Die Neuerfindung des Tagebuchromans
AbglanzHalte dein Handy bereit – und vergiss spätestens beim letzten Drittel nicht, zu atmen.
Diese beiden Ratschläge hätte ich mir gern selbst gegeben, bevor ich mit der Lektüre von Niko Stoifbergs „Abglanz“ ...
Halte dein Handy bereit – und vergiss spätestens beim letzten Drittel nicht, zu atmen.
Diese beiden Ratschläge hätte ich mir gern selbst gegeben, bevor ich mit der Lektüre von Niko Stoifbergs „Abglanz“ begann: das Handy, um die zahlreichen tibetischen Thangkas in ihrer tradierten Ausführung sofort zu googeln; das Atmen, weil es zum Ende hin so aufregend wird. – Doch worum geht es überhaupt?
Im Mittelpunkt des Romans steht die Ich-Erzählerin Selin. Und für sie läuft es zu Beginn überhaupt nicht gut: Sie fristet ihre Tage als frustrierte Grafikerin für mäßig spannende Projekte, obwohl sie sich als Künstlerin versteht. Ihr Lebensgefährte interessiert sich mehr für die Herausgabe seines Lifestyle-Magazins als ihre Bedürfnisse, der Kinderwunsch will sich nicht erfüllen, und jetzt ist sie auch noch seelisch so angeschlagen, dass einzig eine Kombination aus Gesprächstherapie und Psychopharmaka sie die depressive Düsternis, die ihr Leben bestimmt, ertragen lässt. Doch dann erscheint ein unvermuteter Hoffnungsschimmer am bleichen Horizont ihres Daseins: Ihr Freund plant, die Bilder einer bislang unbekannten tibetischen Künstlerin namens Nima zu publizieren. Und Selin, die ebenso talentierte wie unentdeckte Malerin, beschließt kurzerhand, in deren Rolle zu schlüpfen – mit einer schier überwältigenden Resonanz. Mit einem Mal wendet Selins Schicksal sich ins Helle, Lichte, Glänzende. Doch dann meldet sich die echte Nima …
Mit „Abglanz“ ist Niko Stoifberg nichts Weniger als die Neuerfindung des Tagebuchromans gelungen (die Details möchte ich an dieser Stelle nicht spoilern), und das mit einer überzeugenden Protagonistin, einem tragfähigen Plot und einem bemerkenswerten Erzählstil, der uns die Befindlichkeit und Entwicklung seiner Ich-Erzählerin mit jeder Zeile nachfühlen lässt: teilweise herrlich rotzig, gleichzeitig verletzlich und sensibel; bisweilen überfordert und überwältigt, dann wieder optimistisch und glücklich. Mein einziger Kritikpunkt, der allerdings meinem persönlichen Leseempfinden geschuldet ist: Für mich hätte der Roman gerade am Anfang gern ein wenig straffer erzählt werden dürfen, doch das ist mein persönlicher Geschmack und tut dem Leseerlebnis insgesamt keinen Abbruch. Deshalb: große Leseempfehlung!