Eine Liebeserklärung ans Schwimmen: Kluger, persönlicher Essay
Ich habe mich sehr auf die Neuveröffentlichung „Schwimmen / Schweben“ von Jaqueline Scheiber gefreut & genauso viel Freude hatte ich mein Lesen dieses sehr persönlichen, ehrlichen und klugen Essays.
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Ich habe mich sehr auf die Neuveröffentlichung „Schwimmen / Schweben“ von Jaqueline Scheiber gefreut & genauso viel Freude hatte ich mein Lesen dieses sehr persönlichen, ehrlichen und klugen Essays.
Der Text ist eine Liebeserklärung ans Schwimmen, aber auch eine sehr persönliche und ehrliche Beschäftigung mit Körpernormen, Unsicherheiten und Scham. Denn die Autorin hat Sport sehr lange gemieden. Aus Angst und Scham, mit ihrem Körper aufzufallen; nicht gut genug zu sein. Doch irgendwann siegt ihr Mut und sie beginnt mit dem Schwimmen. Anfangs noch unsicher, sich fremd fühlend im öffentlichen Schwimmbad:
„Wenn ich versuche, unauffällig durch einen Raum zu gehen, gehe ich immer ein wenig komisch. Zu große Schritte, steife Arme. Ich sage mir: Niemand beobachtet dich, nicht einmal der Mann mit den grau melierten Schläfen vor der Spiegelwand unter der Föhnvorrichtung. [...] Bestimmt denkt er sich nichts beim Anblick meiner Oberschenkel, die bei jedem Schritt nachbeben. Ich will nicht, dass er mich bemerkt, obwohl ich ihn und alle anderen ganz genau bemerke. Ich will nicht auffallen, obwohl ich mir bei jedem Aufeinandertreffen eine Geschichte zusammenreime, warum wer wie oft hier ist und wer wie lange bleibt.“
Doch mit jeder geschwommenen Bahn wächst die Liebe zum Wasser, sie fühlt Leichtigkeit und Glück.
„In diesem Moment nahm ich friedlich und überwältigt die Schwerelosigkeit wahr, die Stille und die Vorahnung, dass da gerade etwas entstand, was einmal mir gehören könnte. Unbeobachtet ließ ich mich treiben, probierte aus, strengte mich an, um mich nur wenig später auf den Rücken zu drehen und mir sicher zu sein gehalten zu werden. Meine Gedanken verflüchtigten sich mit jedem weiteren Abstoß vom Beckenrand.“
In persönlichen Gedanken teilt Jaqueline Scheiber ihre persönlichen Gedanken; vieles hat mich sehr berührt und/oder zum Nachdenken gebracht.
„Dieses Fahrwasser birgt allerdings nicht nur versöhnliche Verbindungen. Unter der Überschrift Sport kommen gerne auch weniger hilfreiche Botschaften mit. Geister, die man nicht rief. Die Vergleiche, all die Maßeinheiten, die ich so gut kenne, aufdringliche Gedanken um Ideale und die Frage, wo in der Vielfalt aller Körper ich mich nur einreihen soll. Gibt es eine sensible Form, über die Veränderung von Körpern zu schreiben, ohne schädlichen Narrativen einen Nährboden zu bieten? Die Auseinandersetzung mit meinem Körper, mit seiner persönlichen und politischen Dimension ist fest mit mir verbunden. Seit ich zurückdenken kann, soll etwas mit ihm nicht in Ordnung sein. Im Laufe meines Lebens werde ich immer wieder aufgefordert, etwas an mir zu ändern. Ich bin keine Ausnahme, schließlich gibt es in meinem Umfeld kaum eine Person, die nicht auf die eine oder andere Art vom Ringen um die Bedeutung der eigenen Körperform vereinnahmt wird.
Trotzdem blicke ich positiv auf die Errungenschaften der Körpervielfalt, nicht zuletzt dank der Sozialen Medien. Deren Verbreitung von Kritik an unrealistischen Idealen und der Sichtbarmachung diverser Körperformen spielten eine wesentliche Rolle für viele wie mich, die sich von dem Narrativ trennen wollten und mussten, falsch auszusehen. Zu viel zu sein und gerade deswegen als unzureichend zu gelten. Denn eines ist heute gewiss: ob sich jemand gut fühlt, lässt sich nicht am Aussehen ablesen. Im Übrigen auch nicht, ob jemand gesund ist oder nicht. Also habe auch ich mich an die Seite derer gestellt, die laut darum bitten, Körper nicht mehr zu kommentieren. Körper als Funktion und Mittel zur Bewältigung des Alltags zu betrachten. Ich habe mich für die Entstigmatisierung und die Politisierung des Körpers als feministischer Schauplatz eingesetzt. Repräsentation als Instrument. Was mir dabei geholfen hat, war die Vielfalt an möglichen Körperformen bewusst anzusehen, sie wahrzunehmen und Schönes an ihnen zu finden. Jeder Tag, an dem ich mich selbst schön fühle, ist ein kleiner Akt der Rebellion. Eine politische Auflehnung gar.“
Auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihrer Großmutter, die nie schwimmen lernte, und mit der Jugend ihrer Mutter als Leistungsschwimmerin in Ungarns National-Schwimmteam fand ich sehr gelungen und bewegend.
Die passend eingefügten Zitate u.a. von Paul Celan, Karen Blixen, Lidia Yuknavitch und Hilde Domin runden das Lesevergnügen noch ab: „Schwerer werden. Leichter sein.“
„Schwimmen / Schweben“ ist ein sehr kluger und lesenswerter Essay, der von mir 5 Sterne und eine ganz klare Leseempfehlung bekommt!
Vielen Dank an den Leykam Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚