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Veröffentlicht am 25.03.2026

Dystopisches Highlight

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Von diesem Roman hatte ich über die englische Ausgabe schon einige positive Stimmen gelesen und ich habe mich wahnsinnig gefreut, als er jetzt auf Deutsch erschienen ist. Und meine Stimme wird sich jetzt ...

Von diesem Roman hatte ich über die englische Ausgabe schon einige positive Stimmen gelesen und ich habe mich wahnsinnig gefreut, als er jetzt auf Deutsch erschienen ist. Und meine Stimme wird sich jetzt auch positiv über den Roman äußern. Sogar sehr positiv, denn der Roman war ein Highlight für mich.

Geschrieben hat ihn die belgische Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Jacqueline Harpman bereits 1995 und er wurde unter dem Titel „I Who Have Never Known Men“ 2025 in den USA als BookTok-Sensation wiederentdeckt. Kein Wunder, der Roman hat alles, was es braucht, um seine Leserschaft zu fesseln: Er ist ungeheuer spannend, düster und traurig und macht dich existenziell nachdenklich. Perfekte Zutaten für gelungene Literatur.

Mich spricht natürlich auch besonders das dystopische Setting an. Die Ich-Erzählerin lebt zusammen mit 39 anderen weiblichen Gefangenen seit Jahren in einem unterirdischen Gefängnis. Sie ist die jüngste unter ihnen und kann sich, anders als die anderen gefangenen Frauen nicht an ihr Leben davor erinnern. Sie kennt die Welt von früher nur aus den Erzählungen der anderen. Sie selbst kennt nur die Welt und die Routinen des Gefängnisses.

Die Erzählerin und die anderen Frauen haben keine Ahnung, warum sie schon seit Jahren von sechs Wächtern bewacht gefangen gehalten werden. Auch ich als Leserin bekomme keine Hinweise, werde genauso im Dunkeln gehalten wie die Frauen und teile mit ihnen das Gefühl der Sinnlosigkeit.
Die Erzählerin wächst mit diesem Gefühl der Sinnlosigkeit auf. Ihr Leben kennt keinen Tag oder Nacht, kein Ziel oder Daseinsberechtigung. Für Essen wird, wenn auch knapp, gesorgt, die Frauen müssen nicht arbeiten oder Aufgaben erfüllen.

„Die Vergeblichkeit aller Mühen ließ unseren Geist nach und nach verkümmern.“

Als die Erzählerin beginnt, ihre Herzschläge zu zählen, hat sie zum ersten Mal ein Ziel und eine Zeitorientierung.
Der große Einschnitt sowohl im Leben der jungen Frau als auch im Roman passiert, als im unterirdischen Gefängnis ein Alarm ertönt und sich die Türen öffnen. Alle Wächter sind verschwunden, scheinbar sind sie überstürzt aufgebrochen.
Die Frauen setzen zum ersten Mal seit Langem wieder einen Fuß nach oben und in die Freiheit.

„Wir waren frei.
In Wahrheit hatten wir nur das Gefängnis gewechselt.“

Denn die Frauen stellen schnell fest: Sie sind alleine. Es ist sonst niemand da.

Harpman erzählt, was die Frauen nach dem Ende ihrer Gefangenschaft erleben und wie sich ihre Gefühle entwickeln. Dabei unterscheiden sich die Gefühle und Gedanken der Erzählerin von denen der anderen Frauen, da sie nie ein anderes Leben als das im Keller kennengelernt hatte. Sie trauert keiner Familie nach, keinen Männern, mit denen sie eine Beziehung hätte führen können und auch keinen zivilisatorischen Annehmlichkeiten.

Und so vergehen die Jahre…

Mir gefällt es unglaublich gut, dass Harpman die Geschichte auf einen so langen Zeitraum anlegt. Die einleitende Rahmenhandlung hat klargemacht, dass das was ich lese, der Bericht einer älteren Überlebenden ist. Es ist die Lebensgeschichte der Erzählerin.

Das was mich an dem Roman am meisten fesselt, ist die unglaubliche Atmosphäre, die Harpman kreiert und die so fühlbar ist, wie ich es selten in Romanen erlebe. Es ist eine düstere Atmosphäre, die von Einsamkeit und Sinnlosigkeit zeugt. Von Lebensjahren voller enttäuschter Hoffnung und einer Zwecklosigkeit, die dir jeden Lebenswillen raubt. Der Roman bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was mein eigener Antrieb im Leben ist.

Wenn du literarische dystopische Romane wie „Station Eleven“ von Emily St. John Mandel oder „Die Nichtswürdigen“ von Agustina Bazterrica mochtest, ist der Roman auf jeden Fall ein Must Read für dich!

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Emotional und wunderbar

Das schönste aller Leben
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Bei Romanen, die auf zwei oder mehreren verschiedenen Zeitebenen spielen und Gegenwart und Vergangenheit oft thematisch miteinander verbinden, bin ich oft skeptisch. Zweifellos sind beispielsweise „Unbeugsam ...

Bei Romanen, die auf zwei oder mehreren verschiedenen Zeitebenen spielen und Gegenwart und Vergangenheit oft thematisch miteinander verbinden, bin ich oft skeptisch. Zweifellos sind beispielsweise „Unbeugsam wie die See“ oder auch „Die Riesinnen“ wunderschön erzählte Romane, mir waren aber die Figuren und Geschichten zu flach, und sie waren (mutmaßlich) an eine Leserschaft adressiert, der scheinbar nur positive Plotverläufe zuzumuten sind.
Bei „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras empfand ich das anders und er war für mich einer der schönsten und mitreißendsten Romane dieser Art in der letzten Zeit.

Sie wählt für ihre Erzählebene der Gegenwart eine Protagonistin, mit der ich mich gut identifizieren kann. Vio ist eine junge Mutter und fürchterlich geplagt von Schuldgefühlen, seit sich ihre kleine Tochter bei einem Unfall im Gesicht verbrüht hat. Die sichtbaren Narben der Kleinen erinnern Vio immer wieder daran, dass es ihre Tochter in unserer auf Oberflächlichkeit und makellose Schönheit fokussierten Gesellschaft vermutlich schwerer haben wird.
Etwas, das sie auf keinen Fall für ihre Tochter wollte, denn mit Ausgrenzung und schwierigeren Startbedingungen hat Vio als aus Rumänien eingewandertes Kind selbst Erfahrungen gemacht.

In Rückblicken kann ich von Vios Kindheit und ihrer schwierige Jugend lesen, in der Anpassung und Äußerlichkeiten schon immer eine essentielle Rolle spielten.

Auf der zweiten Zeitebene erzählt Boras die Geschichte von Theresia, die im 18. Jahrhundert in der Nähe von Wien nach dem frühen Tod ihrer Mutter in einer Ziehfamilie aufwächst. Als uneheliches Kind hat sie einen schweren Stand, und später als junge Frau sind ihre Optionen begrenzt. Ihre Schönheit und Intelligenz scheinen ihr weitere Türen zu öffnen, doch letztendlich wird das patriarchale System dafür sorgen, dass sie einen hohen Preis für ihre Wirkung auf Männer zahlen muss.

Die Geschichten beider Frauen und der Müttern und Töchtern vor und nach ihnen haben mich sehr mitgenommen und bewegt. Das liegt auf der einen Seite an Boras wunderbarem Erzählstil, der es mir leicht macht, vollständig in den Roman einzutauchen und auf der anderen Seite an der Universalität dieser Frauenschicksale. Theresias Erlebnisse im Arbeitslager im rumänischen Banat beruhen auf historischen Tatsachen, und auch Vios Erfahrungen, die sie und ihre Eltern als Migrantinnen in Deutschland machen, sind leider nicht einzigartig.

Mir gefällt es auch sehr, sehr gut, dass Boras das Thema „Schönheit“ und das Pretty Privileg, das heute damit einhergeht, zum roten Faden in ihrem Roman macht. Sie zeigt verschiedene Facetten, wie unser Aussehen unser ganzes Leben beeinflussen kann und wie sehr Frauen
dadurch determiniert werden. Ganz wunderbar auch die Verknüpfung dann mit dem generationenübergreifenden Thema Mutterschaft, das mich persönlich komplett abgeholt und sehr berührt hat.

Ich finde, Betty Boras hat mit „Das schönste aller Leben“ einen ganz, ganz wunderbaren Roman, der Spannung, Emotion und Literatur aufs trefflichste miteinander verbindet, geschrieben.
Ich hoffe sehr, dass noch weitere folgen werden!

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Mehr als ein spannender Reisebericht

Wasser, Felsen, Wut
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Ich lese Reiseberichte aller Art wirklich unglaublich gerne. Und am liebsten natürlich abenteuerliche Outdoor-Reiseberichte von Frauen, die sich richtig was trauen.
Sara Pütter ist so eine Frau und ihr ...

Ich lese Reiseberichte aller Art wirklich unglaublich gerne. Und am liebsten natürlich abenteuerliche Outdoor-Reiseberichte von Frauen, die sich richtig was trauen.
Sara Pütter ist so eine Frau und ihr Reisebericht „Wasser, Felsen, Wut“ trägt den vielversprechenden Untertitel „Mein Weg zu mir durch Kanadas Wildnis“. Pütters Geschichte ist nämlich nicht nur ein Reisebericht, sondern auch die Geschichte einer persönlichen Entwicklung.

Pütter steht nach ihrem Studium ganz am Anfang ihres Berufslebens und fühlt sich zunehmend frustriert von den verkrusteten Strukturen unserer unflexiblen Gesellschaft. Die klassische Arbeitswelt mit ihren starren Arbeitszeiten und Hierarchien lässt ihr wenig Raum für Kreativität und Weiterentwicklung. Und auch nicht für Abenteuer.

Pütters Schwester ist schon als kleines Kind gestorben und das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens hat sich bei ihr früh eingeprägt.

„Ich habe meine Kindheit überlebt, und deshalb muss ich immer weiterkämpfen, darf niemals aufgeben und muss meine Talente so gut wie möglich nutzen. Das ist meine Bürde und meine Bestimmung.“

Pütter kauft ein One-Way Ticket nach Vancouver und lässt alles hinter sich. Sie möchte Freiheit und Abenteuer.
Auf ihrer Reise durch Kanada schließt sie überraschende Freundschaften, aber macht auch unangenehme Bekanntschaften. Mit Männern.

Sie lernt den wesentlich älteren Jack kennen, einen schweigsamen und erfahrenen Wildnisgänger und Jäger, und beginnt eine Beziehung mit ihm. Als er ihr anbietet ihn und seinen Neffen auf einen längeren Trip durch die Wildnis British Columbias zu begleiten, sagt sie zu.

Die Beschreibungen des sich anschließenden Outdoor-Abenteuers haben mir unheimlich gut gefallen und ich bin Pütter aufgeregt in die Natur gefolgt. Pütter erzählt von den Details und Schwierigkeiten der Reise genauso wie von den Dynamiken in der Beziehung zwischen ihr und den beiden Männern, die sie begleitet. Und sie erzählt natürlich von der unendlichen Weite der unberührten Natur, in der sie sich bewegen und deren Elementen sie völlig ausgeliefert sind.
Pütter realisiert außerdem, dass sie nicht nur der Natur völlig ausgesetzt ist, auch von Jack ist sie völlig abhängig, was für ein ungleiches Machtverhältnis in der kleinen Gruppe sorgt.

Pütter, die heute als freiberufliche Künstlerin, Illustratorin und Grafikdesignerin arbeitet, schreibt in ihrem Buch sehr ehrlich über ihre Gefühle, über die Beziehung zu Jack und was die Reise für ihre persönliche Entwicklung bedeutete.

Ich bin dankbar, dass Pütter ihre Geschichte aufgeschrieben hat und mich so daran teilhaben ließ. Ich habe die abenteuerlichen Leseauszeiten, die mir das Buch geschenkt hat, sehr genossen.
Wenn du auch gerne autobiographische Reiseberichte liest, ist „Wasser, Felsen, Wut“ auf jeden Fall eine Empfehlung für dich.

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Veröffentlicht am 18.03.2026

Ein spannendes und vielversprechendes Debüt!

Spielverderberin
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Erst dachte ich, „Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein typischer Roman über drei junge Frauen, deren Freundschaft mit dem Erwachsenwerden kompliziert wird.
Und in deren Vergangenheit, wie der Klappentext ...

Erst dachte ich, „Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein typischer Roman über drei junge Frauen, deren Freundschaft mit dem Erwachsenwerden kompliziert wird.
Und in deren Vergangenheit, wie der Klappentext raunend anteasert, ein dunkles Geheimnis schlummert…
Aber Marie Menke überrascht und bezaubert mich mit ihrem Debüt: der Roman hat all das und verhandelt noch so viel mehr.

Die drei Freundinnen Lotte, Romy und die Ich-Erzählerin Sophie wachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen auf dem Land auf. Doch auch dort sind einige gutbürgerlicher als andere. Sophie ist schon als Jugendliche klar, dass Romy mit ihren reichen Eltern, die aus der Großstadt aufs Land gezogen sind, über ganz andere Zukunftsperspektiven verfügen kann, als sie selbst.
Menke erzählt den Roman auf verschiedenen Zeitebenen, die sie gekonnt überlappen und ineinander greifen lässt. Eine Konstruktion, die mir sehr gut gefällt und die eine ungeheure Spannung erzeugt.

Auf der Jetzt-Erzählebene studiert Sophie mittlerweile Lehramt in Köln und hat einen Freund aus Berlin. Romy ist verschwunden und kann nur noch auf Instagram bei ihren Abenteuern und Reisen beobachtet werden.
Es gibt viele subtile und weniger subtile Andeutungen auf einen Bruch in der Beziehung der drei jungen Frauen. Und warum hat Lotte, mit der die Erzählerin mittlerweile in einer WG wohnt, Schrauben im Kopf? Ein vergangener Unfall oder ein Ereignis, das die Erzählerin merklich belastet, liegt immer zwischen den Zeilen, wird aber erst ganz am Schluss enthüllt.

Auf der Vergangenheitserzählebenen erfahre ich mehr über die Dynamiken in der Freundschaft zwischen Sophie, Lotte und Romy. Während sie zu dritt selten Zeit verbringen, sind die Zweierkonstellationen immer von der jeweils abwesenden Dritten überschattet und geprägt. Lotte ist psychisch labil und muss vor den Abiturprüfungen stationär in eine Klinik.
Die Erzählerin selbst fühlt sich zu Romy hingezogen und schwankt ständig zwischen Bewunderung und Neid, auf das was Romy verkörpert und für sie selbst unerreichbar zu sein scheint. Für Romy scheint, anders als für die Erzählerin, nach dem Abitur die ganze Welt offen zu stehen. Sophie überlegt, ob sie statt eines Studiums nicht doch lieber eine Ausbildung im Ort machen soll und wie ihre Cousine auf ein Einfamilienhäuschen hinarbeiten will. Sicherheit statt Abenteuer?

Und zwischen dem erzählten Früher und dem Jetzt steht jene verhängnisvolle Nacht, die alles verändert hat…

Ja, das finde ich ziemlich spannend und gefällt mir sehr, sehr gut. Noch besser gefallen mir aber die gesellschaftlichen Themen, die Menke in ihren Roman verarbeitet, weil es auch Themen sind, die meinen Lebensweg immer begleitet haben. Immer wieder stößt Menkes Erzählerin Sophie auf die Frage, wie sehr ihr Aufwachsen auf dem Land sie geprägt hat und wie sich ihre Erlebnisse von denen eines Stadtmenschen unterscheiden. Besonders deutlich werden diese Unterschiede in Sophies Interaktion mit ihrem Berliner Freund Milan, der die jeweiligen Vorurteile offenlegt. Auch das Thema Klasse spielt unterschwellig immer eine Rolle. Herkunft und Familie prägen Menkes Figuren, obwohl die äußerlich wahrnehmbaren Unterschiede gering sind. Es sind nicht nur die finanziellen Mittel, die für die Vielfalt der Zukunftsperspektiven entscheidend sind, sondern auch die Vorstellungskraft, die einen anderen Lebensweg als den der Eltern und des Umfeldes überhaupt erst in Betracht ziehen lässt.

Ebenfalls besonders gut gelungen finde ich die Innenwelt der Ich-Erzählerin, die zwischen Schuldgefühlen, eigenen Träumen und Zukunftsängsten ihre eigene Identität noch nicht gefunden hat. Was sieht sie in ihren gegensätzlichen Freundinnen Lotte und Romy?

Ich fand „Spielverderberin“ unheimlich spannend und mit genügend Tiefgang erzählt. Und der tolle Aufbau und die Konstruktion machen den ersten Roman von Marie Menke zu einem besonders vielversprechenden Debüt.

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Veröffentlicht am 18.03.2026

Mitreißend und stark!

Gelbe Monster
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Es gibt nicht mehr sooo viele Tabus in der zeitgenössischen Literatur. Gerade Frauen haben in den letzten Jahrzehnten viele Gefühlslagen und Lebenssituationen intensiv literarisch exploriert, die somit ...

Es gibt nicht mehr sooo viele Tabus in der zeitgenössischen Literatur. Gerade Frauen haben in den letzten Jahrzehnten viele Gefühlslagen und Lebenssituationen intensiv literarisch exploriert, die somit endlich Teil eines öffentlichen Diskurses geworden sind. Dennoch gibt es noch viele Bereiche, in denen es starken Nachholbedarf gibt. Und es gibt blinde Flecken, die selbst von Feministinnen oft ausgespart werden.
Ich rede von weiblicher Gewalt. Und hiermit meine ich nicht den mittlerweile häufiger zu findende „female rage“, unter dem ich einen endlich entfesselten weiblichen Furor gegen patriarchale Ungerechtigkeiten und Unterdrückung verstehe. 
Nein, was Clara Leinemann in „Gelbe Monster“ mit ihrer Protagonistin Charlie beschreibt, ist unzweifelhaft gewalttätiges und toxisches Verhalten.
Deswegen muss Charlie jetzt auch zum Antiaggressionstraining für Frauen. Was genau vorgefallen ist, wird erst nach und nach im Laufe des Romans enthüllt. Doch es ist klar, dass es etwas mit Charlies (Ex-?) Freund zu tun haben muss. Es gab einen Vorfall.
Seitdem wohnt Charlie bei ihrer Freundin Ella, die nicht mehr gut auf sie zu sprechen ist, und bemüht sich neben dem Antiaggressionstraining um einen Therapieplatz.

„Charlie googelt “schlechter Mensch”, das Internet sagt: Einen schlechten Menschen erkennt man an fehlender Empathie, manipulativem Verhalten, aggressivem Verhalten, mangelnder Verantwortungsbereitschaft und fehlenden moralischen Werten.“

In Rückblicken erfahre ich mehr über die Beziehung zwischen Charlie und Valentin. Ich kann lesen, wie sie zusammengekommen sind und wie Charlie eine immer stärkere Eifersucht und größeren Liebeshunger entwickelt. Es wird klar, dass Charlies ihr Selbstwertgefühl und ihre Wertigkeit komplett an die Beziehung zu Valentin koppelt. Das bringt sie dazu, als Pick-me Girl ohne eigene Bedürfnisse zu agieren, in Kombination mit emotionaler Erpressung als Kontrollmechanismus.
Valentin ist diesen Manipulationen nicht gewachsen und versucht die Beziehung zu beenden. Da muss Charlie zu härteren Methoden greifen, um sich seiner „Liebe“ zu versichern…

„Gelbe Monster“ war ein mega Highlight für mich, und zwar aus sehr persönlichen und für mich beschämenden Gründen. Ich konnte Charlies Gefühle sehr gut nachvollziehen und mich mit ihr ziemlich gut identifizieren. Ich habe schon sehr lange für mich erkannt, dass mein Verhalten sehr oft impulsgesteuert ist und dass ich daran arbeiten muss. Das ist ein mühsamer und langwieriger Prozess, der aber unbedingt notwendig ist. Charlie steht noch ganz am Anfang dieser Entwicklung, die Leinemann sehr authentisch beschreibt.

Mich haben besonders die ganz kleinen Szenen berührt, in denen Leinemann vorsichtig andeutet, woher die große Störung in Charlies Selbstwert kommen könnte.

Sehr gut hat mir auch die Gruppe der Frauen rund um das Antiaggressionstraining gefallen. An den verschiedenen Geschichten zeigt Leinemann, was der Unterschied zwischen einer mit Gewalt gezogenen Grenze zum Selbstschutz ist und der reinen Kontrollausübung mit Gewalt. Leinemann arbeitet meiner Lesart nach heraus, dass die Zwänge und Abhängigkeiten, denen Frauen
im Patriarchat unterworfen sind, keine Rechtfertigung für gewalttätiges Verhalten sein können. Dass die Geschlechterrollen in ihrem Roman im Gegensatz zu den statistischen Zahlen zu Partnerschaftsgewalt vertauscht sind, unterstreicht diese Lesart.
Leinemann, die bereits für ihr Theaterstück „Buddeln“ ausgezeichnet wurde und mehrere Stipendien für ihre Arbeit erhielt, verpackt ihr Thema in einem mitreißenden und starken Debütroman, der mich emotional sehr abgeholt hat.

Bitte mehr davon! 

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