Profilbild von -Leselust-

-Leselust-

Lesejury Profi
offline

-Leselust- ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit -Leselust- über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.07.2018

Hat Stärken und Schwächen

Mercy Seat
0

Kurzmeinung:
Ein sehr großes Thema: Rassismus, ein Todesurteil aufgrund der Hautfarbe, ein Junge, der seine letzten Tage vor seiner Hinrichtung schildert. Leider konnte das Buch bei mir persönlich nicht ...

Kurzmeinung:
Ein sehr großes Thema: Rassismus, ein Todesurteil aufgrund der Hautfarbe, ein Junge, der seine letzten Tage vor seiner Hinrichtung schildert. Leider konnte das Buch bei mir persönlich nicht das halten, was ich mir von der Geschichte versprochen habe. Wegen des wichtigen Themas und den starken Abschnitten über den Verurteilten ist es aber trotzdem lesenswert.


Meine Meinung:
Ein Buch mit einem unglaublich wichtigem Thema, mit sehr viel Potential. Ich wünschte, ich hätte es mehr mögen können. Aber irgendwie hat es mich nicht so richtig berühren können.
Wills Abschnitte sind mir echt unter die Haut gegangen, aber davon gab es so wenig. Und die anderen Abschnitte haben mir einfach zu oft gewechselt. Ingesamt wird die Geschichte aus Sicht von 9 verschiedenen Personen erzählt. Und das sind mit einfach zu viele Perspektiven, zu viele Wechsel, als das ich da mit jemandem wirklich hätte mitfühlen können. Dadurch sind für mich die Gefühle und Motive der einzelnen Personen manchmal auch zu sehr an der Oberfläche geblieben.

Dieses Buch befasst sich wirklich mit krassen Themen. Todesstrafe. Rassismus. Ein Junge, der aufgrund seiner Hautfarbe sterben muss. Man bekommt Einblicke in seine Gedanken, wie er seine letzten Tage au Erden erlebt. Das ging mir wie gesagt wirklich unter die Haut. Aber man lernt auch viele andere Charaktere kennen. Den Pfarrer, der nicht weiß, wie er dem Jungen und seinen Eltern helfen kann, welchen Rat er geben soll und wie er Trost spenden kann. Die Wutbürger, die nichts haben, außer ihrem Hass. Den Vater, der seinen Sohn im Krieg verloren hat und nicht weiß, wie er es seiner Frau sagen soll. Alles sehr ergreifende Schicksale und bedrückende Ereignisse. Durch die vielen und schnellen Perspektivwechsel ist mir aber trotzdem keine der Personen so wirklich nahe gekommen und die Stimmung kam nicht so richtig bei mir an. Vielleicht war das aber auch ganz gut so. Vielleicht hätte ich die Lektüre anders auch gar nicht ertragen, gerade weil es um so unglaublich bewegende Themen geht.

Sehr gut transportiert hat das Buch aber die (auch teils gespaltene) Stimmung in der Gesellschaft zu der Zeit, und auch die Tatsache, dass trotz so gravierender Ereignisse und diesem schlimmen Schicksal von Will, jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat.


Fazit:
Ein Buch, das mich irgendwie gespalten zurücklässt. Ich habe mich im Vorfeld ein bisschen vor der Lektüre gefürchtet, weil ich Angst vor diesem bewegenden Thema hatte. Angst, dass es mich zu sehr mitnimmt. Dann auch noch vor dem Hintergrund, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Doch dann ist quasi das Gegenteil passiert: Das Buch konnte mich nur in seltenen Momenten wirklich berühren. Vielleicht war es ganz gut so, weil man so dieses schwierige Thema leichter ertragen konnte. Dennoch: dieses Thema darf wehtun, finde ich. Es darf (und sollte vielleicht sogar) bewegend, aufrütteln und erschüttern.
Durch die vielen Perspektivwechsel und die an der Oberfläche bleibenden Schilderungen wurde da meiner Meinung nach Potential verschenkt.
Dennoch lohnt sich die Lektüre, um sich ein Bild von der gesellschaftlichen Stimmung in den Südstaaten der 1940er zu machen. Um sich mit dem Thema Rassismus und dieser grenzenlosen Ungerechtigkeit zu konfrontieren.

Veröffentlicht am 22.06.2018

Ehrlich, ergreifend und mit viel Situationskomik.

Sommernachtsreigen
0

">>Keine Ahnung, was du hören willst.>Geht ja nicht darum, was ich hören will, sondern wie's wirklich ist.Ich bin kaputt.>Das sind wir alle, [...] nur redet keiner darüber

">>Keine Ahnung, was du hören willst.<< >>Geht ja nicht darum, was ich hören will, sondern wie's wirklich ist.<<" (Sommernachtsreigen, S. 79)

Kurzmeinung:
Ein ungewöhnliches Buch erzählt von einer ungewöhnlichen Nacht im Leben von drei gewöhnlichen Menschen –mit ganz normalen Ängsten und Sorgen, Träumen und Wünschen, Humor, Fehlern und Leidenschaft.


Meine Meinung:
Das Buch erzählt die Geschichte von einer ungewöhnlichen Begegnung in einer schönen Sommernacht. An einer Bushaltestelle trifft der Bertl den Pawel. Ersterer hat zu viel getrunken und verwickelt den zweiten in ein Gespräch. Und wie es mit Gesprächen unter Alkoholeinfluss mitten in der Nacht nun mal so ist, gibt es auch hier einen Wechsel zwischen Belanglosem und Philosophischem. Nach und nach öffnen sich die beiden Männer immer mehr. Sie sind betrunken, beide einander völlig fremd –was haben sie schon zu verlieren. Und so reden sie. Völlig offen, völlig frei.


">>Ich bin kaputt.<< >>Das sind wir alle, [...] nur redet keiner darüber<<" (Sommernachtsreigen, S. 121)

Die Charaktere zeigen sich so, wie sie sind. Zumindest in dieser Nacht. Sie sind ehrlich zu einander, aber auch zu sich selbst. Sie sagen, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Und dadurch kommt es, dass wunderschöne poetische Sätze direkt neben vulgärer Sprache und Flüchen stehen. Eine sehr interessante Kombination, die diesen besonderen Stil des Buches ausmacht. Eine weitere Besonderheit im Stil ist, dass das Buch zu einem Großteil aus Dialogen besteht und ohne viele Beschreibungen und Schnörkel auskommt.

Sehr interessant ist die Kombination der Charaktere. Nach und nach kommt nämlich heraus, dass Bertl sich betrinkt, weil seine Frau Johanna ihn betrügt. Und das Pawel Johannas Affäre ist. Der betrogene Ehemann trifft mitten in der Nacht den Liebhaber seiner Frau. Da kommt es zu viel Gefühl, aber auch zu überraschend viel Witz und Leichtigkeit.
Die Geschichte beschäftigt sich mit allem, was zum Menschsein dazugehört. Mit Mut, Tod, Angst, Sehnsucht, Trauer, Einsamkeit, Leidenschaft. Es geht um Liebe, Sex, Beziehungen und die Aufs und Abs. Das nicht alles immer rosarot ist. Sondern das Beziehungen auch Arbeit sind; und anstrengend.
Aber immer wieder wird diese Schwere auch unterbrochen durch ganz unerwartete Situationskomik. Und die ist so stimmig, dass sie die ernsten Themen nicht ins lächerliche zieht, sondern sich realistisch in die Geschichte einfügt und die Leser*innen aufatmen lässt. Und zum Schmunzeln bringt.

Das einzige, was mich gestört hat, ist, wie in der Geschichte manchmal über Frauen geredet wird. Wenn sie zum Beispiel auf ihr Geschlecht reduziert werden, oder objektifiziert werden. Etwa wenn Bertl diesen Satz über seine Frau Johanna sagt: "Das ist es jetzt. Diese eine Muschi, die alles wert ist." (S.88). Oder auch wenn Bertl Pawel fragt: "Magst du sie [Johanna] haben?" (S.103), als wäre sie sein Objekt, sein Eigentum, über das er nach belieben verfügen kann. Finde ich halt nicht so cool.
Ich verstehe schon die Intention. Im Kontext der absoluten Ehrlichkeit wird auch hier nichts beschönigt, nichts verstellt. Und wenn die Männer so etwas eben denken, sprechen sie es in dieser Nacht in diesem Buch eben auch aus. Dennoch reproduziert es Sexismus und wird in meinen Augen auch nicht kritisch reflektiert oder sonst irgendwie eingeordnet. Die Aussagen werden einfach so stehengelassen. Und das hätte, finde ich, einfach nicht sein müssen.
Insgesamt hat es mein Lesevergnügen nicht gestört. Ich finde es trotzdem großartig, nur hat es einen bitteren Beigeschmack bekommen.

"Das Leben ist phasenweise unerträglich beklemmend, man fühlt sich nicht mehr menschlich, eher wie eine fremdgesteuerte Hülle (...)." (Sommernachtsreigen, S.51)


Fazit:
Das Buch hat einfach alles: tiefe Gefühle, ernste Themen, aber auch überraschenden Witz und jede Menge Situationskomik. Am meisten begeistert hat mich aber, dass die Charaktere so absolut ehrlich sind. Und das in einer Konsequenz, die ich so noch in keinem anderen Buch gelesen habe.

Veröffentlicht am 10.06.2018

Langeweile statt emotionaler Spurensuche

Der Abfall der Herzen
0

Kurzmeinung:
Hält nicht, was der Klappentext verspricht. Episodenhaft erzählte autobiografische Anekdoten eines normalen Studenleben der späten 90er bietet leider eher Langeweile als emotionale Spurensuche.

Meine ...

Kurzmeinung:
Hält nicht, was der Klappentext verspricht. Episodenhaft erzählte autobiografische Anekdoten eines normalen Studenleben der späten 90er bietet leider eher Langeweile als emotionale Spurensuche.

Meine Meinung:
Im Februar war ich vom Fischer Verlag zur Book Release Party von "Der Abfall der Herzen" eingeladen. In einer coolen Location hat der Autor zusammen mit zwei Gästen Szenen aus dem Buch vorgelesen. Die Stimmung war richtig gut, die Chemie zwischen Nagelschmidt und seinen Gästen war super, es gab viel Situationskomik und wir haben viel gelacht. Neben den Lesungen hat der Autor einiges zum Buch und zur Entstehung erzählt und natürlich gab es auch Livemusik (da Nagelschmidt nicht nur Autor, sondern auch Musiker ist). Nach diesem tollen Abend habe ich mich sehr auf die Lektüre des Buches gefreut. Da ich die gehörten Passagen als sehr witzig in Erinnerung hatte, habe ich mich auf viel Lachen beim Lesen eingestellt.
Doch dann kam sehr schnell die Ernüchterung. Ich weiß nicht, ob die ausgelassene Stimmung gefehlt hat, oder das Witzeln zwischen den Vorlesern, aber beim selber Lesen waren die ganzen Szenen dann irgendwie gar nicht mehr lustig.
Der Autor vertieft sich im Jahr 2015 in seine Tagebücher und schwelgt in Erinnerungen aus dem Jahr 1999. Er erzählt von seinem WG- Leben als Student, seinen Freunden, seiner ersten großen Liebe und der Trennung, vom Kiffen, Feiern, Musik. Alles schön und gut, aber eben auch sehr... normal.
Für mich hatte dieser Roman keinen Mehrwert.
Der Autor wechselt immer wieder zwischen Passagen in der Gegenwart und Anekdoten aus der Vergangenheit. Allerdings hatten beide Zeiten keinen richtigen Reiz für mich. Die Begebenheiten waren nicht besonderes lustig, nicht besonders spannend, nicht besonders tiefgreifend. Dadurch stellte sich bei mir beim Lesen schnell Langeweile ein und ich musste mich aufraffen, überhaupt weiterzulesen.
Wirklich schade, denn der Klappentext verspricht etwas anderes und auch nach der Lesung hatte ich wie gesagt eigentlich einen anderen Eindruck von dem Buch.
Als positiv kann ich vermerken, dass sich beim Lesen sofort das Gefühl der 90er eingestellt hat und der Autor die Stimmung sehr gut eingefangen hat.
Auch das Thema der selektiven Erinnerung fand ich ganz spannend. Wie erinnern wir uns an Dinge? Was behalten und was vergessen wir? Wie verändern wir vielleicht auch unsere Erinnerungen? Nagelschmidt macht bei seinen Nachforschungen die Erfahrung, dass jeder der Interviewten bestimmte Situationen etwas anders in Erinnerung hat und so jeder seine eigene, subjektive Wahrheit bildet. Die Abschnitte, die um diesen Gedanken kreisen, fand ich gelungen. Da hätte man vielleicht einen größeren Schwerpunkt setzen können. Insgesamt gehen diese interessanten Aspekte nämlich in der trägen Erzählung unter.

"Ich weiß, da lauert eine Geschichte, und ich weiß, dass ich sie erzählen will. Die Frage ist nur, ob ich sie zu packen kriege." (S.319)

Meine Antwort darauf: leider nein.


Fazit:
Leider meist eher etwas langweilig. Thorsten Nagelschmidt blickt zurück auf den Sommer 1999, auf seine Studentenzeit, wilde Parties, Freundschaft und die große Liebe.
Es ist ganz nett, um sich mal wieder den 90er Vibes hinzugeben. Auch die Passagen über die selektive Erinnerung fand ich ganz interessant. Aber alles in allem hat mich der Roman nicht vom Hocker gehauen. Es fehlte der Spannungsbogen. Diese Reminiszenz an Nagelschmidts Jugend mag für ihn gewinnbringend gewesen sein – für mich als Leserin war es aber höchstens ganz nett, meistens aber eher etwas öde.

Veröffentlicht am 08.05.2018

Vielschichtiges Buch mit ernsten Themen

Fliegende Hunde
0

Kurzmeinung:
Ein sehr interessantes, bewegendes und vielschichtiges Buch, das mir sehr gut gefallen hat. Es behandelt so viele verschiedene Themen. Es geht um Freundschaft, Liebe, Erwachsenwerden, seinen ...

Kurzmeinung:
Ein sehr interessantes, bewegendes und vielschichtiges Buch, das mir sehr gut gefallen hat. Es behandelt so viele verschiedene Themen. Es geht um Freundschaft, Liebe, Erwachsenwerden, seinen Platz in der Welt finden. Um schwierige Themen wie Magersucht und das historische Ereignis der Belagerung von Leningrad durch die Nazis. Das alles ist verpackt in einer Geschichte über zwei Mädchen, Freundinnen, die in einer kleinen Stadt in Russland gemeinsam aufgewachsen sind, die sich sehr nahe stehen und die mehr als nur Freundschaft verbindet.
Das Buch lässt sich trotz der schwierigen Themen sehr gut lesen, denn der Schreibstil ist wirklich toll. Die Geschichte bietet definitiv sehr viel Stoff zum Nachdenken und hat mich nach dem Lesen noch lange beschäftigt.



Meine Meinung:

Trigger Warning: Magersucht, Essstörung

Dieses Buch hat mir wirklich sehr gut gefallen. Es behandelt sehr schwierige Themen, wie die Belagerung von Leningrad, den Hungertod, den dort so viele Menschen starben. Es geht um Magersucht, um das harte Modelbuisness, um Prostitution. Aber auch um Liebe, Freundschaft und Familie.

Im Fokus der Geschichte stehen Lena und Oksana. Lena, die Russland hinter sich lässt und ein aufregendes Modelleben in Shanghai beginnt, das dann aber doch ganz anders ist, als sie es sich vorgestellt hat.
Und Oksana, die im tristen, russischen Vorort zurückbleibt und immer weiter in die Magersucht abrutscht.

Die Beziehung zwischen den beiden Mädchen war mir lange nicht ganz klar. War es nur Freundschaft, oder war da doch mehr? Und warum wollte Lena den Kontakt mit Oksana vermeiden? Das hat mich beim Lesen viel beschäftigt, aber auch für Spannung gesorgt. Im Verlauf des Buches wird es dann aber immer klarer und ist auch gut aufgelöst.

Das Buch behandelt wie gesagt viele schwierige Themen, unter anderem Magersucht.
Teilweise ist es schon sehr zynisch, aus einem traurigen historischen Ereignis, der Belagerung von Leningrad, eine Anleitung für eine Hungerkur zu machen. Umso erschreckender ist, dass dieses Internetportal etwas zu sein scheint, was es tatsächlich so oder so ähnlich geben könnte.


"Auf der Startseite empfing sie das stilisierte Bild eines ausgemergelten Blockadeopfers mit spitzen Rippen und dünnen Armen. (...) Darunter der Slogan: Phänomenale Ergebnisse. Die Geschichte ist unter Beweis." (aus "Fliegende Hunde", S. 12)

Auch wenn die Diät zu absurd scheint, um wirklich glaubhaft zu sein, sind die dahinterstehenden Motive, der Sog, der Druck der Community, die Dynamik im Forum sehr gut dargestellt. Wie zum Beispiel ein Mädchen, das sich zu Tode gehungert hat, als Heldin gefeiert wird und die anderen Mädchen noch mehr anspornt, statt das die "Diät" in Frage gestellt wird.


"Sie alle spürten, dass sie kaum Einfluss auf die Welt hatten und keine Kontrolle über ihr Leben, nur über ihren Körper. (...) Die Diät wirkte wie ein Betäubungsmittel: Wenn man sich auf das fokussierte, was man aß oder nicht aß, blendete man vieles andere aus. Und wie jedes Betäubungsmittel machte es süchtig." (aus "Fliegende Hunde", S. 159)

Dadurch kann man es sich sehr gut vorstellen, wie Oksana immer tiefer in diesen Abnehme-Wahn hereinrutscht. Die damit verbundenen Motive und Gefühle sind wie gesagt so gut beschrieben, dass ich es Menschen, die mit Essstörungen zu kämpfen habe, nicht empfehlen würde, da es da einige Trigger geben könnte.


Ein weiteres wichtiges Thema in dem Buch, was mich aber noch mehr belastet hat, ist die Belagerung von Leningrad.
Ich wusste vorher nicht sehr viel darüber. Ich habe im Geschichtsunterricht mal davon gehört, aber genaue Fakten dazu kannte ich nicht. Zum Beispiel das im Zeitraum der Belagerung über 1 Millionen Menschen ihr Leben verloren haben. Das Buch schildert einige Begebenheiten aus der Zeit und das ist wirklich nicht leicht zu lesen. Von ganzen Familien, die verhungert oder erfroren sind. Von Menschen, die in ihrer Not ihre Katzen und Hunde gegessen haben oder eine Suppe aus Lederschuhen gekocht haben. Es gibt da noch viele weitere Beispiele, die ich ich jetzt nicht vorwegnehmen möchte. Aber ich hoffe, ich konnte einen kleinen Eindruck vermitteln, in welche Richtung diese Passagen gehen. Für mich war das wirklich nicht leicht zu lesen, aber ich finde es auch wichtig, mich an die Ereignisse im zweiten Weltkrieg zu erinnern, neues darüber zu lernen und es mir eine Warnung sein zu lassen, es nie wieder so weit kommen zu lassen, sondern aus der Geschichte zu lernen. Aber das sollte wirklich jeder Leserin selbst entscheiden, ob er/ sie so etwas lesen möchte.

Ansonsten geht es um viele Themen, die gerade Heranwachsende wie die zwei Protagonistinnen im Leben beschäftigen. Es geht ums Erwachsenwerden, den eigenen Weg zu finden. Um Einsamkeit, das Sehnen nach Liebe, Freundschaft und Anerkennung.

Trotz der teils schwierigen Themen liest sich das Buch sehr gut. Der Schreibstil schafft genau an den richtigen stellen Nähe und baut an den anderen die nötige Distanz auf.
Zwischendurch gibt es aber auch immer wieder Sätze voller Leichtigkeit und Schönheit. Und Sätze, die mich haben schmunzeln lassen, wenn es auch manchmal recht schwarzer Humor war.


"Lena mochte die chinesische Küche. Sie ähnelte der russischen weder in der Würze noch im Geschmack, dafür aber in der Bereitschaft, ein Tier restlos zu verspeisen." (aus "Fliegende Hunde", S. 58)

Quasi nebenbei bekommt man auch noch sehr interessante Einblicke in das Land und die Kultur, die Geschichte von Russland, speziell natürlich Leningrad. Aber auch über die Lage heute, welche Einflüsse die Geschichte und der Kommunismus auch heute noch haben. Das war für mich ein weiterer der vielen Punkte, die dieses Buch zu einem Highlight gemacht haben.


Fazit:
In diesem eher schmalen Buch steckt so viel drin. So viele schwierige und wichtige Themen. So viele Gefühle. Man muss sich darauf einlassen können, aber dann kann einen dieses Buch wirklich packen, berühren, zum Weinen und zum Lachen bringen. Diese emotionalen Themen sind verwoben mit der Geschichte über zwei Mädchen, die erwachsen werden, ihren Weg finden müssen und sich klarwerden müssen, wer sie sind und was sie wollen.
Die Kombination aus wichtigen Themen, interessanten Charakteren und einem sehr schönen Schreibstil macht Fliegende Hunde von Wlada Kolosowa zu etwas ganz Besonderem.

Veröffentlicht am 20.04.2018

Großartiger Roman, absolut lesenswert!

Kleine Feuer überall
0

Kurzmeinung:
Auch der zweite Roman von Celeste Ng konnte mich wieder begeistern. Auch diesmal waren es die psychologisch fein beobachteten und gut beschriebenen Charaktere und die Schilderungen der Beziehungen, ...

Kurzmeinung:
Auch der zweite Roman von Celeste Ng konnte mich wieder begeistern. Auch diesmal waren es die psychologisch fein beobachteten und gut beschriebenen Charaktere und die Schilderungen der Beziehungen, die mich so in den Bann gezogen haben.


Meine Meinung:
Der Debütroman von Celeste Ng "Was ich euch nicht erzählte" hat mich absolut begeistert und ich habe sehnsüchtig auf etwas Neues von der Autorin gewartet. Deswegen habe ich mich unglaublich gefreut, als Ngs neuer Roman "Kleine Feuer überall" angekündigt wurde und ich ihn dann sogar vorab lesen durfte. Allerdings war ich auch etwas skeptisch –würde mich die Autorin trotz meiner hohen Erwartungen noch einmal begeistern können? Spoiler: Ja, sie konnte!

Die Geschichte lebt vor allem durch die psychologisch fein beobachteten und gut beschriebenen Charaktere, ihre Entwicklung und die einfühlsam geschilderte Beziehungsdynamik zwischen den einzelnen Personen. Ng schafft es, Personen so gut zu beschreiben, dem Leser / der Leserin einen so tiefen Einblick in ihre Psyche zu gewähren, dass sie einem so nahe werden und berühren.
Auch Charaktere, die mir eigentlich unsympathisch waren und deren Handeln ich anfangs nicht nachvollziehen konnte, hat Ng mir näher gebracht, die Motive beleuchtet, ihre Beweggründe aufgezeigt, so dass ich sie schussendlich doch verstehen konnte.
Ng widmet sich jedem Charakter intensiv und dabei ehrlich; zeigt sowohl Stärken, aber widmen sich auch ohne Scham oder Zurückhaltung den Schwächen.
Sie gibt den Personen Raum sich zu entwickeln, erklärt ihr Handeln und ihre Motive, in dem auf ihre Vergangenheit und ihre Geschichte geblickt wird. Das gibt den Charakteren Tiefe und lässt sie sehr authentisch wirken.

Ein für mich wichtiger Teil in dem Buch war auch ein moralisch schwieriges Thema. Ohne zu viel verraten zu wollen, kann ich sagen, dass Mutterschaft, Erziehung und die Mutter-Tochter-Bindung eine zentrale Rolle spielen. Auch diesem Thema hat Celeste Ng sich einfühlsam genährt. Auch wenn ich am Anfang sofort eine erste Meinung hatte, hat mich die Autorin dann sehr zum Zweifeln und Schwanken gebracht, denn bei ihr gibt es kein schwarz-weiß. Das moralische Dilemma wird von allen Seiten und in allen Grautönen betrachtet und so fiel es mir dann sehr schwer, an meiner Meinung festzuhalten und ein Urteil zu fällen. Ng hat mich dazu gebracht, auch die anderen Seiten zu erkennen und darüber nachzudenken.
Denkanstöße bekam ich auch zum Thema Altruismus. Kann man auch aus den falschen Gründen das Richtige tun? Sich engagieren, weil es sich gut anfühlt. Anderen helfen und dafür dann Dankbarkeit erwarten und das eigene Überlegenheitsgefühl weiter ausbauen. Gibt es überhaupt echten Altruismus? Das alles sind Fragen, die Ng in ihrem Roman aufwirft.

Weitere wichtige Themen sind die Angepasstheit und die starken Reglementierungen, die das Leben und das soziale Miteinander in Shaker Heights. Das Leistungsstreben, der Perfektionismus und die Angst vor Fehlern.
Besonders interessant ist hier der Charakter Izzy. Sie ist eine Unangepasste in einer Stadt, wo der äußere Schein und das Einhalten von Normen das allerwichtigste ist. An ihr wird exemplarisch sehr gut der Konflikt zwischen Echtheit und Authentizität vs. Außenwirkung und Schein dargestellt.

Das Buch braucht kein großes Drama, keine rasanten Actionszenen um große Spannung aufzubauen und mich absolut in den Bann zu ziehen. Es sind gerade die leisen Töne, die teils bedrückende Ruhe, die mich so begeistert und gefesselt haben und die dieses Buch so besonders machen.

Fazit:
Celeste Ngs zweiter Roman Kleine Feuer überall konnte mich trotz meiner sehr hohen Erwartungen restlos begeistern. Ein Buch über Familie, über Angepasstheit und Rebellion, über Mütter und Töchter. Über Altruismus und Moral. Ng wirft hier große Fragen auf, gibt Denkanstöße und macht es den Leserinnen und Lesern nicht leicht, sich ein Urteil zu bilden.
Aber letztendlich waren es vor allem Ngs herausragende Charakterbeschreibungen, die tiefen Einblicke in Psyche und Motive, die mich so sehr begeistern konnten. Ihr gelingt es, psychologisch genaue, komplexe und authentische Charaktere zu erschaffen, die sich entwickeln, die glaubhaft sind.
Und genau darin liegt der große Zauber und die Sogkraft in diesem Buch –in seinen starken Charakteren.