Cover-Bild Die Zeit der Fliegen
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24,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Unionsverlag
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 352
  • Ersterscheinung: 20.02.2025
  • ISBN: 9783293006157
Claudia Piñeiro

Die Zeit der Fliegen

Roman
Silke Kleemann (Übersetzer)

Inés ist frisch aus dem Gefängnis raus und bereit für ein neues Leben, fünfzehn Jahre, nachdem sie die Geliebte ihres Mannes umgebracht hat. Gemeinsam mit ihrer Knastkumpanin Manca gründet sie ein Unternehmen: FFF, Frauen, Fliegen, Finale – ökologische Schädlingsbekämpfung und Privatdetektei, von Frauen für Frauen.

Doch Señora Bonar, eine ihrer Kundinnen, will mehr loswerden als nur Ungeziefer – könnte Inés nicht ihre Expertise einbringen, um auch die Geliebte ihres Mannes aus dem Weg zu räumen? Inés will sauber bleiben, aber als Manca eine teure Behandlung benötigt, gerät ihre moralische Standhaftigkeit ins Wanken.

In einer bitterbösen Komödie erzählt Claudia Piñeiro von zwei Freundinnen auf der Suche nach Freiheit, in einer Gesellschaft, die Freiheit für Frauen nicht vorsieht.

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Lesejury-Facts

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.03.2025

Dieses Buch weiß nicht, was es sein will

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"Zeit der Fliegen", das neue Buch von Claudia Pineiro, knüpft lose an ihr vor etwa zwei Jahrzehnten erschienenes Werk "Ganz die Deine" an, in dem Inés die Geliebte ihres Mannes ermordet und dafür für 15 ...

"Zeit der Fliegen", das neue Buch von Claudia Pineiro, knüpft lose an ihr vor etwa zwei Jahrzehnten erschienenes Werk "Ganz die Deine" an, in dem Inés die Geliebte ihres Mannes ermordet und dafür für 15 Jahre ins Gefängnis kommt. Nun ist Inés wieder aus dem Gefängnis draußen und hat gemeinsam mit ihrer Freundin Manca, die sie dort kennen gelernt hat, das Unternehmen FFF - Frauen, Fliegen, Finale - gegründet. Tatsächlich handelt es sich dabei eher um zwei lose verbundene Einzelunternehmen, die wenig miteinander zu tun haben, da es sich um komplett verschiedene Geschäftsbereiche handelt: Manca betreibt eine Detektei, während sich Inés mit Ungeziefervernichtung beschäftigt.

Dann bekommt Inés ein verlockendes, aber unmoralisches Angebot von einer Kundin. Diese bittet sie, ihr ein hochwirksames Gift zu besorgen, denn auch sie möchte jemanden ermorden. Es sieht so aus, als würde es sich um eine ähnliche Geschichte handeln wie die mit Inés' untreuem Ehemann und seiner Geliebten. Für sowas hat Inés Verständnis und könnte das Geld gut brauchen...

Soweit zum Inhalt, ohne an dieser Stelle spoilern oder mehr verraten zu wollen. Liest sich ja ganz spannend und hätte ein sehr interessanter Thriller werden können. "Ganz die Deine" mochte ich sehr, das war ein unterhaltsames Buch mit tiefschwarzem Humor und kurzen Kapiteln auf knapp 200 Seiten. Hohen literarischen Anspruch musste man daran nicht legen, aber das passte zum Genre.

Aber "Die Zeit der Fliegen", was soll denn das nun für ein Buch sein? Von Aufmachung und Umfang (mehr als 300 Seiten) kommt es als ein Buch mit mehr Anspruch daher. Aber die Figuren sind ziemlich flach gezeichnet und haben kaum nachvollziehbare Entwicklung. Inés ist in weiten Teilen äußerst unsympathisch, sie lehnt sowohl ihre Mutter als auch ihre Tochter ab, obwohl insbesondere letztere ihr nichts getan hat, außer sie aus nachvollziehbaren Gründen nur einmal im Gefängnis zu besuchen. Immer und immer wieder muss man die Bezeichnung "die Frau, die ich auf die Welt gepresst habe" lesen, wenn es um ihre Tochter geht. Diesen Ausdruck und ihre immerwährende Wiederholung empfand ich als abstoßend und in seiner Häufigkeit unnötig. Auch den Mord an der Geliebten ihres Mannes bereut sie keineswegs und ist überhaupt kaum selbstreflektiert.

Dazwischen finden sich im Buch sehr theoretisch klingende Exkurse über Feminismus & Queerness. Aus welcher Perspektive diese erzählt sind, blieb für mich beim Lesen unklar - Inés traue ich dieses Niveau an Bildung und Reflexionsvermögen nicht zu. Somit stehen diese Teile weitgehend unverbunden im Buch, und das gilt umso mehr für die Passagen eines Chores zu Medea, dessen Bedeutung sich höchstens ganz am Ende teilweise als Metapher zeigt, aber insgesamt nicht sehr passend ins Buch eingebettet ist.

Ich weiß nicht, ob die Feminismus-Exkurse interessant sein könnten für Menschen, die davon noch nichts gehört haben (vermute aber, für diese sind sie wiederum nicht anschlussfähig genug): für mich war nichts Neues dabei, ich habe diese Exkurse überwiegend als uninteressant und langatmig empfunden und sie haben immer wieder ansonsten spannende Stellen unterbrochen. Wobei es sicher bis zur Hälfte des Buches gebraucht hat, bis überhaupt irgendeine Spannung aufgekommen ist.

Wäre das nicht schon genug der Genrevermischung zwischen banaler Latino-Telenovela-Tragödie und dem Versuch, das Lesepublikum feministisch zu bilden, gibt es auch noch die Exkurse über die Fliegen. Seitenweise erfahren wir über deren Lebeweise und Verhalten. Bezug zum Buch - abseits des Titels - besteht nur sehr am Rande, wir lernen etwa, dass Inés sich ihr Wissen über Fliegen durch Lektüre im Gefängnis angeeignet hat, und sie vergleicht die vielen ihr verhassten Frauen in ihrem Leben mit diversen Fliegenarten, auch für ihre ungeliebte Tochter hat sie einen bösen Vergleich. Am Ende gibt es einen eher banalen Vergleich zur angeblichen Zeitwahrnehmung der Fliegen. Ansonsten sind diese Exkurse aber für alle, die keine große Leidenschaft für Fliegen haben, eher langweilig und unterbrechen oft ansonsten spannende Stellen.

Würde man also die feministischen und die Fliegenexkurse streichen und auch sonst das Buch von der Handlung her deutlich straffen, hätte es ein interessanter Thriller werden können, ein bisschen ähnlich wie "Ganz die Deine". Für ein literarisch hochwertiges Buch bräuchte es deutlich mehr Figuren- und Charakterentwicklung und einen glaubwürdigeren Plot - speziell am Ende wird alles hollywoodreif in letzter Minute actionmäßig aufgelöst.

3 Sterne für das Bemühen, verschiedene Genres miteinander zu verbinden und dabei eine spannende Geschichte zu erzählen, auch wenn das nur streckenweise gelungen ist. Und als Anerkennung dafür, dass die erwähnten feministischen Diskurse in Lateinamerika möglicherweise neuer sind als hierzulande, und dementsprechend mit der Kenntnis dieses kulturellen Hintergrundes lehrreicher und etwas anders zu bewerten sein könnten. Empfehlen kann ich das Buch insgesamt leider nicht.

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Veröffentlicht am 06.03.2025

We are what we are

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„Die Zeit der Fliegen“ von Claudia Piñeiro, erschienen 2025 im Unionsverlag, ist ein Buch, das mich zwiespältig zurückgelassen hat. Der Roman schließt lose an „Ganz die Deine“ an, das 2009 ebenfalls im ...

„Die Zeit der Fliegen“ von Claudia Piñeiro, erschienen 2025 im Unionsverlag, ist ein Buch, das mich zwiespältig zurückgelassen hat. Der Roman schließt lose an „Ganz die Deine“ an, das 2009 ebenfalls im Unionsverlag erschien, ist aber auch ohne Kenntnis dieses Vorgängers gut zu lesen, allerdings finde ich, es hilft beim Verständnis in der Tiefe, auch diesen Roman gelesen zu haben.

Inés Experey, ehemals Pereyra, kommt aus dem Knast, pardon, sie bevorzugt das Wort Gefängnis, nachdem sie eine lange Haftstrafe für den Mord an der Geliebten ihres Gatten verbüßt hat. Wirklich reuig ist sie nicht, auch wenn sie sich über dies und das Gedanken macht, während sie versucht, im Leben Draußen wieder anzukommen, das sich sehr weiterentwickelt hat und Inés vor Aufgaben stellt, zu denen sie noch keine Haltung gefunden hat. Was ist das mit dieser Gender Fluidity und Political Correctness und dem intersektionalen Feminismus, irgendwie vielleicht gut aber irgendwie auch ganz schön anstrengend? In der Haft hat Inés die Manca kennengelernt und mit ihr gemeinsam gründet sie nun die Firma FFF – in der vollkommen unterschiedliche Tätigkeitsbereiche zusammengeführt werden, einfach weil frau es kann – und weil es so doch auch viel mehr Spaß macht, als alleine vor sich hin zu wurschteln. Während die Manca ihren Lebensunterhalt mit Detektivarbeit verdient, ist Inés in der Ungeziefervertilgung aktiv, denn in ihrer Zeit im Gefängnis hat sie sich viel Wissen über Insekten, insbesondere hierbei über Fliegen, angeeignet (die Buchauswahl war nun einmal nicht so groß). Alles läuft genau so langweilig wie gut, bis Inés eines Tages ein unmoralisches Angebot erhält, das sie ins Wanken bringt.

Das Buch verfolgt formal neben der Handlungsebene noch zwei weitere, zum einen gibt es immer wieder Kapitel, die sich sehr ausführlich mit den Fliegen beschäftigen, zum anderen gibt es einen antiken Chor, angelehnt an Medea von Euripides, der die Themen aus genau diesem Werk hier in der Neuzeit verhandelt, insbesondere hier die Frage nach Mutterschaft als Wohl oder Wehe. Das hat hohe Relevanz, denn Inés hat mit dem Gang ins Gefängnis seinerzeit auch den Kontakt zu ihrer Tochter Laura verloren, die, inzwischen erwachsen, selbst ein Familienleben wie aus dem Poesiealbum führt.

Der Erzählton sehr ähnlich wie schon bei „Ganz die Deine“ souverän, etwas gehetzt, lässig, grundsätzlich humorvoll, manchmal auch plakativ, aber Piñeiro weiß, was sie tut, das lässt sich gut lesen. Und am Ende wartet das Buch mit einem Clou auf, den wahrscheinlich die wenigsten haben kommen sehen.

Das Grundproblem des Romans ist ein sehr langsamer Fortgang der Handlung bei gleichzeitiger Überfrachtung mit philosophisch-gesellschaftlicher Thematik bei extrem viel Bildungsreferenz, insofern ist das Buch auch sehr elitär und somit exklusiv. Das Thema des Mutterseins oder doch nur Gebärens oder vielleicht auch nichts davon finde ich ein sehr Wichtiges, insgesamt wird es mir dennoch zu ausgewalzt besprochen, es ist eine sehr bekannte Debatte für mich, vielleicht für andere nicht, ich habe irgendwann leider angefangen querzulesen, da waren keine neuen Gedanken drin für mich 2025, vielleicht sieht das in Lateinamerika anders aus, das ist gut möglich. Insgesamt gibt eine Tendenz zum Übererzählen, vor allem auch in den Chorpassagen. Die Autorin überfrachtet das Buch mit Themen, wodurch die Handlung immer wieder massiv ins Stocken gerät.

Am Ende geht dann alles vielleicht auch deshalb sehr holterdipolter und wichtige Inhalte werden auf einmal sehr kurz abgehandelt, was ich aus einer hier relevanten Betroffenheitsperspektive nicht akzeptabel finde. Grundsätzlich ist der vom Anfang zum Ende geschlagene Bogen gut konstruiert und auch überraschend, ABER was hilft es, wenn man dadurch unter Umständen viele Leser:innen verliert, weil diese nicht bis zum Ende durchhalten? Ein bisschen entstand bei mir der Eindruck, dass Piñeiro eigentlich einen Essay schreiben wollte und dann einen Roman drum herum konstruiert hat. Hätte ich die Metaebene mit dem Medeachor überhaupt gebraucht? Ich bin nicht sicher. Ebenso das sehr ausgewalzte Fliegenthema nur um am Ende dabei zu landen, dass das Leben ein anderes wäre, wenn man seine Entscheidungen mit mehr Zeit angehen würde, mehr Zeit hätte abzuwägen. Ja gut, eine Binsenweisheit. Wir sind nunmal keine Fliegen. So what? Was sollen wir mitnehmen aus dem Buch? Dass es furchtbar ist, wenn wir die Menschen nicht als das nehmen und sein lassen, was sie sind und ihnen nicht zuhören, ihnen keinen Raum geben, sich zu verändern? (Das trifft auch auf die Hauptfigur Inés zu) Das ist ja klar. Am Ende wird auf einmal sehr viel sehr schnell reingedacht in das Buch bis hin zu einer Inés, die vielleicht doch noch ihre Bisexualität entdeckt. Oder Pan. I don’t know... Mich überzeugt der Roman nicht. Alles klug gedacht, aber es hat mich nicht mitgenommen und am Ende ist nichts wirklich neu gedacht. Vielleicht bin ich zu sehr eh in der Bubble, die die Themen des Romans täglich wälzt. Vielleicht ist dieses Werk in Lateinamerika revolutionär. Aber gerade dann hätte es am Ende mehr Raum für ein Fertigerzählen und für noch ein paar Gedanken mehr vertragen.

„Die Zeit der Fliegen“ wird gerade für Netflix verfilmt. Ich bin sehr gespannt und vermute, dass hier der Essayistische Anteil deutlich eingedampft wird. Ich lasse mich überraschen, als Crime-Plot mit schrägen Charakteren ist der Roman sehr geeignet. Vielleicht wird es auch ein Genre-Mix. Ein schöner Erfolg für Piñeiro, den ich ihr als Autorin sehr gönne, denn wie gesagt: Schreiben kann sie. Mich hat nur die Gesamtkonstruktion leider in ihrer Ausgewogenheit nicht überzeugen können.

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