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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.09.2019

Neukölln, Mietskaserne, HInterhaus - Kindheit in den 1960er Jahren

Der Hamlet und die Schokolinse
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Bernd Mannhardt ist den meisten von uns als Schöpfer des KHK Hajo Freisal und dessen Assistentin Yasemin Gutzeit bekannt. Diesmal plaudert er aus dem Nähkästchen und in seinen Kindheitserinnerungen als ...

Bernd Mannhardt ist den meisten von uns als Schöpfer des KHK Hajo Freisal und dessen Assistentin Yasemin Gutzeit bekannt. Diesmal plaudert er aus dem Nähkästchen und in seinen Kindheitserinnerungen als Dreikäsehoch in den 1960er Jahren.

Seine ersten Eindrücke sind eine Eintopf kochende Großmutter und ein eher unkonventioneller Opa, der manchmal die Spüle für andere Zwecke missbraucht. Das alles spielt sich in einer Mietskaserne „Altbau, Hinterhaus, erste Etage links“ in Berlin-Neukölln ab.

Gemeinsam lernen wir „Hamlet“ kennen, jenen schwarz/weiß Fernseher mit Nussholzfurnier, der wohl zu jener Zeit in beinahe jedem Haushalt gestanden ist.

Wir teilen so manche Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit und Freiheit, die es heutzutage für die Kids nicht mehr gibt. Querfeldein alleine durch die Straßen eilen? Ohne das andauernde Tracking durch ein Mobiltelefon? Heute völlig unmöglich, damals ganz normal mangels Überwachungs- und Ortungsgerät. Man war froh, einen Festnetzanschluss zu haben.

Die Episode mit dem Pfeilschuss, der beinahe ins Auge ging, hat mich kurz die Luft anhalten lassen.

Ein wenig später erleben wir die ersten frühen schriftstellerischen Ergüsse. Froh bin ich, dass es mit der Sangeskarriere nichts geworden ist. Als Autor finde ich Bernd Mannhardt echt klasse.

Mit viel Humor und Selbstironie nimmt mich Bernd Mannhardt in sechs Kapiteln auf die Reise in seine (und auch meine) Vergangenheit mit. In eine Zeit, als Musik aus dem Radio oder vom Plattenspieler kam. Sehr aufschlussreich ist auch die beinahe kriminelle Ader des werten Herrn Autors. DAS habe ich mich nie getraut. Nun kann er ja als Krimi-Autor seinen Neigungen ungestraft, ja sogar bezahlt, nachgehen.

Den „Hamlet“ gibt es nicht mehr, Schokolinsen schon und hoffentlich bald einen neuen Krimi aus der Feder unseres verehrten Autors.

Fazit:

Ich habe mich herrlich amüsiert und ein wenig wehmütig an die eigene Kindheit und Jugend zurückgedacht. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 21.09.2019

Wehret den Anfängen!

Als die Nacht sich senkte
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Dieses Buch ist eigentlich die Vorgeschichte zu „Die Flucht der Dichter und Denker“ in der Herbert Lackner den Exodus zahlreicher jüdischer Geistesgrößen aus Österreich beschreibt.

Hier beleuchtet der ...

Dieses Buch ist eigentlich die Vorgeschichte zu „Die Flucht der Dichter und Denker“ in der Herbert Lackner den Exodus zahlreicher jüdischer Geistesgrößen aus Österreich beschreibt.

Hier beleuchtet der Journalist und Buchautor Herbert Lackner die Jahre von 1918-1938.
Beginnend mit dem kläglichen Verhalten von Ex-Kaiser Karl, der den provisorischen Staatschef Karl Renner in seinem letzten Domizil in Österreich, im Schloss Eckartsau, nicht empfängt, weil Renner sich nicht protokollarisch korrekt angemeldet hat, spannt er den Bogen bis zum Anschluss an Hitler-Deutschland.

Wir begegnen jenen Personen, deren Flucht im ersten Buch beschrieben ist. Zum Beispiel Alma Mahler-Werfel, die mit zwei jüdischen Ehemännern verheiratet und trotzdem eine glühende Antisemitin war. Ein Widerspruch, der schwer zu ertragen, aber dennoch häufiger vorgekommen ist, als man glaubt.
Herbert Lackner zeichnet ein präzises Bild der österreichischen Politik der Zwischenkriegszeit. Die übertriebene Furcht vor Kommunisten und Sozialisten, lässt die Nazis erst so richtig aufkommen. Dass sich weder die katholische noch die evangelische Kirche mit Ruhm bekleckert haben, lehrt die Geschichte.

Der Brand des Justizpalastes nach dem „Schandurteil von Schachendorf“, der folgende Bürgerkrieg, der Mord an Dollfuss - alles Mosaiksteine, die den Weg in den Austrofaschismus und in die Diktatur geebnet haben.

Interessant auch die Erwähnung Adolf Hitlers, der schon im Oktober 1920 einen dreistündigen Monolog über die „Judenfrage“ gehalten hat.

Den Titel finde ich sehr gut gewählt. Denn genauso wenig wie die Nacht plötzlich hereinbricht, so ist der Nationalsozialismus nicht vom Himmel gefallen. Lange Zeit hat man zugesehen, nichts dagegen unternommen, mit der Ideologie geliebäugelt bis es letztendlich zu spät war.

Wie immer, ist auch dieses Buch penibel recherchiert. Es bietet neben einer eindringlichen, präzisen Sprache auch jede Menge weiterführende Literatur, die zum Weiterlesen anregt.

Fazit:

Das Buch zeigt auf, dass es wichtig ist, sich für die Demokratie stark zu machen. Denn der Ungeist des Totalitarismus schleicht sich mit leisen Schritten (wieder) an. Ein absolut lesenswertes Buch, das wachrüttelt.

Veröffentlicht am 19.09.2019

Edith Sitwell - Einblick in ihr Leben

Die Dame hinter dem Vorhang
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In diesem toll aufgemachten Buch stellt uns Autorin Veronika Peters Teile des Lebens der englischen Lyrikerin Edith Sitwell vor. Allerdings nicht als Biografie sondern als Betrachtung durch die Augen des ...

In diesem toll aufgemachten Buch stellt uns Autorin Veronika Peters Teile des Lebens der englischen Lyrikerin Edith Sitwell vor. Allerdings nicht als Biografie sondern als Betrachtung durch die Augen des fiktiven Dienstmädchen Jane und deren Mutter Emma.

Die kleine Edith ist das erste Kind ihrer Eltern und leider nicht so hübsch und stupsnäsig wie erhofft. So wird das bedauernswerte Geschöpf in ein Streckkorsett, um die verbogene Wirbelsäule gerade zu biegen. Lediglich Emma, die Tochter des Gärtners besucht sie. Anfangs heimlich, dann als Dienstmädchen. An Ediths 21. Geburtstag ereignet sich ein Vorfall, der für Emma und knapp 15 Jahre später auch für Edith weitreichende Folgen haben wird.

Meine Meinung:

Die Idee die unkonventionelle Dichterin aus Sicht zweier Dienstmädchen betrachten zu lassen, die noch dazu, wenn die beiden Mutter und Tochter sind, finde ich toll und ungewöhnlich. Die Betrachtungen sind in eine Rahmenhandlung eingebettet, die u.a. 1964 kurz vor Edith Sitwells Tod spielen. Diese Rahmenhandlung ist für mich so optimal gelungen. Sie hat wenig Handlung, sondern ergibt sich in detailreichen Schilderungen von Sitwells aufwendiger Garderobe oder Schmuckstücken. Da wäre, um sich ein besseres Bild der Schriftstellerin zu machen, ein Foto echt klasse gewesen. Die Bilder, die im Internet zu finden sind, zeigen ein wahrhaft exzentrisch aussehende Frau, die mit ihren Turbanen, die ohnehin schon nicht kleine Nase noch extra hervorstechen lässt.
Auch ihr Lebensstil ist aufwendig und unkonventionell. Manchmal haust sie mit ihrer ehemaligen Gouvernante und dem nunmehrigen Dienstmädchen Jane, in muffigen, engen Wohnungen. Doch dann hat sie wieder eine Geldquelle aufgetan und die Wohnsituation bessert sich. Sie reist nach Frankreich, lebt in Paris.
Auch hier werden einige nebensächliche Detail geradezu ausgewalzt (die Liebe zu den verschiedenen Katzen, zum Beispiel). Andererseits werden ganze Lebensabschnitte nicht, oder nur am Rande erwähnt.

Die Kindheit Ediths ist viel farbenfroher, viel lebendiger geschildert. Vor allem die Wahrnehmungen aus Sicht der Dienstboten lässt das Leben auf den Cottage plastisch erscheinen. Ich hätte mir gewünscht, mehr aus Ediths Leben in dieser Form erzählt zu bekommen. So erfahre ich wenig bis nichts und das was ich erfahre, wirkt irgendwie belanglos, fast schon depressiv. Das Leben der drei Frauen Helen, Jane und Edith plätschert irgendwie so dahin. Wäre das nicht der Maler, in den Edith verliebt ist, so müsste man fast daran denken, dass Helen und Edith eine Liaison miteinander haben. Viele Frage in Ediths Leben bleiben unbeantwortet. Das finde ich sehr schade.

Der Schreibstil ist angenehm und lässt sich gut lesen. Allerdings wirken manche Passagen recht distanziert. Ob das daran liegt, dass die meisten Beobachtungen von dem Dienstmädchen gemacht werden? Vieles erfahren wir durch dritte. Eine direkte Interaktion findet oft nicht statt.

Folgendes Zitat beschreibt Edith Sitwell mit zwei Sätzen:

"Sie kämpfte wie eine Löwin. Meistens gegen sich selbst. Aber auch darin war sie auf erschreckende Weise großartig."

Fazit:

Ein interessanter Einblick in das Leben der englischen Dichterin Edith Sitwell, der mich trotzdem nicht wirklich begeistern konnte. Deshalb kann ich nur 3 Sterne vergeben.

Veröffentlicht am 18.09.2019

Eine Hommage an die Bauhaus-Frauen

Bauhaus-Frauen
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Wenn wir 2019 an die Gründung des „Bauhauses“ 1919 denken und dieses Jubiläum feiern, fallen meistens die Namen von Walter Gropius, Wassily Kandinsy, Paul Klee, Johannes Itten oder Ludwig Mies van der ...

Wenn wir 2019 an die Gründung des „Bauhauses“ 1919 denken und dieses Jubiläum feiern, fallen meistens die Namen von Walter Gropius, Wassily Kandinsy, Paul Klee, Johannes Itten oder Ludwig Mies van der Rohe. Die zahlreichen Frauen gehen in der Geschichte unter. Autorin Ulrike Müller setzt ihnen mit diesem Buch ein wohlverdientes Denkmal.

Zu diesen Frauen zählen:

Gertrude Grunow
Helene Börner
Ida Kerkovius
Benita Otte
Gunta Stölzl
Anni Albers
Gertrud Arndt
Otti Berger
Margarete Heymann-Loebenstein-Marks
Marguerite Friedlaender-Wildenhain
Ilse Fehling
Firdel Dicker
Lou Scheper-Berkenkamp
Lilly Reich
Alma Siedhoff-Buscher
Marianne Brandt
Florence Henri
Grete Stern
Ise Gropius
Lucia Moholy-Nagy

Ulrike Müller zeigt auf, unter welchen Bedingungen die ersten Frauen, die ersten Meisterinnen, am Bauhaus lehrten. Denn obwohl Gründer Walter Gropius vollmundige und doch halbherzige Versprechungen bezüglich Gleichberechtigung beider Geschlechter machte, sah die Realität ganz anders aus. Lediglich die Weberei war ausschließlich in weiblicher Hand.

Gropius hat sein Unterrichtskonzept, seine Struktur der mittelalterlichen Handwerkszunft angepasst. Und dort kommen Frauen nicht wirklich vor. Dass er mit seiner Schule, den Nerv der Zeit und die Emanzipationbestrebungen der Frauen trifft, hat ihn vermutlich überrascht.

Wie schreibt Ulrike Müller so treffend: "Ihr (der Frauen) Eindringen in andere Bereiche setzte ein großes Selbstbewusstsein voraus, zudem mussten sie in ihrer Arbeit besser sein als ihre männlichen Kollegen".

Kommt uns das auch heute noch, 100 Jahre nach der Gründung des Bauhauses, irgendwie bekannt vor?

Fazit:

Eine Hommage an alle jene Frauen, die sich damals nicht unterkriegen haben lassen. Gerne gebe ich diesem Sachbuch 5 Sterne.

Veröffentlicht am 18.09.2019

100 Jahre Bauhaus - ein Blick hinter die Kulissen

Diese goldenen Jahre
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Autorin Naomi Woods entführt uns in das Jahr 1922 nach Weimar. Fünf junge Studentinnen und Studenten beginnen mit Enthusiasmus ihr Studium am Bauhaus von Walter Gropius und seinen Meistern. Sie bekommen ...

Autorin Naomi Woods entführt uns in das Jahr 1922 nach Weimar. Fünf junge Studentinnen und Studenten beginnen mit Enthusiasmus ihr Studium am Bauhaus von Walter Gropius und seinen Meistern. Sie bekommen es mit arrivierten Malern wie Paul Klee und Wassily Kandinsky oder strengen wie Johannes Itten zu tun. Itten, der bereits in Wien und der Schweiz unterrichtet hat, verlangt seinen Schülern im Vorkurs einiges ab: Fasten bis zur Selbstaufgabe. Dazwischen wird gefeiert, die Modedroge Kokain konsumiert und dem freien Leben gefrönt. Besonders für die jungen Frauen bedeutet sich diese Zeit als eine völlige Umstellung: Weg mit dem Korsett, den Zöpfen, dem Busen - androgyne Figuren sind gefragt, die sogenannte „Garçonne“. Frauen in Herrenanzügen, Bubikopf, streng asketisch.

Das ist das Umfeld, in dem sich Paul Beckermann, eine der fünf Hauptpersonen, der auch gleichzeitig Erzähler ist, bewegt. Während einige seiner Freunde finanzielle Unterstützung durch die Familie erhalten, muss Paul arbeiten. Er malt für Ernst Steiner, einen etwas zwielichtigen Kunsthändler, üppige, aber kitschige Landschaftsbilder.

Natürlich darf auch die Liebe nicht fehlen. Paul ist unsterblich in Charlotte verliebt, die jedoch mit Jenö zusammenlebt, der seinerseits von Walter geliebt wird. Eine Art Reigen von ungestillten Leidenschaften.

Doch bald schlägt das Schicksal in Form der Nazis zu. Das Bauhaus übersiedelt vom konservativen Weimar nach Dessau. 1933 wird das Bauhaus endgültig verboten und geschlossen.
Schon zuvor wird Gropius vorgeworfen, „zuviele Juden und zuviele Frauen“ in die Schule aufzunehmen.
Auf Grund einer Liste, die die Namen von Ausländern und Juden enthält, wird auch Charlotte, die gebürtige Pragerin zur persona non grata. Für eine Flucht ist es allerdings zu spät. Charlotte stirbt in einem Konzentrationslager. Erst Jahre später kommt heraus, wer diese Liste an die Nazis weitergeben hat.

Meine Meinung:

Dieser Roman zeigt einiges über die Bauhaus-Zeit, die doch recht turbulent war. Die sektiererische Haltung von Itten, der seine Schüler hier (meiner Ansicht nach) missbraucht, war mir schon länger bekannt. Gut gelungen ist die Darstellung der Studenten, die sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben.

Die Liebeswirren von Paul sind mir ein wenig zu detailliert. Ich hätte mir ein wenig mehr „Bauhaus“, Kunst, Design etc. gewünscht. Aber dafür gibt es ja noch ein paar Sachbücher.

Fazit:

EIn zur 100-Jahr-Feier der Gründung des Bauhauses passender Roman, der die Zeit gut darstellt. Gerne gebe ich 4 Sterne.