Eiskalte Jagd mit kleinen Schwächen
NebelbeuteDer Prolog ist verdammt stark, weil er mich ohne jede Vorwarnung mitten in eine Jagd auf Leben und Tod wirft. Keine Namen, keine Erklärungen, nur pure Unsicherheit, die sofort Neugier auslöst und ein extrem ...
Der Prolog ist verdammt stark, weil er mich ohne jede Vorwarnung mitten in eine Jagd auf Leben und Tod wirft. Keine Namen, keine Erklärungen, nur pure Unsicherheit, die sofort Neugier auslöst und ein extrem spannungsvolles Leseerlebnis von der ersten Seite an schafft. Da ich Krähentage und Aschesommer bereits kenne, ist mir das Ermittlerteam der „Gruppe 4“ mit jedem Band mehr ans Herz gewachsen. Theoretisch lässt sich Nebelbeute zwar ohne Vorkenntnisse lesen, da wichtige Hintergründe kurz erläutert werden, allerdings wurde besonders Milas Mission schon im ersten Teil angelegt und zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Für die volle Charaktertiefe empfehle ich daher dringend, die Reihe chronologisch zu lesen, zumal dieser Band atmosphärisch noch intimer und verzweifelter wirkt als seine Vorgänger.
Titel und Cover passen perfekt zum Inhalt. Die Atmosphäre in dem abgelegenen Bergdorf ist durchweg düster sowie bedrohlich und wird durch das eisige Winterwetter genial verstärkt. Die Natur ist detailreich beschrieben, wirkt im Zusammenspiel mit den Ereignissen aber wie ein tödlicher Treiber, der das ungute Gefühl beim Lesen maximiert. Das Motiv aus Nebel, Jagd und Beute zieht sich unterschwellig durch die Handlung und verstärkt die Kälte des Settings zusätzlich. Auch die Morde sind brutal und grausam inszeniert. Durch kurze Perspektivwechsel zu den Opfern wird das Grauen in der Zeit ihrer Qual spürbar verlängert. Benjamin Cors beschreibt diese Szenen sehr detailliert, blendet aber an den passenden Stellen sanft ab, sodass die eigene Fantasie den Rest übernimmt. Zartbesaitete Lesende könnten hier ihre Probleme haben, mir machen die Szenen jedoch nichts aus.
Das Erzähltempo ist enorm hoch. Benjamin Cors nutzt kurze, präzise Sätze und klug gesetzte Perspektivwechsel, die zahllose kleine Cliffhanger erzeugen. Ich mag das Buch kaum aus der Hand legen. Besonders faszinierend finde ich, dass der Autor mich emotional direkt ins Geschehen zieht. Manchmal wirken die Beschreibungen fast schon poetisch, nur um im nächsten Moment in das schonungslose Grauen eines Opfers oder einer brutalen Szene zu kippen. Die personale Erzählperspektive von Mila, Jakob, den Gejagten, dem Antagonisten und einigen weiteren Figuren aus dem Dorf und dem Ermittlerteam schafft eine tiefe Nähe zu den Charakteren und psychologische Spannung. Da ich oft mehr weiß als die Ermittler, wird die Jagd unglaublich packend. Auch die Weiterentwicklung der „Gruppe 4“ zu beobachten, macht mir Freude. Gleichzeitig agieren Mila und Jakob in diesem Band häufiger allein, weil beide stark von ihren Emotionen und ihren jeweiligen Zielen getrieben sind. Besonders Milas innerer Konflikt berührt mich, weil sie unbedingt ihre persönliche Fehde beenden will und dabei merkt, wie verletzlich sie wird, sobald sie ohne Rückendeckung handelt.
Der Showdown am Schluss ist filmreif und durch die flotten Perspektivwechsel extrem packend. Benjamin Cors legt viele falsche Fährten. Ich bin mir zwar früh sicher, wer der Täter ist, und liege damit auch richtig, allerdings ist die Story komplexer, sodass diese Enthüllung nur einen Teil der Wahrheit bereithält. Den Rest sehe ich erst kommen, als der Autor es will. Die unterschwellige Bedrohung, die sich durch die Handlung zieht, sorgt dabei für eine konstant angespannte Atmosphäre, weil nie klar ist, aus welcher Richtung die Gefahr als Nächstes kommt.
Trotzdem gibt es Punkte, die mich konsequent ärgern. Eine bestimmte Figur dient leider nur als reiner Katalysator, um die Handlung in die richtige Richtung zu lenken. Sie wird immer wieder kurz aus den Untiefen der Geschichte hervorgeholt, ohne dass je erklärt wird, woher sie kommt, wohin sie verschwindet oder was mit ihr passiert. Zwei oder drei Sätze mehr würden ihr einen echten Platz im Ensemble geben. Zudem ist die Auflösung einer Frage, die sich seit dem ersten Band durchzieht, für mich völlig unlogisch und reißt mich kurz aus der ansonsten stimmigen Handlung. Und weil Benjamin Cors sonst so viel Wert auf sorgfältig gesetzte Nebenstränge legt, fallen diese erzählerisch verschenkten Momente besonders auf.
Fazit:
Nebelbeute ist für mich trotz des hohen Tempos und der vielen fiesen Wendungen der schwächste Band der Reihe. Ein paar erzählerisch verschenkte Momente fallen hier deutlicher auf als zuvor. Trotzdem liefert Benjamin Cors einen Thriller ab, der mich über weite Strecken fesselt und stark unterhält.