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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2026

Dieser Blockbuster floppt auf allen Ebenen

Doppelspiel
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„Doppelspiel“, ein Kriminalroman in Doppelautorenschaft von Arne Dahl und Jonas Moström, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, setzt hohe Erwartungen und scheitert fast komplett. Der erste Teil einer Trilogie ...

„Doppelspiel“, ein Kriminalroman in Doppelautorenschaft von Arne Dahl und Jonas Moström, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, setzt hohe Erwartungen und scheitert fast komplett. Der erste Teil einer Trilogie setzt auf hohes Tempo bei nicht vorhandener Plausibilität und reißbrettartigen Klischeefiguren – das mag bei einem Actionmovie funktionieren, bei einem Roman leider nicht.

Die Handlung ist schnell umrissen: Der berühmte Bestsellerautor Tom Borg leidet nach einer Erfolgsserie an einer kompletten Schreibblockade, das Exposé zu einer neuen Serie mit Blick auf die Klimakatastrophe ist geschrieben, doch über dieses kommt er nicht hinaus. Nach drei Jahren drängen Verlag und Konto, doch in Tom ist nur Leere zu finden. Auf einer Lesung trifft er auf die Literaturstudentin Nicole und landet am Ende des Abends in einer real-life-Recherche zu seinem hoffentlich neuen Bestseller mit ihr im Jacuzzi eines Stripclubs (wie die Hauptfigur in seinem Exposé und spätestens da, Tom, hättest du misstrauisch werden sollen), unvorteilhafterweise endet dieser Abend mit einer Kugel in einer Brust und Tom befindet sich inmitten eines Komplotts, der ihn fast in den Wahnsinn treiben wird.

Klingt spannend? Korrekt, der Ausgangspunkt des Plots birgt jede Menge Potenzial und theoretisch sind diese Autoren ein Garant für guten Schreibstil und Spannung. Doch ab hier fährt einfach alles an die Wand.

Grundsätzlich arbeitet der Roman gut mit Spannung und einem hohen Grundtempo sowie mit vielen Figuren, die allesamt Doppelspiel-Charakter haben. Doch der Roman ist viel zu offensichtlich konstruiert, wo wir hinlaufen und wer hier welches Spiel spielt, ist viel zu schnell entziffert, da hilft auch eine aufgepfropfte Schachebene nicht weiter, die sich übrigens bis zum Ende nicht wirklich auflösen wird. Eine Unglaubwürdigkeit der Handlung reiht sich an die nächste, die Figuren triefen vor Klischee, es gibt keine einzige gesunde Frauenfigur, die Autoren schreiben mit Vorwissen, das auf die Figuren und die Handlung bezogen keinerlei Sinn ergibt, die ermittelnden Figuren handeln durchweg so, dass sie längst vom Job abgezogen würden, werden sie aber natürlich nicht, es gibt Sexszenen, die vor alter weißer Mann Phantasie nur so triefen (und natürlich vor Klischee), die Schreibe schrammt an vielen Stellen hart am Groschenroman (Seite 306 oben ist ein perfektes Beispiel, ohne Spoilern zu wollen, das kann jede KI besser), die Auflösung der endlosen Hetzjagd ist dann endgültig nicht mehr nachvollziehbar, dieser ganze Aufwand? Für das? Ach ja, das Klima, das ist ja auch noch wichtig, am Ende des Romans fällt das den Autoren dann auch wieder ein, dass es ihrem Protagonisten doch darum ging. Also zum Ende dann noch schnell ein bisschen bildungselitär werden mit Platon und Descartes, nochmal schnell wieder aufs Klima grätschen, weil man das den Rest des Romans leider vergessen hat, eine Spur für den zweiten Band legen mit der Göttin „Phanes“, natürlich ohne das einzubetten oder zu erläutern, Vorboten einer Lovestory legen, weil Tom ja nicht alleine aus dem Schlamassel rausfinden wird, es ist, ganz ehrlich, zum Heulen. Ach ja, Tom überhaupt, eben noch ein kleiner Waschlappen-Schriftsteller, innerhalb von wenigen Stunden aber ein skrupelloser Macher mit allen notwendigen Fertigkeiten.

Was ist denn da passiert? Nicht zu reden von einer wirklich endlosen Liste an Dingen im Roman, die absolut unglaubwürdig sind, die ich hier nicht aufzählen kann, ohne zu spoilern, aber ihr werdet finden, liebe Menschen, ihr werdet finden. Vielleicht geht es dem Autorenduo so wie Tom: Wer ein Buch schreibt mit dem Gedanken, einen Bestseller schreiben zu wollen – der wird scheitern, denn das ist kein literarisches Ziel. Band 2 zu lesen ist jetzt leider auf jeden Fall nicht mein Ziel. Schade, der Ausgangspunkt war wirklich interessant.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Das Landleben als ewiger Verlust

Melken
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„melken“, der Debütroman von Sanna Samuelsson, erschienen 2026 bei Hanser, startet enorm stark, verliert sich aber leider im Fortgang immer mehr in Bedeutungslosigkeit.

Der Roman spielt in Schweden. Ellen, ...

„melken“, der Debütroman von Sanna Samuelsson, erschienen 2026 bei Hanser, startet enorm stark, verliert sich aber leider im Fortgang immer mehr in Bedeutungslosigkeit.

Der Roman spielt in Schweden. Ellen, die Protagonistin, hat sich von ihrer Freundin Diana getrennt und verlässt spontan an ihren sowieso geplanten Urlaubstagen die hektische Stadt und den Arbeitsalltag, springt in ihr altes Auto und fährt vollkommen willkürlich hinaus aufs Land – um sich auf einmal vor dem Haus ihrer Kindheit wiederzufinden, das inzwischen längst an eine andere Familie verkauft ist. Einem spontanen Impuls folgend findet sie den Schlüssel zum Haus, der noch immer an alter Stelle liegt, betritt dieses, stellt fest, dass die Familie offenkundig im Urlaub ist – und bleibt. Es ist Juli, der Hochsommer drückt mit seiner Hitze und Ellen liegt in ihrem alten Kinderzimmer – ein guter Ausgangspunkt für eine Reise zu sich selbst.

Samuelsson beschreibt lebendig den Kontrast zwischen Stadt und Land, es geht saftig und manchmal auch ein bisschen eklig zu, doch so ist es, auf dem Land, hier wird keine Hochglanzromantik betrieben. Die Sprache ist zunächst knapp getaktet, sie hält den Beat der Unruhe, die in Ellen tobt, und dehnt sich mit Verlauf des Buches passend weiter aus. Die Autorin findet ungewöhnliche Metaphern, so steht beispielsweise das Auto für die Beziehung und das Innenleben von Ellen, das liest sich besonders. Zwei Leben sind es, die in Ellen widerstreiten, der ehemalige Bauertölpel und das erfolgreiche Stadtgirl – und zunehmend spüren wir, dass Ellen nie in der Stadt angekommen ist, sich für die alte Heimat zu entscheiden, schafft sie aber auch nicht. Und dann ist da noch ihr alter Freund Max, der wieder in ihr Leben tritt, mit all den alten Konflikten, aber auch all der alten Nähe. Immer wieder der Gedanke an die Ex-Freundin, noch so eine Beziehung, die vorbei aber nicht bewältigt ist.

Die Konstruktion des Buches muss mensch schon wollen, plausibel ist sie nicht, aber interessant. An vielen Ecken und Enden hakt die Logik, was ich über weite Strecken verzeihen konnte – nur will das Buch nirgendwohin, verliert sich immer mehr in einer dann doch auf Dauer leider etwas langweiligen Endlosschleife und findet den Weg nicht mehr hinaus. Die Bauernhofbeschreibungen werden ausufernd, die Story tritt immer weiter zurück. Und am Ende bleibt eigentlich keinerlei Erkenntnisgewinn. Schade, denn Sanna Samuelsson kann schreiben und die Grundidee hat etwas.

Vielleicht ist es der nächste Roman, der dann wirklich das Talent mit etwas mehr Ziel verbindet. Eine interessante neue Stimme ist hier zu lesen, auch wenn das Buch mich insgesamt nicht vollends überzeugen konnte.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

Schlingern auf dem Pilsparkett

Es war nicht anders möglich
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„Es war nicht anders möglich“, der Debutroman von Svenja Liesau, erschienen 2026 bei Rowohlt Berlin, ist ein formal spannendes Buch über Trauer, Berlin und mental issues, das eine verblüffende Verbindung ...

„Es war nicht anders möglich“, der Debutroman von Svenja Liesau, erschienen 2026 bei Rowohlt Berlin, ist ein formal spannendes Buch über Trauer, Berlin und mental issues, das eine verblüffende Verbindung zwischen Kneipe und Psychiatrie herstellt und den Flair Berlins ganz wundervoll einfängt.

Martina hat ihren Vater zum zweiten Mal verloren, das erste Mal schon in sehr jungen Jahren, als ihre Eltern sich trennten und sie bei der Mutter blieb, die offenkundig überfordert mit der Alleinerziehung Martina emotional verwahrlosen lässt. Der Vater verbleibt als fern kreisender Satellit für Martina ein Sehnsuchtsort, manchmal kreuzt er kurz ihre Umlaufbahn, doch zu packen ist er nie. Nun verliert sie ihn ein zweites Mal an die Sterblichkeit und wird dadurch in eine nicht enden wollende Schleife aus Trauer, Selbsthass und Ziellosigkeit geworfen, die sie im ersten Teil des Buches durch die Berliner Eckkneipen treibt und im zweiten in der Psychiatrie stranden lässt.

Svenja Liesau hat ein formal einzigartiges Buch geschrieben, in dem sie mutig das Buch mit einer amtlichen Playlist beginnt (die zur Freude der Leserin auf Streamingdiensten zu finden ist), immer wieder mit Songtexten arbeitet und vor allem auch mit SMS an den toten Vater und Briefen. Die Konstruktion ist fragmentarisch und collagiert, wir folgen keinem durchgehenden Erzählvorgang, so wie das durchgehend alkoholisierte Gehirn von Martina durch die Tage zappt, Filmrisse inklusive, so treiben auch wir durch die Geschichte. Liesau fängt den Mikrokosmos Eckkneipe wirklich perfekt ein, so sehr, dass ich die jeweilige Kneipe sogar riechen konnte. Ihre Protagonistin Martina ist nicht unbedingt eine sympathische Figur, zumal sie kaum Entwicklung macht im Lauf des Romans, das muss frau aushalten können beim Lesen. Wie Liesau generell richtig tief in den Dreck greift, einige Passagen haben mich schwer schlucken lassen. Doch dadurch ist es auch ein ehrliches Buch, Trauer und Selbstverlust, Trauma und Autoaggression sind nun einmal keine Hochglanzthemen. Wir treiben durch Berlin, wir treiben auch durch eine, ebenfalls sehr treffend beschriebene Psychiatrie – in aller Härte und doch auch mit viel Humor und ein paar klugen Lebentipps, mit ganz beiläufig integrierten vielfältigen Themen, mit Feminismus und durchgehend genderneutraler Sprache. Das macht tatsächlich Spaß und berührt über weiter Strecken.

Svenja Liesaus literarische Stimme ist aufregend und frisch, sie traut sich viel – und am Ende verliert sie für mich ein wenig den Fokus, bzw. so ganz findet sie nicht aus ihrem Flow hinaus. Das ist das einzige kleine Manko dieses Buches, das mich über die Mehrheit seiner Seiten wirklich begeistert hat. Ich hoffe, Liesau schreibt munter weiter und schenkt uns noch mehr Bücher wie eine Discokugel – das trifft die sehr gelungene optische Gestaltung des Buches ebenso wie den Inhalt, der so glitzernd kreist und etwas leerdreht, während die imaginäre Jukebox quäkt. Eine Entdeckung!

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Veröffentlicht am 16.03.2026

„Pipeline“ kommt nicht in den Fluss

Pipeline
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„Pipeline“, ein Thriller von Lucas Fassnacht, erschienen 2026 bei Ars Vivendi und vom Verlag angepriesen als Umweltkrimi der Extraklasse, verfolgt ein spannendes Thema, ist jedoch in der Ausgestaltung ...

„Pipeline“, ein Thriller von Lucas Fassnacht, erschienen 2026 bei Ars Vivendi und vom Verlag angepriesen als Umweltkrimi der Extraklasse, verfolgt ein spannendes Thema, ist jedoch in der Ausgestaltung leider viel zu verwirrend konstruiert, so dass zu keinem Zeitpunkt wirklicher Lesefluss aufkommen kann.

Hinter dem wirklich gut gelungen Cover liegt auf knapp 350 Seiten eine Handlung verborgen, der Vereinfachung insbesondere im Figurenpersonal gutgetan hätte.
Die Firma Vogt baut in Frankreich eine Pipeline, um dortige Atomkraftwerke mit Kühlwasser zu versorgen – notwendig wurde dies durch den Klimawandel, durch den die Flüsse nicht mehr genug Wasser führen, als das dieses genutzt werden könnte. So weit, so übersichtlich, kämen nicht Großkonzerne und ihre Machenschaften hinzu, was einen Anschlag auf die Pipeline zur Folge hat, was eine Bauverzögerung zur Folge hat, was einen ganzen Roman zur Folge hat, dessen Handlung allerdings in keinem glaubhaften Verhältnis zu Anlass steht.

Schnell wird beispielsweise klar, dass der ökologisch-energetische Konflikt wahrscheinlich nur die Oberfläche des Thrillers darstellt und dass darunter noch eine menschliche Tragödie liegt, die wahrscheinlich viel weiter greift. Nur verliert der Autor diese zum Ende hin dann auch wieder komplett aus dem Auge. Die Protagonistin Cecilia Thoma stolpert bis zum Ende unglaubwürdig erst in die Handlung, dann durch sie hindurch und wieder hinaus. Dabei verhält sie sich weitestgehend nicht nachvollziehbar und lernt auch nicht hinzu. Umgeben ist sie von einem wirklich riesigen Personal – und das ein Teil davon auch noch Alias-Namen trägt, macht die Sache nicht besser. Die Kapitel sind sehr kurz, eigentlich gut, nur wechselt mit jedem Kapitel Personal und Ort. Es kann nicht meine Aufgabe als lesende Person sein, mir das alles mitschreiben zu müssen, um noch irgendwas zu verstehen. Dann muss auch noch Rechtsradikalismus und Gangmentalität rein, schnell noch ein paar Leichen, Klimawandel, Uran im Grundwasser, ich war einfach draußen. Leider nicht mein Buch. Hier hätte eine Konzentration auf deutlich weniger wahrscheinlich einen guten Thriller entstehen lassen können, so blieben die Figuren alle hölzern, oberflächlich und irgendwie motivationslos. Die Auflösung erfolgt eher mit dem Holzhammer.

Dabei kann Lucas Fassnacht schreiben, immer wieder blitzt sogar großartiger Sprachwitz auf. Leider konzentriert er sich zu sehr auf eine thematische Konstruktion, anstatt seine Figuren wirklich lebendig werden zu lassen und mit Tiefe auszustatten. Daran zerbricht der eigentlich gut gedachte Thriller, weil die Figuren austauschbar sind und nicht im Gedächtnis bleiben und ganze Stränge verzichtbar wären. Schade, hier wäre mehr drin gewesen.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Das Ende vom Ende der Welt

Die Reise ans Ende der Geschichte
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„Die Reise ans Ende der Geschichte“, geschrieben von Kristof Magnusson und erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein herrlich humorvoll-skurriles Romanschätzchen mit dennoch viel Historie und Tiefgang, ...

„Die Reise ans Ende der Geschichte“, geschrieben von Kristof Magnusson und erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein herrlich humorvoll-skurriles Romanschätzchen mit dennoch viel Historie und Tiefgang, das über weite Strecken bestens unterhält, auch wenn ihm am Ende leider etwas die Luft ausgeht.

Auf knapp 275 Seiten folgen wir einer irren Doppelagentenreise, die, wie das sehr gelungene Cover schon andeutet, immer am Rande des Abgrunds balanciert – und das gilt sowohl für die Figuren als auch für die schriftstellerische Leistung, bei der man sich auf ein paar Prämissen einlassen muss, um den Roman einfach genussvoll wegsnacken zu können. Die rezensierende Person konnte das gut! Kristof Magnusson schenkt uns eine gute Struktur: Die Kapitel wechseln in der Erzählperspektive zwischen den drei Protagonist:innen (oder ist eine davon etwa eine Antagonistin? Wer weiß?), wobei der Autor uns hilft, indem Perspektive und Handlungsort immer in der Kapitelüberschrift zu finden sind.

Der Roman startet stark auf einem Höhepunkt: Dieter Germeshausen, seines Zeichens Doppelagent im deutschen und russischen Staatsdienstes wird im Jahr 1995 in einer Hotelbar in Kasachstan vergiftet. In der Folge blicken wir zurück auf mächtig erheiternde Verstrickungen, die ihn in diese Situation gebracht haben. Denn etwas zuvor warb Dieter den Schriftsteller Jakob Dreiser auf einer Feier des Endes vom Ende der Welt in der russischen Botschaft in Rom für den BND an – da er selbstkritisch festgestellt hat, selbst nicht unbedingt eine Leuchte im Bereich Kommunikation zu sein und einen Supercoup plant – für den genau diese Kommunikation aber unerlässlich ist. Jakob Dreiser als junger Schriftsteller mit großem Bezug zu Russland scheint hier eine Lücke ideal zu füllen, schließlich soll die Reise nach Almaty in Kasachstan gehen – aber vielleicht hat Dieter doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht... Zumal es da auch noch Francesca Aquatone gibt, die viel Pfeffer in die Suppe streut und einen dreifachen Negroni, der es in sich hat.

Magnusson schreibt großartige Charaktere, der in sich festklemmende, geltungssüchtige Dieter, mit seinem doch sehr großen Selbstbewusstsein, das tapfer alle Fremdwahrnehmung ausblendet, der wirklich naive Jakob, Typ „hey, Hauptsache man lebt und es passiert was“, und wenn dann was passiert, dann findet er das schon auch ein bisschen doll, aber auch die Nebencharaktere wie Dominique Fishbowl (dieser Name!), die hinter ihrer Säuferinnenfassade wahrscheinlich richtig was draufhat, hier gefallen mir einfach alle und das ist gut gegensätzlich konstruiert. Der Ton ist eine perfekte Mischung aus Suspense und Comedy, das Dramedy Genre liest frau ja selten gut, hier ist es nahezu perfekt.
Der Autor scheut sich aber auch nicht vor Tiefgang und Gefühlen und webt vor allem viel Historisches wirklich perfekt in die Handlung ein. Die Atmosphäre des Kalten Krieges und das Aufwachsen in dieser Zeit, der Fall des Eisernen Vorhangs und die Freiheit aber auch die Unsicherheit bringt der Autor trotz aller Heiterkeit super rüber. Wie viel davon habe ich vergessen – und wie präsent ist es leider aktuell wieder, auch darum ist es das richtige Thema für ein Buch aktuell. Der Autor greift den Zeitgeist super und er braucht dafür nicht viel, ihm reicht Musikwahl und der Begriff „CD“ – nur als ein Beispiel. Und diese Verbindung aus Komik und Leichtigkeit und dann doch immer wieder auch Nachdenklichkeit und fast philosophische Einschübe – sehr geglückt.

Der Plot ist dabei an Skurrilität nicht zu überbieten und ja, das muss man mögen. Darauf muss man sich mit Wonne einlassen wollen, denn sonst könnten die Logik-Fragezeichen überhandnehmen. Für mich hat es gut funktioniert, der Autor zeigt sein Augenzwinkern deutlich genug. Die Sprachbilder sind großartig, ich habe mir so viele Stellen markiert, nur eine davon: „Er schwieg nicht nur auf Russisch und Englisch, sondern auch auf Italienisch“ (S. 17). Und auch das Finale lässt es an Plottwists nicht fehlen – leider fehlt dem Buch aber, und das ist ein großes Manko, ein wirkliches Ende. Auf einmal wird viel ausgelassen, es geht alles viel zu schnell und wir enden ehrlich gesagt ein bisschen im Irgendwo. Vielleicht ist das der Hinweis auf eine Fortsetzung, denn es bleiben SO viele Fragen offen. Leider schmälert es aber den Genuss dieses bis dahin so herrlichen Buches dann doch. Weshalb ich nur 4 Sterne vergeben kann, aber dennoch eine dringliche Leseempfehlung, denn wer Dieter und Jakob nicht kennenlernt: Hat wirklich etwas verpasst. Ein wundervoller Lesesnack zum Abschalten und Genießen, bei dem die Lesenden über weiter Strecken nur so durch die Seiten fliegen werden.

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