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Veröffentlicht am 17.05.2026

Starker Auftakt einer neuen nordischen Crime-Serie

Vega Varg – Das Schweigen der Insel
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Mit „Vega Varg – Das Schweigen der Insel“, erschienen 2026 bei Heyne, startet die bekannte Romanautorin Åsa Hellberg eine neue Krimireihe – und konnte mich direkt als Fan gewinnen.

Der Roman spielt auf ...

Mit „Vega Varg – Das Schweigen der Insel“, erschienen 2026 bei Heyne, startet die bekannte Romanautorin Åsa Hellberg eine neue Krimireihe – und konnte mich direkt als Fan gewinnen.

Der Roman spielt auf den Kosterinseln, im Grenzgebiet zwischen Schweden und Norwegen. Vega Varg ist eine ungewöhnliche Ermittlerin, sie ist Polizeichefin und schon 62 Jahre alt, gleichermaßen beharrlich wie auch manchmal einfach müde von langen Dienstjahren. Der Polizeidienst liegt in der Familie, ihr Vater war Polizist und ihre zwei Söhne haben auch eine Laufbahn bei der Polizei eingeschlagen. Aus der Reihe fällt das Sorgenkind in der Familie, ihre Tochter Moa, die sie in einem One-Night-Stand zeugte und die im Roman lange mit Abwesenheit glänzt – was Vega keine Ruhe lässt.
Die Familienverhältnisse sind kompliziert – und der Fall auch, obwohl es zunächst anders aussieht. Eine Gruppe von Immobilienmaklern, die auf den Kosterinseln ein Team-Incentive absolviert, stößt auf eine Leiche. Es ist der Barmann aus dem Hotel in dem die vier, Bente, Meja, Svein und Måns, untergekommen sind. Der scheinbar lokale Fall nimmt schnell eine Wendung, die einen viel größeren Kontext offenbart – und Vega und ihre Vergangenheit auch ganz persönlich betrifft. Als eine norwegische Zeugin plötzlich verschwindet, muss über die Grenzen zusammengearbeitet werden, was Leopold Posse aus Oslo auf den Plan ruft, bester Freund von Vega und Patenonkel ihrer Tochter. Leopold gibt Vega in den Ermittlungen zunächst Sicherheit – doch immer mehr muss sie auch seine Rolle in ihrem Leben in Frage stellen. Die Ermittlungen treiben Vega in eine Konfrontation mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihrer Familie und dem Tod ihres Ehemanns vor vielen Jahren. Am Ende wird nichts mehr sein wie zuvor gedacht.

Die Autorin schafft es hervorragend, einen durchgehenden Spannungsbogen zu erzeugen und findet ein wirklich gutes Maß aus Ereignissen in der Gegenwart und Rückblicken in die Vergangenheit. Vega als Figur ist plastisch und realistisch, man kommt ihr nahe und ihre leise Sperrigkeit macht sie sehr sympathisch. Eine starke Frauenfigur, die sich durchbeißt. Die Immobilienmakler sind zugegeben sehr klischeehaft gezeichnet, für den Roman ergibt das so Sinn, ich hätte ihnen dennoch ein bisschen mehr „echten Menschen“ gewünscht. Das Buch hat ein gutes Tempo, und Hellberg findet überraschende Wendungen, die die Spannung bis zum Ende halten. Dabei tut die Szenerie ein Übriges, dieser Kriminalroman ist ein stimmiges Ganzes.

Hier liegt somit ein sehr lesenswerter erster Band vor, der schon Vorfreude auf einen zweiten schafft. Ein sehr guter Einstieg in eine neue nordische Crime-Serie, die ein bisschen nach Verfilmung schreit.

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Veröffentlicht am 10.05.2026

Auf der Suche nach dem Warum

Fabula
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„Fabula“, der neue Roman von Fernando Aramburu, erschienen 2026 bei Rowohlt, vom Verlag beworben als „Eine große menschliche Komödie, ein bestechend aktuelles Thema“, konnte mich leider nicht erreichen. ...

„Fabula“, der neue Roman von Fernando Aramburu, erschienen 2026 bei Rowohlt, vom Verlag beworben als „Eine große menschliche Komödie, ein bestechend aktuelles Thema“, konnte mich leider nicht erreichen. Neugierig gemacht durch das Thema der sich auflösenden ETA und des baskischen Kampfes um Souveränität, habe ich davon eigentlich nicht viel erzählt bekommen, viel jedoch über zwei relativ unsoziale Männer auf ihrem Egotrip, die mich wirklich abgestoßen haben.

Vorweg: Das Buch hat ein wirklich schönes Cover, das mich sehr angezogen hat und ein Lesebändchen, das ist ja immer was Feines. Aufgeteilt in sieben Kapitelstationen, was ich beim Lesen als Struktur sehr mag, und mit einem Glossar für die baskischen Begriffe versehen, was natürlich total hilft, bin ich angetan von der Serviceorientierung ;) Nein, im Ernst, so etwas hebt das Leseerlebnis bei mir total. Auf der Oberfläche also alles richtig gemacht, leider enttäuscht das Innenleben.

Wir begleiten lesend die zwei Protagonisten Asier und Joseba, die nach Frankreich gesendet wurden, um dort ihre Grundausbildung für die ETA zu erhalten – die dann leider nie stattfindet, weil die ETA sich zeitgleich auflöst und ihr Ende verkündet. Geparkt auf einer Hühnerfarm in Albi, langweilen beide sich zu Tode und versteigen sich deshalb in immer absurdere Trainingsmaßnahmen und Gedankenschleifen. Und auch ihr Aufbruch nach Toulouse und die Bekanntschaft mit einer jungen Frau, die deutlich mehr Pfeffer im Hintern hat als beide Kerle zusammen, führt keine Veränderung herbei, hilflos torkeln die beiden durch Ideologie und Handlungsarmut.

Dem knapp 300 Seiten zu folgen, fand ich mühselig, und ich konnte für mich auch nicht herausfinden, was der Autor mir sagen möchte, was ist seine Haltung zur ETA? Asier ist der Aktive von beiden Protagonisten, Joseba eher ein Mitläufer, der seiner schwangeren Freundin daheim nachtrauert und wahrscheinlich eher eine Impulshandlung begangen hat, der er jetzt nicht mehr entkommt. Asier formuliert viel – auch sehr kritisch zu betrachtende – Ideologie und hat ein wirklich problematisches Frauenbild, Joseba erlebe ich lesend als sanfter und hilflos, er ist ganz sicher nicht für den Kampf gemacht. Was motiviert beide in ihrem Inneren, was genau ist für sie der Wert von Euskal Herria, dem Baskenland, was würde die Unabhängigkeit für sie bedeuten? Darüber erfahren wir wenig, wie auch die Struktur der ETA und deren Kampf, deren Aufgeben eigentlich nicht beleuchtet werden. Stattdessen drehen wir mit den Protagonisten leer und folgen ihrem immer klareren Abstieg in die Asozialität. Vielleicht wollte der Autor etwas über toxische Maskulinität oder sinnentleerte Heldenbilder erzählen – ich konnte das allerdings aus diesem Buch nicht herauslesen.

Auch die Frauenfiguren, denen wir später begegnen, haben bei mir leider keine Verbindung erzeugen können. Ich brauche keine sympathischen Figuren, aber irgendeine Form von Zugänglichkeit schon. Die Handlung dreht so leer wie die beiden Figuren, das ist konsequent in der Erzählform, wie auch die Sprache so sperrig ist, wie die Figuren, und deren Schlichtheit gut abbildet, aber auf Dauer habe ich dann auch leergedreht und das Buch leider immer mehr mit Unlust angefasst. Es ist nicht schlecht geschrieben, es hat System, aber ich habe hinterher nur ein Achselzucken empfunden. Hat sich nicht angefühlt wie eine Handlung, die deutlich nach 2000 stattgefunden haben kann, was die Antiquiertheit der Menschenbilder angeht (damit will ich nicht sagen, dass es nicht Menschen gibt, die so sind). Gut gefallen haben mir die immer wieder eingestreuten baskischen Begriffe, die eine eigene Realität erzeugen. Das bestechend aktuelle Thema suche ich noch – etwa doch hilflose Männlichkeit, die keinen Platz mehr für Heldentaten hat? So wie die beiden sich anstellen, ist die Welt gut beraten, wenn sie keine Helden werden... Auch die Komödie habe ich nicht entdecken können, das Buch hat mir zu keinem Zeitpunkt ein Schmunzeln entlockt. Wenn überhaupt liegt hier eine Farce vor – vielleicht muss man ein alter Cis-Mann sein, um dem Humor folgen zu können. Für mich also leider ein Flop, der mich nicht neugierig auf das weitere Werk des Autors hat werden lassen.

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Veröffentlicht am 30.04.2026

Der dunkelste Ort der Welt

Nebelbeute
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„Nebelbeute“, der dritte Band der Thriller-Reihe um die Gruppe 4 aus der Feder von Benjamin Cors, erschienen 2026 bei dtv, ist der bisher beste Band der Reihe, ein Pageturner Deluxe, im positivsten Sinne ...

„Nebelbeute“, der dritte Band der Thriller-Reihe um die Gruppe 4 aus der Feder von Benjamin Cors, erschienen 2026 bei dtv, ist der bisher beste Band der Reihe, ein Pageturner Deluxe, im positivsten Sinne ein Thriller wie aus dem Lehrbuch, enorm stark und packend.

Der Roman spielt diesmal in einem abgelegenen Bergdorf, wo die Ermittlerin Mila Weiss sich erneut auf die Spuren ihres Erzfeindes Johannes Toblach begibt – und diesmal ist die Jägerin gekommen, um ihre Beute zur Strecke zu bringen. Doch schnell geschieht in der Einöde ein erster Mord und der Fall nimmt Dimensionen an, die nicht vorstellbar waren, weshalb sich in Windeseile die schon bekannte gesamte Gruppe 4, Sondereinheit für Serienstraftaten, angeführt von Jakob Krogh, der sich schon in den letzten Bänden immer mehr an Mila angenähert hat, ebenfalls im Bergdorf einfindet, wo Mila inzwischen in Schwierigkeiten geraten ist. Doch kommen sie noch rechtzeitig? Und kann Mila Toblach endlich das Handwerk legen?

Formal schreibt Cors diesmal anders als sonst zunächst aus der Perspektive von Mila, dann aus der von Jakob, ein spannender Twist für den Triller. Und apropos Spannung: Cors produziert hier sein Meisterstück. Atemlos folgt man lesend der Handlung, Cors serviert viele mögliche Täter und immer wieder bringt noch ein Plottwist neue Dynamik in die Handlung. Das Setting in den Bergen inmitten von Schnee und Eis, die eigenbrötlerischen Dorfbewohner: innen, die immer engere Beziehung zwischen den Ermittlern, die Rasanz und der Zeitdruck, der unter allem liegt: Einfach richtig gut gebaut. Und das Ende bis kurz vor dem Schluss nicht vorhersehbar. Dabei schadet es zwar nicht, die vorherigen Bände gelesen zu haben, Cors webt wichtige Informationen aber so geschickt in die Handlung ein, dass das Buch sehr gut auch als Standalone gelesen werden kann – und Menschen, die die vorherigen Bände kennen dennoch nicht gelangweilt werden.

Mit diesem Thriller hat Cors sich selbst übertroffen. Und da zum Glück Jakobs Trauma noch nicht auserzählt ist: Dürfen wir hoffentlich auf weitere Bände mit der Gruppe 4 hoffen. Ein Knaller. Nicht verpassen.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Leider keine Geschichte, nur Geschichten

Mirabellentage
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„Mirabellentage“, der neue Roman von Martina Bogdahn, erschienen 2026 bei Kiepenheuer und Witsch, kann leider nicht mit dem Vorgänger „Mühlensommer“ mithalten und verliert sich in Anekdoten und überzogener, ...

„Mirabellentage“, der neue Roman von Martina Bogdahn, erschienen 2026 bei Kiepenheuer und Witsch, kann leider nicht mit dem Vorgänger „Mühlensommer“ mithalten und verliert sich in Anekdoten und überzogener, gewollter Komik. Das ist schade, denn die Autorin beweist auch hier wieder grundsätzlich, dass sie schreiben kann, verliert aber ihre eigentliche Geschichte immer mehr aus den Augen, je weiter der Roman fortschreitet. Stattdessen reiht sie Anekdote an Anekdote und hier gilt wahrlich nicht: Viel hilft viel.

Die Buchbeschreibung lockt mit einem Road-Movie: Die Protagonistin Anna war über viele Jahre die Haushälterin des Ortspfarrers Josef, der überraschend verstirbt und ihr einen letzten Wunsch hinterlässt, der Anna zwingen wird, sich auf eine Reise an die See zu machen, wenn sie ihn erfüllen möchte. Schnell zieht ein neuer Pfarrer ein und Anna wird, so die Beschreibung, ganz neu mit sich und ihren eigenen Wünschen konfrontiert, mit der Frage nach Sinnhaftigkeit ihres Lebens und ihrer Vergangenheit.

Zumindest der letzte Punkt wird mehr als weidlich erfüllt, das Buch spielt zu 80 Prozent in der Vergangenheit und reiht dort ein Geschichtchen ans nächste, manche haben eine wirkliche Funktion, viele eher nicht, die meisten bemühen viel hau-drauf-Komik und persiflieren durchweg die Ortsbevölkerung (kein normaler Mensch außer Anna zu finden dort scheinbar). Das macht am Anfang noch ein paar Anekdoten lang Spaß, wirkt aber zunehmend sehr bemüht und die grundsätzlichen Übertreibungen sind irgendwann nur noch anstrengend. Die Reise von Anna zu sich selbst dagegen findet kaum statt, und die Reise an die See – nun ja, lest selbst.

Martina Bogdahn schreibt leicht, atmosphärisch stark und sinnlich spürbar, emotional und mit sympathischen Charakteren. Ihrem aus „Mühlensommer“ bekannten und bewährten Prinzip des Wechselns zwischen Gegenwartserzählung und vielen Rückblenden in die Vergangenheit bleibt die Autorin treu, nur scheint sie hier doch deutlich in der Vergangenheit festzuhängen, so dass die Struktur eigentlich keinen Sinn ergibt und formal wirkt. Warum hat sie ihr Buch nicht einfach chronologisch erzählt, wenn ihr Fokus so sehr in der Vergangenheit liegt? Das hätte hier definitiv geholfen. Am Anfang noch ein cosy Buch, gut geschrieben, mit doch auch tiefen Momenten, gleitet Bogdahn immer mehr in die Knallcharge ab. Dabei war der Ausgangsplot so gut und Anna ist eine wirklich spannende Figur – für die sich die Autorin in der Gegenwart leider kaum zu interessieren scheint. Was sie innerlich ausmacht, wohin sie mit ihrem Leben will, wie sie ihr Leben bewertet – es bleibt ungesagt. Sehr schade.

Insgesamt hat mich das Buch leider nicht wirklich begeistern können, mir fehlte da Handlungszug und gute Dramaturgie. Für Menschen, die gerne einfach nur anekdotisch lesen, macht es bestimmt Freude. Mir fehlt hier leider Tiefe und die eigentliche Geschichte, die vielen Einzelgeschichten aus der Vergangenheit docken bei mir leider nicht an.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Starkes Zeitdokument

Das Tränenhaus. Roman
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„Das Tränenhaus“, ein Roman von Gabriele Reuter, aus ursprünglich 1908, neu aufgelegt 2026 bei Reclam in der Reclams Klassikerinnen Reihe, für die man Reclam immer wieder nur begeistert danken kann, ist ...

„Das Tränenhaus“, ein Roman von Gabriele Reuter, aus ursprünglich 1908, neu aufgelegt 2026 bei Reclam in der Reclams Klassikerinnen Reihe, für die man Reclam immer wieder nur begeistert danken kann, ist ein zeitgeschichtlich erstaunlich mutiger Roman mit autobiographischem Hintergrund, den frau allein für diesen Mut schon lesen sollte. Die Autorin hat das Schicksal ihrer Protagonistin ähnlich erlebt, weiß also genau, wovon sie spricht – und da zur Jahrhundertwende der gossip über sie ganz sicher in town gewesen sein dürfte, ist es umso erstaunlicher, wie ehrlich sie hier aus einem Frauenkünstlerinnenleben berichtet.

Das titelgebende „Tränenhaus“ ist ein Heim für schwangere ledige Frauen. Zur Jahrhundertwende war ein Kind ohne den passenden Ehemann eine große Schande, weshalb schwangere Frauen sich oft in den ländlichen Raum zurückzogen, um dort ohne Zeugen das Kind zur Welt zu bringen und dann bestenfalls in Pflege zu geben, während sie selbst wieder in ihr bisheriges Leben zurückkehrten – finanzielle Mittel vorausgesetzt. So zieht auch Cornelie, die Protagonistin, feministische Autorin wie Gabriele Reuter, finanziell eigenständig und auch sonst Freigeist, in das besagte Tränenhaus ein. Ihr Fall ist hierbei besonders, es scheint so, als ob der Vater des Kindes sie durchaus heiraten würde, doch Cornelie will den Mann nicht in das Zwangsgefängnis der Ehe drängen (und sich selbst vermutlich auch nicht, würde sie dadurch doch ihre Eigenständigkeit verlieren). So findet sie sich unter Frauen wieder, die weit von ihrem eigenen Bildungs- und Erfahrungsstand entfernt sind und muss sich in diesem Milieu neu zurechtfinden. Was ihr zunächst nicht leicht fällt, führt zunehmend zu einem starken Solidaritätsgefühl den anderen Frauen gegenüber und einer fragilen Gemeinschaft, in der die Frauen sich gegen die geldgierige Wirtin und Hebamme Frau Uffenbacher wehren und füreinander einstehen.

Der Roman beschreibt das Schicksal ganz unterschiedlicher Frauen und macht die Unterdrückung der Frau und ihre fehlenden Rechte mehr als deutlich. Dabei lässt die Sprache Reuters die Bildungsschichten und den sozialen Umraum sehr lebendig werden, ebenso wie viele Beschreibungen Ort und Gegend deutlich erzählen. Männer lässt sie dabei außen vor – sie tauchen im Roman kurz auf, werden beschrieben, haben jedoch keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung – ein bissiger Kommentar Reuters auf die männliche Vorherrschaft.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Autofiktion zur Zeit ihres Erscheinens für mächtig Furore gesorgt hat und es sehr mutig war, dieses Buch zu veröffentlichen, wie Gabriele Reuter sowieso ein äußerst mutiges Leben geführt hat. Für mich ist am bedrückendsten, dass die Strukturen nach wie vor da sind, die Auswirkungen zwar zumindest hier bei uns gemildert, aber im Grunde ist alles noch genau so und das macht das Buch sehr aktuell. Wie sehr Frauen nach wie vor „Schande“ und „Schlampe“ entgegengerufen wird, während Männer sich durchweg einfach nehmen dürfen und es fast immer nur um ihre Rechte und so gut wie nie um ihre Verantwortung geht, es ist doch erschütternd. Wenn frau die Strukturen des Patriarchats einmal in Gänze gesehen hat – können sie nicht mehr nicht gesehen werden. Ich denke, so geht es auch Cornelie in dem Buch, die sich entscheiden muss zwischen ihrer Freiheit und ihrer Kunst einhergehend mit dem Label gefallenes Mädchen oder der Sicherheit des Ehehafens. Dass sie diesen Weg nicht geht, obwohl er ihr scheinbar doch offensteht: Stark. Zumal die Autorin hier ja nicht naiv schreibt. Cornelie als Figur entblättert sich langsam, ihre Schwangerschaft, ihre Geschichte, aber auch ihr Ruhm, ihre Kompetenz als Fachautorin, das alles kommt Scheibchen für Scheibchen. Und Reuter erspart uns dankenswerterweise Romantik. Ein wirklich interessantes Zeitdokument des feministischen Schreibens, das nur teilweise dann doch etwas überbordend erzählt, weitestgehend aber realistisch mit klarem Stilgefühl die Jahrhundertwende greifbar macht. Hilfreich ist dazu auch noch das sehr informative Nachwort von Annette Seemann. Klare Leseempfehlung.

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