Cover-Bild Kleine Schwester
9,99
inkl. MwSt
  • Verlag: Diogenes
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Ersterscheinung: 29.04.2015
  • ISBN: 9783257606607
Martina Borger, Maria Elisabeth Straub

Kleine Schwester

Es war alles so schön geplant: Die Jessens wollen dem fünfjährigen Heimkind Lotta ein neues Zuhause geben und mit ihr endlich eine richtige Familie werden. Doch mit dem Einzug von Lotta, Lillys »kleiner Schwester«, beginnt eine Katastrophe, die unerbittlich auf ein erschreckendes Ende zusteuert. Nur die zwölfjährige Lilly versucht im letzten Moment, die Tragödie abzuwenden...

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Veröffentlicht am 25.03.2019

Wie kann es nur soweit kommen?

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Wann immer die Nachrichten von misshandelten, vernachlässigten, verhungerten Kindern berichten, bin ich traurig, fassungslos, schockiert und stinkwütend. Und ich frage mich: Was, zum Teufel, sind das für ...

Wann immer die Nachrichten von misshandelten, vernachlässigten, verhungerten Kindern berichten, bin ich traurig, fassungslos, schockiert und stinkwütend. Und ich frage mich: Was, zum Teufel, sind das für ‚Eltern‘, was ist das für ein Umfeld, das nichts geahnt, nichts gewusst, nichts gemerkt haben will??!

Das von mir sehr geschätzte Autorinnen-Duo Martina Borger und Maria Elisabeth Straub liefert mit seinem Roman Kleine Schwester, erschienen im Diogenes Verlag, eine Art (fiktionalen) Hintergrundbericht, wie es so weit kommen kann, wie eine solche Tragödie (auch wenn das Wort viel zu schwach dafür ist) ihren Lauf nimmt, Eigendynamik entwickelt und auf ein scheinbar unausweichliches Ende zusteuert.

Die Jessens, Mutter Ela, Vater Carl und Tochter Lilly, sind eine ganz gewöhnliche Familie. Okay, Ela will von ihrer Tochter zu deren Verdruss nicht ‚Mama‘ genannt, sondern mit ihrem Vornamen angesprochen werden, und sie will „nicht so sein […] wie andere Mütter“, mit „Pudel-Dauerwellen, dickem Hintern und Hausschuhen“, so what? Doch auch wenn Ela keine gewöhnliche Mutter sein will, so will sie auf jeden Fall eines sein: eine zweifache Mutter. Carl ist nach einer Krankheit nicht mehr zeugungsfähig und Ela, deren Gedanken bald nur noch um ihren unerfüllten Kinderwunsch kreisen, wird zusehends aggressiver, fragiler und unberechenbarer. Irgendwann scheint eine Lösung gefunden zu sein: Die Jessens nehmen die fünfjährige Lotta bei sich auf. Elas Wunsch hat sich erfüllt, das traumatisierte Heimkind Lotta – das eigentlich Dagmar heißt, doch dieser Name ist Ela zu „hässlich – hat ein neues Zuhause. Doch ‚Lotta‘ kann ihre unausgesprochene Aufgabe, nämlich Elas beschädigte Psyche zu heilen, nicht erfüllen, und Elas Euphorie über die neue ‚Tochter‘ wandelt sich langsam, aber unaufhaltsam von Zuversicht zu Frust, Gleichgültigkeit, Hass …

Ich habe das Buch vor einigen Jahren in einem Rutsch gelesen, konnte meine Augen nicht von den Seiten lösen und es nicht aus der Hand legen. Die Geschehnisse sind so ungeheuerlich und gleichzeitig aufgrund der gewählten Erzählperspektive so eindringlich, dass ich mich diesem Strudel nicht entziehen konnte. Die Geschichte der Jessens wird aus Sicht der mittlerweile zwölfjährigen leiblichen Tochter Lilly erzählt. Lilly ist einerseits unmittelbar in die Geschehnisse involviert, nimmt aber andererseits aufgrund ihres Kindseins die Rolle der handlungsunfähigen Beobachterin ein. Sie ist zu jung, um die Verantwortung für das, was in ihrem Zuhause passiert, zu übernehmen, vielleicht auch zu naiv, hilflos und loyal, um Hilfe zu erbitten. Der kindliche, fast unbeteiligte Tonfall der Ich-Erzählerin ist einerseits streckenweise nur schwer zu ertragen, verleiht aber andererseits den Ereignissen eine unglaubliche Intensität.

Ein Buch, das einem den Hals zuschnürt, das Herz verkrampft, den Kopf sprengt.