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Veröffentlicht am 08.04.2019

Ich bin geflasht

Vater unser
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Die Sprache ist lässig wie ein Schulterzucken, mit zahlreichen österreichischen Einsprengseln, die dankenswerterweise nicht als mühsam aufgetragene Lokalkolorit-Patina daherkommen, sondern einfach passen. ...

Die Sprache ist lässig wie ein Schulterzucken, mit zahlreichen österreichischen Einsprengseln, die dankenswerterweise nicht als mühsam aufgetragene Lokalkolorit-Patina daherkommen, sondern einfach passen. So manches Grinsen hat mir Angela Lehners unbestreitbares Talent für Vergleiche entlockt. Da ist ein Beamter „klein und bullig wie ein Eierbecher“, die Mutter „langweilig wie ein Beutel Kamillentee“, eine Mit-Patientin hat „Ohren größer als Vorarlberg“ und der Imbiss ist „trostloser als ein dickes Kind auf einer Poolparty“. Fand ich spaßig.

Zur Handlung: Im Zentrum des Romans steht die Protagonistin und Ich-Erzählerin Eva Gruber, die aufgrund ihrer Behauptung, eine Kindergartenklasse erschossen zu haben, in die Psychiatrie eingewiesen wird. Die Behauptung war eine Lüge – und auch nicht Evas letzte – und diente einzig dem Ziel, in derselben Einrichtung untergebracht zu werden wie Evas Bruder Bernhard. Denn um ihn, den lebensbedrohlich Magersüchtigen, geht es Eva in erster Linie, darum, ihn zu „retten“. Und Eva weiß auch schon wie: Sie müssen ihren Vater umbringen, diese Wurzel allen Übels. Er ist das Geschwür, das unter der Haut schwärt: „Jedes Jahr füllt es sich mehr mit Eiter, nur um eines Tages überraschend zu platzen und den ganzen Menschen implodieren zu lassen.“

Das Buch ist dreigeteilt, jeder Teil im Sinne der Trinität jeweils mit „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“ überschrieben. Und obwohl die drei Teile jeweils einen anderen Schwerpunkt haben, fügen sie sich zu einem stimmigen Ganzen. Während des ersten Teils, Evas „Therapie“, war ich hin- und hergerissen, ob ich Eva schütteln will und ihr sagen, sie möge sich jetzt mal bitte am Riemen reißen – oder ob ich sie nicht doch besser mit nach Hause nehme, ihr einen Teller heiße Suppe gebe und ihr sage, sie solle sich mal richtig ausschlafen. Zu Beginn des zweiten Teils (ohne zu spoilern: die Szene, in der Eva die alte Frau beobachtet, die in der prallen Sonne steht, und dann mit ihr, nennen wir es: ‚interagiert‘) war mir klar: Ich spiele im Team Eva. Auch wenn sie lügt und manipuliert, das Klinikpersonal verarscht und man als Leser*in nie weiß, was Dichtung ist und was Wahrheit, ob die geschilderten Ereignisse Wirklichkeit sind oder nur in Evas Kopf existieren. Mit der Eva als Kind, wie sie sich in ihren Rückblicken darstellt („Ich bete nicht für einen Lutscher“), wäre ich als Kind gern befreundet gewesen. Auch oder gerade weil meine Mutter diese Freundschaft höchstwahrscheinlich argwöhnisch beäugt hätte. Und die erwachsene Eva nehme ich mit heim und koche ihr Suppe. Auch Alphatiere müssen sich mal ausruhen.

Ungeachtet meiner nicht zu leugnenden Sympathie für die Autorin, kann ich schon jetzt behaupten, dass „Vater unser“ zu meinen Lesehighlights 2019 gehört. Very well done, Angela Lehner!

Veröffentlicht am 08.04.2019

In einem Rutsch weggelesen

Liebes Kind
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Romy Hausmann schildert die Geschehnisse aus der Perspektive dreier Figuren, der Protagonistin, des von Geburt an in der Hütte eingesperrten Mädchens Hannah und Matthias', der seit vierzehn Jahren auf ...

Romy Hausmann schildert die Geschehnisse aus der Perspektive dreier Figuren, der Protagonistin, des von Geburt an in der Hütte eingesperrten Mädchens Hannah und Matthias', der seit vierzehn Jahren auf ein Lebenszeichen seiner verschwundenen Tochter hofft. Jede Figur ist gut und glaubwürdig gezeichnet, mit eigenem Sprachduktus und differenzierten Charaktereigenschaften. Insbesondere mit dem Mädchen Hannah ist Romy Hausmann aus meiner Sicht ein echt großer Wurf gelungen. Wie Hannah die Ungeheuerlichkeiten, die sie erlebt hat, beinahe lakonisch als Selbstverständlichkeit schildert - für sie sind sie es auch, sie kennt seit ihrer Geburt keine andere Welt als die der Hütte, kein anderes Gesetzt als das Wort ihres Vaters - ließ mich zwischen Mitgefühl und eiskaltem Grausen schwanken.

Ich habe an einem Nachmittag mit dem Buch begonnen - und es in derselben Nacht beendet. In einem Schwung weggelesen, weil es mich so fesselte. Jedes Magenknurren, jeder Anflug von Durst, jeder Gang ins Bad waren mir eine äußerst lästige Unterbrechung der Lektüre.

Chapeau, Romy Hausmann, zu diesem Debüt!

Veröffentlicht am 04.04.2019

Nichts für Zuckerphobiker

Der Duft von Schokolade
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Eine Warnung. vorweg: Wer gerade auf seine schlanke Linie achtet und/oder Süßem nichts abgewinnen kann, sollte unbedingt die Finger von diesem Roman lassen! Er macht unweigerlich Appetit auf Schokolade, ...

Eine Warnung. vorweg: Wer gerade auf seine schlanke Linie achtet und/oder Süßem nichts abgewinnen kann, sollte unbedingt die Finger von diesem Roman lassen! Er macht unweigerlich Appetit auf Schokolade, Kuchen, Torte, Kakao …

Wien im Frühling 1881. Der junge Leutnant August Liebeskind hat seinen Dienst bei der Armee quittiert. Im Herbst, so ist es geplant, wird er in die Schokoladenfabrik seines Onkels eintreten, doch zunächst blickt er einem Sommer voller Muße entgegen. Da begegnet er Elena Palffy: selbstbewusst, unabhängig, unkonventionell und wie August eine schwelgerische Schokoladenliebhaberin. Anfänglich ist August von Elena irritiert, dann fasziniert, schließlich – wen wundert’s – verliebt er sich in die geheimnisvolle Fremde.

Zugegeben, der Plot erscheint zunächst nicht besonders aufsehenerregend. Irgendwie meint man, alles schon in ähnlicher Form woanders gelesen zu haben: Sei es der Gegensatz von konventionellem Mann und unkonventioneller Frau („Daisy Miller“ von Henry James, „Zeit der Unschuld“ von Edith Wharton u. v. m.), sei es die epische Huldigung der Schokolade (Joanne Harris: „Chocolat“) oder die literarische Beschäftigung mit dem Duft (Patrick Süskind: „Das Parfum“). Und doch lohnt sich die Lektüre, denn Ewald Arenz gelingt es meisterhaft, diese Versatzstücke auf wunderbare Art neu zu arrangieren und der Geschichte einen unerwarteten Twist zu geben.

So verleiht seine olfaktorische Sensibilität dem Protagonisten beispielsweise beinahe übersinnliche Fähigkeiten – das mag krude klingen, passt aber erstaunlich gut. Zum anderen ist diese Geschichte ein wahrhaft multisensorischer Genuss. Es ist bemerkenswert, wie der Autor es schafft, Aromen so in Worte zu fassen, dass man sie buchstäblich schmecken und riechen kann. Dazu ein Beispiel vom Beginn des Romans, als August die Konditorei Demel betritt:

„Als Erstes und am stärksten kam einem, wie als Begrüßung, schon an der Tür der Geruch des frisch röstenden und aufgebrühten Kaffes entgegen. Dann der Zigarrenrauch, der einzige Duft, den man sehen konnte. Und dann, ganz zart und jeder unverwechselbar, die vielen kleinen Düfte. Bitter, von geraspelter Schokolade. Oder geschmolzen und süß, von den Schokoladen der Damen an kühlen Tagen wie heute, mit einem Hauch Vanille darin. Tragant, der einfache, süße Geruch (…). Honig (…): rosigsüß (…), blütensüß (…), walddunkel (…), durchsichtig fein (…).“

Zu guter Letzt: Eigentlich lese ich gerne Bücher in der Jahreszeit, in der sie spielen. Doch obwohl die Handlung im Sommer angesiedelt ist, passt „Der Duft von Schokolade“ auch wunderbar zum Advent, zu heißem Kakao und Gebäck, zu Zimt und Honig, Nüssen und Datteln …

Veröffentlicht am 01.04.2019

Tröstlich und Hoffnung spendend

Der Wal und das Ende der Welt
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„Wenn die gesamte Weltordnung um Sie herum zusammenbrechen würde, was würden Sie dann tun?“

St. Piran, ein 307 (sic!)-Seelen-Dorf in Cornwall: Ein nackter junger Mann wird an den Strand gespült, wenig ...

„Wenn die gesamte Weltordnung um Sie herum zusammenbrechen würde, was würden Sie dann tun?“

St. Piran, ein 307 (sic!)-Seelen-Dorf in Cornwall: Ein nackter junger Mann wird an den Strand gespült, wenig später strandet ein Wal. Diese beiden sonderbaren Geschehnisse bilden den Auftakt zu einer Reihe von Ereignissen, die nicht nur das Leben der Dorfbewohner für immer verändert. Denn es steht, wie der Titel andeutet, nichts weniger als das Ende der Welt, wie wir sie kannten, bevor. Und das ist näher und realistischer, als sich manch einer – auch der Leser – denken kann, denn „manchmal ist die Übertreibung näher an der Wirklichkeit als die Wahrheit“.

Zugegeben, ich habe mich mit dem Anfang des Romans ein wenig schwergetan. Das lag zum einen am Erzählstil und der Figurenzeichnung: Der Erzähler wendet sich anfänglich einige Male direkt an den Leser:

„Sollten Sie es also einmal nach St. Piran schaffen (was gar nicht so einfach ist), werden Sie die Geschichte auf der Straße und im Pub zu hören bekommen; und sollten Sie einen der Dorfbewohner danach fragen, könnte es sein, dass diese Sie auf eine Bank setzt, von der aus man auf den wogenden Ozean blickt, und Ihnen dort genau diese Geschichte erzählen.“

Das muss man mögen; ich persönlich mag diese verschwimmende Grenze in der Regel nur bedingt. Doch letztlich habe ich mich daran gewöhnt und irgendwann störte ich mich gar nicht mehr daran, sondern wusste den nicht zu leugnenden Charme dieser Erzählform zu schätzen.

Auch mit den handelnden Figuren fremdelte ich anfänglich. Sie werden so schrullig geschildert, als seien sie einer Folge „Inspector Barnaby“ entsprungen.
Da ist zum Beispiel Charity Choke: „Sie war gerade siebzehn, mit einem so frischen Teint, dass ihre Wangen glänzten wie Kleehonig. In St. Piran sagte man, sie sei ‚spät erblüht‘ […]. ‚Bäume, die spät erblühen‘, sagte Martha Fishburne gern, ‚blühen oft am schönsten.‘ Und Martha war Lehrerin. Sie musste es also wissen.“ Oder Kenny Kennet, „der Strandgutsammler. Er durchkämmte den Kies der östlichen Bucht auf der Suche nach Muscheln und Krebsen, nach Strandgut und Treibholz. Wenn ein schönes Stück dabei war, würde er aus dem Treibholz Kunstwerke machen, die er im nächsten Sommer an Touristen verkaufen könnte.“

In dieser Form werden auch die anderen Figuren geschildert, mehr Stereotyp als wirklicher Charakter, und insgesamt etwas zu flach. Sie waren mir alle ein wenig zu überzeichnet; auch daran musste ich mich erst gewöhnen, doch dann fand ich sie in aller Schrulligkeit überaus liebenswert.

Zum anderen schien mir der Roman am Anfang nicht so richtig zu wissen, wohin er will bzw. was er denn nun eigentlich sein will. Erzählstil und Figurenentwurf schienen auf eine Schnurre hinzudeuten; dann wechselt das Setting in einer Rückblende zum Finanzdistrikt in der City of London. Der an den Strand gespülte junge Mann, Joe, entpuppt sich als Banker, der offensichtlich einen folgeschweren Fehler begangen hat. Okay, also keine Schnurre, sondern ein Wirtschaftskrimi, dachte ich – doch auch das erwies sich als Trugschluss. Ein Gespräch zwischen Joe und seinem Chef lässt schließlich die eigentliche (und ganz wunderbare!) Dimension des Romans erahnen:

„Sie sind Mathematiker. Sie wissen, was mit komplexen Systemen geschieht. Plötzlicher, dramatischer, katastrophaler Kollaps. […] Haben Sie mal von der These gehört, dass unsere Gesellschaft nur drei volle Mahlzeiten von der Anarchie entfernt ist?“

Und von da an konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Denn hier geht es um nichts weniger als die Frage, wie dünn die Grenze zwischen Zivilisation und Anarchie ist, was das Menschsein ausmacht, kurz: was Menschlichkeit bedeutet. Deshalb: klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 01.04.2019

Ein Buch, das einen durchdringt

Die Züchtigung
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„Wenn wir versuchen, uns zu definieren, wenn uns andere mit Worten zu fassen suchen, greifen wir auf unsere Mütter zurück.“ (S. 133)

Marie wächst als Kind einer Bauernfamilie in einem österreichischen ...

„Wenn wir versuchen, uns zu definieren, wenn uns andere mit Worten zu fassen suchen, greifen wir auf unsere Mütter zurück.“ (S. 133)

Marie wächst als Kind einer Bauernfamilie in einem österreichischen Dorf auf, ungeliebt und misshandelt, ausgebeutet und einer auch nur ansatzweise harmonischen Kindheit beraubt. Sie heiratet und zieht mit ihrem Mann in die Stadt, doch ihrer traumatisierenden Kindheit kann sie nicht entfliehen. Sie wünscht sich, dass ihre Tochter Vera einst ein besseres Leben als sie selbst führt, und diesen ‚Wunsch‘ bläut sie Vera buchstäblich ein, die vermeintliche Undankbarkeit der Tochter treibt sie ihr aus. Täglich. Unberechenbar. Unausweichlich. Marie schlägt ihr Kind aus den nichtigsten Anlässen, sie überschüttet ihre Tochter mit derselben Gnadenlosigkeit und Lieblosigkeit, die sie erlebt hat.

In ihrem Roman "Die Züchtigung" schildert Anna Mitgutsch den Liebesentzug, die Aggressivität und Brutalität der Mutter und die Hilflosigkeit, das Gefühl des Ausgeliefertseins aus Veras Sicht. Der Verzicht auf Anführungszeichen, die streckenweise langen Absätze und die Erzählperspektive verleihen dem Roman eine Unmittelbarkeit und Intensität, dass ich während des Lesens meinte, sie am eigenen Leib und der eigenen Seele zu spüren. Ein Beispiel: Als kleines Kind spielt Vera im Küchenschrank, ihrem „Haus“, den Schlüssel verbummelt das kleine Mädchen. Typischer Alltag mit einem Kleinkind? Nicht bei Marie:

„Wo ist der Schlüssel, fragt Mama, wo hast du den Schlüssel versteckt? Schlüssel weg, sage ich und will weiterspielen. Sie hält mich am Arm, daß es weh tut, wo ist der Schlüssel, bring sofort den Schlüssel her, sagt sie drohend. Ich habe Angst, aber keine Erinnerung an den Schlüssel. Schlüssel weg, sage ich weinend, während sie mich hin und her schüttelt. Ich möchte ihr ja helfen, aber ich weiß auch nicht, wo der Schlüssel ist, und ich weiß nur diese zwei Worte dafür, Schlüssel weg.“ (S. 80)

Die titelgebenden Züchtigungen werden immer strenger und schlimmer (die Zitate erspare ich euch und mir an dieser Stelle), doch auch die Schilderungen des bewussten, vorsätzlichen Liebesentzugs waren für mich nur schwer zu ertragen. Vera ist mittlerweile Gymnasiastin:

„Vor dem ersten Vierer durfte ich noch auf ihrem Schoß sitzen und mit den Fingern ihr Gesicht berühren, ich durfte sie küssen und mich in ihrem Arm geborgen fühlen. Aber der erste Vierer kam am Ende der ersten Klasse Gymnasium, und damit brach unerbittlich der letzte spärliche Körperkontakt, die letzten Spuren von Zärtlichkeit ab. Ich war damals elf Jahre alt. Es dauerte zwölf Jahre, bis ich wieder ein menschliches Gesicht berührte.“ (S. 162)

Die körperlichen und seelischen Misshandlungen gehen nicht spurlos an Vera vorbei. Auf der Suche nach Liebe und Zuwendung entwickelt sie ausgeprägte Essstörungen: „Zuerst aß ich um der Liebe willen, später fastete ich um der Liebe willen.“ (S. 176), und gelangt zu folgender bitterer Selbsterkenntnis: „Immer wieder habe ich mich ausgelöscht und Befehle an mir vollstreckt, ich bin ein gehorsames Opfer.“ (S. 179)

Vera versucht – verständlicherweise und gleichzeitig ironischerweise genau wie ihre Mutter zuvor – ihrer Tochter eine bessere, eine andere Mutter zu sein als Marie:

„War deine Mutter so wie du, fragt meine zwölfjährige Tochter, während sie sich an die Badezimmertür lehnt und mich beim Kämmen betrachtet. […] Nein, sage ich, nein, deine Großmutter war ganz anders. Wie anders? Stell dir das Gegenteil vor. Sie zögert, sieht mich fragend an. Wie soll sie sich das Gegenteil vorstellen, wenn ich ihr ein Rätsel bin. Ein Rätsel und eine Selbstverständlichkeit. Wie meine Mutter für mich, bis heute.“(S. 5)

Doch es scheint, als wiederhole sich die Geschichte wieder und wieder, fast, als sei die Toxizität der Mutter-Tochter-Beziehung in die Zellstruktur der Vor- und Nachfahrinnen gesickert, um dort unauslöschlich und generationenübergreifend ihr Unwesen zu treiben:

„Ich will nicht mehr leben, sagt mein Kind, und dreht den Kopf zur Wand. Sie stößt mich von sich, wenn ich sie berühre, sie sagt, laß mich, du verstehst mich nicht. Sie hat dunkle Schatten unter den Augen und einen vom Weinen zerronnenen Mund. Dein Essen kotzt mich an, sagt sie, deine Ideen kotzen mich an, dein Getue. Ich stehe in der Tür mit hängenden Armen.“ (S. 211)

"Die Züchtigung" ist ein Roman, den man keinesfalls lesen sollte, wenn man sich gerade in einer etwas dünnhäutigen Phase befindet. Es ist buchstäblich eindringliches, ein in die Leserin eindringendes, ein, ich möchte fast sagen: übergriffiges, Buch – und gerade deswegen unbedingt lesenswert.