Leise Spannung, starke Dynamiken – ein Thriller, der Zeit braucht
Bachelorette PartyDer Prolog startet ruhig und nimmt mich mit in den Handlungsstrang von 2012. Dort lerne ich die Freundinnen Matilda, Anna, Evelina und Linnea kennen. Seit elf Jahren treffen sie sich jedes Jahr für ein ...
Der Prolog startet ruhig und nimmt mich mit in den Handlungsstrang von 2012. Dort lerne ich die Freundinnen Matilda, Anna, Evelina und Linnea kennen. Seit elf Jahren treffen sie sich jedes Jahr für ein Freundinnen-Wochenende auf Isle Blind, einer Schären-Insel vor Schweden. Camilla Sten baut alles langsam auf, sodass ich gar nicht mit dem dramatischen Kippen der beschaulichen Szene rechne.
Der darauffolgende zehnjährige Zeitsprung dämpft die aufgekeimte Spannung radikal. Ich beginne wieder bei Null, weil ich mich erneut auf neue Figuren und eine fast identische Ausgangslage fokussieren muss. Der Beginn wirkt auf den ersten Blick ähnlich, weil die Insel erneut der Schauplatz ist. Doch diesmal geht es um einen viertägigen Junggesellinnenabschied in einem luxuriösen Yoga-Retreat, während die vier Freundinnen im Prolog einfach nur die abgelegene Insel besuchen, um dort ein ruhiges Wochenende zu verbringen. Hinzu kommt, dass die kleine Feiergesellschaft die ersten Gäste vor Ort sein werden, denn das „Baltic Vinayasa“ hat noch nicht offiziell eröffnet. Und so ist auf der abgelegenen Isle Blind die Anzahl der Charaktere überschaubar. Die Runde besteht aus der zukünftigen Braut Annelise, ihrer Trauzeugin Mikaela, den Schwestern Lena und Tessa sowie den Frauen Caroline und Natalie. Abgerundet wird die kleine Gruppe von der Hotelbesitzerin Irene und dem Koch Adam.
Damit ist die perfekte Grundlage für ein spannendes wer‑war‑es‑Rätsel geschaffen.
Doch ich komme nur langsam in die Geschichte. In der Gegenwart ist die unzuverlässige Ich-Erzählerin Tessa der Dreh- und Angelpunkt. Sie ist Inhaberin des True-Crime-Podcast „The Witching Hour“ und steht gerade vor den Scherben ihrer Existenz. Wie es dazu gekommen ist, wird immer wieder nur grob angedeutet, was sicherlich die Spannung steigern soll, mich aber zunehmend nervt. Die hingeworfenen Informationsbröckchen helfen mir nicht dabei zu verstehen, weshalb Tessa so versessen darauf ist, das Geheimnis um den Cold Case die „Verschwundenen von Nacka“ zu lüften. Mir fehlt hier die emotionale Tiefe, die ihre Intention greifbar machen würde. Denn das ist der einzige Grund, weshalb sie sich überhaupt aufgerafft hat, um an dem Junggesellinnenabschied teilzunehmen.
Der Gegenwartsstrang wird immer wieder unterbrochen vom Handlungsstrang, der in 2012 spielt. Gelegentlich dienen Zeitungsartikel oder Polizeiberichte als zusätzliche Informationsquelle, doch hauptsächlich begleite ich mithilfe des personalen Erzählers Matilda einige Tage, bevor die vier Freundinnen aus unerklärlichen Gründen verschwinden werden. Anfangs ist mir nicht klar, weshalb ich diese Einblicke brauche, doch erst später entsteht ein Bild, das seine Bedeutung nach und nach entfaltet.
Der Cold Case bleibt dabei eher ein Hintergrundrauschen, das vor allem als Motiv für die Taten in der Gegenwart dient.
Die wechselnden Zeitebenen sind klug gesetzt und ich mag, wie die komplexen Dynamiken innerhalb der beiden Freundinnengruppen herausgearbeitet sind.
Die Spannung steigt lange Zeit nur gemächlich an, um sich auf den sich aufbauenden Showdown vorzubereiten. Dieser ist die logische Konsequenz der Ereignisse, auch wenn eine Entscheidung für mich nicht ganz schlüssig wirkt und einige Entwicklungen früh absehbar sind.
Die verschiedenen Charaktere sind interessant aufgebaut. Tessa wirkt immer leicht paranoid und getrieben von der Vergangenheit. Allerdings ist sie die Einzige, die bei so manchen Entwicklungen schneller misstrauisch wird.
Ihre Schwester Lena fungiert als perfektes Bindeglied zwischen Tessa und den anderen Frauen. Lena bleibt stets rational und versucht Ruhe in die Gemeinschaft zu bringen.
Die anderen Frauen, besonders auch die Braut Anneliese, bleiben eher schattenhafte Nebenfiguren. Sie wirken austauschbar und dienen vor allem dazu, die Geschichte komplexer zu machen und mehr mögliche Täter zu erzeugen.
Die einzige Ausnahme bildet noch Irene. Sie bleibt geheimnisvoll und schon früh ist klar, dass sie eine Art Schlüsselfigur darstellen muss. Denn eine der Verschwundenen aus 2012 ist ihre Schwester.
Das Inselsetting von Bachelorette Party finde ich interessant. Es grenzt den Handlungsspielraum der Charaktere sehr ein, was ich prinzipiell gut finde. Allerdings geht mir hier die Spannungssteigerung ein bisschen verloren. Für meinen Geschmack hätte die Autorin Camilla Sten mehr bedrohliche Stimmung und seltsame Details einbauen können, die erst harmlos wirken, aber beim genaueren Betrachten eine unheimliche Wirkung entfalten. Für mich plätschert die Spannung eher wie ein milder Wellengang dahin. Dennoch ist die Geschichte packend, ich möchte gern wissen, wie alles zusammenhängt.
Nach und nach verwebt sich alles zu einem stimmigen Gesamtbild. Einige Entwicklungen in der Gegenwart überraschen mich dabei weniger, während mich die Hintergründe in der Vergangenheit durchaus unerwartet treffen.
Im weiteren Verlauf der Handlung spitzen sich die Ereignisse immer weiter zu, was zur Steigerung der Spannung beiträgt. Auch die Kapitel werden kürzer und knackiger.
Die Auflösung erfolgt ausführlich und plausibel. Für mich ist Bachelorette Party ein Thriller, der eher auf psychologische Spannung und weniger auf Action setzt.
Fazit:
Bachelorette Party ist ein atmosphärisch dichter Thriller, der seine Stärke vor allem in der psychologischen Spannung und dem Zusammenspiel der Zeitebenen hat. Nicht alles überrascht mich, doch die Geschichte bleibt durchgängig interessant und trägt mich ruhig, aber beständig bis zur Auflösung. Perfekt für alle, die subtilen Nervenkitzel mögen.