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Veröffentlicht am 08.09.2020

Solide (Krimi-)Unterhaltung

Abgrund
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Wenn es um gut erzählte, spannende (Krimi-)Unterhaltung geht, ist Yrsa Sigurdardóttir für mich immer eine sichere Bank. Ich mag ihre Krimireihe um Þóra Guðmundsdóttir ebenso sehr wie ihre Island-Krimis, ...

Wenn es um gut erzählte, spannende (Krimi-)Unterhaltung geht, ist Yrsa Sigurdardóttir für mich immer eine sichere Bank. Ich mag ihre Krimireihe um Þóra Guðmundsdóttir ebenso sehr wie ihre Island-Krimis, die keiner Reihe zuzuordnen sind. Sie hat ein Talent für lebensnahe Figuren, verblüffende Auflösungen und natürlich für ganz viel „Island-Feeling“.

„Abgrund“ (aus dem Isländischen von Tina Flecken), der vierte Band der Krimireihe um den Kommissar Huldar und die Psychologin Freyia, bildet da keine Ausnahme. Im aktuellen Fall gibt ein merkwürdiger Todesfall der Kripo Reykjavik Rätsel auf. Der vermögende Investmentbanker Helgi wird erhängt in einem Lavafeld – ehedem eine Hinrichtungsstätte – aufgefunden. In seiner Brust steckt ein Zimmermannsnagel, der eine leider abgerissene Nachricht fixierte. Zur gleichen Zeit wird Freyia zu einem Notfall gerufen. In einer Luxuswohnung in einem exklusiven Wohnhaus wird ein kleiner Junge gefunden. Wie er dorthin gelangt ist, weiß er nicht, wo seine Eltern sind, auch nicht. Das Brisanteste ist jedoch die Wohnung: sie gehört dem toten Helgi …

„Abgrund“ ist sicherlich kein spannungsgeladener Pageturner wie etwa die Thriller von Sebastian Fitzek, dessen Lektüre seine LeserInnen atemlos von Cliffhanger zu Cliffhanger treibt. Yrsa Sigurdardóttir lässt sich Zeit, die Geschichte, die hinter dem mysteriösen Mordfall und das noch mysteriösere Auffinden des kleinen Jungen aufzurollen und auszuerzählen. Der Spannungsbogen ist eher subtil, gleichwohl stetig. Und die Hintergründe der Tat sowie die Auflösung sind in der Tat verblüffend.

Fazit: „Abgrund“ ist ein solider, unterhaltsamer Krimi, perfekt für einen Sonntag auf der Couch.

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Veröffentlicht am 04.09.2020

ein surreale Reise (ohne Rückfahrschein)

Ein Tag zu lang
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Was passiert eigentlich in und mit den vielen Urlaubsorten, wenn wir TouristInnen wieder weg sind? Gehören sie dann wieder den Einheimischen? Was machen sie dort, wenn wir nicht mehr da sind? Ist das Leben ...

Was passiert eigentlich in und mit den vielen Urlaubsorten, wenn wir TouristInnen wieder weg sind? Gehören sie dann wieder den Einheimischen? Was machen sie dort, wenn wir nicht mehr da sind? Ist das Leben ein anderes als in der Hochsaison? Wäre es nicht spannend, einfach mal länger zu bleiben und zu schauen, was passiert?

Nun, wenn man der Geschichte glaubt, die Marie NDiaye in „Ein Tag zu lang“ (aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer) erzählt, sollte man Ansinnen dieser Art tunlichst unterlassen. Der Protagonist Herman, Lehrer aus Paris, verpasst die pünktliche Abreise aus seinem Ferienort in der französischen Provinz. Anstatt sich wie üblich am 31. August auf den Rückweg zu begeben, bleibt er einen Tag zu lang – seine Frau und sein Sohn sind verschwunden, eine Heimreise ohne die beiden ist selbstverständlich undenkbar. Ein Tag zu lang – und das Wetter ändert sich schlagartig. Ein Tag zu lang – und der vertraut gewordene Ferienort ist Herman gänzlich fremd. Ein Tag zu lang – und seine Mitmenschen scheinen wie ausgewechselt. Ein Tag zu lang – und die Welt ist eine andere.

„Ein Tag zu lang“ ist eine buchstäblich fantastische Reise hinter die Kulissen und Fassaden der Ferientraumwelt: teils grotesk, teils surreal, maximal lesenswert.

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Veröffentlicht am 02.09.2020

Eine bezaubernde Reise in faszinierende Landschaften

Nachts im Wald
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Ich glaube, jeder Mensch hat eine Landschaft, der er sich in irgendeiner Weise besonders verbunden fühlt. Für die einen sind es die Berge, für andere das Meer. Bei mir ist es eindeutig der Wald. Wald – ...

Ich glaube, jeder Mensch hat eine Landschaft, der er sich in irgendeiner Weise besonders verbunden fühlt. Für die einen sind es die Berge, für andere das Meer. Bei mir ist es eindeutig der Wald. Wald – das ist für mich ein Ort der Ruhe, ein Ort des Friedens. Der Ort, an dem ich durchatmen kann, an dem ich den Alltag, bisweilen auch die Welt vergesse. Wann immer ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht – ein, zwei Stunden im Wald, und ich bin klarer, bewusster, zufriedener: Wenn ich aus dem Wald komme, bin ich eine andere als die, die in ihn hineingegangen ist.
Etwas ganz Besonderes ist der Wald – da wird mir jeder „Waldmensch“ zustimmen – in der Nacht. Die Geräusche sind andere. Das (schwindende oder fehlende) Licht sowieso. Nachts im Wald scheint alles möglich, alles denkbar zu sein. Gruselig? Vielleicht auch, ja. Aber auch sehr, sehr inspirierend, wenn man sich darauf einlässt.

Der neueste Bildband des renommierten Landschaftsfotografen Kilian Schönberg widmet sich eben dieser faszinierenden Landschaft. Die verträumten, beeindruckenden, betörenden Fotos mit Titeln wie „Gespensterwald an der Ostsee“ oder „Nebelfall“ sind nicht nur wunderschön anzusehen, sie rühren an etwas, das tief verborgen scheint. Die Bilder werden flankiert von sehr persönlichen Texten Schönbergers zur Entstehung der Fotos, zu den damit verbundenen Gedanken und Gefühlen.

Der Wald als Ort der Abenteuer, der Wald als Ort der Sehnsucht, vielleicht auch als Landschaft der Seele – wem dieses Gefühl nicht fremd ist, der wird an „Nachts im Wald“ mindestens ebenso große Freude haben wie ich.

P. S. Aufgrund seines handlichen Formats (ca. 17 x 19 cm) ist dieses Buch auch als Urlaubsbegleiter (Waldwandern?) geeignet.

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Veröffentlicht am 31.08.2020

Ein atmosphärischer Krimi, perfekt für einen Herbstabend auf der Couch

Die Tinktur des Todes
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Edinburgh, Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Medizinstudent Will Raven kann sein Glück kaum fassen: Er hat eine Stelle als „Famulus“, als Assistent des renommierten Arztes Dr. Simpson erhalten – Kost und ...

Edinburgh, Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Medizinstudent Will Raven kann sein Glück kaum fassen: Er hat eine Stelle als „Famulus“, als Assistent des renommierten Arztes Dr. Simpson erhalten – Kost und Logis inklusive. Damit kann er nicht nur seinem heruntergekommenen Zimmer entkommen, sondern auch den Häschern eines nicht für seine Zimperlichkeit bekannten Unterweltbosses, dem Will eine Menge Geld schuldet. In dem lebendigen, unkonventionellen Haushalt der Simpsons, zu dem erstaunlich viele Mitglieder zählen, lernt Will nicht nur eine ihm bis dato fremde – und bisweilen etwas kuriose – Lebensweise kennen (Versuche mit neuartigen Betäubungsmitteln unternimmt man gerne mal an sich selbst), sondern auch das kecke und kluge Hausmädchen Sarah.
Sein neues Leben wird indes von einer ebenso brutalen wie rätselhaften Mordserie an jungen Frauen überschattet; eines der Opfer kannte Will sehr, sehr gut und er setzt alles daran, den Mörder dingfest zu machen. Unversehens befindet Will sich in einem Strudel aus privaten Mordermittlungen, medizinischem Studium, beruflicher Rivalität, Verfolgung und – ja, auch erwachender Gefühle und der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

„Die Tinktur des Todes“ ist ein spannender, unglaublich atmosphärischer Roman, der das viktorianische Zeitalter mit all seinen Facetten wiederauferstehen lässt. Die lebendige Figurenzeichnung, der Hintergrund aus rasant fortschreitender medizinischer Forschung einerseits und der an Jack the Ripper erinnernden Mordserie andererseits machen die Lektüre zu einem großen Vergnügen. Das perfekte Buch für einen Herbstabend auf der Couch!

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Veröffentlicht am 28.08.2020

Subtile Spannung

Die Nachbarin
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Wie gut kennt ihr eure Nachbarn?

Lexie und Harriet leben Tür an Tür, Wand an Wand in einem eleganten Apartmenthaus in London. Und obgleich sie einander nie persönlich kennengelernt haben, meint jede, ...

Wie gut kennt ihr eure Nachbarn?

Lexie und Harriet leben Tür an Tür, Wand an Wand in einem eleganten Apartmenthaus in London. Und obgleich sie einander nie persönlich kennengelernt haben, meint jede, ihre Nachbarin zu kennen, allein anhand dessen, was sie durch die Wände hört (und in den sozialen Medien recherchiert). Lexie beispielsweise hört Harriet Klavier spielen und singen und beinahe allabendlich wilde Partys feiern. Klar: die Nachbarin führt ein wahnsinnig aufregendes berufliches und soziales Leben, etwas, das sie selbst schmerzlich vermisst, seit sie ihren Job gekündigt hat, um mit ihrem Freund Tom endlich eine Familie zu gründen. Harriet wiederum „weiß“, dass Lexie total glücklich mit Tom zusammenlebt und allseits beliebt ist. Und das ist ihr ein Dorn im Auge. Denn eigentlich sehnt Harriet sich nach einer gescheiterten Beziehung nach einem Mann wie Tom. Nein, nicht nach einem Mann WIE Tom, sondern nach Tom. Und damit nicht nur nach einem Leben wie Lexies, sondern genau nach dem Leben Lexies. Das einzige, was sie, wie Harriet meint, von diesem Ziel trennt, ist – Lexie.

Ich habe „Die Nachbarin“ verschlungen! Und das nicht etwa, weil dieser Thriller eine Spannungsgranate ist, sondern weil er packend und durchaus tiefgründig die Eindrücke, Fantasien und Seelenleben seiner beiden Protagonistinnen auslotet. Der Roman ist abwechselnd aus Lexies und Harriets Sicht jeweils in der Ich-Perspektive geschrieben, wobei jeweils das, was die eine sich zusammenfantasiert und die andere tatsächlich fühlt und erlebt, in einem überaus reizvollen Kontrast steht. Ich habe mir während der Lektüre immer wieder die Frage gestellt, wie viel wir von jemandem tatsächlich wissen können, von dem wir nur den äußeren Schein kennen, wie viele Abgründe sich hinter einer scheinbar perfekten Fassade verbergen. Denn sich rasch zeigt, ist die wunderschöne, erfolgreiche Harriet alles andere als seelisch stabil, ihre Vergangenheit obskur. Die fröhliche und liebenswerte Lexie wiederum entwickelt sich zu einem zunehmend gereizten Nervenbündel, dessen Gedanken nur noch um die schwierige Familienplanung kreist. Neid einerseits und Bewunderung andererseits: das ist, was die beiden jungen Frauen – deren Figuren angenehm nuanciert gezeichnet sind – bewegt. Nur dass beide höchst unterschiedliche Wege der „Bewältigung“ einschlagen. Wie Harriet unbemerkt immer tiefer in Lexies Leben eindringt, wie Lexie zunehmend an ihrer Wahrnehmung zweifelt, fand ich ausgesprochen fesselnd.

Wer einen spannungsgeladenen Thriller erwartet, in dem ein dramatischer Höhepunkt den nächsten jagt, wird von diesem Roman vermutlich eher enttäuscht sein. Wer indes eine Story zu schätzen weiß, in der sich, je nach Perspektive, Schein und Sein, Fantasie und Realität abwechseln, ergänzen, widersprechen, wird „Die Nachbarin“ mit Sicherheit ebenso gerne lesen wie ich.

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