisse und der Gefühlswelt der Protagonisten zu sein. Folge: Ich wurde gar nicht warm mit den Charakteren.
Und zu guter Letzt gab es dann auch noch nach fast 600 Seiten ein für mich nicht befriedigendes Ende. Sehr vieles blieb offen, der Aufhänger der Geschichte wurde kurzerhand als kleine Randgeschichte abgefrühstückt und plötzlich gab es Gefühlsregungen, die nicht vorhersehbar waren.
Und dennoch würde ich niemals behaupten, dass das Buch schlecht ist. Ich bin mir aber sicher, dass viele das Buch auch lieben werden und ich sehe darin auch die harte Arbeit des Autors. Dennoch hat es meine persönlichen Erwartungen nicht erfüllen können.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Leise und kraftvoll

Scheue Wesen
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England, 1964: Helen arbeitet als Kunsttherapeutin in einer psychiatrischen Klinik. Neben ihrem Beruf bestimmt vor allem eine weitere Tatsache ihren Alltag: die langjährige Affäre mit ihrem Kollegen Gil. ...

England, 1964: Helen arbeitet als Kunsttherapeutin in einer psychiatrischen Klinik. Neben ihrem Beruf bestimmt vor allem eine weitere Tatsache ihren Alltag: die langjährige Affäre mit ihrem Kollegen Gil. Er gehört zur Klinikleitung, ist verheiratet und Vater – und doch klammert sich Helen an die Hoffnung, dass er seine Familie verlässt, sobald die Kinder alt genug sind. Immer wieder ordnet sie ihr Leben seinem Zeitplan unter, für ein paar gestohlene Stunden, und verliert sich dabei zunehmend selbst.
Als ein neuer Patient in die Klinik eingeliefert wird, ist Helen von dessen Schicksal vom ersten Moment an tief berührt. William spricht nicht, ist verwahrlost und hat seit mindestens zehn Jahren das Haus nicht mehr verlassen, in dem er mit seinen Tanten lebte. Helen erkennt sein künstlerisches Talent und versucht mit viel Geduld, Zugang zu dem stummen Mann zu finden. Für beide öffnen sich dabei unerwartete neue Türen.
Kapitel für Kapitel erfährt man als Leser auf sehr behutsame Weise, was William in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat und warum er so isoliert lebte – durch erzählerische Rückblicke ebenso wie durch Helens eigene Nachforschungen. Diese Kombination hat mir besonders gut gefallen, da sie der Geschichte und ihren Figuren spürbare Tiefe und Authentizität verleiht.
Faszinierend ist zudem, dass der Roman trotz seiner großen Ruhe einen stetig ansteigenden Spannungsbogen entwickelt. Der zurückhaltende, feinfühlige Schreibstil passt hervorragend zur Geschichte. Auch wenn das Buch für meinen Geschmack vor allem im ersten Teil stellenweise etwas langatmig ist und es eine Weile dauert, bis es einen wirklich abholt. Wie bei scheuen Wesen selbst, braucht es auch hier vor allem eines: Geduld. Doch es lohnt sich.



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Veröffentlicht am 04.01.2026

Zeit für Veränderung

Bernadette Swifts Gespür für Bücher
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Im New York der 1960er-Jahren arbeitet die überaus talentierte und engagierte Bernadette Swift als Juniorlektorin in einem Buchverlag. Ihr Traum ist es, die erste weibliche Verlagsleitung zu werden. Hohe ...

Im New York der 1960er-Jahren arbeitet die überaus talentierte und engagierte Bernadette Swift als Juniorlektorin in einem Buchverlag. Ihr Traum ist es, die erste weibliche Verlagsleitung zu werden. Hohe Ambitionen zur damaligen Zeit, vor allem weil ihr die männlichen Kollegen immer wieder das Leben schwer machen. In einer Frau, die mehr sein möchte als Hausfrau, Ehefrau und Mutter und die noch dazu Talent mitbringt, sehen sie eine Bedrohung. Ihrer Meinung nach sind Frauen nicht fähig, verantwortungsvolle Positionen zu besetzen. Und gleichzeitig nutzen sie sie in jeder sich bietenden Gelegenheit aus. Bis Bernadette irgendwann der Kragen platzt und sie sich zur Wehr setzt.
Unterstützt wird sie von den Frauen ihres geheimen Frauen-Buchclubs. Gemeinsam organisieren sie einen Frauen-Streik, der eine Welle ungeahnten Ausmaßes nach sich zieht. Plötzlich gehen überall Frauen für ihr Recht auf Gleichberechtigung auf die Straße. Neben viel Unterstützung ruft das leider auch die Gegner auf den Plan – doch die Frauen lassen sich nicht unterkriegen.
Mir hat das Buch richtig gut gefallen. Es zeigt einerseits, wie viel sich seit dieser Zeit verändert hat, erinnert einen aber auch daran, dass Gleichberechtigung ein hohes Gut ist, das wir schützen müssen und das noch immer in vielen Bereichen nicht selbstverständlich ist.
Besonders mochte ich die Mischung aus Leichtigkeit und ernsten Themen, die das Buch sehr ansprechend gemacht haben sowie die starken und liebevoll ausgearbeiteten Charaktere.
Was es für mich nicht gebraucht hätte, sind die vereinzelten kurzen Kapitel aus der Sicht des Hundes. Das war für meinen Geschmack zu verspielt und niedlich.
Von mir bekommt das Buch 4 von 5 Sternen.

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