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Veröffentlicht am 07.04.2026

Literarische Trauerarbeit

Mein Bruder Wolf
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In diesem Roman geht es intensiv um die Trauerbewältigung nach einem Suizid. Der jüngere Bruder Wolf der Ich-Erzählerin Lara verschwindet plötzlich mit 18 Jahren. Sechs Monate später wird in einem Wald ...

In diesem Roman geht es intensiv um die Trauerbewältigung nach einem Suizid. Der jüngere Bruder Wolf der Ich-Erzählerin Lara verschwindet plötzlich mit 18 Jahren. Sechs Monate später wird in einem Wald ganz im Norden Skandinaviens zufällig seine Leiche gefunden. Er hat sich das Leben genommen. Bei ihm wird ein Notizbuch gefunden, in dem er seine letzte Reise in den Norden und seine Pläne dokumentiert hatte.

Die Erzählerin ist, genauso wie ihre anderen Geschwister und ihre Eltern, von dem Verlust tief getroffen und quält sich mit Erklärungsversuchen und Schuldvorwürfen. Warum hat Wolf sich entschlossen, das Leben nach so wenigen Jahren wieder zu verlassen? Wie können sie ihrer Trauer gerecht werden?

In dem autobiografisch grundierten Roman lässt die Schriftstellerin Lara Taveirne ihre Erzählerin, die Schriftstellerin Lara, weit zurückgehen in ihrer Familiengeschichte. Sie erinnert sich a die Geburt von Wolf, dem jüngsten von fünf Geschwistern. Somit ist „Mein Bruder Wolf“ nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Trauer um einen geliebten Menschen, sondern auch ein Festhalten von einzelnen Erinnerungsstücken und gemeinsamen Momenten voller Leben.

Die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Notizbuch zeigen mir einen intelligenten jungen Mann, der sich nach Sinn und Bedeutung in seinem Leben sehnt, wie die Männer, die er aus den Geschichten von Jack Kerouac und Jon Krakauer kennt.

„Wenn ich doch nur in einer Geschichte herumliefe, dann würde wenigstens jemand zusehen. Der unstillbare Hunger nach Aufmerksamkeit endlich gestillt.“

Mich berühren gerade diese Tagebucheinträge, weil auch sie keine echte nachvollziehbare Antwort auf das „Warum“ geben.

“Mein Bruder Wolf”, der erst teilweise in Versform entstanden ist und erst später in Prosa überführt wurde, wie Taveirne in einem Interview mit Eichborn verrät, trägt noch viele Spuren seiner Entstehungsgeschichte in sich. Taveirnes Erzählstil ist poetisch und intim. Sie lässt uns nicht nur am Schreibprozess des Romans im Roman teilhaben, sie teilt mit ihren Leser*innen auch die Erinnerungen an den Bruder Wolf.

Ja, „Mein Bruder Wolf“ ist ein trauriges Buch, aber es erschlägt mich keinesfalls mit Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, sondern bestärkt meinen Glauben an die Kraft des Erzählens.

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Aktuell und aufregend

Bitch Hunt
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Schon letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse wurde ich am Stand des Verbrecher Verlags auf das neue Sachbuch von Veronika Kracher aufmerksam gemacht und wusste, dass ich es unbedingt lesen will. Als ...

Schon letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse wurde ich am Stand des Verbrecher Verlags auf das neue Sachbuch von Veronika Kracher aufmerksam gemacht und wusste, dass ich es unbedingt lesen will. Als Feministin beschäftigt mich die Gewalt, der Frauen* im digitalen Räumen ausgesetzt sind, sehr.
Der Fall Collien Fernandesz ist nur ein prominentes Beispiel dafür, wie Männer sich digital an Frauen vergehen. Geschlechtsspezifische Shitstorms, Beleidigungen und Bedrohungen sind für Frauen, die analog und digital präsent sind, wie Influencerinnen und Politikerinnen, an der Tagesordnung. Ich selbst habe mich explizit gegen die Nennung meines Namens und meines Geschlechts bei der Erstellung meines ersten öffentlichen Social Media Profils entschieden.

Ich habe Angst, dass wir uns zunehmend aus diesen digitalen Räumen zurückziehen und unsere Möglichkeiten der Mitgestaltung in Netz immer geringer werden.
Zu Recht, wie mir das Buch von Veronika Kracher leider bestätigt.

„Letztendlich geht es in diesem Buch um eine ganz simple Frage:
Wieso verhalten wir uns im Internet Frauen gegenüber eigentlich so scheiße? Die Antwort darauf ist, wie so vieles, dann doch ziemlich komplex.“

Das Schöne an Krachers Buch ist, dass sie versucht, diese komplexe Antwort möglichst zugänglich und ja, auch unterhaltsam, aufzudröseln. Sie beginnt mit einer ausführlichen Hinführung und Erklärung der Zusammenhänge des “Misogynist Slop Ecosystems”. Damit wird das weitverzweigte Netzwerk aus Online-Inhalten, Influencern und Social Media Plattformen, die durch aggressive Frauenfeindlichkeit, Hassrede und die gezielte Abwertung von Frauen Gewinne erzielen, bezeichnet.
Auch auf die Enstehung und die Auswirkungen des „Gamergates“ geht Kracher detailiert ein. Einiges war mir schon aus “NERD GIRL MAGIC” von Simoné Goldschmidt-Lechner bekannt, das auch von Kracher referenziert wird.

Besonders interessant war für mich das Kapitel mith Krachers Analyse des Falls Ambers Heard vs. Johnny Depp. Bestimmt sind auch dir einige Details der von der Presse stark ausgeschlachteten Prozesse nicht entgangen. Vielleicht denkst du jetzt, dass dieser öffentliche „Rosenkrieg“ zweier Promis auf dem absteigenden Ast gar nichts mit dir oder nur wenig mit Feminismus zu hat. Ich denke, dass gerade solche prominenten Beispiele zeigen, in welchen Zustand unsere Gesellschaft gerade ist.
Kracher hat den Fall über lange Zeit intensiv verfolgt und in „Bitch Hunt“ für uns aufbereitet und analysiert.

Kracher schreibt wissenschaftlich und bereichert ihre Analysen stellenweise mit ihren persönlichen Erfahrungen als progressive FLINTA im Netz. Auch sie selbst war schon massiven Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt und ich bewundere ihre Kraft und ihren Mut, sich dem weiterhin zu stellen.

Gegen Ende des Buches kritisiert Kracher das Bedürfnis gerade der feministischen, linken Szene, die „eigene Blase so widerspruchsfrei und moralisch rein wie möglich zu halten“. Ein Mechanismus, den ich auch auf Bookstagram in wiederkehrenden Zyklen immer wieder beobachte.

“Dieser permanente und autoritäre Internet-linke Circle Jerk ist meines Erachtens Umgang mit der gesellschaftlichen Ohnmachtserfahrung: Es ist einfacher, innerhalb der eigenen Community Sanktionen auszuüben und dadurch ein - wenn auch verfremdetes - Gefühl von Ermächtigung zu erfahren, als den komplizierten Weg politischer Organisation zu gehen.”

„Bitch Hunt“ war für mich auf jeden Fall ein Must Read und es hat mich sehr gefreut, wie konkret Kracher ihre Analysen auf den Punkt bringt. Und auch, wie spannend und aufregend (in jeder Hinsicht) sich das Buch liest. Deswegen würde ich sagen, dass „Bitch Hunt“ für alle Lesenden mit aber auch ohne feministische Agenda eine große Empfehlung ist!

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Ein verlassenes Haus

Ein verlassenes Haus
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Das Cover von „Ein verlassenes Haus“ sticht mir sofort ins Auge. Ich liebe die kontrastreiche und farbige Gestaltung und die wie bei Kremayr & Scheriau immer hochwertige Buchausgabe.
Der Roman ist der ...

Das Cover von „Ein verlassenes Haus“ sticht mir sofort ins Auge. Ich liebe die kontrastreiche und farbige Gestaltung und die wie bei Kremayr & Scheriau immer hochwertige Buchausgabe.
Der Roman ist der Debütroman der Wahlhamburger Schriftstellerin Lisa Wölfl. Für ihren ersten Roman hat sie eine Ich-Erzählerin gewählt, die sonst nicht besonders viel Aufmerksamkeit bekommt. Das liegt zum einen an ihrem Alter, denn Frauen um die fünfzig bekommen in der Öffentlichkeit, in Filmen und auch in Romanen nur noch wenig Screentime. Zum anderen liegt es an ihren Lebensbedingungen, die zwar prekär, aber noch innerhalb einer gesellschaftlichen Teilhabe sind. Obwohl Sonja neben der Kindererziehung und dem Haushalt im Einzelhandel arbeitet und ihr Mann oft Doppelschichten schiebt, ist das Geld immer knapp.
Ein anstrengendes Leben immer am Limit, dennoch möchte Sonja mit niemanden tauschen, denn sie liebt ihren Mann und ihre Kinder. Oder? Manchmal wünscht sie sich ein ganz anderes Leben. Zum Beispiel das ihrer kinderlosen Schwester Gabi, die einen reichen Mann geheiratet hat und keine Geldsorgen hat. Sonja fühlt sich abgearbeitet und ausgelaugt.

„Mein Körper ist ein verlassenes Haus und ich könnte die Wände bemalen, die Löcher stopfen, aber was bringt das, wenn die Struktur fault?“

Die Lebenssituation der Erzählerin verschlechtert sich immens, als sie ihren Job verliert und bei ihrem jüngeren Sohn Sebastian Diabetes Typ 1 festgestellt wird. Sonja muss seinen Gesundheitszustand und seinen Insulinspiegel jetzt konsequent überwachen und fühlt sich durch diese zusätzliche Verantwortung sehr belastet.
Als ihr eine Freundin aus der Vergangenheit eine unkomplizierte, aber moralisch fragwürdige Möglichkeit vorschlägt, von zu Hause aus und nebenbei Geld zu verdienen, zögert Sonja nur kurz.
Doch diese Nebentätigkeit stößt bei der Erzählerin Entwicklungen an, die die ganze Familie beeinflussen wird.

Mir hat das Thema in der Kurzbeschreibung sofort angesprochen. Der zusätzliche Betreuungs- und Pflegeaufwand, den eine Diabetes- (oder eine andere) Erkrankung eines Kindes bedeutet, wird meistens von Frauen aufgefangen, und gesellschaftlich kaum gesehen, geschweige denn honoriert.

Ich finde, Lisa Wölfl hat mit ihrer Erzählerin Sonja gut die Erschöpfung und Überforderung eingefangen, die entsteht, weil sie seit Jahren immense Kraft aufwenden muss, um die Familie unter prekären Bedingungen zusammenzuhalten.

„Ich liebe ihn wie mich selbst: vielleicht zu wenig, um das alles auf die Dauer auszu-halten.“

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, fand aber die Psychologie der Figuren nicht immer nachvollziehbar ausgearbeitet. Gerade Sonjas Beziehung zu ihrem Mann fühlte sich für mich nicht immer stimmig an. Das verursachte bei mir beim Lesen so ein bisschen Dissonanz, die mich aber nicht sehr gestört hat.
Sehr schön fand ich auch die Spannung, die Wölfl gegen Ende des Romans aufkommen lässt, die in einem, wie ich fand, gelungenen Schluss endet.

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Eindringlicher und fesselnder Roman

Sicheres Haus
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Nach dem Beenden dieses Romans hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Ladas Geschichte, die sie sich selbst aus dem Gefängnis heraus erzählt und somit auch mir, hat mich sehr bewegt und unendlich traurig ...

Nach dem Beenden dieses Romans hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Ladas Geschichte, die sie sich selbst aus dem Gefängnis heraus erzählt und somit auch mir, hat mich sehr bewegt und unendlich traurig gemacht.
Denn Lada erlebt in ihrer Ehe viele Jahre partnerschaftliche Gewalt und sie ist nicht in der Lage, sich zu trennen. Das ist die Geschichte vieler Frauen und sie finden in zu vielen Fällen ein gewaltsames Ende. Die Zahl an Femiziden ist in Kroatien, dem Heimatland der Autorin Vujčić, so hoch, dass das Land den Femizid als eigenständigen Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen hat. Anders als bis jetzt in Deutschland.
Doch in „Sicheres Haus“ verhindert Lada ihren Femizid, indem sie ihren Mann in Notwehr tötet. Dafür sitzt sie jetzt mehrere Jahre im Gefängnis und kann ihre kleine Tochter nicht aufwachsen sehen.
Ihre Mutter und ihre Schwester haben sich angesichts dieser ungeheuerlichen Tat von ihr abgewendet.

„Normalerweise ist die Frau das Opfer, aber sie ist nur dann das Opfer, wenn sie tot ist.“

Vujčić arbeitet diese Ungeheuerlichkeit deutlich heraus. Lada wird von der Gesellschaft, ihrer Familie und letztendlich auch vom Gericht dafür verurteilt, dass ihre Geschichte nicht wie üblich geendet hat und ihr Mann, ein angesehener Universitätsprofessor, jetzt tot ist.

Auch Lada selbst empfindet ungeheurer Schuldgefühle und geht in Gedanken in ihrer Ehe zurück, an den Beginn der Gewalt.

Was als Liebesgeschichte begann, wird schnell zu einer Beziehung, in der nur noch einer Kontrolle und Macht ausüben kann. Am Anfang ist es nur die Kleidung, die Lada nicht mehr selbstständig auswählen darf, später gibt sie ihren Beruf auf, der ihrem Mann Grund für Eifersucht gibt. Wenn Lada sich nicht den Wünschen ihres Partners fügt, verleiht er seinen Worten auch mit körperlicher Gewalt Nachdruck. Mehrmals versucht Lada, ihn zu verlassen, aber niemand glaubt ihr, dass hinter dem freundlichen Gesicht des Professors auch ganz andere Seiten stecken.
Mit dreisten Lügen und schließlich einer Schwangerschaft hält er Lada fest in seinem Griff und die Spirale aus Kontrolle, Demütigungen und Gewalt spitzt sich immer mehr zu.

Ich finde die Schilderungen dieser Ehe sehr nachvollziehbar und bedrückend und auch Lada erkennt im Rückblick viele der Manipulationen und des Missbrauchs. Sie schwankt zwischen Selbstvorwürfen und Rechtfertigungen und findet Trost und Gemeinschaft bei den anderen inhaftierten Frauen.
Sie fragt sich oft, ob es einen anderen Ausweg gegeben hätte.

“Denn wenn du das Szenario, dass du ein totes Opfer hättest sein können, gegen das abwägst, dass du eine Mörderin geworden bist, gibt es kein gutes und kein gerechtes Ergebnis.”

Vujčić hat für ihren neuen Roman Täter- und Opferbilder in der medialen Darstellung untersucht und unter anderem mit Frauen im Strafvollzug gesprochen.
Das Ergebnis ist ein äußerst eindringlicher und auch fesselnder Roman, den Vujčić nicht nur als literarischen Fall betrachtet wissen will, sondern als Realität, die uns alle betrifft.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Dystopisches Highlight

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Von diesem Roman hatte ich über die englische Ausgabe schon einige positive Stimmen gelesen und ich habe mich wahnsinnig gefreut, als er jetzt auf Deutsch erschienen ist. Und meine Stimme wird sich jetzt ...

Von diesem Roman hatte ich über die englische Ausgabe schon einige positive Stimmen gelesen und ich habe mich wahnsinnig gefreut, als er jetzt auf Deutsch erschienen ist. Und meine Stimme wird sich jetzt auch positiv über den Roman äußern. Sogar sehr positiv, denn der Roman war ein Highlight für mich.

Geschrieben hat ihn die belgische Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Jacqueline Harpman bereits 1995 und er wurde unter dem Titel „I Who Have Never Known Men“ 2025 in den USA als BookTok-Sensation wiederentdeckt. Kein Wunder, der Roman hat alles, was es braucht, um seine Leserschaft zu fesseln: Er ist ungeheuer spannend, düster und traurig und macht dich existenziell nachdenklich. Perfekte Zutaten für gelungene Literatur.

Mich spricht natürlich auch besonders das dystopische Setting an. Die Ich-Erzählerin lebt zusammen mit 39 anderen weiblichen Gefangenen seit Jahren in einem unterirdischen Gefängnis. Sie ist die jüngste unter ihnen und kann sich, anders als die anderen gefangenen Frauen nicht an ihr Leben davor erinnern. Sie kennt die Welt von früher nur aus den Erzählungen der anderen. Sie selbst kennt nur die Welt und die Routinen des Gefängnisses.

Die Erzählerin und die anderen Frauen haben keine Ahnung, warum sie schon seit Jahren von sechs Wächtern bewacht gefangen gehalten werden. Auch ich als Leserin bekomme keine Hinweise, werde genauso im Dunkeln gehalten wie die Frauen und teile mit ihnen das Gefühl der Sinnlosigkeit.
Die Erzählerin wächst mit diesem Gefühl der Sinnlosigkeit auf. Ihr Leben kennt keinen Tag oder Nacht, kein Ziel oder Daseinsberechtigung. Für Essen wird, wenn auch knapp, gesorgt, die Frauen müssen nicht arbeiten oder Aufgaben erfüllen.

„Die Vergeblichkeit aller Mühen ließ unseren Geist nach und nach verkümmern.“

Als die Erzählerin beginnt, ihre Herzschläge zu zählen, hat sie zum ersten Mal ein Ziel und eine Zeitorientierung.
Der große Einschnitt sowohl im Leben der jungen Frau als auch im Roman passiert, als im unterirdischen Gefängnis ein Alarm ertönt und sich die Türen öffnen. Alle Wächter sind verschwunden, scheinbar sind sie überstürzt aufgebrochen.
Die Frauen setzen zum ersten Mal seit Langem wieder einen Fuß nach oben und in die Freiheit.

„Wir waren frei.
In Wahrheit hatten wir nur das Gefängnis gewechselt.“

Denn die Frauen stellen schnell fest: Sie sind alleine. Es ist sonst niemand da.

Harpman erzählt, was die Frauen nach dem Ende ihrer Gefangenschaft erleben und wie sich ihre Gefühle entwickeln. Dabei unterscheiden sich die Gefühle und Gedanken der Erzählerin von denen der anderen Frauen, da sie nie ein anderes Leben als das im Keller kennengelernt hatte. Sie trauert keiner Familie nach, keinen Männern, mit denen sie eine Beziehung hätte führen können und auch keinen zivilisatorischen Annehmlichkeiten.

Und so vergehen die Jahre…

Mir gefällt es unglaublich gut, dass Harpman die Geschichte auf einen so langen Zeitraum anlegt. Die einleitende Rahmenhandlung hat klargemacht, dass das was ich lese, der Bericht einer älteren Überlebenden ist. Es ist die Lebensgeschichte der Erzählerin.

Das was mich an dem Roman am meisten fesselt, ist die unglaubliche Atmosphäre, die Harpman kreiert und die so fühlbar ist, wie ich es selten in Romanen erlebe. Es ist eine düstere Atmosphäre, die von Einsamkeit und Sinnlosigkeit zeugt. Von Lebensjahren voller enttäuschter Hoffnung und einer Zwecklosigkeit, die dir jeden Lebenswillen raubt. Der Roman bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was mein eigener Antrieb im Leben ist.

Wenn du literarische dystopische Romane wie „Station Eleven“ von Emily St. John Mandel oder „Die Nichtswürdigen“ von Agustina Bazterrica mochtest, ist der Roman auf jeden Fall ein Must Read für dich!

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