Reproduktive Gerechtigkeit = Menschenrecht
Mein Körper – wessen Entscheidung?Mit "Mein Körper – wessen Entscheidung?" legt Sibel Schick im S. Fischer Verlag ein politisches Sachbuch vor. Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung mit einem Schwangerschaftsabbruch, doch der Text bleibt ...
Mit "Mein Körper – wessen Entscheidung?" legt Sibel Schick im S. Fischer Verlag ein politisches Sachbuch vor. Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung mit einem Schwangerschaftsabbruch, doch der Text bleibt nicht autobiografisch stehen, sondern entwickelt daraus eine systematische Analyse reproduktiver Machtverhältnisse.
Meine Meinung
„Es ist der Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuchs, der mich fast getötet hat“ (S. 40).
Damit ist eigentlich schon klar, worin eines der vielen Problem im Kontext reproduktiver Gerechtigkeit liegt. Das Zitat ist dabei programmatisch. Es verschiebt die Perspektive weg von individueller Moral hin zu struktureller Gewalt. Schwangerschaftsabbrüche sind nicht "nur" private Tragödien, sondern vor allem eine staatlich regulierte Praxis mit realen gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Folgen für betroffene Frauen.
Zentral für das Buch ist wie der Untertitel des Buches schon vorweg nimmt das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit, das 1994 von Schwarzen Feministinnen in Chicago geprägt wurde. Schick übernimmt diesen Ansatz konsequent: Es geht nicht nur um das Recht auf Abbruch, sondern ebenso um das Recht, Kinder zu bekommen und sie unter würdigen Bedingungen großzuziehen. Damit erweitert sie die deutsche Debatte, die häufig beim „Pro Choice vs. Pro Life“-Schema stehen bleibt.
Die Autorin analysiert die gegenwärtige Verknüpfung von Reproduktionspolitik mit Kapitalismus, Rassismus und Migrationspolitik und Ableismus. Sie argumentiert, dass Gebärfähigkeit politisch verwaltet wird: durch restriktive Abtreibungsgesetze, durch ökonomische Zwänge, durch selektive Förderung bestimmter Familienmodelle.
„Um eine wirklich freie Entscheidung treffen zu können, müssen Bedingungen vorherrschen, die ein Leben mit Menschenwürde ermöglichen“ (S. 75).
Entscheidungsfreiheit ohne soziale Absicherung ist eine Illusion. Wer kein Geld hat, keine sichere Wohnung, keinen Aufenthaltsstatus oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, hat faktisch keine Wahl. Freiheit wird damit als soziale Kategorie definiert, nicht als bloß juristische.
Theoretisch bezieht sich Schick unter anderem auf Michel Foucault und biopolitische Ansätze, ohne ins Akademische abzurutschen. Der Stil bleibt zugänglich, teils essayistisch, teils argumentativ zugespitzt. Der Text ist ganz klar normativ. Er will nicht vermitteln, sondern argumentieren. Und ganz ehrlich? Genau in dieser Haltung liegt für mich die Stärke des Buches. Weil es falsche Ausgewogenheit verweigert und stattdessen die zugrunde liegenden Machtstrukturen benennt. Das Buch zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von Strukturen? Wo blende ich soziale Dimensionen aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?
Dass dieses Buch ausgerechnet jetzt erscheint, könnte politisch kaum treffender sein: Am 26.02.2026 wurde mit der Europäischen Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“ Geschichte geschrieben. Über 1,12 Millionen Unterschriften haben dazu geführt, dass das Europäische Parlament einen freiwilligen, EU-finanzierten Solidaritätsmechanismus für Menschen ohne Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt. Für Frauen in der EU bedeutet das konkret: Die strukturelle Realität, dass in manchen Mitgliedstaaten lebensnotwendige Abbrüche verweigert werden, Ärzt:innen sich auf Gewissensvorbehalte berufen oder Frauen für Abtreibungen kriminalisiert werden, wird erstmals auf europäischer Ebene als gemeinsames politisches Problem anerkannt. Noch ist nichts umgesetzt, die Kommission muss entscheiden, wie sie weiter verfährt, aber die Botschaft ist klar: Reproduktive Selbstbestimmung ist keine rein nationale Privatangelegenheit mehr, sondern eine europäische Grundrechtsfrage.
Und genau an diesem Punkt setzt Schicks Buch an. Es zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von liberaleren Strukturen? Wo blende ich soziale und geografische Ungleichheiten aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?
Fazit
"Mein Körper – wessen Entscheidung?" ist ein analytisch fundiertes, politisch positioniertes Sachbuch, das reproduktive Rechte konsequent als Gerechtigkeitsfrage denkt. Für wen eignet sich das Buch? Ausnahmslos alle, da das Buch Reproduktionspolitik intersektional im Kontext von Macht, Kapital und Diskriminierung betrachtet und somit uns alle angeht. Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.