Schöner historischer Roman
„...Um sie her war ein Gewirr unterschiedlicher Sprachen, von denen sie keine einzige erkannte oder gar verstand. Frauen in gerüschten Kleidern, Männer in teuren Anzügen, bevölkerten die Bahnhofshalle ...
„...Um sie her war ein Gewirr unterschiedlicher Sprachen, von denen sie keine einzige erkannte oder gar verstand. Frauen in gerüschten Kleidern, Männer in teuren Anzügen, bevölkerten die Bahnhofshalle mit ihrem Mosaikfußboden…“
Die Krankenschwester Ida ist in Baden - Baden angekommen. Sie hat in Berlin alles hinter sich gelassen und hofft nun auf eine Anstellung in der Naturheilanstalt Lichtental auf der Karolinenhöhe.
Die Autorin hat einen gut recherchierten historischen Roman geschrieben. Der Schriftstil ist fein ausgearbeitet. Er passt zu den historischen Gegebenheiten des Jahres 1910.
Im Einstellungsgespräch lernt Ida das Prinzip der Lebensreform kennen. Es geht um vegetarische Ernährung und die Nutzung von Licht, Luft und Wasser Man bewegt sich leicht bekleidet oder nackt im Freien. Einige der Regeln gelten auch für die Angestellten.
„...Sie werden noch viel lernen müssen. Aber die Substanz ist vorhanden, darauf können wir aufbauen. Und ich empfinde Sie als offenen Menschen, der bereit ist zu lernen…“
Einige der Gäste mit ihren Beschwerden werden genauer vorgestellt. Nicht jeder ist gewillt, sich dem Prinzip unterzuordnen.
Auch Ida ist zwiegespalten. Einerseits macht ihr die Arbeit Freude, sie fühlt sich leicht und beschwingt und weiß die frische Luft nach dem Berliner Grau zu schätzen. Andererseits würde sie gern einmal die Regeln brechen. Sie sind ihr zu strikt.
Ida lernt Carl kennen. Die beiden diskutieren eifrig über den angeblichen Widerspruch zwischen Naturverbundenheit und Technik.
„...Das war es, was Ida an Carl zu schätzen begann. Er konnte unerträglich herablassend und belehrend sein, aber welcher Mann war das nicht? Jedenfalls keiner, den Ida kannte. Gleichzeitig hatte er Humor und nahm sich selbst nicht so ernst...“.
Eduard Enslinger, der Direktor der Anstalt, weiß genau, was er will. Das macht er auch dem Pfarrer deutlich, der sich wegen der Nacktheit der Patienten beschwert. Das Gespräch habe ich mit leichtem Schmunzeln gelesen.
Das Buch bezieht seine innere Spannung aus den komplexen Beziehungen der Protagonisten und aus unerwarteten Wendungen im Geschehen. Ida gewinnt zunehmend an Selbstbewusstsein. Sie weiß nun, was sie will.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen.