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Veröffentlicht am 06.01.2019

Pompeji wieder zum Leben erweckt …

Pompeji
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Attilius hat gerade seinen Dienst als Aquarius der Wasserversorgung Aqua Augusta in der Bucht von Neapel angetreten, als ein Störfall eintritt. Das Wasser ist plötzlich schwefelhaltig, im Fischbecken der ...

Attilius hat gerade seinen Dienst als Aquarius der Wasserversorgung Aqua Augusta in der Bucht von Neapel angetreten, als ein Störfall eintritt. Das Wasser ist plötzlich schwefelhaltig, im Fischbecken der Villa Hortensia, die dem reichen Ampliatus gehört, sind die Meerbarben bereits eingegangen. Dann versiegt der Wasserfluss ganz, eine Katastrophe bei der herrschenden Sommerhitze. Mit einigen Gehilfen macht sich der junge Wassermeister auf den Weg nach Pompeji, um das Aquädukt zu überprüfen und den Schaden zu beheben. Dort wird ihm großzügig Hilfe angeboten, damit er im Gegenzug die Stadt mit kostenlosem Wasser für ihre Bäder versorgen soll. Da er nicht, wie sein verschwundener Vorgänger, käuflich ist, lehnt Attilius ab. Jetzt ist sein Leben in Gefahr, nicht nur durch die Reparaturarbeiten, die ihn immer näher an den Vesuv führen, sondern auch durch einflussreiche Bürger Pompejis, die seine Ermordung planen. Währenddessen zittert und bebt die Erde immer mehr, der Vulkan grollt, das Unheil nimmt seinen Lauf …

Robert Harris, geb. 1957 in Nottingham/England, ist ein britischer Journalist, Sachbuchautor und Schriftsteller. Er studierte englische Literatur, arbeitete als Reporter und politischer Redakteur und als ständiger Kolumnist bei der Sunday Times. Er ist Autor etlicher Romane mit historischer Grundlage, die teilweise Millionenauflage erreichten und in 30 Sprachen übersetzt wurden. In der Handlung vermischt er Fiktion und Wirklichkeit und ist dabei um größtmögliche Faktentreue bemüht. Robert Harris ist verheiratet und hat vier Kinder. Zurzeit lebt er mit seiner Frau Gill Hornby in Berkshire. Sein Schwager ist der Schriftsteller Nick Hornby.

Die historischen Ereignisse des Romans „Pompeji“ basieren auf den Aufzeichnungen des Gaius Plinius dem Jüngeren. Der Autor lässt diese wieder aufleben und entführt uns in das Jahr 79 n. Chr., zwei Tage vor und zwei Tage während des Ausbruchs des Vesuv. Wir erleben einen Mordanschlag, intrigante Machenschaften und heldenhafte Taten – alles vor einer Naturkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, des Vulkanausbruchs. Obwohl die einzelnen Figuren etwas blass gezeichnet sind, erhalten wir dennoch ein atmosphärisch dichtes Bild des Lebens der Menschen zur damaligen Zeit. Harris erzählt spannend und rekonstruiert die römische Welt am Golf von Neapel äußerst anschaulich. Im Mittelpunkt steht jedoch der Vesuv, der gewaltige Berg, Sitz des Gottes Vulcan, dessen Ausbruch nicht zu verhindern ist. Dies ist für den Leser von Anfang an eine bekannte Tatsache, umso interessanter ist es zu erfahren, was mit den Protagonisten geschieht und wie sie reagieren. Den Ausbruch, dieses apokalyptische Geschehen, schildert der Autor sehr authentisch nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Tod und Zerstörung kommen über die Stadt, dennoch bleibt am Ende ein kleiner, durchaus logischer Lichtblick.

Fazit: Ein sehr spannender authentischer Roman, aus dem man, historisch korrekt, viel über die damalige Zeit und über Vulkanausbrüche lernen kann. Empfehlenswert!

Veröffentlicht am 28.10.2018

Martha Gellhorn – Biografie zwischen Fakten und Fiktion

Hemingway und ich
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Martha Gellhorn führte für die damalige Zeit einen ungewöhnlichen und ziemlich lockeren Lebenswandel, bis sie nach dem Tod ihres Vaters im Alter von 28 Jahren in Florida auf den wesentlich älteren Ernest ...

Martha Gellhorn führte für die damalige Zeit einen ungewöhnlichen und ziemlich lockeren Lebenswandel, bis sie nach dem Tod ihres Vaters im Alter von 28 Jahren in Florida auf den wesentlich älteren Ernest Hemingway traf. Er war ihr Idol, ihr Vorbild, dem sie als Schriftstellerin nachzueifern versuchte. Obwohl sie viel gereist war und bereits zwei Bücher veröffentlicht hatte, war sie immer noch auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung. Die hoffte sie zu finden indem sie Hemingway nach Madrid nachreiste, wo er als Reporter über den Bürgerkrieg in Spanien berichtete. Auch Martha machte hier ihre ersten Erfahrungen als Kriegsreporterin. Es entwickelte sich zwischen den beiden Menschen, die sich in ihrem Charakter sehr ähnlich waren, eine Liebesbeziehung, die auch nach ihrer Rückkehr nach Amerika anhielt. Obwohl Hemingway noch verheiratet war zogen sie zusammen nach Kuba, um dort in aller Abgeschiedenheit an ihren Romanen zu schreiben. Hemingway war auf der Höhe seines Erfolges als Schriftsteller, als er sich von seiner zweiten Frau Pauline scheiden ließ und Martha heiratete. Ihre schriftstellerischen Erfolge hingegen waren zu dieser Zeit noch mäßig, während sie als Kriegsreporterin immer gefragter wurde. Dies führte zu ernsthaften Differenzen und zu einem Konkurrenzkampf zwischen den Eheleuten …

Mit Ihrem Roman „Madame Hemingway“ über Hemingways erste Frau Hadley, der in 34 Sprachen übersetzt wurde, gelang der US-amerikanischen Schriftstellerin Paula McLain sofort der Sprung auf die Bestsellerliste der New York Times. Mit „Hemingway & ich“ über seine dritte Ehe wird sie wohl ähnliche Erfolge erringen. McLain wurde 1965 in Fresno/Californien geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Cleveland/Ohio.

Der Roman ist eine interessante Mischung zwischen historischen Tatsachen und fiktiven Szenen und gibt einen spannenden Einblick auf das Leben Ernest Hemingways und seiner dritten Ehefrau Martha Gellhorn. Sehr überzeugend charakterisiert die Autorin die beiden Protagonisten, der damals bereits berühmte Schriftsteller und die ehrgeizige junge Reporterin. Marthas Gefühle, ihre Wünsche und Träume sowie ihre vergeblichen Versuche, neben ihrem übermächtigen Ehemann eigene Erfolge zu erringen, berühren den Leser. Auch über Hemingways Sichtweise, sein Können, seine Dominanz, sein sprunghaftes Wesen und sein Hang zum Alkohol berichtet die Autorin. Erschütternde Kriegshandlungen und tragische Einzelschicksale aus Krisengebieten sind weitere packende Themen.

Der Schreibstil ist flüssig und sehr gut lesbar, gut recherchierte Details vermitteln einen sachlichen Blick auf die einzelnen Krisengebiete und geben die brutalen Kriegshandlungen der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts realistisch wieder. Am Ende des Buches erläutert die Autorin, wie sie an ihr Wissen kam und gibt auch die Quellen dazu an. In einem Nachwort berichtet sie über den weiteren Lebensweg Martha Gellhorns, die ohne Hemingway letztendlich ihre ehrgeizigen Pläne besser verwirklichen konnte und eine der bedeutendsten und berühmtesten Kriegskorrespondentinnen des 20. Jahrhunderts wurde, die sechzig Jahre lang über jeden großen Konflikt auf der Welt berichtete und nebenbei noch fünf Romane, vierzehn Novellen, zwei Kurzgeschichtensammlungen und zwei Essaybände schrieb.

Fazit: Ein interessantes Buch für Leser, die sich für Biografien interessieren und mehr über Hemingway, sein Leben und seine Ehen wissen möchten.

Veröffentlicht am 13.08.2018

Wie das Schicksal es will …

Beim Ruf der Eule
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Auch mit beinahe 80 Jahren betreibt Maeve Maloney noch immer die kleine, von ihrer Eltern geerbte Pension an der See, in der sie Menschen mit geistiger Behinderung beherbergt. Auch wenn sie nach außen ...

Auch mit beinahe 80 Jahren betreibt Maeve Maloney noch immer die kleine, von ihrer Eltern geerbte Pension an der See, in der sie Menschen mit geistiger Behinderung beherbergt. Auch wenn sie nach außen schroff und unnahbar wirkt, zu ihren Gästen ist sie stets liebevoll und herzlich. Ganz anders jedoch zu dem neuen Gast, Vincent Roper, ihn würde sie gerne wieder los werden. Nach über 50 Jahren ist er plötzlich wieder da, der Jugendfreund, den sie damals nie wieder sehen wollte. Er ist der einzige Mensch der noch weiß, dass sie eine Zwillingsschwester hatte, Edie, die wunderbar singen konnte und bestimmt berühmt geworden wäre, hätte das Schicksal nicht so grausam zugeschlagen. Plötzlich sind Maeves Erinnerungen wieder da - und ihre Schuldgefühle, die sie jahrzehntelang verdrängt hatte …

„Beim Ruf der Eule“ ist der Debütroman der US-amerikanischen Autorin Emma Claire Sweeney, die bisher erfolgreich Kunstfeatures und Beiträge über Menschen mit Behinderungen in verschiedenen namhaften Magazinen veröffentlichte. Inspiriert zu dem Roman wurde sie durch ihre Schwester, die an Zerebralparese und Autismus erkrankt ist. Sie lebt heute in London.

Die Idee, über Menschen mit Handicap zu schreiben und eine Pension für Behinderte in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, finde ich grundsätzlich gut – die Ausführung ist meiner Meinung nach weniger gut gelungen. Die Handlung spielt in zwei Zeitebenen, in den 50er-Jahren und etwa 2013, wobei die Gegenwart in der Vergangenheitsform geschrieben ist und die Geschehnisse vor 60 Jahren in der Gegenwartsform geschildert werden. Warum nur? Das macht das Lesen, zumindest anfangs, sehr anstrengend und hindert den Lesefluss. Überhaupt zieht sich die Geschichte zäh und mühsam dahin. Etwas Spannung entsteht lediglich dadurch, dass man wissen möchte, wie es seinerzeit zu dem Zerwürfnis zwischen Maeve und Vincent gekommen ist. Die Auflösung am Schluss ist dann eher banal.

Überraschend einfühlsam hingegen schildert die Autorin das Verhältnis zu Personen mit Down-Syndrom, über ihre Gefühle und ihre Art zu leben. Man erfährt beispielsweise, dass manche Betroffene, mit etwas Unterstützung, sehr wohl in der Lage sind, ein eigenständiges Leben zu führen. Dass das Leben mit Behinderten einerseits sehr bereichernd sein kann, andererseits aber deren Pflege manche Familien total überfordert, erfährt der Leser ebenfalls in der Geschichte.

Im Epilog berichtet die Autorin, wie sie durch Personen ihres Umfeldes zu diesem Buch angeregt wurde und vieles davon hier übernehmen konnte. Ich muss leider gestehen, dass mich dieser kurze Bericht mehr interessiert und betroffen gemacht hat, als der Roman selbst.

Fazit: Ein Buch, über das man verschiedener Meinung sein kann. Deshalb sollte sich jeder sein eigenes Urteil bilden.

Veröffentlicht am 03.12.2017

Engel oder Psychopath?

Todesengel
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Ein Rentner wird von zwei Jugendlichen in einer U-Bahn-Station grundlos halb tot geschlagen, drei Skinheads prügeln und treten einen jungen Mann bewusstlos, vier Kerle überfallen eine junge Türkin, ein ...

Ein Rentner wird von zwei Jugendlichen in einer U-Bahn-Station grundlos halb tot geschlagen, drei Skinheads prügeln und treten einen jungen Mann bewusstlos, vier Kerle überfallen eine junge Türkin, ein jüdischer Trainer für Selbstverteidigung wird auf dem Heimweg von einigen jungen Arabern angegriffen – und immer erscheint zur Rettung der Bedrängten ein strahlend weißer Engel, der die Täter brutal bestraft und dann spurlos verschwindet. Die Polizei tappt im Dunkeln und vermutet anfangs falsche Aussagen der Überfallenen - für die Bevölkerung der Stadt jedoch handelt es sich hier um einen Engel, einen Racheengel zum Schutz der Wehrlosen. Doch dann bekommt der Journalist Ingo Praise ein anonymes Video zugeschickt, auf dem der „Todesengel“ zu sehen ist …

Die stets zunehmende Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft, das oft lebenslange Leid der Opfer und die meist geringe Bestrafung der jugendlichen Täter sind nur einige der Probleme, die der Autor Andreas Eschbach hier aufgegriffen und als spannenden Krimi verarbeitet hat. Der Schreibstil ist dabei von beeindruckender Intensität, ausdrucksstark und lebendig. Man merkt, dass sich der Autor mit dem Thema gründlich auseinander gesetzt hat, es von allen Seiten beleuchtet, ohne für eine bestimmte Seite Partei zu ergreifen. Er überlässt es dem Leser, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Selbstjustiz und Zivilcourage sind die vorherrschenden Themen des Buches. Soll man das Gesetz in die eigenen Hände nehmen, wenn der Staat versagt? Es wird mehr Mut zum Eingreifen gefordert, doch dass der Helfer sich selbst in Gefahr bringt oder sich gar strafbar macht wenn er den Angreifer verletzt – darauf weist niemand hin. Warum werden die Angreifer vor Gericht mit Samthandschuhen angefasst und wegen widriger Umstände, die zu der Tat geführt haben, noch bedauert, während die Opfer mit ihrem physischen, psychischen und materiellen Schaden meist alleine gelassen werden? Und was geschieht, wenn irrtümlich ein Unbeteiligter zu Tode kommt? Ein erschreckender, dramatischer Schluss, der perfekt zur Handlung passt, stimmt sehr nachdenklich und weckt beim Leser zwiespältige Emotionen.

Fazit: Ein empfehlenswertes Buch über ein mehr denn je aktuelles Thema – aufregend und sehr spannend umgesetzt.

Veröffentlicht am 18.03.2019

Schicksal ...

Bella Ciao
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Als Giulia Masca entdeckte, dass ihr Verlobter Pietro sie mit ihrer besten Freundin Anita hinterging, verließ sie fluchtartig ihr Heimatdorf Borgo die Dentro im Piemont, um in Genua das nächste Schiff ...

Als Giulia Masca entdeckte, dass ihr Verlobter Pietro sie mit ihrer besten Freundin Anita hinterging, verließ sie fluchtartig ihr Heimatdorf Borgo die Dentro im Piemont, um in Genua das nächste Schiff nach Amerika zu nehmen. Jetzt, 1946, 45 Jahre später, kehrt sie als wohlhabende Frau mit ihrem Sohn Michael zu einem kurzen Aufenthalt zurück. Sie möchte mit der Vergangenheit abrechnen, erfahren wie es Anita und Pietro erging. Giulia selbst hatte Glück. Als sie Anfang des 20. Jahrhunderts schwanger in New York ankam, lernte sie den älteren Krämer Libero Manfredi kennen, der sie heiratete und für ihr Kind wie ein leiblicher Vater war. Doch nun, zurück in der alten Heimat, zögert sie. Soll sie sich zu erkennen geben? Soll sie Anita und Pietro aufspüren? Soll sie alte Wunden aufreißen? …

Die Autorin Raffaella Romagnolo wurde 1971 in Casale Monferrato/Piemont geboren. Sie ist Lehrerin für Geschichte und Italienisch und schreibt seit 2007 auch Romane, für die sie bereits für den Premio Strega nominiert war. Heute lebt die sie in Rocca Grimalda im Piemont.

Der Roman „Bella Ciao“ (Original „Destino“) befasst sich sowohl mit dem Leben einiger Familien in Italien, als auch mit dem Schicksal italienischer Auswanderer in New York, und umfasst den Zeitraum von etwa 1900 bis 1946. Der Leser erhält einen tiefen Einblick in die Not in Italien während der beiden Weltkriege, erfährt über die Ausbeutung der Fabrikarbeiter und der Landpächter, liest über Naturkatastrophen, über Gemetzel an der Front und über den schier aussichtslosen Kampf der Partisanen gegen den aufkommenden Faschismus unter Mussolini. Es sind viele Tote und Verletzte zu beklagen. Auch die ausgewanderten Italiener in den USA hatten ihre Probleme, mussten sie doch gegen manche Vorurteile ankämpfen. Während Giulia durch das Dorf wandert und auf ihr eigenes, manchmal hartes, Leben zurückblickt erfährt man auch, wie es ihrer damals besten Freundin Anita, deren Familie und Giulias Verlobten Pietro nach ihrer Flucht ergangen ist.

Das Buch beeindruckt durch seine Sprachintensität, ist jedoch wegen der vielen Zeitsprünge, Rückblenden und Perspektivwechsel nicht ganz einfach zu lesen. Es erfordert schon ein gewisses Maß an Konzentration, um das Geschehen zu verfolgen und die Ereignisse richtig einzuordnen. Sehr viele Personen bevölkern die Geschichte, so dass die eingefügten Familien-Stammbäume und die Übersicht über weitere Personen zu Beginn jedes der drei Teile sehr hilfreich sind. Die Autorin zeichnet ein atmosphärisch dichtes Bild des Lebens der Menschen im Piemont zur damaligen Zeit und besitzt ein feines Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen. Die Charaktere sind sehr lebensecht und authentisch. Auf eindrückliche, höchst lesenswerte Weise wurden hier fiktive Familiendramen mit historischer, sehr gut recherchierter Zeitgeschichte verbunden.

Fazit: So muss gute Literatur sein, anspruchsvoll, ernsthaft und doch unterhaltend.