Ein authentisches Sittenbild des 19. Jahrhunderts
Die Protestantin/Gina Meyer/4 Sterne
In diesem historischen Roman erzählt Autorin Gina Mayer das Leben und Schaffen des Pastors Theodor Fliedner aus Kaiserswerth.
Wir befinden uns im Jahr 1822 und das ...
Die Protestantin/Gina Meyer/4 Sterne
In diesem historischen Roman erzählt Autorin Gina Mayer das Leben und Schaffen des Pastors Theodor Fliedner aus Kaiserswerth.
Wir befinden uns im Jahr 1822 und das Land ist nach den Napoleonischen Kriegen und Missernten mit den darauffolgenden Hungersnöten entvölkert bzw. von tiefer Armut geprägt. Wie immer treffen solche Katastrophen die Ärmsten der Armen, Kinder und Alte besonders. In diesem Umfeld versucht Pastor Fliedner den Menschen von Kaiserswerth nicht nur das Wort Gottes sondern auch Arbeit zu vermitteln. Mit Hilfe eines Armenfürsorgefonds und der Gründung des Lehr- und Erziehungsseminar versucht er den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Später werden seine Diakonissinnen, die sich vorbildlich der Krankenpflege widmen, Vorbild für zahlreiche ähnliche Institutionen werden und weit über Deutschland hinaus bekannt werden. Auch Florence Nightingale erhält in Kaiserwerth ihre Ausbildung.
Geschickt verknüpft die Autorin die Lebensgeschichten dreier (fiktiver) Frauen: Johanne König, Catharine, Johannes jüngster Schwester, und beider Pflegetochter Magdalena, deren Lebenswege eng mit der Person Fliedner verbunden sind.
Meine Meinung:
Die Autorin vermittelt den Lesern einen sehr guten Eindruck jener Zeit, der aufkommenden Industrialisierung und der Lebensweise breiter Bevölkerungsschichten. Anhand der drei Frauenschicksale, die wir lange Zeit begleiten, lassen die Beziehungen zwischen den Frauen zueinander und ihre Verknüpfung mit der Außenwelt gut miterleben. Insgesamt spiegelt der Roman trefflich die Zeit des 19. Jahrhunderts in Deutschland wieder.
Der Roman hat mich auch deshalb sehr angesprochen, weil die Rolle der Frau nicht isoliert betrachtet wird. Gina Mayer versucht, ihre Protagonistinnen durch kleine, aber stete private und dann politische Aktionen, das Los der Frauen dieser Zeit verbessern zu lassen. Vor allem während der Revolution 1848 zeigt sich, wie eng Erfolg und Scheitern nebeneinander liegen.
Die Geschichte ist gut recherchiert, interessant und informativ, der Schreibstil flüssig. Hin und wieder habe ich mich über Fliedner geärgert, mit welchem Selbstverständnis er seiner Mission, anderen zu helfen, nachgeht, ohne Rücksicht auf seine eigene Familie zu nehmen. In seinen kurzen Anwesenheiten schwängert er seine jeweiligen Ehefrauen mit denen er mind. elf Kinder hat. Die vielen Fehlgeburten gar nicht mitgerechnet. Rücksicht auf die angegriffene Gesundheit der Frauen scheint er da nicht zu kennen.
Eine kleine Kritik muss ich dennoch anbringen: Der Titel „Die Protestantin“ lässt einen historischen Roman aus der Zeit der Glaubenskriege im 17. Oder 18. Jahrhundert erwarten. Es ist natürlich richtig, dass der evangelische Pastor Fliedner als kleine Enklave in einer eher katholischen Umgebung wirkt, aber trotzdem ist der Titel hier nicht ganz passend.
Fazit:
Eine gelungene Darstellung der Lebensumstände im 19. Jahrhundert. Gerne gebe ich 4 Sterne.