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Veröffentlicht am 11.05.2026

Eine literarische Meditation über Liebe, Verlust und die Kraft des Respekts

Das Mosaik der Frauen
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Rafik Schamis Roman „Das Mosaik der Frauen“ hat mich nicht sofort für sich eingenommen. In den ersten Kapiteln war ich eher suchend als gebannt. Ich hatte eine geradlinigere Erzählung erwartet, doch Rafik ...

Rafik Schamis Roman „Das Mosaik der Frauen“ hat mich nicht sofort für sich eingenommen. In den ersten Kapiteln war ich eher suchend als gebannt. Ich hatte eine geradlinigere Erzählung erwartet, doch Rafik Schami wählt einen anderen Weg. Er setzt sein Buch aus Erinnerungen, Abschweifungen, Anekdoten und Lebensgeschichten zusammen, die sich erst nach und nach zu einem großen Ganzen fügen. Wie bei einem Mosaik erschließt sich das Bild nicht im ersten Blick, sondern erst dann, wenn man innehält und bereit ist, die einzelnen Steine auf sich wirken zu lassen.
Im Zentrum stehen zwei Männer syrischer Herkunft. Said Mardini, Schriftsteller und Dolmetscher in Heidelberg, besucht auf Bitten seines Freundes, des Arztes Klaus Rosenbaum, den todkranken Nadim Suri. Dieser, ein wohlhabender und lebenssatter Mann, spürt, dass seine Zeit zu Ende geht. Bevor er stirbt, möchte er seine Geschichte erzählen, nicht nur als chronologische Bilanz, sondern als Erinnerung an die Frauen, die ihn geprägt haben. An zehn Tagen, jeweils einem Kapitel gewidmet, entfaltet sich ein ganzes Leben zwischen Damaskus, Beirut und Heidelberg.
Was mich besonders berührt hat, ist die tiefe Achtung, mit der Nadim von den Frauen spricht. Seine Mutter, eine jüdische Frau deutscher Herkunft, steht am Anfang dieser Erinnerungen. Sie ist eine beeindruckende Gestalt, klug, warmherzig, selbstbewusst und von einer stillen Stärke, die weit über ihre Rolle als Mutter hinausgeht. Auch später begegnet Nadim Frauen, die ihn lieben, herausfordern, trösten oder verlassen. Keine von ihnen bleibt Staffage. Jede hinterlässt eine Spur, jede fügt dem Bild seines Lebens eine neue Farbe hinzu.
Schami erzählt diese Geschichten mit großer Wärme und mit jener souveränen Gelassenheit eines Autors, der seinen Figuren mit echter Zuneigung begegnet. Immer wieder öffnet sich der Blick von der persönlichen Ebene auf die politische Geschichte Syriens. Man erfährt von einem Damaskus, das einst von religiöser Vielfalt, geistiger Offenheit und kultureller Selbstverständlichkeit geprägt war. Zugleich wird sichtbar, wie diese Welt durch Fanatismus, Diktatur und Gewalt zerstört wurde. Besonders eindringlich sind die Passagen, in denen Rafik Schami von Verfolgung, Verlust und Exil erzählt. Sie wirken nie belehrend, sondern gehen unmittelbar aus den Lebensgeschichten hervor.
Mitunter verlangt der Roman Geduld. Nadim Suri schweift häufig ab, erzählt von Nebenfiguren, Erinnerungen und Episoden, die zunächst weit vom eigentlichen Geschehen wegzuführen scheinen. Ich gebe zu, dass mich diese Abschweifungen an manchen Stellen irritiert haben. Doch je länger ich las, desto deutlicher wurde mir, dass gerade darin ein wesentlicher Reiz des Romans liegt. Erinnerungen verlaufen selten geradlinig. Sie folgen Assoziationen, Umwegen und Rückblenden. Rafik Schami bildet diese Form des Erzählens mit großer Authentizität nach, eine Nachbildung als Letztes Resümee eines langen Lebens.
Besonders eindrucksvoll fand ich die Grundhaltung des Buches. Trotz aller Erfahrungen von Verlust, Verrat und Gewalt ist dies kein bitterer Roman. Er ist von einem tiefen Humanismus getragen. Er erzählt von Liebe, Freundschaft, Respekt und der Fähigkeit des Menschen, selbst in schwierigen Zeiten Würde zu bewahren.
Rafik Schami ist mit diesem Roman ein vielschichtiges, kluges und zugleich sehr berührendes Werk gelungen. Das Mosaik der Frauen ist keine schnelle Lektüre für zwischendurch, sondern ein Buch, dem man Zeit und Aufmerksamkeit schenken sollte. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem reichen Panorama von Erinnerungen belohnt, das weit über die Geschichte eines einzelnen Mannes hinausweist. Für mich war es ein Roman, der nicht nur unterhalten, sondern meinen Blick auf den Nahen Osten, auf das Exil und auf die prägende Kraft menschlicher Begegnungen nachhaltig erweitert hat.

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Zärtliches Scheitern - die Melancholie eines letzten Versuchs

Weißer Sommer
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„Weißer Sommer“ von Eva Pramschüfer ist kein Roman, der sich über eine vorantreibende Handlung definiert. Vielmehr entfaltet er seine Wirkung über Stimmungen, feine Zwischentöne und die stille, bisweilen ...

„Weißer Sommer“ von Eva Pramschüfer ist kein Roman, der sich über eine vorantreibende Handlung definiert. Vielmehr entfaltet er seine Wirkung über Stimmungen, feine Zwischentöne und die stille, bisweilen schmerzhafte Beobachtung einer Beziehung, die sich unaufhaltsam auflöst. Während der Lektüre stellte sich bei mir wiederholt das Gefühl ein, nicht wirklich voranzukommen und doch lag gerade darin ein eigentümlicher Sog, der mich weiterlesen ließ.
Im Zentrum der Geschichte stehen Alma und Théo, die sich ein letztes Mal in jenem Haus in Südfrankreich begegnen, in dem einst alles begann. Ein gemeinsamer Sommer soll zur Klärung führen, ob noch etwas zu bewahren ist oder ob sie sich längst nur noch an Vergangenes klammern. Diese Konstellation besitzt eine bemerkenswerte Ehrlichkeit. Wie oft ist es genau dieser letzte Versuch, den man unternimmt, obwohl sich längst eine leise Ahnung des Scheiterns eingestellt hat.
Besonders hervorzuheben ist die Sprache des Romans. Sie ist von großer Feinheit, beinahe tastend, als wolle sie die Figuren nicht erschrecken. Viele Sätze wirken bewusst unabgeschlossen, was sich jedoch stimmig einfügt. Es sind Gedanken in Bewegung, Abschweifungen, Korrekturen, ein vorsichtiges Tasten im eigenen Inneren. Gerade diese Unmittelbarkeit verleiht dem Text Authentizität, auch wenn sie stellenweise eine gewisse Anstrengung erfordert, da die eigentliche Handlung deutlich in den Hintergrund tritt.
Während des Lesens entstehen eindringliche Bilder wie flirrende Hitze, staubige Wege, der unverwechselbare Geruch eines südlichen Sommers. Es ist, als bewege man sich durch ein Gemälde. Dieses Ästhetische durchzieht den gesamten Roman, sowohl in den Figuren, in ihrer Wahrnehmung als auch in ihrer Beziehung zur Welt.
Inhaltlich rückt weniger das Geschehen selbst in den Fokus als vielmehr die Frage nach dem Warum des Scheiterns. Alma und Théo erscheinen wie zwei Menschen, die sich zur falschen Zeit am richtigen Ort begegnet sind… oder umgekehrt. Während Théo stärker an der Beziehung festhält, scheint Alma sich immer wieder ein Stück weit zu entziehen. Dieses Ungleichgewicht durchzieht die gesamte Erzählung und verleiht ihr eine unangenehme, aber überzeugende Realität.
Dennoch blieb eine gewisse Distanz. Die Gedanken der Figuren sind nachvollziehbar, doch eine tiefere emotionale Nähe stellte sich für mich nur bedingt ein. Möglicherweise liegt dies an der starken Rückwärtsgewandtheit des Romans. Vieles wird erinnert, während die Gegenwart, nämlich jener entscheidende Sommer, vergleichsweise wenig Raum erhält. Gerade hier hätte ich mir mehr Intensität, mehr unmittelbare Reibung gewünscht.
Und doch hinterlässt das Buch Spuren. Nicht in Form einzelner Szenen, sondern als Stimmung, als leises Nachhallen. Dieses unmerkliche Auseinanderdriften ohne dramatischen Bruch. Die Erkenntnis, dass Liebe allein nicht immer genügt. Und dass Scheitern nicht zwingend laut sein muss, sondern sich auch in stiller, beinahe zärtlicher Form vollziehen kann.
So bleibt am Ende nicht der Eindruck einer klassischen Liebesgeschichte, sondern vielmehr der eines Mosaiks aus Erinnerungen, Gedanken und flüchtigen Momenten. Manche Fragmente berühren tief, andere lassen eine gewisse Distanz zurück. Gerade in dieser Ambivalenz liegt jedoch die besondere Qualität des Romans. Er überwältigt nicht, sondern entfaltet seine Wirkung leise.

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Veröffentlicht am 11.04.2026

Vom Fliegen und Verstummen

Der letzte Sommer der Tauben
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Abbas Khiders Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ entfaltet seine Wirkung mit einer leisen, beinahe schwebenden Eindringlichkeit. Zu Beginn steht Noah auf dem Dach, den Blick zum Himmel gerichtet, wo ...

Abbas Khiders Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ entfaltet seine Wirkung mit einer leisen, beinahe schwebenden Eindringlichkeit. Zu Beginn steht Noah auf dem Dach, den Blick zum Himmel gerichtet, wo seine Tauben ihre Kreise ziehen. Ein Bild von Ruhe und Vertrautheit, das jedoch rasch von einer sich verdichtenden Bedrohung durchzogen wird. Das ferne Dröhnen der Hubschrauber markiert nicht nur eine äußere Veränderung, sondern kündigt das allmähliche Zerbrechen einer Welt an, die zuvor von kindlicher Selbstverständlichkeit getragen war.
Abbas Khider schildert diesen Umbruch nicht in dramatischen Zuspitzungen, sondern in einer subtilen Abfolge von Verschiebungen. Der Alltag wird Schritt für Schritt durchdrungen von neuen Vorschriften, die zunächst befremdlich erscheinen, dann einengend wirken und schließlich das gesamte Leben bestimmen. Gerade diese stille Eskalation verleiht dem Roman eine besondere Intensität. Die Veränderungen greifen tief in das familiäre Gefüge ein, ohne dass sie je plakativ ausgestellt würden.
Die Wahl eines vierzehnjährigen Ich-Erzählers erweist sich dabei als außerordentlich gelungen. Noah bewegt sich in einem Zwischenraum, noch nicht gefestigt in seinen Urteilen, aber bereits sensibel für die Brüche um ihn herum. Seine Wahrnehmung ist von einer Mischung aus Unmittelbarkeit und tastender Reflexion geprägt. Vieles bleibt unausgesprochen, erscheint nur in Andeutungen und gewinnt gerade dadurch an Gewicht. Der Leser ist gefordert, die Leerstellen zu füllen, und wird so unweigerlich in das Geschehen hineingezogen.
Sprachlich besticht der Roman durch eine klare, zugleich poetisch durchwirkte Prosa. Insbesondere die Passagen über die Tauben entfalten eine fast lyrische Qualität. Sie erscheinen nicht nur als konkrete Begleiter Noahs, sondern als vielschichtiges Sinnbild für Freiheit, Würde und die Sehnsucht nach Ungebundenheit. In der Gegenüberstellung von schwebender Leichtigkeit und wachsender Restriktion liegt eine stille, aber nachhaltige Kraft.
Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung des Widerstands, der sich nicht in großen Gesten manifestiert, sondern im Verborgenen, im Unspektakulären. Es sind kleine, beinahe unscheinbare Handlungen, in denen sich ein Beharren auf Eigenständigkeit artikuliert. Gerade diese leisen Formen der Auflehnung verleihen dem Roman seine moralische Tiefe. Noah selbst oszilliert zwischen jugendlicher Unbekümmertheit und einem allmählich erwachenden Bewusstsein für die Tragweite seines Handelns. Dass er - teils aus impulsivem Trotz, teils aus innerer Überzeugung - immer wieder versucht, sich den Zumutungen der neuen Ordnung zu entziehen, erscheint ebenso glaubhaft wie berührend.
Auch innerhalb der Familie treten unterschiedliche Haltungen zutage. Anpassung, Resignation, vorsichtige Opposition. Abbas Khider verzichtet dabei konsequent auf Wertungen und eröffnet stattdessen einen Raum, in dem die Vielschichtigkeit menschlicher Reaktionen sichtbar wird.
So entsteht das eindringliche Bild einer Welt, in der Freiheit nicht abrupt verschwindet, sondern nach und nach erodiert. Zugleich bleibt spürbar, dass selbst unter den Bedingungen äußerster Einschränkung ein innerer Widerstand fortbestehen kann. Es ist gerade diese Spannung zwischen Verlust und Beharren, die dem Roman seine nachhaltige Wirkung verleiht.

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Veröffentlicht am 11.04.2026

Das Unabgeschlossene als Prinzip - Erinnern in Fragmenten

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Schon der Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ von Judith Hermann hat bei mir etwas ausgelöst. Dieses leise Versprechen, dass es hier nicht um eine lineare Geschichte geht, sondern um etwas Offeneres, ...

Schon der Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ von Judith Hermann hat bei mir etwas ausgelöst. Dieses leise Versprechen, dass es hier nicht um eine lineare Geschichte geht, sondern um etwas Offeneres, vielleicht auch Unfertiges. Das Cover hat diesen Eindruck noch verstärkt. Zurückgenommen, fast tastend und genau so fühlt sich auch die Lektüre an.
Im Zentrum steht die Erzählerin selbst, die sich auf die Spuren ihres Großvaters begibt, der während der NS-Zeit in Polen stationiert war. Ausgangspunkt ist ein Foto, der Ort Radom und die Frage, was sich hinter diesem Bild verbirgt. Was folgt, ist keine klassische Spurensuche, jedenfalls keine, die klare Antworten liefert. Vielmehr entsteht ein Geflecht aus Eindrücken, Gedanken, Beobachtungen. Die Reise nach Polen wirkt stellenweise fast suchend im wörtlichen Sinne, tastend, unsicher, manchmal auch ein wenig ziellos. Und doch hatte ich nie das Gefühl, dass das ein Mangel ist. Eher im Gegenteil, denn gerade dieses Nicht-Ankommen, dieses Nicht-Wissen hat etwas sehr Ehrliches.
Was mich besonders beschäftigt hat, ist der Umgang mit den Leerstellen. Die Erzählerin stößt immer wieder an Grenzen, familiär, historisch, emotional. Die Mutter schweigt oder erinnert sich bruchstückhaft, der Großvater bleibt eine Art Schattenfigur. Und genau darin liegt für mich eine der stärksten Ebenen des Buches. Es zeigt, wie Erinnerung funktioniert oder eben nicht funktioniert. Wie viel von dem, was wir „wissen“, eigentlich aus Fragmenten besteht.
Der zweite Teil, der die Erzählerin nach Italien zu ihrer Schwester führt, hat mich zunächst etwas irritiert. Ich hatte erwartet, dass die Spurensuche konsequenter weitergeführt wird. Stattdessen verschiebt sich der Fokus. Die Vergangenheit tritt etwas zurück, und die Gegenwart, die Beziehung zur Schwester, bekommt mehr Raum. Das hat mich beim Lesen ein wenig aus dem Rhythmus gebracht. Gleichzeitig fand ich es aber auch nachvollziehbar, weil sich hier zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit Geschichte umgehen. Während die Erzählerin gräbt, geht die Schwester eher auf Distanz und zwischen diesen beiden Haltungen entsteht eine ganz eigene Spannung.
Was mich durchgehend begleitet hat, war diese eigentümliche Mischung aus Nähe und Distanz. Die Sprache ist klar, oft fast nüchtern, und lässt gleichzeitig vieles unausgesprochen. Man wird nicht an die Hand genommen, sondern muss sich selbst orientieren. Es gibt Passagen, in denen ich mir gewünscht hätte, noch tiefer eintauchen zu dürfen, noch näher an die Erzählerin heranzukommen. Und dann gibt es wieder Momente, die mich völlig unerwartet getroffen haben, gerade weil sie so beiläufig daherkommen. Schließlich nahm ich das gesamte Buch jedoch eher mit einer Distanz wahr und konnte mich nicht fesseln.
Inhaltlich ist das Buch weniger eine Aufarbeitung als vielmehr eine Annäherung. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu erklären oder zu bewerten, sondern darum, mit ihrer Unschärfe zu leben. Diese Haltung hat mich stellenweise unzufrieden gemacht. Ich hätte mir mehr Klarheit gewünscht, mehr Konsequenz in der Suche. Gleichzeitig ist genau das vermutlich der Punkt, dass es diese Klarheit nicht gibt.
Nach der Lektüre bleibt kein geschlossenes Bild, sondern eher ein Nachklang. Einzelne Szenen, Gedanken, Fragen. Ich habe mich dabei ertappt, über meine eigene Familiengeschichte nachzudenken, über das, was erzählt wurde und das, was nie zur Sprache kam.

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Veröffentlicht am 04.04.2026

Zwischen Absturz und Aufbruch - ein wichtiges Thema unaufgeregt aufbereitet

Solange ein Streichholz brennt
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Bohm lebt seit Jahren auf der Straße, begleitet allein von seinem Hund Fox, der ihm zu einem unverzichtbaren Anker geworden ist. Über seine Vergangenheit legt sich lange ein Schleier des Schweigens. Nur ...

Bohm lebt seit Jahren auf der Straße, begleitet allein von seinem Hund Fox, der ihm zu einem unverzichtbaren Anker geworden ist. Über seine Vergangenheit legt sich lange ein Schleier des Schweigens. Nur schemenhaft wird deutlich, dass ihn eine Schuld begleitet, vor der er sich nicht nur räumlich, sondern auch innerlich zu entziehen versucht. Der ungeöffnete Brief in seinem Rucksack wirkt dabei wie ein stummes Symbol für all das Verdrängte. Alina hingegen bewegt sich in einer gänzlich anderen Welt. Als Journalistin sieht sie sich mit dem schleichenden Stillstand ihrer Karriere konfrontiert, und die geplante Reportage über Obdachlosigkeit erscheint ihr als letzte Möglichkeit, beruflich wieder Fuß zu fassen.
Die Begegnung dieser beiden so unterschiedlichen Lebensentwürfe bildet den Kern des Romans und gerade die Art, wie sich Bohm und Alina einander annähern, hat mich besonders überzeugt. Diese Annäherung vollzieht sich leise, beinahe tastend, frei von jeglicher Überzeichnung. Es sind die unscheinbaren Momente, die Blicke, die Pausen zwischen den Worten, in denen sich eine vorsichtige Vertrautheit andeutet, ohne je vollständig greifbar zu werden. Zugleich bleibt stets eine Distanz spürbar, als wüssten beide Figuren um die Fragilität dieser Verbindung.
Der Perspektivwechsel zwischen Bohm und Alina verleiht der Erzählung eine wohltuende Vielschichtigkeit. Er eröffnet nicht nur Einblicke in zwei gänzlich verschiedene Lebensrealitäten, sondern legt auch die inneren Brüche beider Figuren offen. Bohms stille Resignation, seine Müdigkeit und zugleich seine Fähigkeit zur Zuneigung, insbesondere gegenüber Fox, stehen Alinas wachsendem Zweifel an ihrem beruflichen und persönlichen Lebensentwurf gegenüber. Diese Gegenüberstellung wirkt nie konstruiert, sondern entfaltet eine leise, überzeugende Authentizität.
Sprachlich zeichnet sich der Roman durch eine zurückhaltende, beinahe unaufdringliche Präzision aus. Gerade im Verzicht auf Pathos liegt seine Stärke. Die emotionalen Momente entstehen aus der Situation heraus und wirken dadurch umso nachhaltiger. Besonders Bohms Perspektive hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, da sie mit wenigen Worten eine bemerkenswerte Tiefe erreicht.
Lediglich das Ende erschien mir etwas abrupt, beinahe zu schnell herbeigeführt, sodass ich mir gewünscht hätte, noch einen Moment länger in dieser erzählten Welt verweilen zu können.
Insgesamt ist „Solange ein Streichholz brennt“ kein lauter Roman, sondern ein stilles, eindringliches Porträt zweier Menschen, deren Wege sich unter ungewöhnlichen Umständen kreuzen. Es ist weniger eine klassische Liebesgeschichte als vielmehr eine behutsame Annäherung an Fragen von Nähe, Verlust und der Fragilität menschlicher Existenz.

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