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25,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Karl Rauch Verlag GmbH & Co. KG
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Erzählende Literatur
  • Seitenzahl: 208
  • Ersterscheinung: 09.12.2024
  • ISBN: 9783792002872
Hanne Ørstavik

bleib bei mir

Andreas Donat (Übersetzer)

bleib bei mir ist die Geschichte von Neuanfängen. Nach dem Tod ihres Ehemanns L lernt die Ich-Erzählerin M kennen. Er ist siebzehn Jahre jünger als sie und Handwerker. Mit M entdeckt die Erzählerin eine neue Art der Liebe – freudvoller, direkter und intensiver als alles, was sie zuvor empfunden hat. Gleichzeitig schreibt sie an einem neuen Roman, der sich als Text im Text und raffinierte Spiegelgeschichte entfaltet. So unvermittelt wie seine Gefühle sind aber auch Ms Emotionen. Angesichts seines Unvermögens, mit eigenen Schwächen umzugehen, stellt sich für die Erzählerin die Frage, was Liebe erlaubt und was sie aushalten kann.
Mit bleib bei mir schreibt Hanne Ørstavik ihre Erzählwelt in ihrer einzigartigen Art fort.
Eine aufrichtige Betrachtung des eigenen Empfindens mit besonderer literarischer Kraft.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.01.2025

Nicht leichtgängig, dafür tiefgründig und vielschichtig

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„Warum kann ich nicht einfach gehen? Weggehen, von M.
Was hält mich dort? Sollte es nicht Liebe sein? Und sollte Liebe nicht etwas Schönes sein, Sicherheit, Wärme?“

Und natürlich sollte es das sein. Liebe ...

„Warum kann ich nicht einfach gehen? Weggehen, von M.
Was hält mich dort? Sollte es nicht Liebe sein? Und sollte Liebe nicht etwas Schönes sein, Sicherheit, Wärme?“

Und natürlich sollte es das sein. Liebe soll und kann etwas Schönes sein, Sicherheit und Wärme.
Und wenn sie es nicht ist, ist es dann Liebe?

„Bleib bei mir“ ist mein erster Roman von Hanne Ørstavik, von der bereits mehrere Roman auch auf Deutsch erschienen sind und die als eine der profiliertesten norwegischen Gegenwartsautorinnen gilt. Es wird vermutlich nicht mein letzter Roman bleiben, denn mich hat Ørstaviks schriftstellerische Kraft direkt emotional erreicht.

In „bleib bei mir“ erzählt Ørstavik detailliert analysierend von Beziehungen, die von Seiten die einseitig stark von Angst geprägt sind. Ist das Liebe? Ihre Erzählerin lernt mit über 50 und nach dem Tod ihres Mannes M. kennen, einen Handwerker, der 17 Jahre jünger ist als sie.
Aber genau wie die Erzählerin hat dieser Mann als Kind Gewalt von nahestehenden Menschen erfahren. Ihre eigenen Erfahrungen mit diesem kindlichen Trauma lassen die Erzählerin große Zärtlichkeit und Mitgefühl für M. empfinden. Auch wenn sich seine Wutausbrüche gegen sie richten und er sie schlecht behandelt. Ist das Liebe?

Ørstavik gibt einen tiefen Einblick die verletzte Seele eines kleinen Kindes, das immer noch im Körper dieser erwachsenen Frau lebt, und nach Liebe und Heilung sucht. Sie die Erzählerin diese Liebe und Bestätigung, die sie bei ihrem Vater nie bekommen hat, bei M. finden?

„Eigentlich bin ich es, die als Erwachsene dort sitzt. Aber wenn ich daran denke, sehe ich nur ein Mädchen.“

Schon die Aufforderung im Romantitel ist klein geschrieben. Sie ist leise, mehr Bitte als Befehl. Es ist Ausdruck des tiefen Minderwertigkeitsgefühl, dass die Erzählerin empfindet.

„Wie kann ich glauben, dass jemand bei mir sein möchte, wenn nicht einmal ich selbst bei mir bin. Wenn ich im Grunde genommen nirgends bin. Wo in mir selbst bin ich?“

Bei mir löst Ørstavik Roman starkes Mitgefühl für die Erzählerin aus und eigentlich für alle Kinder und Erwachsene, die schon früh in ihrer Liebes- und Vertrauensfähigkeit beschädigt wurden. Beschädigungen, die generationenübergreifend weitergegeben werden.

Ich hatte jetzt mit Tove Ditlevsen eine ziemlich schwierige Lektüre mit „Vilhelms Zimmer“. Stilistisch und formal erinnert mich Ørstavik Schreibweise stark an Ditlevsens, doch „bleib bei mir“ ist für mich wesentlich leichter zugänglich. Die Ähnlichkeit sehe ich vielmehr in der Art, Gedanken und Gefühle fragmentarisch mit der erzählten Realität zu verschmelzen.

Auch Ørstavik Roman ist jetzt vielleicht keine einfache, leichtgängige Lektüre, aber eine die tiefer hinter die Mechanismen von disfunktionalen Beziehungen blickt und immer mit einem zärtlichen Auge auf unseren Schwächen und unserer Sehnsucht nach Liebe blickt.

„Ich habe nicht, niemals, geglaubt, dass jemand mich lieben könnte.“

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Veröffentlicht am 17.12.2024

Die Geschichte ist mir schwer gefallen

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In ihrer Herkunftsfamilie gab es keine Liebkosungen oder Zärtlichkeiten. Mama hielt Papa für sentimental, lächerlich und mitleiderregend, hatte aber Todesangst vor ihm, sie alle hatten Angst. Seine Wutanfälle ...

In ihrer Herkunftsfamilie gab es keine Liebkosungen oder Zärtlichkeiten. Mama hielt Papa für sentimental, lächerlich und mitleiderregend, hatte aber Todesangst vor ihm, sie alle hatten Angst. Seine Wutanfälle kamen einfach, wenn jemand ein Glas umwarf oder eine Freundin anrief, während sie beim Essen waren.

Sie fühlte keine Liebe in sich, ahmte nur nach, was sie in Filmen gesehen hatte. Ihr Ex-Mann verließ sie nach zwölf Jahren, weil es liebevollere Frauen gäbe. Er ist der Vater ihrer Tochter. Zehn Jahre später lernte sie den Verleger L. kennen. In seiner liebevollen, aufmerksamen Gegenwart fand sie Ruhe. Sie waren fünf Jahre zusammen, als er starb.

Jetzt gibt es keine Augen mehr, die sie sehen, wie er sie gesehen hat. S. 12

Und gerade als sie genug Vertrauen für den Rest ihres Lebens atmen konnte, verschwand er.

Kurz vor Ls Tod hatte sie angefangen, für ihr neues Buch einige Sätze aufzuschreiben, aber dann fehlten ihr die Worte. Sie lernt M. kennen und plötzlich kommen ihr Judith und Myrto in den Sinn, zwei Charaktere, die sie in ihren Roman einfließen lässt. Noch während sie mithilfe ihrer Protagonist*innen den Verlust Ls zu verarbeiten versucht, gestaltet sich die Beziehung zu M. schwierig. Die Unberechenbarkeit Ms, seine Wut, gepaart mit seiner Präsenz katapultieren die Autorin zurück in ihre Kindheit und lassen sie sich ihrer eigenen Identität annähern. Was hält Liebe aus? Welche Beziehungsmuster haben wir selbst internalisiert? Und können wir eigene traumatische Erfahrungen in etwas „Gutes“ verwandeln?

Fazit: Ich habe mich gefragt, ob es mir zusteht, eine hochgelobte Autorin zu kritisieren und glaube, dass es richtig ist, meinen ehrlichen Eindruck nach außen zu tragen, dennoch fühle ich mich unwohl. Ich muss gestehen, dass Hanne Ørstavik es mir nicht leicht gemacht hat. Zuerst fiel es mir schwer, die Eindrücke der Autorin von denen ihrer Protagonistin zu unterscheiden. Ich fand das Beziehungsgeflecht zwischen M. und ihr nicht optimal gezeigt, ihre Abhängigkeit nicht einleuchtend, ihre Angst, einzig aus ihrer Konditionierung durch den Vater erklärbar, nicht durch die Gefährlichkeit Ms. Sie ist unabhängig, bewegt sich sicher durch die Welt. Verschwindet für einige Tage bis Wochen, warum hätte sie in eine Beziehung zurückkehren sollen, unter der sie so leidet? Mir fehlte ein stringenter Faden, dem ich hätte folgen wollen. Wirklich übergriffig fand ich sie bei dem MDMA-Tripp, weil sie sich als Therapeutin aufgespielt hat. Unter dem Deckmantel, ihm helfen zu wollen, hat sie ihn letztendlich dazu benutzt, ihren eigenen Vater zu verstehen. Ganz gruselig fand ich das Zitieren von „Enquist“, der in seinem Buch der Gleichnisse offenbar von einer Initialisierung durch eine fünfzigjährige sprach, die ihn in die Welt der Liebe einführte, als er selbst fünfzehn war. Man muss heute das Machtgefälle eines sexuellen Missbrauchs nicht mehr romantisieren, auch nicht, wenn er von einer Frau verübt wird. Was mochte ich eigentlich. Mir hat die Idee einer fiktiven Geschichte in einer fiktiven Geschichte gefallen, die sich wie der Blick in ein Kaleidoskop entfaltet. Ich mochte die nachdenkliche Stimmfarbe, den Versuch, etwas Unverständliches wie das eigene Innenleben zu analysieren und für sich selbst verständlich zu machen. Ich denke, es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als ein anderes Buch der Autorin zu lesen.

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