Aufstieg und Fall eines vergessenen Wunderkindes
Klaus Cäsar Zehrers Roman „Das Genie“ ist weit mehr als die literarische Wiederentdeckung eines vergessenen Wunderkinds. Er ist zugleich ein Gesellschaftspanorama, eine psychologische Fallstudie und eine ...
Klaus Cäsar Zehrers Roman „Das Genie“ ist weit mehr als die literarische Wiederentdeckung eines vergessenen Wunderkinds. Er ist zugleich ein Gesellschaftspanorama, eine psychologische Fallstudie und eine zutiefst menschliche Tragödie.
Ausgangspunkt ist Boris Sidis, ein mittelloser, aber unbeirrbarer Einwanderer aus der Ukraine, der Ende des 19. Jahrhunderts in New York ankommt. Getrieben von Wissensdurst und der Überzeugung, Bildung sei der einzige unantastbare Besitz, arbeitet er sich vom Tagelöhner zum angesehenen Psychologen hoch. Mit eiserner Konsequenz entwickelt er eine eigene Erziehungsmethode - die „Sidis-Methode“ - und testet sie an seinem Sohn William James. Ziele sind Perfektion, geistige Höchstleistung, ein Leben jenseits der „Marionettenexistenz“ der Normalbürger.
William erfüllt alle Erwartungen. Er liest mit zwei Jahren die „New York Times“, hält mit zehn einen Harvard-Vortrag über die vierte Dimension und gilt bald als einer der intelligentesten Menschen der Geschichte. Doch Zehrer zeigt, wie brüchig der Glanz des Genies ist. Williams enorme Begabung geht einher mit sozialer Isolation, Unverständnis und einer wachsenden Abkehr von der Gesellschaft. Was als Triumph der Erziehungsmethode beginnt, endet in Rückzug, Widerstand und dem entschlossenen Verzicht, seine Fähigkeiten der Welt zur Verfügung zu stellen.
Besonders beeindruckend ist, wie Zehrer historische Fakten und erzählerische Lebendigkeit verbindet. Die Leser wandern durch die schmutzigen Straßen New Yorks, hören die hitzigen Debatten in Harvard, spüren die politische Spannung der Zeit zwischen Einwanderungswellen, Weltkriegen und wirtschaftlichen Krisen. Dabei schafft der Autor Figuren, die trotz oder gerade wegen ihrer Eigenheiten im Gedächtnis bleiben.
Mit feinem Gespür für Ironie und tragische Fallhöhe erzählt Zehrer nicht nur die Biografie eines außergewöhnlichen Menschen, sondern stellt die großen Fragen nach Freiheit, Anpassung und dem Preis von Konsequenz. „Das Genie“ ist ein kluges, fesselndes und manchmal schmerzhaft ehrliches Buch, das ebenso unterhält wie es zum Nachdenken zwingt.