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Veröffentlicht am 30.03.2026

Die Neuerfindung des Tagebuchromans

Abglanz
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Halte dein Handy bereit – und vergiss spätestens beim letzten Drittel nicht, zu atmen.
Diese beiden Ratschläge hätte ich mir gern selbst gegeben, bevor ich mit der Lektüre von Niko Stoifbergs „Abglanz“ ...

Halte dein Handy bereit – und vergiss spätestens beim letzten Drittel nicht, zu atmen.
Diese beiden Ratschläge hätte ich mir gern selbst gegeben, bevor ich mit der Lektüre von Niko Stoifbergs „Abglanz“ begann: das Handy, um die zahlreichen tibetischen Thangkas in ihrer tradierten Ausführung sofort zu googeln; das Atmen, weil es zum Ende hin so aufregend wird. – Doch worum geht es überhaupt?

Im Mittelpunkt des Romans steht die Ich-Erzählerin Selin. Und für sie läuft es zu Beginn überhaupt nicht gut: Sie fristet ihre Tage als frustrierte Grafikerin für mäßig spannende Projekte, obwohl sie sich als Künstlerin versteht. Ihr Lebensgefährte interessiert sich mehr für die Herausgabe seines Lifestyle-Magazins als ihre Bedürfnisse, der Kinderwunsch will sich nicht erfüllen, und jetzt ist sie auch noch seelisch so angeschlagen, dass einzig eine Kombination aus Gesprächstherapie und Psychopharmaka sie die depressive Düsternis, die ihr Leben bestimmt, ertragen lässt. Doch dann erscheint ein unvermuteter Hoffnungsschimmer am bleichen Horizont ihres Daseins: Ihr Freund plant, die Bilder einer bislang unbekannten tibetischen Künstlerin namens Nima zu publizieren. Und Selin, die ebenso talentierte wie unentdeckte Malerin, beschließt kurzerhand, in deren Rolle zu schlüpfen – mit einer schier überwältigenden Resonanz. Mit einem Mal wendet Selins Schicksal sich ins Helle, Lichte, Glänzende. Doch dann meldet sich die echte Nima …

Mit „Abglanz“ ist Niko Stoifberg nichts Weniger als die Neuerfindung des Tagebuchromans gelungen (die Details möchte ich an dieser Stelle nicht spoilern), und das mit einer überzeugenden Protagonistin, einem tragfähigen Plot und einem bemerkenswerten Erzählstil, der uns die Befindlichkeit und Entwicklung seiner Ich-Erzählerin mit jeder Zeile nachfühlen lässt: teilweise herrlich rotzig, gleichzeitig verletzlich und sensibel; bisweilen überfordert und überwältigt, dann wieder optimistisch und glücklich. Mein einziger Kritikpunkt, der allerdings meinem persönlichen Leseempfinden geschuldet ist: Für mich hätte der Roman gerade am Anfang gern ein wenig straffer erzählt werden dürfen, doch das ist mein persönlicher Geschmack und tut dem Leseerlebnis insgesamt keinen Abbruch. Deshalb: große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Wunderbar böse

Der Rache Glanz
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Wenn ich von einer souveränen Leserin und um Objektivität bemühten Rezensentin zur sensationslüsternen, nach Gossip gierenden Hyäne werde – dann liegt das an Maud Venturas großartigem Roman „Der Rache ...

Wenn ich von einer souveränen Leserin und um Objektivität bemühten Rezensentin zur sensationslüsternen, nach Gossip gierenden Hyäne werde – dann liegt das an Maud Venturas großartigem Roman „Der Rache Glanz“.

Die Story ist rasch zusammengefasst: Von Kindesbeinen an verfolgt Cléo nur ein einziges Ziel: berühmt zu werden. Und sie ist nicht nur bereit, alles dafür zu tun – sie tut es auch. Egal, um welchen Preis. Egal, wer dabei auf der Strecke bleibt. Und der Erfolg gibt ihr fatalerweise recht – und das ist, wie die Ich-Erzählerin Cléo freimütig einräumt, „das Beste und das Schlimmste, was einer Narzisstin passieren kann“.

Und damit sind wir auch schon beim Kern der Genialität dieses Romans: Mit Cléo hat die Autorin eine hinreißend unsympathische Protagonistin geschaffen, die aus ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit und ihrem erbarmungslosen Aufstiegswillen keinen Hehl macht. Dass ihre Persönlichkeit sich dabei zusehends aufspaltet in ein Öffentlichkeits- und ein privates Ich, dass sie diejenigen vor sich respektiert und jene hinter sich ignoriert, dass selbst der größte Erfolg nie genug ist und sie nach immer mehr verlangt – nun ja, so ist das halt auf dem Olymp, nicht wahr?

Und da alle Ereignisse aus Cléos ganz persönlicher Sicht geschildert werden, konnte ich gar nicht anders, als mich von Zeile zu Zeile immer mehr auf die Seite dieses moralisch verkommenen, egozentrischen Biests zu schlagen – ein erzählerisch grandioser Kniff, der bei mir voll aufging … vom verblüffenden Ende ganz zu schweigen.

Fazit: Ein wunderbar böser Roman, der den ausufernden Starkult mit skalpellscharfer Klinge seziert. Für mich ein Highlight!

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Als Sequel nur bedingt überzeugend

The Woman in Suite 11
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Einige Jahre nach der traumatischen Kreuzfahrt, die sie beinahe das Leben gekostet hätte, will Lo einen beruflichen Neuanfang wagen. Die Journalistin ist mittlerweile verheiratet und Mutter zweier entzückender ...

Einige Jahre nach der traumatischen Kreuzfahrt, die sie beinahe das Leben gekostet hätte, will Lo einen beruflichen Neuanfang wagen. Die Journalistin ist mittlerweile verheiratet und Mutter zweier entzückender Jungs. Und so sehr Lo ihr glückliches Familienleben auch schätzt, in ihrer Karriere musste sie in den vergangenen Jahren zurückstecken. Als Lo die Einladung zu einem Pre-Opening eines Luxushotels am Genfer See erhält, sieht sie darin die ersehnte Chance eines Comebacks. Doch statt des erhofften Interviews mit dem exzentrischen Hotelbesitzer erwartet sie ein unerwartetes Wiedersehen – und eine erneute Gefahr.

Kennt ihr das? Ihr schaut einen spannenden Film – Horror, Thriller, was auch immer –, und die Hauptfigur (in aller Regel weiblich, hübsch und nichts Böses ahnend) macht wirklich ALLES, was dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen scheint? Und ihr sitzt vor dem Fernseher und wollt ihr zuschreien: „Nein! Tu das nicht! Du rennst in dein Verderben!“ Und dann tut sie’s doch …

So in etwa erging es mir bei der Lektüre von „The Woman in Suite 11“. Ihre Protagonistin Lo ist treuen Ruth-Ware-Leser*innen, auch mir, bereits aus dem Roman „The Woman in Cabin 10“ bekannt – und das machte für mich die Wahrnehmung (und vor allem das Ernstnehmen) der Figur leider noch schwieriger. Denn hier wollte ich ihr zusätzlich zuschreien: „Du müsstest es doch besser wissen!“ – Das tut sie natürlich nicht, und genau daran krankt die Story aus meiner Sicht. Denn während man im Vorgängerroman, wie auch in den meisten Thrillern, der Hauptfigur noch zugute halten kann, dass sie vollkommen unbedarft in finstere Machenschaften und damit in Gefahr gerät, greift diese Erklärung hier nicht. Das machte für mich die Motivation, die Entscheidungen und Handlungen der Protagonistin weitestgehend erratisch und nicht nachvollziehbar.

Dabei ist die Story durchaus spannend – vielleicht wäre es ihr zuträglicher gewesen, als eigenständiger Roman mit einer neuen Hauptfigur konzipiert zu werden, und nicht als Sequel. Und tatsächlich habe ich mir die Frage gestellt, ob ich den Roman anders wahrnehmen und bewerten würde, wenn ich den Vorgänger nicht gekannt hätte. So indes vermochte der Roman mich leider nicht wirklich zu überzeugen.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Irgendwie von allem zu viel und gleichzeitig zu wenig, dennoch unterhaltsam

Die Unbußfertigen
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Rank 10! Leute, könnt ihr das glauben?! Rank 10! I mean: RANK 10!

Rank 10: Das ist die digitale Eintrittskarte, um an der höchst rätselhaften Veranstaltung in einem abgelegenen Herrenhaus teilnehmen zu ...

Rank 10! Leute, könnt ihr das glauben?! Rank 10! I mean: RANK 10!

Rank 10: Das ist die digitale Eintrittskarte, um an der höchst rätselhaften Veranstaltung in einem abgelegenen Herrenhaus teilnehmen zu dürfen. Und nur zehn Personen haben es geschafft, diesen geheimnisvollen medialen Höchstrang zu erreichen. Und sie könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein. Was sie indes eint, ist ihre nahezu unvermeidbare Präsenz auf Social Media. Sei’s als Influencerin, sei’s als Kommentarspalten-Troll. Doch anstelle des erwarteten Mega-Events inklusive gebührender Hofierung werden sie mit ihren schmutzigen kleinen Geheimnissen konfrontiert – und verschwinden nacheinander, während parallel eine eigenartige TV-Show ihren Lauf nimmt …

Die Lektüre hat bei mir gemischte Gefühle hinterlassen. Einerseits habe ich den Roman als aufmerksamen, klugen und hinreißend giftigen Blick auf das allgegenwärtige Phänomen selbsternannter Social-Media-Personalitys wahrgenommen. Auf eine Welt, in der Selbstdarstellung, Likes und das immerwährende Heischen nach Aufmerksamkeit wichtiger ist als Vernunft und Menschlichkeit. Andererseits war er mir inhaltlich etwas zu überfrachtet, dadurch wurde mir das Erzählziel, so es denn eines gab, nicht wirklich klar: Satire, Dystopie, Gegenwarts- und Medienkritik, Feminismus – es findet sich von allem etwas, und damit gleichzeitig von allem zu viel und zu wenig.

Gleichwohl hat der Roman mich exzellent unterhalten, sodass ich ihn durchaus weiterempfehlen kann.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

Ein durch und durch außergewöhnliches Werk

Schamrot
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„Ich habe angefangen, aufzuschreiben, wie alles begann. Wie meine Mutter sich die Lippen mit meinen Augen färbte.“

Wenn eine außergewöhnliche Künstlerin und preisgekrönte Lyrikerin ein autofiktionales ...

„Ich habe angefangen, aufzuschreiben, wie alles begann. Wie meine Mutter sich die Lippen mit meinen Augen färbte.“

Wenn eine außergewöhnliche Künstlerin und preisgekrönte Lyrikerin ein autofiktionales Buch schreibt (oder vielmehr erschafft) – dann kann daraus nur etwas ganz Besonderes werden. Und es ist mir beinahe unmöglich, eine Rezension zu verfassen, die diesem einzigartigen Werk gerecht wird. Doch ich will es wenigstens versuchen.

Stellt euch ein Kind vor, das feinsinnig und sensibel ist, gesegnet mit einer außerordentlichen Beobachtungsgabe und einem unbändigen Staunen über die Welt, durch die es wandelt, tänzelt, manchmal auch mit den Füßen stampft oder der großen Schwester wie ein Schatten folgt. Ein Kind, das Wörter sammelt. Ein Kind, das Angst vor dem frühen Tod hat.

„Wenn es zu dunkel wird, fehlen der Nacht die Sterne. Sie landen auf dem Teppich vor dem Bett.“

Und nun stellt euch vor, wie dieses Kind in den Fünfziger-, Sechzigerjahren am Niederrhein aufwächst, an einem Ort und zu einer Zeit, als Frauen und Mädchen im Haus Schürzen trugen und montags „große Wäsche“ war. Wo Streitereien zwischen den Eltern wortlos ausgetragen wurden. Und Söhne wertvoller waren als Töchter. Ländliche Idylle und verkrustete Ansichten – und gleichzeitig ein Ort, an dem Träume und Fantasien gedeihen können. Zur Not kann man immer noch im Märchen leben ...

„Schamrot“ ist ein durch und durch ungewöhnliches Buch – wobei der Terminus „Buch“ ungeachtet seiner physischen Gestalt zu kurz greift. (Und schon gar nicht ist es ein Buch, das man „mal eben nebenher“ liest.) „Schamrot“ ist ein eigener Kosmos, in den ich hineingezogen wurde; eine wort-, bild- und wortbildgewaltige Collage, die mich vollkommen gefangen genommen, bisweilen sanft belustigt und mitunter zu Tränen gerührt hat. Große Leseempfehlung!

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