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Veröffentlicht am 31.05.2026

Ein Weckruf für den Literaturbetrieb

Literarisch solidarisch
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Mit "Literarisch Solidarisch", herausgegeben von Hatice Açıkgöz und erschienen im Verbrecher Verlag, ist eine Anthologie gelungen, die weit mehr ist als eine Sammlung literarischer Texte. Die Beiträge ...

Mit "Literarisch Solidarisch", herausgegeben von Hatice Açıkgöz und erschienen im Verbrecher Verlag, ist eine Anthologie gelungen, die weit mehr ist als eine Sammlung literarischer Texte. Die Beiträge der 18 Autor:innen werfen einen kritischen Blick auf den deutschsprachigen Literaturbetrieb und machen sichtbar, welche strukturellen Ausschlüsse, Machtverhältnisse und Ungleichheiten bis heute prägen, wer gehört, gelesen und gefördert wird.

Worum geht's genau?

Benannt nach dem gleichnamigen Podcast versammelt das Buch Essays, Lyrik, Theatertexte und utopische Entwürfe. Trotz der unterschiedlichen Formen entsteht ein bemerkenswert geschlossenes Gesamtbild. Die Texte ergänzen sich und eröffnen neue Perspektiven auf ein System, das oft als offen und progressiv wahrgenommen wird, tatsächlich aber vielen Menschen den Zugang erschwert.

Meine Meinung

Sehr angesprochen hat mich, dass die Sammlung konsequent auf strukturelle Zusammenhänge blickt. Die Autor:innen beschreiben Diskriminierung, Ausschlüsse und Benachteiligungen nicht als individuelle Einzelfälle, sondern als Teil eines größeren Systems. So schreibt jemand über das Schreiben zwischen Erwerbsarbeit und Care-Arbeit, während ein:e andere die ökonomischen Voraussetzungen literarischer Sichtbarkeit analysiert. Immer wieder wird deutlich, wie eng kulturelle Teilhabe mit finanziellen Ressourcen, Herkunft und gesellschaftlicher Position verknüpft ist.

Die Vielfalt der Perspektiven gehört zu den größten Stärken des Buches. Queere, trans, jüdische, rassifizierte und behinderte Autor:innen berichten von ihren Erfahrungen im Literaturbetrieb und zeigen zugleich, wie unterschiedlich Ausschlussmechanismen funktionieren können.

Gleichzeitig bleibt die Anthologie nicht bei der Kritik stehen. Viele Beiträge beschäftigen sich mit Solidarität als konkreter Praxis und fragen, wie ein gerechterer Literaturbetrieb aussehen könnte. Dadurch entsteht trotz aller beschriebenen Missstände kein resignativer Ton. Im Gegenteil: Das Buch eröffnet Räume für Veränderung und macht deutlich, dass Literatur immer auch von den Menschen geprägt wird, die sie lesen, besprechen und weiterempfehlen.

Dadurch finde ich, dass sich die Anthologie auch an Leser:innen richtet, die selbst nicht im Literaturbetrieb tätig sind. Viele der beschriebenen Mechanismen lassen sich auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen. Das Buch regt dazu an, die eigene Position zu hinterfragen und darüber nachzudenken, welche Stimmen wir sichtbar machen und welche möglicherweise übersehen werden.

Fazit

"Literarisch Solidarisch" ist eine vielschichtige, differenzierte und äußerst relevante Anthologie. Die Texte verbinden persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlicher Analyse und schaffen es, Kritik mit konkreten Visionen für Veränderung zu verbinden. Ein Buch, das informiert, herausfordert und mir noch lange in Erinnerung bleibt. Kein Buch nur für Menschen aus der Literaturbranche, sondern für alle, die sich für Fragen von Teilhabe, Repräsentation und Solidarität interessieren. Von mir gibt es eine uneingeschränkte Empfehlung. Vielen Dank an der Verbrecher Verlag, für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 22.05.2026

Wie viel Mut passt in 144 Seiten?

Badjens. Roman
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Mit "Badjens" erzählt Delphine Minoui eine Geschichte über weibliche Selbstbestimmung, Wut und Widerstand im Iran der Gegenwart. Der Roman erschien im Orlanda Verlag GmbH, übersetzt von Astrid Bührle-Gallet, ...

Mit "Badjens" erzählt Delphine Minoui eine Geschichte über weibliche Selbstbestimmung, Wut und Widerstand im Iran der Gegenwart. Der Roman erschien im Orlanda Verlag GmbH, übersetzt von Astrid Bührle-Gallet, und begleitet die sechzehnjährige Zahra, genannt Badjens, während der Proteste rund um „Frau, Leben, Freiheit“ im Herbst 2022. Auf einem Müllcontainer stehend, kurz davor ihr Kopftuch öffentlich zu verbrennen, blickt sie auf ihr bisheriges Leben zurück. Auf Unterdrückung, familiäre Kontrolle, Sehnsucht nach Freiheit und den Wunsch, endlich selbst über den eigenen Körper und das eigene Leben bestimmen zu dürfen.

Meine Meinung

Ich habe dieses Buch aufgrund des Umfangs innerhalb eines Tages gelesen. Die Sprache ist poetisch und sehr schön zu lesen. Während Badjens auf einem Müllcontainer steht und ihr Kopftuch verbrennt, entfaltet sich in Rückblenden Stück für Stück ihre Geschichte und mit ihr die Geschichte vieler junger Frauen im Iran. Die innere Zerrissenheit zwischen Angst und Widerstand kommt dabei sehr gut heraus. Badjens erzählt rückblickend von ihrer Kindheit, von Verboten und Demütigungen, aber auch davon, wie Social Media, Musik und westliche Popkultur ihr ein anderes Leben zeigen. Genau darin liegt für mich eine der zentralen Aussagen des Buches: Diese junge Generation kennt die Welt außerhalb der Grenzen des Regimes und lässt sich deshalb nicht mehr so leicht kontrollieren.

Dass der Roman auf Social-Media-Beiträgen und Interviews mit jungen Iranerinnen basiert, spürt man deutlich. Badjens wirkt nah an der Realität und macht die Dringlichkeit dieser Protestbewegung emotional greifbar. Gerade die Perspektive einer Jugendlichen funktioniert stark, weil sie die alltägliche Unterdrückung nicht abstrakt beschreibt, sondern körperlich erfahrbar macht: das Kopftuch, die Kontrolle über den weiblichen Körper, die Angst vor Blicken und Bestrafung.

Gleichzeitig hatte ich beim Lesen aber auch einen kleinen inneren Widerstand gegen die Darstellung der Familie. Obwohl mir bewusst ist, dass der Roman auf realen Erfahrungen, Social-Media-Beiträgen und Interviews basiert, wirkten viele männliche Figuren auf mich fast ausschließlich eindimensional grausam: der kontrollierende Vater, der privilegierte Bruder, der übergriffige Cousin. Mir fehlten hier teilweise Zwischentöne und differenziertere Charakterzeichnungen.

Dennoch verliert das Buch dadurch nicht seine Wirkung. Im Gegenteil: Die emotionale Kraft bleibt enorm. Vor allem, weil Minoui nie vergisst, dass hinter jeder politischen Bewegung Menschen stehen. In diesem Fall junge Frauen mit Sehnsüchten, Humor, ersten Lieben und dem Wunsch, einfach FREI leben zu dürfen.

Fazit

"Badjens" ist ein kurzer, intensiver Roman über weiblichen Widerstand, gesellschaftliche Kontrolle und die Sehnsucht nach Freiheit. Besonders empfehlenswert für Leser:innen, die sich literarisch mit den Protesten im Iran und feministischen Themen auseinandersetzen möchten. Wer vielschichtige Familienzeichnungen erwartet, könnte sich an manchen Figurenkonstellationen stören. Trotzdem ist dieses Buch eines, das emotional trifft, politisch relevant bleibt und lange nachhallt. Vielen Dank an Orlanda Verlag GmbH und NetGalley für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 22.05.2026

„Little Women“ Thriller-Version

Beth is dead
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Wer hat Beth March ermordet? – Die Frage steht von Beginn an im Raum, aber "Beth is Dead" interessiert sich für weit mehr als nur die Auflösung eines Mordfalls.

Mit Beth is Dead liefert Katie Bernet einen ...

Wer hat Beth March ermordet? – Die Frage steht von Beginn an im Raum, aber "Beth is Dead" interessiert sich für weit mehr als nur die Auflösung eines Mordfalls.

Mit Beth is Dead liefert Katie Bernet einen Jugendthriller, der sich lose an Little Women von Louisa May Alcott orientiert und klassische Familienkonflikte mit Social Media, öffentlicher Aufmerksamkeit und Murder-Mystery verbindet. Erschienen ist das Hörbuch bei Der Audio Verlag, basierend auf der Buchvorlage von dtv. Gelesen wird die ungekürzte Fassung von Jodie Ahlborn, Julia Nachtmann, Nina Reithmeier und Lisa Cardinale.

Meine Meinung

Die Ausgangsidee fand ich sofort richtig stark: Vier Schwestern geraten ins Zentrum der Öffentlichkeit, nachdem ihr Vater einen Roman über sie veröffentlicht hat und darin Beth sterben lässt. Wenig später wird Beth tatsächlich tot aufgefunden. Ab diesem Moment beginnt ein Netz aus Geheimnissen, Schuldgefühlen, Halbwahrheiten und gegenseitigem Misstrauen.

Ich bin ziemlich schnell in die Geschichte reingekommen, auch wenn ich anfangs durchaus Probleme hatte, die vielen Figuren und Perspektiven auseinanderzuhalten. Gerade weil sich für mich im Hörbuch nicht alle Stimmen sofort klar voneinander abgegrenzt haben. Trotzdem machen die Sprecherinnen insgesamt einen wirklich guten Job und transportieren die emotionale Dynamik der Schwestern überzeugend.

Was für mich die größte Stärke des Romans ist: die Beziehungen zwischen den Schwestern. Hinter all den Verdächtigungen und Wendungen steckt eigentlich eine Geschichte über Loyalität, Eifersucht, Überforderung und dieses ganz besondere Band zwischen Geschwistern. Das wirkte oft erstaunlich authentisch und hat dem Buch emotional deutlich mehr Tiefe gegeben, als ich zunächst erwartet hatte.

Gleichzeitig merkt man dem Roman aber auch an, dass er sehr viel auf einmal will: Thriller, Familiengeschichte, Social-Media-Kritik, Coming-of-Age, Cancel Culture, literarisches Retelling. Manche Themen funktionieren richtig gut miteinander, andere wirken etwas überladen. Ich hatte stellenweise das Gefühl, dass die Geschichte sehr viele Wendungen unterbringen möchte, wodurch sich nicht alles komplett stimmig angefühlt hat.

Auch die Struktur mit den vielen Perspektivwechseln und Zeitsprüngen war für mich nicht immer ideal. Einerseits sorgt das natürlich dafür, dass man ständig miträtselt und niemandem ganz vertraut. Andererseits hat es den Spannungsbogen zwischendurch etwas zerfasert. Ich glaube tatsächlich, dass dem Buch eine leichte Straffung gutgetan hätte.

Trotzdem: Selbst wenn mich nicht jede Wendung komplett überzeugt hat, hat mich das Buch konstant bei der Stange gehalten. Und gerade die emotionale Wärme innerhalb der Familie hebt den Roman für mich von vielen klassischen YA-Thrillern ab. Ein kleiner Punkt, den ich schade fand: Die Mutterfigur bleibt vergleichsweise blass, obwohl sie eigentlich enorm viel Verantwortung trägt. Hier hätte ich mir mehr Raum gewünscht, statt den Fokus so stark auf den Vater zu legen.

Fazit

"Beth is Dead" ist ein atmosphärischer Jugendthriller (nicht nur für Jugendliche!) mit einer richtig spannenden Grundidee und starken Schwesterndynamiken. Manche Handlungsstränge hätten etwas mehr Fokus vertragen, aber emotional funktioniert der Roman erstaunlich gut. Besonders empfehlenswert für Leser:innen, die Familiengeschichten mit Mystery-Elementen mögen und Lust auf ein modernes Little Women-Retelling haben. Wer hingegen einen kompromisslos straffen Thriller erwartet, könnte sich an den vielen Perspektiven und Twists etwas verlieren. Vielen Dank an NetGalley und Der Audio Verlag für das Hörbuch-Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 22.05.2026

Vom Wunsch zu glauben und der Sehnsucht frei zu sein

Monstergott
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Mit "Monstergott" legt Caroline Schmitt nach ihrem Debüt einen Roman vor, der sich mit Glauben, Macht und emotionaler Abhängigkeit innerhalb einer Freikirche beschäftigt. Erschienen ist das Buch bei park ...

Mit "Monstergott" legt Caroline Schmitt nach ihrem Debüt einen Roman vor, der sich mit Glauben, Macht und emotionaler Abhängigkeit innerhalb einer Freikirche beschäftigt. Erschienen ist das Buch bei park x ullstein als Hardcover. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Ben und Esther, die in einer religiösen Gemeinschaft aufgewachsen sind, deren Regeln ihr gesamtes Denken und Fühlen bestimmen. Während Ben verzweifelt gegen etwas ankämpft, das er als „Sünde“ empfindet, beginnt Esther langsam zu hinterfragen, ob Unterordnung wirklich Liebe bedeutet – oder einfach Kontrolle.

Meine Meinung

Mich hat dieses Buch sofort hineingezogen. Nicht, weil mir die dargestellte Welt vertraut wäre, eher im Gegenteil. Ich selbst habe keinerlei religiösen Bezug, und gerade deshalb war es gleichzeitig faszinierend und verstörend, in diese Lebensrealität einzutauchen. Caroline Schmitt gelingt es unglaublich gut, verständlich zu machen, warum Menschen in solchen Systemen bleiben, obwohl sie darunter leiden. Das fand ich vielleicht am stärksten an diesem Roman: Er urteilt nicht vorschnell.

Die Autorin zeigt keine eindimensional „bösen“ Figuren. Stattdessen entsteht ein komplexes Bild davon, wie Gruppendynamiken funktionieren und wie eng Geborgenheit und Kontrolle miteinander verknüpft sein können. Gerade Ben und Esther handeln emotional absolut nachvollziehbar. Die Gemeinde ist für sie Zuhause, Familie, Identität und moralischer Kompass zugleich. Sich davon zu lösen bedeutet nicht nur Zweifel am Glauben, sondern Zweifel an allem, was sie bisher waren.

Die Atmosphäre des Romans hat es in sich. Diese Mischung aus moderner Freikirchenästhetik und gleichzeitig extrem rigiden Rollenbildern empfand ich als sehr authentisch in der heutigen Zeit. Die Kirche erscheint hier nicht als verstaubte Institution, sondern als emotional hochprofessionelles System. Genau das macht vieles so unangenehm.

Gleichzeitig ist Monstergott aber auch kein lauter Skandalroman. Caroline Schmitt erzählt ruhig, beinahe zärtlich. Und gerade dadurch treffen viele Szenen umso härter. Mich hat das Buch traurig gemacht, wütend und stellenweise auch sprachlos. Vor allem, wenn sichtbar wird, wie junge Menschen lernen, ihre eigenen Gefühle permanent infrage zu stellen. Dieses „Welt da draußen = Gefahr“-Denken zieht sich subtil durch den gesamten Roman und entfaltet eine enorme Beklemmung.

Was ich ebenfalls mochte: Der Roman liefert keine einfachen Antworten. Die Autorin verzichtet bewusst auf eindeutige Wertungen und zwingt Leser:innen dadurch, selbst Position zu beziehen. Für mich funktioniert das sehr gut, auch wenn manche Entwicklungen etwas mehr Tiefe hätten vertragen können. Dennoch haben mich die Figuren emotional auf jeden Fall gecatcht.

Fazit

"Monstergott" ist ein intensiver, emotional kluger Roman über Glauben, Manipulation und den schwierigen Versuch, sich selbst außerhalb vorgegebener Systeme zu finden. Besonders empfehlenswert für Leser:innen, die sich für Machtstrukturen, Gruppendynamiken und psychologische Familiengeschichten interessieren. Mich hat das Buch vor allem deshalb überzeugt, weil es nicht belehrt, sondern verstehen will. Vielen Dank an netgalley.de & an park x ullstein für das digitale Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 17.05.2026

Eine Familie erzählt sich selbst

Unser Haus mit Rutsche
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„Ich wusste überhaupt nichts.“ (S. 125)

Mit Safia Al Bagdadis Roman "Unser Haus mit Rutsche", erschienen im Hanser Verlag, liegt ein Familienroman vor, der zwischen Saarbrücken, Bagdad und Paris gespannt ...

„Ich wusste überhaupt nichts.“ (S. 125)

Mit Safia Al Bagdadis Roman "Unser Haus mit Rutsche", erschienen im Hanser Verlag, liegt ein Familienroman vor, der zwischen Saarbrücken, Bagdad und Paris gespannt ist. Im Mittelpunkt steht Layla, die als Erzählerin auf ihre Kindheit zwischen irakischem Vater und französischer Mutter zurückblickt – eine Kindheit voller großer Versprechen, kultureller Reibungen und politischer Umbrüche, die sich zunehmend in die familiäre Realität einschreiben.

Zum Inhalt

Der Einstieg in die Geschichte wirkt zunächst leichtfüßig, fast verspielt: Laylas Vater entwirft Zukunftsvisionen voller Größe und Möglichkeit, während die Familie in einem fragilen Gleichgewicht zwischen Herkunft und Hoffnung lebt. Doch diese Leichtigkeit trägt eine Spannung in sich, die sich mit dem Ausbruch des Golfkriegs 1991 zunehmend verschiebt. Die familiäre Dynamik verändert sich, und aus dem „glamourösesten Liebespaar Saarbrückens“ wird ein Konstrukt, das von Realität und Geschichte eingeholt wird.

Meine Meinung

Was mich beim Lesen besonders beschäftigt hat, ist dieser Bruch zwischen Erinnerung und Erkenntnis. Layla erzählt rückblickend, und genau dadurch entsteht eine Distanz, die gleichzeitig schützt und schmerzt. „Ich hatte das Land meines Vaters besucht, aber es war gar nicht mehr sein Land gewesen.“ (S. 206) – dieser Satz fasst für mich viel von dem zusammen, was das Buch trägt: die Erfahrung, dass Heimat kein stabiler Ort ist, sondern etwas, das sich verschiebt, verliert, neu zusammensetzt.

Gleichzeitig bleibt die Perspektive stark auf den Vater und seine inneren wie äußeren Kämpfe fokussiert. Das führt zu intensiven, emotional aufgeladenen Momenten, etwa in der Konfrontation mit Geschichte und Gewalt. Diese Szenen sind eindrücklich, wirken aber manchmal wie lose Fragmente, die weniger eine durchgehende Dramaturgie bilden als vielmehr Erinnerungsinseln.

Erzählerisch arbeitet der Roman mit einem ruhigen, stellenweise fragmentierten Stil. Die vielen kurzen Sätze und gedanklichen Einschübe haben mich manchmal in meinem Lesefluss gestört. Gleichzeitig liegt aber genau darin auch ein realistischer Zugriff auf Erinnerung: nicht linear, nicht glatt, sondern tastend.

Inhaltlich überzeugt mich das Buch besonders dort, wo es Migration, Zugehörigkeit und familiäre Projektionen miteinander verwebt. Die Zerrissenheit zwischen Herkunft und Gegenwart wird spürbar, ohne dass sie je vollständig aufgelöst wird. Gleichzeitig blieb bei mir der Eindruck, dass das erzählerische Potenzial nicht in allen Teilen konsequent ausgeschöpft wird und die Spannung zwischen den Zeitebenen unterschiedlich stark trägt.

Fazit

"Unser Haus mit Rutsche" ist ein ruhiger, reflektierter Familienroman über Herkunft, Illusionen und die Brüche politischer Realität im Privaten. Besonders geeignet für alle, die sich für Migrationserfahrungen, Identitätsfragen und familiäre Erinnerung interessieren. Weniger passend ist das Buch für alle, die eine klar getriebene, spannungsorientierte Handlung erwarten. Hängen bleibt vor allem die Frage, wie schnell aus Versprechen Geschichte wird und aus Geschichte Verlust. Vielen Dank an den Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.

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