Ein Psychothriller, der seinesgleichen sucht
Lass uns töten beginnt mit seinem Prolog direkt mit einer Rückblende. Ich lerne den noch unbekannten Ich-Erzähler kennen, der mich in ein Ereignis in der Gegenwart einführt, um mir danach durch die Rückkehr ...
Lass uns töten beginnt mit seinem Prolog direkt mit einer Rückblende. Ich lerne den noch unbekannten Ich-Erzähler kennen, der mich in ein Ereignis in der Gegenwart einführt, um mir danach durch die Rückkehr in die Vergangenheit die Möglichkeit zu bieten, die Hintergründe zu beleuchten, die zu diesem Augenblick geführt haben. Das weckt meine Neugierde und ich freue mich direkt aufs Weiterlesen.
Lass uns töten ist in vier Teile und einen Epilog unterteilt. Jeder Zeitraum steht für einen Lebensabschnitt von Alex Fletcher, dem unzuverlässigen Ich-Erzähler, der mir auf Anhieb sympathisch ist. Dadurch, dass ich nur Alex und seinen derzeitigen Gefühlen und Handlungen folgen sowie mich auf seine Berichte der Ereignisse verlassen kann, erschafft Jeff Strand eine fesselnde Ungewissheit für mich. Immer wieder steuert die Erzählung auf unvorhergesehene Wendungen zu, die stets in einem Höhepunkt der Spannung gipfeln.
In Lass uns töten darf auch ein Antagonist nicht fehlen. Beide Charaktere sind grundverschieden. Alex ist schüchtern, beinah ängstlich und eher der Mitläufertyp. Seine Einstellung zum Leben ist nachvollziehbar und ich habe großes Mitleid mit ihm, da er in einer äußerst lieblosen Umgebung aufwachsen muss. Trotzdem versucht Alex ein lieber Kerl zu bleiben und moralisch korrekt zu handeln.
Dem gegenüber steht Darren ein beunruhigender Charakter, dessen manipulative Fähigkeiten und chaotische Natur die Handlung vorantreiben und das Leben von Alex ordentlich durcheinanderwirbelt.
Alex versucht sich oft von Darren zu distanzieren, wird jedoch immer wieder in dessen grausame Spiele verwickelt. Von der Kindheit bis ins Erwachsenenleben kreuzen sich immer wieder ihre Wege und dabei entfaltet sich eine düstere sowie verstörende Bindung zwischen den beiden, die mich in ihren Bann zieht und mich einfach nicht mehr loslässt.
Die Charakterstudie ist meisterhaft von Jeff Strand umgesetzt. In einer unglaublich lockeren und doch sehr eindrucksvollen Art und Weise stellt er die innere Zerrissenheit und den Druck, dem Alex ausgesetzt ist, dar.
Jeff Strands Schreibstil ist prägnant und fesselnd. Durch kurze und ausdrucksstark geprägte Absätze wird das Lesen zu einem schnellen und intensiven Erlebnis. Die Dialoge sind flüssig und zugänglich, was die Charaktere noch lebendiger erscheinen lässt. Hinzu kommt Alex sein pointierter Humor, der mir oft eine Atempause von den erlebten Schrecken gönnt.
Es ist wie bei einem aufziehenden Unwetter. Noch ist alles friedlich, doch es ist spürbar, wie die Spannung sukzessiv ansteigt, indem düstere Thematiken behandelt werden. So sorgen unter anderem Kindesverletzung, Selbstmordgedanken und Folter für eine beklemmende Atmosphäre, die mich bis zur letzten Seite in Atem hält.
Lass uns töten schafft es durch seine Leichtigkeit das Grauen zu potenzieren. Dabei ist das Handlungsgerüst erschreckend realistisch ausgestaltet und spielt mit Alex seinen Wahrnehmungen, der zu entdecken versucht, was Wahrheit und was Täuschung ist. Der immer versucht, den moralischen Kompass korrekt ausgerichtet zu haben und dem es unglaublich nahegeht, wenn er vom Weg abweichen muss.
Das Finale reißt mich mit und offenbart schonungslos, dass der Mensch immer eine Wahl hat, auch wenn alles ausweglos erscheint.
Fazit:
Lass uns töten ist ein fesselnder Psychothriller, der mir unter die Haut geht. Die moralischen Grenzen werden auf interessante Weise ausgelotet und zeichnet sich durch die starke Charakterisierung sowie packende Handlungsbögen aus.