Familiengeschichten zwischen Schweigen und Magie
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten„Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ist der Debütroman der Wiener Autorin Anna Maschik, erschienen 2025 im Luchterhand Literaturverlag. Auf 240 Seiten entfaltet sie eine vielschichtige ...
„Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ist der Debütroman der Wiener Autorin Anna Maschik, erschienen 2025 im Luchterhand Literaturverlag. Auf 240 Seiten entfaltet sie eine vielschichtige Familiengeschichte, die von einem kargen Bauernhof an der Nordsee bis in die Gegenwart reicht. Mit prägnanten, verdichteten Szenen zeigt sie, wie sich Traumata, Bevorzugung, Klassismus und Gewalt durch Generationen ziehen, selbst wenn man versucht, anders zu handeln.
Meine Meinung
Ich weiß bis heute nicht, ob ich alles wirklich verstanden habe. Teilweise war ich irritiert und unsicher, ob Maschik mit magischem Realismus arbeitet oder ob ich schlicht etwas überlesen habe. Gleichzeitig sind die Themen, die sie anspricht, unglaublich stark und relevant: Sprachlosigkeit in Familien, transgenerationale Traumata, das Schweigen über Gewalt, Bevorzugung von Kindern, Klassismus, Krieg, Depression, postnatale Überforderung, Mutterschaft, Suizid, Abtreibung, Naturverbundenheit.
Maschik erzählt von Menschen, die unter widrigsten Bedingungen immer wieder versuchen, das Beste zu machen. Von Familienmitgliedern, die lieben, verletzen, scheitern und überleben. Von der uralten Frage: Können wir den Kreislauf der Verletzungen durchbrechen oder sind wir dazu verdammt, die Muster der Vorfahren fortzuführen?
Die Figuren sind greifbar und doch fragmentarisch, ihre Stimmen schillern zwischen Lakonie, Brutalität und Poesie. Henrike, Hilde und die anderen Familienmitglieder tragen alle Lasten, die wir als Leser:innen nur Stück für Stück begreifen. Es gibt wunderschöne, kluge Textstellen wie: „Ich fürchte mich vor meinem Nabel, der einst meine Tür zur Welt war und mein erster Mund. Jetzt ist er eine kreisrunde Narbe in meiner Mitte, und ich denke, wenn ich einen Finger hineinstecke, bohre ich damit bis in mein Innerstes.“ (S. 95) und andere, mit denen ich wenig(er) anfangen konnte, weil ich sie nicht verstanden hab (bspw. der Junge der seit seiner Geburt bis zum 15. Lebensjahr schläft & dann einfach aufwacht als wäre nix gewesen).
Für mich ist es ehrlicherweise ein „hatte Momente“-Buch: Stellen, die mich sehr bewegt oder verstört haben, wechseln sich ab mit Szenen, die Fragen hinterlassen, die sich mir bis zum Schluss nicht erschlossen haben. Aber gerade das Schweigen, die unausgesprochenen Spannungen, die alltäglichen kleinen Grausamkeiten, das alles wirkt lebendig, fragmentarisch und doch durch die generationsübergreifende Perspektive wie ein großes, vibrierendes Ganzes.
Fazit
Ein Buch, das herausfordert, irritiert, fasziniert und nachhallt. Für alle, die sich auf literarische Gegenwartsprosa einlassen wollen, die Magie, Lakonie und psychologische Tiefe verbinden, und die bereit sind, sich den Brüchen einer Familiengeschichte zu stellen.