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Veröffentlicht am 26.03.2020

Ein ernstes Thema belletristisch verpackt

Die Unwerten
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Die vierzehnjährige Hannah hat eine jüdische Mutter – und Epilepsie, zwei Sachverhalte, die im Jahr 1939 lebensgefährlich sein können. Nach einem Anfall in der Schule lässt sich ihre Krankheit nicht mehr ...

Die vierzehnjährige Hannah hat eine jüdische Mutter – und Epilepsie, zwei Sachverhalte, die im Jahr 1939 lebensgefährlich sein können. Nach einem Anfall in der Schule lässt sich ihre Krankheit nicht mehr verheimlichen, und Hannah sieht sich dem ebenso aufstiegswilligen wie charakterlosen Psychiater Joachim Lubeck gegenübergestellt. Für ihn ist der Fall klar: Hannahs Leben ist ein „unwertes“, das Mädchen nicht würdig weiterzuleben. Ihr Schicksal scheint besiegelt, doch Lubeck bietet Hannah und ihrer verzweifelten Mutter Malisha einen Ausweg: Wenn die schöne Malisha ihm zu Willen ist, könnte er ihre Tochter vor dem sicheren Tod bewahren. Malisha lässt sich darauf ein – anfänglich …

Tragische Ereignisse, scheinbar unzerstörbare Widersacher, glückliche Zufälle, wiederholtes Entkommen in letzter Minute, eine gefällige Sprache, ein flüssiger Erzählstil – „Die Unwerten“ ist ein Unterhaltungsroman, das steht außer Zweifel (bei allem Widerstreben, Literatur überhaupt solcherart zu kategorisieren). Und tatsächlich habe ich mich während der Lektüre bisweilen ein wenig beklommen gefragt, ob das geht, ob ‚man das machen kann‘, eine so menschenverachtende, massenmörderische Maschinerie wie die barbarische „Aktion T4“ in dieser Form literarisch zu verarbeiten. Dankenswerterweise geht der Autor in seinem Nachwort auf genau diese Frage ein:

„Nun könnte man mir vorwerfen, dass die Euthanasie kein Thema für die Belletristik ist, aber ich bin anderer Meinung. Um Menschen schwierige Themen nahezubringen, ist der erhobene Zeigefinger meines Erachtens kein gutes Mittel. Warum nicht die zeitgeschichtlichen Aspekte und Hintergründe in eine spannende Geschichte verpacken und damit den Leser zur Beschäftigung mit diesen Inhalten anregen? Schließlich geht es im Roman wie in der Realität um Menschen und deren Lebenswege.“

Ich persönlich bin zwar nicht der Meinung, dass die einzige Alternative zur Belletristik der erhobene Zeigefinger ist, doch zu diesem Roman kann ich guten Gewissens sagen: Ja, er dient der ‚Unterhaltung‘ im o. g. Sinne. Doch bildet die „Aktion T4“ tatsächlich ‚nur‘ den Rahmen für das Schicksal der Protagonistin, sie ist ein Vehikel, das den roten Faden der Handlung herstellt, ohne je zu sehr ausgeschlachtet, überzogen oder in irgendeiner Form herabgewürdigt zu werden. Ja, es ist Belletristik – aber (zumindest aus meiner Sicht) der inhaltlich, erzählerisch und sprachlich ‚besseren‘ Art.

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Veröffentlicht am 26.03.2020

Eine bezaubernde und verzaubernde Geschichte

Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit
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Die Geschichte beginnt mit dem Maler Edgar, einem träumerischen, etwas versponnenen jungen Mann, der nach Garmisch reist, um seinen Schwarm Elis wiederzusehen. Doch statt seiner Angebeteten trifft er die ...

Die Geschichte beginnt mit dem Maler Edgar, einem träumerischen, etwas versponnenen jungen Mann, der nach Garmisch reist, um seinen Schwarm Elis wiederzusehen. Doch statt seiner Angebeteten trifft er die zehn Jahre ältere, patente Ladenbesitzerin Luise. Das scheinbar ungleiche Paar entdeckt in dem jeweils anderen etwas, das man eine verwandte Seele nenne könnte. Beide haben einen fantasievollen Geist, der ihnen unbegrenzte Welten eröffnet. Ein halbes Jahr später sind Edgar und Luise verheiratet, bald darauf wird ihr erster und einziger Sohn Michael geboren – das vielgeliebte, von allen verhätschelte Kind, dem seine Eltern die Fähigkeit vererbt haben, das Wunderbare im Alltäglichen zu sehen und hinter die Grenzen der ‚Wirklichkeit‘ zu blicken. Doch in seiner Kindheit und Jugend eckt Michael immer wieder an: Es sind die Dreißiger-, Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, es ist weder die Zeit noch der Ort, seine Fantasie und Imaginationskraft öffentlich ausleben zu können oder zu dürfen. Michaels Vater wird die Lebensgrundlage entzogen, seine Kunst gilt als „entartet“, die Mutter versucht mit allen möglichen Jobs, die Familie über Wasser zu halten. Doch so schwer die Zeiten sind, in der Familie steht man zusammen, versucht, der grauen Realität zu entfliehen. Als junger Erwachsener versucht Michael – ein gutaussehender Schürzenjäger mit überbordendem Selbstbewusstsein – sein Glück als Theaterautor, doch der große Erfolg will sich nicht so recht einstellen. Erst als ein Kinderbuchillustrator ihn bittet, seine Zeichnungen mit einem kleinen Text zu versehen, findet er seine wahre Berufung, um nicht zu sagen, Bestimmung. Aus dem ‚kleinen Text‘ wird ein Kinderbuch von mehr als 500 Seiten, das mit den Worten beginnt: „Das Land, in dem Lukas, der Lokomotivführer wohnte, war nur sehr klein.“ …

Ich muss gestehen, dass ich herzlich wenig über das Leben von Michael Ende wusste. Und natürlich ist eine Romanbiografie – denn genau darum handelt es sich bei diesem Buch – keine lineare Wiedergabe von Lebensdaten und -abschnitten, sondern, wie die Autorin Charlotte Roth im Vorwort betont, ein Roman. Indes „ist Erfundenes [zuweilen] hilfreich, um im Verborgen Geschehenes sichtbar zu machen.“ Dieser sich am Leben von Michael Ende orientierende Roman ist eine wunderbare und wundersame Geschichte, in der man vieles aus Endes Kinderbüchern wiederfindet (was mir immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert hat) und die überdies so wunderschön und in einer so verzaubernden Sprache erzählt ist, dass ich sie allen wärmstens ans Herz legen möchte.

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Veröffentlicht am 19.03.2020

Leichte Unterhaltung nach bewährtem Rezept

Die Kleider der Frauen
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Paris, 1940: Die 22jährige Estella arbeitet gemeinsam mit ihrer Mutter als Schneiderin für die großen Modeschöpfer. Nebenbei verdient sie sich ein wenig Geld dazu, indem sie heimlich die neuesten Modelle ...

Paris, 1940: Die 22jährige Estella arbeitet gemeinsam mit ihrer Mutter als Schneiderin für die großen Modeschöpfer. Nebenbei verdient sie sich ein wenig Geld dazu, indem sie heimlich die neuesten Modelle kopiert und ihre Skizzen an amerikanische Modehäuser verkauft. Doch viel lieber würde Estella selbst designen, sie hat Talent und ein schier unerschöpfliches kreatives Potenzial. Kurz bevor die Wehrmacht in Paris einmarschiert, gerät Estella unbeabsichtigt in eine Aktion der Résistance – und muss aus Paris fliehen. Von ihrer Mutter erfährt sie erst jetzt, dass ihr Vater Amerikaner war, und so reist Estella nach New York. Sie hofft, sich dort ihren großen Traum vom eigenen Modehaus erfüllen zu können.

New York, 2015: Estella ist mittlerweile weit über neunzig. Ihre Enkelin Fabienne, die zu ihrer Großmutter ein sehr enges, liebevolles Verhältnis hat, plagt nicht nur die Sorgen um Estellas zusehends schwächere Konstitution, sondern überdies die Trauer um ihren kürzlich verstorbenen Vater. Beim Sichten seiner Unterlagen stößt Fabienne auf seine Geburtsurkunde – und die wirft einige Fragen zu seiner und damit auch ihrer Herkunft auf. Fabienne möchte Antworten von ihrer Großmutter, doch die fordert eine Gegenleistung: Ihre schüchterne Enkelin soll nach Estellas Tod ihre Modemarke weiterführen …

„Die Kleider der Frauen“ ist ein Roman, wie er derzeit zuhauf zu finden ist: Ein oder mehrere schöne Schauplätze, mindestens ein Handlungsstrang, der in der Vergangenheit spielt, ein Familienimperium, das weitergeführt werden muss, ein Familiengeheimnis, das gelüftet werden will – dazu die unverzichtbare Liebesgeschichte (selbstredend mit einem gutaussehenden Unbekannten) und eine Menge glücklicher Zufälle (so schließt Estella auf dem Schiff, das sie nach Amerika bringt, Freundschaft mit einem jungen Mann, der – ach, was? – in New York in der Modebranche arbeitet).

All das ist nicht neu und, um ehrlich zu sein, auch nicht allzu originell – doch alles in allem bietet „Die Kleider der Frauen“ eine, wenngleich nicht allzu anspruchsvolle, so doch durchaus unterhaltsame Lektüre: ein perfektes Buch zum „Wegschmökern“ – nicht mehr … aber auch nicht weniger.

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Veröffentlicht am 17.03.2020

Eine wunderbare Reise in die amerikanische Philosophie

Das Bücherhaus
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Es ist ein bisschen Sachbuch, ein bisschen Biografie, ein bisschen Philosophiegeschichte – doch ist das beschriebene Geschehen so unglaublich und so wunderbar erzählt, dass es sich fast wie ein Roman liest.

Der ...

Es ist ein bisschen Sachbuch, ein bisschen Biografie, ein bisschen Philosophiegeschichte – doch ist das beschriebene Geschehen so unglaublich und so wunderbar erzählt, dass es sich fast wie ein Roman liest.

Der Autor John Kaag ist Professor für Philosophie an der University of Massachusetts, Lowell, und was er erlebt hat, bietet wahrlich den Stoff für einen Roman. Kaag stößt bei einer Reise ins Hinterland von New Hampshire auf die in Vergessenheit geratene Bibliothek des großen amerikanischen Denkers William Ernest Hockning. In einem Wald auf dem Grundstück des Hockney-Anwesens, am A… der Welt. Dieser Fund erweist sich als wahrer Schatz, wenngleich einer, der jahrzehntelang unter alles andere als konservatorisch sinnvollen Umständen vor sich hin moderte: handgeschriebene Notizen von Walt Whitman. Bücher, die nachweislich Robert Frost und Ralph Waldo Emerson gehörten. Briefwechsel.

Die Erbinnen, drei betagte Schwestern, haben sich zwar redlich bemüht, die Bibliothek zu erhalten, doch aus zeitlichen und gesundheitlichen Gründen sowie aus Mangel an Fachkenntnis gedieh dieser Versuch nicht besonders gut. Sie gestatten Kaag, die Bücher zu sichten, zu restaurieren, zu katalogisieren und sich mit ihnen zu befassen. Und so stürzt sich der junge Philosophieprofessor – der sich zu jenem Zeitpunkt selbst in einer Krise befindet – in ein wahres Abenteuer.

„Das Bücherhaus“ ist ein ganz wunderbares Buch. Kaag nimmt uns nicht nur auf seine philosophische Reise mit, sondern er verquickt seine Erkenntnisse mit eigenen Erlebnissen bzw. eigenen biografischen Details und stellt sie in einen geisteswissenschaftlichen Kontext. Liebhaber*innen der amerikanischen Philosophie werden ihre Freude daran haben, doch auch für Laien wie mich, die allenfalls Interesse, aber keine tieferen Kenntnisse besitzen, bietet dieses Buch eine erkenntnisreiche und zudem charmante Lektüre. Mir persönlich wurde wieder einmal bewusst, auf wie viele Fragen die Philosophie Antworten liefert. Auch in der jetzigen Zeit:

„Die angemessene Reaktion auf unsere existenzielle Situation ist nicht, zumindest nicht für [William] James, absolute Verzweiflung oder Selbstmord, sondern der immer neue brennende, sehnsuchtsvolle Versuch, etwas Gutes aus den gefährlichen Optionen des Lebens zu machen.“ (S. 19)

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Veröffentlicht am 09.03.2020

Eine Zeitreise in ein ebenso faszinierendes wie tragisches Künstlerinnenleben

Die Zeit des Lichts
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„Meine Kunst – sie hat damit zu tun, wann ich auf den Auslöser drücke. Es geht nicht darum, etwas in Szene zu setzen und dann zu fotografieren. Es geht darum, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein ...

„Meine Kunst – sie hat damit zu tun, wann ich auf den Auslöser drücke. Es geht nicht darum, etwas in Szene zu setzen und dann zu fotografieren. Es geht darum, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein und sich für etwas zu entscheiden, obwohl niemand sonst irgendetwas darin sieht.“ (Pos. 4554)

Selbst Kunst zu machen, und nicht länger ein (Kunst-)Objekt zu sein – das ist es, was die junge Elizabeth „Lee“ Miller sich wünscht, als sie Ende der 1920er Jahre New York hinter sich lässt. Zu diesem Zeitpunkt ist Lee als Model für die Vogue überaus erfolgreich, wird für ihre Schönheit bewundert. Doch das reicht ihr nicht. Selbst fotografieren, statt fotografiert zu werden, selbst Künstlerin zu sein, statt nur Modell für andere Künstler – dafür schlägt ihr Herz. Und wo könnte sie ihr neues Leben, ihren Durchbruch besser schaffen als in Paris, diesem avantgardistischen Hotspot der amerikanischen Expats? Es ist eine Zeit des künstlerischen Aufbruchs zu neuen Ufern, die Zeit der Surrealisten und Dadaisten – es ist eine „Zeit des Lichts“. Doch die Anfangszeit ist ernüchternd. Lee findet sich nur schwer in Paris zurecht, findet keinen Anschluss, weder zu der Kunstszene noch überhaupt zu anderen Menschen. Sie fühlt sich einsam. Allein. Und das Geld wird auch langsam knapp. Da lernt sie auf einer Party, auf die es sie mehr durch Zufall denn durch Einladung verschlägt, den bereits berühmten Künstler und Fotografen Man Ray kennen. Dank ihrer Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit wird sie zunächst Man Rays Assistentin, dann auch seine Geliebte – ehe es ihr langsam gelingt, sich buchstäblich aus seinem Schatten ins Licht hervor zu kämpfen.

„Die Zeit des Lichts“ ist ein wunderbarer und sehr angenehm zu lesender Roman, der seine Leser*innen auf eine Zeitreise mitnimmt und der ebenso beeindruckenden wie tragischen Fotografin Lee Miller ein literarisches Denkmal setzt. Denn Lee fotografierte nicht nur unter künstlerischen Gesichtspunkten, sondern war überdies Kriegsberichterstatterin. Und gerade diese traumatischen Erlebnisse – Lee Miller war u. a. als Fotografin bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau zugegen – ließen sie den Rest ihres Lebens nicht los. Heute würde man wohl von einer Posttraumatischen Belastungsstörung sprechen, zu ihrer Zeit blieb Lee Miller nur die Flucht in den Alkohol.

Der Roman widmet sich in erster Linie Lee Millers Zeit der künstlerischen Emanzipation in Paris, wird jedoch immer wieder von Einschüben unterbrochen, die von ihrer Zeit als Kriegsfotografin erzählen. Dieses Nebeneinander von dem aufgeregten Aufbruch einer lebenshungrigen jungen Frau einerseits und der erschütterten, schockierten und dennoch ihrer Pflicht nachkommenden Journalistin andererseits bilden einen erzählerisch reizvollen Kontrast und tragen dazu bei, die Frau Lee Miller in ihren verschiedenen Facetten zu erkennen.

Ich habe „Die Zeit des Lichts“ ausgesprochen gern gelesen, einzig die Ausführlichkeit, mit der Lees Beziehung zu Man Ray beschrieben wird, hätte aus meiner Sicht gerne etwas gestraffter wiedergegeben werden können. Doch das tut dem Lesegenuss keinen großen Abbruch. Und so empfehle ich die Lektüre von Herzen gern – vor allem all jenen, die sich für Kunst, für Fotografie, für die Expat-Kultur zwischen den Weltkriegen in Paris und für faszinierende Frauen interessieren.

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