Tokio und seine Schattenseiten
TokyoTokyo von Tokuro Nukui ist ein Roman, der atmosphärisch dicht beginnt und mit einer spannenden Grundidee lockt: Eine Reihe von Kindsmorden erschüttert die Stadt, und ein Ermittler versucht verzweifelt, ...
Tokyo von Tokuro Nukui ist ein Roman, der atmosphärisch dicht beginnt und mit einer spannenden Grundidee lockt: Eine Reihe von Kindsmorden erschüttert die Stadt, und ein Ermittler versucht verzweifelt, den Täter zu finden.
Zum einen begleiten wir anfangs einen namen- und alterslosen Mann, der in der drückenden Hitze Tokios ziellos durch die Straßen streift und verzweifelt nach einem Sinn in seinem Leben sucht. Tag für Tag treibt ihn seine innere Leere weiter, bis hin zu dem Gedanken, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im Verlauf der Geschichte schließt er sich einer Religionsgemeinschaft an, getrieben von dem sehnsüchtigen Wunsch, die Leere in seinem Herzen zu füllen. Auslöser dafür ist eine kurze Begegnung mit einer jungen Frau, die ihn auf der Straße anspricht. Ihre Worte – und die Bitte, für sein Glück beten zu dürfen – hinterlassen einen tiefen Eindruck in ihm.
Parallel dazu verfolgt der zweite Erzählstrang die Machtstrukturen innerhalb der Polizeipräfektur von Tokio. Dort herrscht eine strikte Trennung zwischen Karrierebeamten und regulären Polizisten, ein Graben, der sich in täglichen Reibereien, Missgunst und Neid zeigt.
Kommissar Saeki, selbst ein Karrierebeamter, leitet die Ermittlungen zum Verschwinden zweier Mädchen. Doch je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto deutlicher spürt er, wie die Spannungen an ihm zerren und jede Zusammenarbeit zu einem mühsamen Balanceakt wird.
Die düstere Stimmung Tokios, die psychologische Schwere und die langsame Enthüllung der Hintergründe erzeugen anfangs für mich einen starken Sog.
Allerdings verliert die Geschichte dann im Mittelteil etwas an Tempo. Der Schreibstil ist grundsätzlich angenehm, aber er packt mich nicht immer. An manchen Stellen wirkt er fast zu sachlich, gerade wenn es eigentlich um sehr emotionale Momente geht. Da hätte ich mir etwas mehr Wärme oder Tiefe gewünscht, um wirklich mitzufühlen.
Das Ende bzw. die Auflösung habe ich tatsächlich nicht kommen sehen .
Insgesamt ist Tokyo ein Roman mit starken Momenten und einer guten Grundidee, die mich aber nicht durchgehend überzeugt hat.
Insgesamt hatte ich mir vom Buch einfach mehr erhofft. Der ganze Handlungsstrang rund um die Religionsgemeinschaften war mir irgendwann zu viel und hat mich eher aus der Geschichte herausgerissen. Dafür kam mir die eigentliche Ermittlungsarbeit deutlich zu kurz, obwohl gerade das für mich der spannendere Teil gewesen wäre.