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Veröffentlicht am 21.05.2026

Außergewöhnlich, faszinierend und abgründig

Noch fünf Tage
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Ein vergiftetes Luxus-Dinner, eine ausgelöschte Superreichen-Familie und eine todgeweihte Spitzenköchin, der als unfreiwilliger Ermittlerin noch genau fünf Tage bleiben, die Hintergründe des perfiden Mordanschlags ...

Ein vergiftetes Luxus-Dinner, eine ausgelöschte Superreichen-Familie und eine todgeweihte Spitzenköchin, der als unfreiwilliger Ermittlerin noch genau fünf Tage bleiben, die Hintergründe des perfiden Mordanschlags zu enträtseln – dann wird auch sie dem tödlichen Anschlag erliegen …

Auf dem abgeschotteten Familienanwesen in Davos lebt und arbeitet die Spitzenköchin Lis Castrop (sic!) als private Köchin für die vermögende Familie Harman. Das von ihr minutiös geplante Silvestermenü erweist sich für ihre Arbeitgeber als tödliche Falle, der auch Lis nur für begrenzte Zeit entkommt: Das Gift kreist bereits in ihren Adern, ihr Tod ist unausweichlich. Die fünftägige „Gnadenfrist“ verbringt Lis – dem einzigen lebenden Verwandten der Harmans sei Dank – bestmöglich versorgt in einer luxuriösen Klinik. Und doch hat sie nur ein einziges Ziel: herauszufinden, was geschah und wer dafür verantwortlich ist. Ungeachtet ihres fortschreitenden körperlichen Verfalls versucht Lis, die Mosaiksteinchen der Vergangenheit zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. War sie ein Kollateralschaden, ein Zufallsopfer? Oder ihr sie doch tiefer in die undurchsichtigen Geschicke der Harmans verstrickt, als ihr bewusst ist?

„Noch fünf Tage“ von Helena Falke bietet wohl eines der faszinierendsten Settings, die ich je in einem Thriller erleben durfte: eine auf wenige Tage komprimierte Handlung, das Milieu der Superreichen, eine Ermittlerin wider Willen, die ans Bett gefesselt ist und dem sicheren Tod entgegenblickt. All dies bildet die Basis für eine literarische Komposition, die weit über das reine Krimi-Genre hinausgeht: Hier geht es nicht (nur) um das klassische „Whodunit“; hier entfaltet sich ein atmosphärisch dichtes Universum des Misstrauens und exorbitanten Machtgefälles, der Intrigen und der sozialen Kälte, patiniert von Reichtum und Schweigen. Außergewöhnlich, faszinierend und abgründig!

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Veröffentlicht am 21.05.2026

Ein Roman wie eine Prophezeiung

Der Prinz
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Wenn ihr (wie ich) bislang dachtet, die besten Thriller kämen aus den USA, Großbritannien und Skandinavien – dann kennt ihr vermutlich die Romane von Magdalena Parys noch nicht. Sie beweist, dass auch ...

Wenn ihr (wie ich) bislang dachtet, die besten Thriller kämen aus den USA, Großbritannien und Skandinavien – dann kennt ihr vermutlich die Romane von Magdalena Parys noch nicht. Sie beweist, dass auch Polen eine absolute „Thrillernation“ sein kann.

Denn ihr „Prinz“ (aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein und Hans Gregor Njemz) hat es in sich: Eine in Brand gesetzte Migrantensiedlung. Ein auf bestialische Art ermordeter Priester im Berliner Dom. Ein selbsternannter „Prinz“, der von einem neuen Imperium Germanicum fantasiert. Dazu eine undurchsichtige Geheimdienstorganisation, separatistische Bestrebungen einzelner und der, man möchte sagen: alltägliche Macht- und Intrigenwahnsinn auf höchster politischer Ebene in der Bundeshauptstadt. Während Polizeipräsident Tschapieski, Kommissar Kowalski und die Journalistin Dagmara Bosch versuchen, die Zusammenhänge zu entwirren, geraten sie selbst ins Fadenkreuz ihrer unsichtbaren (?) Feinde – und setzen dabei einmal mehr ihr Leben aufs Spiel …

Magdalena Parys’ Roman, unlängst im Polente Verlag erschienen, ist der zweite Band ihrer Berlin-Trilogie (deren Auftakt „Der Magier“ ebenso lesenswert ist wie sein Nachfolger hier). Der Autorin gelingt erzählerisch so etwas wie die sprichwörtliche Quadratur des Kreises: eine temporeiche Handlung, die konsequent die Spannung aufrecht erhält, und gleichzeitig genügend Raum für die politischen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe des Geschehens und der ausgesprochen originellen Figuren. Dabei ist „Der Prinz“ nicht nur klug und gekonnt konstruiert, er liest sich überdies auf geradezu unheimliche Weise wie eine unheilvolle Prophezeiung. Wenn man bedenkt, dass das Buch im Original bereits 2020 erschienen ist (Wieso nur hat es so lange gedauert, bis er seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt gefunden hat?!), muss man Magdalena Parys beinahe hellseherische Fähigkeiten zugestehen. Oder einen kristallklaren Blick auf das was war, was ist – und was hoffentlich niemals eintreten wird.

Für mich definitiv eine der faszinierendsten literarischen Entdeckungen der letzten Zeit – sehr, sehr große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 30.03.2026

Die Neuerfindung des Tagebuchromans

Abglanz
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Halte dein Handy bereit – und vergiss spätestens beim letzten Drittel nicht, zu atmen.
Diese beiden Ratschläge hätte ich mir gern selbst gegeben, bevor ich mit der Lektüre von Niko Stoifbergs „Abglanz“ ...

Halte dein Handy bereit – und vergiss spätestens beim letzten Drittel nicht, zu atmen.
Diese beiden Ratschläge hätte ich mir gern selbst gegeben, bevor ich mit der Lektüre von Niko Stoifbergs „Abglanz“ begann: das Handy, um die zahlreichen tibetischen Thangkas in ihrer tradierten Ausführung sofort zu googeln; das Atmen, weil es zum Ende hin so aufregend wird. – Doch worum geht es überhaupt?

Im Mittelpunkt des Romans steht die Ich-Erzählerin Selin. Und für sie läuft es zu Beginn überhaupt nicht gut: Sie fristet ihre Tage als frustrierte Grafikerin für mäßig spannende Projekte, obwohl sie sich als Künstlerin versteht. Ihr Lebensgefährte interessiert sich mehr für die Herausgabe seines Lifestyle-Magazins als ihre Bedürfnisse, der Kinderwunsch will sich nicht erfüllen, und jetzt ist sie auch noch seelisch so angeschlagen, dass einzig eine Kombination aus Gesprächstherapie und Psychopharmaka sie die depressive Düsternis, die ihr Leben bestimmt, ertragen lässt. Doch dann erscheint ein unvermuteter Hoffnungsschimmer am bleichen Horizont ihres Daseins: Ihr Freund plant, die Bilder einer bislang unbekannten tibetischen Künstlerin namens Nima zu publizieren. Und Selin, die ebenso talentierte wie unentdeckte Malerin, beschließt kurzerhand, in deren Rolle zu schlüpfen – mit einer schier überwältigenden Resonanz. Mit einem Mal wendet Selins Schicksal sich ins Helle, Lichte, Glänzende. Doch dann meldet sich die echte Nima …

Mit „Abglanz“ ist Niko Stoifberg nichts Weniger als die Neuerfindung des Tagebuchromans gelungen (die Details möchte ich an dieser Stelle nicht spoilern), und das mit einer überzeugenden Protagonistin, einem tragfähigen Plot und einem bemerkenswerten Erzählstil, der uns die Befindlichkeit und Entwicklung seiner Ich-Erzählerin mit jeder Zeile nachfühlen lässt: teilweise herrlich rotzig, gleichzeitig verletzlich und sensibel; bisweilen überfordert und überwältigt, dann wieder optimistisch und glücklich. Mein einziger Kritikpunkt, der allerdings meinem persönlichen Leseempfinden geschuldet ist: Für mich hätte der Roman gerade am Anfang gern ein wenig straffer erzählt werden dürfen, doch das ist mein persönlicher Geschmack und tut dem Leseerlebnis insgesamt keinen Abbruch. Deshalb: große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Wunderbar böse

Der Rache Glanz
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Wenn ich von einer souveränen Leserin und um Objektivität bemühten Rezensentin zur sensationslüsternen, nach Gossip gierenden Hyäne werde – dann liegt das an Maud Venturas großartigem Roman „Der Rache ...

Wenn ich von einer souveränen Leserin und um Objektivität bemühten Rezensentin zur sensationslüsternen, nach Gossip gierenden Hyäne werde – dann liegt das an Maud Venturas großartigem Roman „Der Rache Glanz“.

Die Story ist rasch zusammengefasst: Von Kindesbeinen an verfolgt Cléo nur ein einziges Ziel: berühmt zu werden. Und sie ist nicht nur bereit, alles dafür zu tun – sie tut es auch. Egal, um welchen Preis. Egal, wer dabei auf der Strecke bleibt. Und der Erfolg gibt ihr fatalerweise recht – und das ist, wie die Ich-Erzählerin Cléo freimütig einräumt, „das Beste und das Schlimmste, was einer Narzisstin passieren kann“.

Und damit sind wir auch schon beim Kern der Genialität dieses Romans: Mit Cléo hat die Autorin eine hinreißend unsympathische Protagonistin geschaffen, die aus ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit und ihrem erbarmungslosen Aufstiegswillen keinen Hehl macht. Dass ihre Persönlichkeit sich dabei zusehends aufspaltet in ein Öffentlichkeits- und ein privates Ich, dass sie diejenigen vor sich respektiert und jene hinter sich ignoriert, dass selbst der größte Erfolg nie genug ist und sie nach immer mehr verlangt – nun ja, so ist das halt auf dem Olymp, nicht wahr?

Und da alle Ereignisse aus Cléos ganz persönlicher Sicht geschildert werden, konnte ich gar nicht anders, als mich von Zeile zu Zeile immer mehr auf die Seite dieses moralisch verkommenen, egozentrischen Biests zu schlagen – ein erzählerisch grandioser Kniff, der bei mir voll aufging … vom verblüffenden Ende ganz zu schweigen.

Fazit: Ein wunderbar böser Roman, der den ausufernden Starkult mit skalpellscharfer Klinge seziert. Für mich ein Highlight!

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Als Sequel nur bedingt überzeugend

The Woman in Suite 11
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Einige Jahre nach der traumatischen Kreuzfahrt, die sie beinahe das Leben gekostet hätte, will Lo einen beruflichen Neuanfang wagen. Die Journalistin ist mittlerweile verheiratet und Mutter zweier entzückender ...

Einige Jahre nach der traumatischen Kreuzfahrt, die sie beinahe das Leben gekostet hätte, will Lo einen beruflichen Neuanfang wagen. Die Journalistin ist mittlerweile verheiratet und Mutter zweier entzückender Jungs. Und so sehr Lo ihr glückliches Familienleben auch schätzt, in ihrer Karriere musste sie in den vergangenen Jahren zurückstecken. Als Lo die Einladung zu einem Pre-Opening eines Luxushotels am Genfer See erhält, sieht sie darin die ersehnte Chance eines Comebacks. Doch statt des erhofften Interviews mit dem exzentrischen Hotelbesitzer erwartet sie ein unerwartetes Wiedersehen – und eine erneute Gefahr.

Kennt ihr das? Ihr schaut einen spannenden Film – Horror, Thriller, was auch immer –, und die Hauptfigur (in aller Regel weiblich, hübsch und nichts Böses ahnend) macht wirklich ALLES, was dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen scheint? Und ihr sitzt vor dem Fernseher und wollt ihr zuschreien: „Nein! Tu das nicht! Du rennst in dein Verderben!“ Und dann tut sie’s doch …

So in etwa erging es mir bei der Lektüre von „The Woman in Suite 11“. Ihre Protagonistin Lo ist treuen Ruth-Ware-Leser*innen, auch mir, bereits aus dem Roman „The Woman in Cabin 10“ bekannt – und das machte für mich die Wahrnehmung (und vor allem das Ernstnehmen) der Figur leider noch schwieriger. Denn hier wollte ich ihr zusätzlich zuschreien: „Du müsstest es doch besser wissen!“ – Das tut sie natürlich nicht, und genau daran krankt die Story aus meiner Sicht. Denn während man im Vorgängerroman, wie auch in den meisten Thrillern, der Hauptfigur noch zugute halten kann, dass sie vollkommen unbedarft in finstere Machenschaften und damit in Gefahr gerät, greift diese Erklärung hier nicht. Das machte für mich die Motivation, die Entscheidungen und Handlungen der Protagonistin weitestgehend erratisch und nicht nachvollziehbar.

Dabei ist die Story durchaus spannend – vielleicht wäre es ihr zuträglicher gewesen, als eigenständiger Roman mit einer neuen Hauptfigur konzipiert zu werden, und nicht als Sequel. Und tatsächlich habe ich mir die Frage gestellt, ob ich den Roman anders wahrnehmen und bewerten würde, wenn ich den Vorgänger nicht gekannt hätte. So indes vermochte der Roman mich leider nicht wirklich zu überzeugen.

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