Wie erzählt man wahrheitsgetreu von einem Verlust?
Eigentlich wollte ich das nicht schreiben„Bücher sind hauptsächlich dazu da, Menschen die Erlaubnis zu geben, Dinge zu fühlen.“ (S. 22)
„Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ von Freya Bromley ist am 29.06.2026 im Pola Verlag erschienen. ...
„Bücher sind hauptsächlich dazu da, Menschen die Erlaubnis zu geben, Dinge zu fühlen.“ (S. 22)
„Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ von Freya Bromley ist am 29.06.2026 im Pola Verlag erschienen. Aus dem Englischen wurde der Roman von Nele Junghanns und Sophie Wölbling übersetzt. Auf 432 Seiten erzählt Bromley die Geschichte von Nola, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Schwester einen autofiktionalen Bestseller schreibt. Während die Leser:innen ihre Offenheit feiern, fühlt sich ihre Familie verraten. Als sie ein Jahr später gezwungen ist, sich ihrer Familie erneut zu stellen, geht es nicht nur um Trauer, sondern auch um die Frage, wem Erinnerungen gehören, wenn sie einmal zu Literatur geworden sind.
Meine Meinung
Was mich an diesem Roman sofort gepackt hat, war die Idee des Buchs im Buch. Immer wieder werden Auszüge aus Nolas Roman eingeflochten, in dem sie versucht, den Tod ihrer Schwester zu verarbeiten. Dadurch entsteht eine spannende zweite Erzählebene, die nicht nur literarisch reizvoll ist, sondern auch zeigt, wie unterschiedlich dieselben Ereignisse erlebt und erinnert werden können. Und man bekommt auch einen Eindruck darüber, wie Darina (Nolas Schwester) so war.
Ebenfalls richtig gut fand ich das Thema der Geschichte, weil es etwas ist, über das ich selbst so noch nicht oder sehr selten gelesen habe: „Ich verstand zu spät, dass die Verantwortung beim Schreiben nicht nur darin besteht, die großen Dinge auszulassen. Kleinigkeiten können genauso verletzend sein...“ (S. 42–43). Genau darum kreist der gesamte Roman: Darf man die eigene Geschichte erzählen, wenn sie gleichzeitig immer auch die Geschichte anderer ist? Und wo verläuft die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und persönlicher Verantwortung?
Mindestens genauso gelungen fand ich die Darstellung von Trauer. Bromley zeigt sehr eindrücklich, dass es nicht DEN EINEN richtigen Umgang mit Verlust gibt. Jede Figur trauert anders, schweigt anders und sucht auf ihre eigene Weise nach Halt. Besonders dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben, weil er auch zeigt, dass Erinnerungen nicht unbedingt zuverlässig sind und man vlt. auch dazu neigt, sie zu romantisieren oder schlimmer zu machen: „Das Schmerzhafteste an der Trauer ist, wie sie einen dazu bringt, an den eigenen Erinnerungen zu zweifeln.“ (S. 318).
An der einen oder anderen Stelle hatte der Roman für mich allerdings kleinere Längen. Manche Passagen hätten etwas straffer erzählt werden können, ohne dass die emotionale Wirkung verloren gegangen wäre. Trotzdem ist Freya Bromley hier ein wirklich gelungenes Romandebüt gelungen, das viele kluge Gedanken über Familie, Geschwisterliebe, Trauer(-verarbeitung), Erinnerung und Literatur miteinander verbindet.
Fazit
„Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ ist ein berührender Roman über Trauer, Geschwisterliebe und die Frage, wem Geschichten eigentlich gehören. Besonders das Buch-im-Buch-Konzept macht die Geschichte für mich zu etwas Besonderem. Für alle, die literarische Familiengeschichten mit emotionalem Tiefgang mögen und sich für Trauer, Erinnerung und autofiktionale Literatur als Themen interessieren. Wer eine durchgehend spannende Handlung erwartet, sollte wissen, dass der Roman sich bewusst Zeit für seine Figuren nimmt. Herzlichen Dank an LovelyBooks und den Pola Verlag für das Rezensionsexemplar!