Bewegender Roman über Schwangerschaft, Geburt & Mutterschaft
Wie verändert sich eine Frau, sobald sie zur Mutter wird?
Ist eine wirklich gleichberechtige Aufteilung von Care Arbeit und Verantwortung möglich?
Und warum überhaupt ein Kind in eine vom Verfall bedrohte ...
Wie verändert sich eine Frau, sobald sie zur Mutter wird?
Ist eine wirklich gleichberechtige Aufteilung von Care Arbeit und Verantwortung möglich?
Und warum überhaupt ein Kind in eine vom Verfall bedrohte Welt setzen?
In ihrem autofiktionalen Debütroman „Walwerdung“ stellt die Autorin Iris Keller anhand ihrer Figuren diese Fragen.
Der Plan der freischaffenden Eltern (sie Journalistin, er Architekt), nach drei Monaten zurück an die Arbeit und in ein 50:50-aufgeteiltes Betreuungsmodell zurückzukehren, scheitert an der Realität: Eine traumatische Geburt, körperliche und seelische Erschöpfung und das fehlen einer beruflichen Perspektive.
„Wo bleibt der Vater? Und ich denke an das Versprechen von fifty-fifty. Ich denke an die neun Monate, in denen mein Körper wuchs. Ich denke an die Wochen im Krankenhaus. An das Warten. Ich denke an die Monate hier. Und ich zähle die vergangenen Nächte und teile sie auf, aber so viel ich auch rechne, es gibt irgendwo einen
Fehler, die Prozentzahl stimmt nicht. Alles, was mal war, die Selbstverständlichkeit, die Gerechtigkeit, ist in Vergessenheit geraten. Wir haben zugelassen, dass sich unsere Körper in den Weg schieben, obwohl wir uns anders aufteilen wollten. Solange ich mit Bleistift Zahlen auf Papier kritzle, das Ergebnis bleibt dasselbe: Wir sind Karikaturen, bloße Hüllen, die Rollen erfüllen. Die Rollen,
die festlegen, wer das Recht zu schlafen hat. Resignation vor der Muttermilch. Ich warte. Wo bleibt er? Ich will eine Verschiebung. Ich will, dass die Welt ein neues Zentrum bekommt, um das sie sich zu drehen traut, ein Zen-
trum abseits von meinen geschwollenen Brüsten. Ich will nicht fragen, ich will nicht bitten, ich will keine Tabellen aufstellen, ich will keine Formeln und Rechenwege präsentieren. Ich bin müde. Zu müde, um zu kämpfen.“
Die schonungslosen Darstellungen der Autorin, wie sich der weibliche Körper der werdenden Mutter, die Beziehung der Eltern, der Alltag und die berufliche Situation verändert; auch die Erfahrungen während und nach der Geburt - all das hat mich sehr berührt und mir wurde oft aus der Seele gesprochen. Wer selbst Mutter ist, wird sich in vielem wiederfinden.
„Sie erzählen von Geburtszangen, hineingeschoben, den Kopf des Babys umklammernd, den vielen Menschen, die um einen herumstehen, vom Ausgestellt-Sein und Angefasst-Werden. Sie erzählen von Ärzten, die sich während der Geburt mit ihrem Körpergewicht auf den Bauch schmeißen.“
Auch die gesellschaftlichen Erwartungen an die vermeintlich „perfekte“ Mutter/Eltern/Geburt finde ich sehr authentisch dargestellt:
„Wir sind perfekte Eltern und lernen, wie wir perfekt gebären. Wir bekommen Beispiele von den schnellen, guten Geburten und den glücklichen Eltern. Wir lernen: Die perfekte Geburt ist eine Einstellungsfrage.“
„Walwerdung“ ist ein wirklich kluger, nachdenklich stimmender Roman über Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft, Gleichberechtigung und Überforderung, dem ich eine eindeutige Leseempfehlung gebe!
Vielen Dank an den Geparden Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚