Profilbild von 7of9

7of9

aktives Lesejury-Mitglied
offline

7of9 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit 7of9 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.05.2026

Tokio und seine Schattenseiten

Tokyo
0

Tokyo von Tokuro Nukui ist ein Roman, der atmosphärisch dicht beginnt und mit einer spannenden Grundidee lockt: Eine Reihe von Kindsmorden erschüttert die Stadt, und ein Ermittler versucht verzweifelt, ...

Tokyo von Tokuro Nukui ist ein Roman, der atmosphärisch dicht beginnt und mit einer spannenden Grundidee lockt: Eine Reihe von Kindsmorden erschüttert die Stadt, und ein Ermittler versucht verzweifelt, den Täter zu finden.

Zum einen begleiten wir anfangs einen namen- und alterslosen Mann, der in der drückenden Hitze Tokios ziellos durch die Straßen streift und verzweifelt nach einem Sinn in seinem Leben sucht. Tag für Tag treibt ihn seine innere Leere weiter, bis hin zu dem Gedanken, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im Verlauf der Geschichte schließt er sich einer Religionsgemeinschaft an, getrieben von dem sehnsüchtigen Wunsch, die Leere in seinem Herzen zu füllen. Auslöser dafür ist eine kurze Begegnung mit einer jungen Frau, die ihn auf der Straße anspricht. Ihre Worte – und die Bitte, für sein Glück beten zu dürfen – hinterlassen einen tiefen Eindruck in ihm.
Parallel dazu verfolgt der zweite Erzählstrang die Machtstrukturen innerhalb der Polizeipräfektur von Tokio. Dort herrscht eine strikte Trennung zwischen Karrierebeamten und regulären Polizisten, ein Graben, der sich in täglichen Reibereien, Missgunst und Neid zeigt.
Kommissar Saeki, selbst ein Karrierebeamter, leitet die Ermittlungen zum Verschwinden zweier Mädchen. Doch je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto deutlicher spürt er, wie die Spannungen an ihm zerren und jede Zusammenarbeit zu einem mühsamen Balanceakt wird.
Die düstere Stimmung Tokios, die psychologische Schwere und die langsame Enthüllung der Hintergründe erzeugen anfangs für mich einen starken Sog.
Allerdings verliert die Geschichte dann im Mittelteil etwas an Tempo. Der Schreibstil ist grundsätzlich angenehm, aber er packt mich nicht immer. An manchen Stellen wirkt er fast zu sachlich, gerade wenn es eigentlich um sehr emotionale Momente geht. Da hätte ich mir etwas mehr Wärme oder Tiefe gewünscht, um wirklich mitzufühlen.
Das Ende bzw. die Auflösung habe ich tatsächlich nicht kommen sehen .
Insgesamt ist Tokyo ein Roman mit starken Momenten und einer guten Grundidee, die mich aber nicht durchgehend überzeugt hat.
Insgesamt hatte ich mir vom Buch einfach mehr erhofft. Der ganze Handlungsstrang rund um die Religionsgemeinschaften war mir irgendwann zu viel und hat mich eher aus der Geschichte herausgerissen. Dafür kam mir die eigentliche Ermittlungsarbeit deutlich zu kurz, obwohl gerade das für mich der spannendere Teil gewesen wäre.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.05.2026

Düstere Geheimnisse, leiser Horror

Komm spielen
0

Linwood Barclay hat mit seinem Triller „Komm spielen“ eine Geschichte geliefert, die mich sofort gepackt hat. Auch das düstere Cover mit seinen gedeckten, dunklen Farben unterstreicht perfekt, dass sich ...

Linwood Barclay hat mit seinem Triller „Komm spielen“ eine Geschichte geliefert, die mich sofort gepackt hat. Auch das düstere Cover mit seinen gedeckten, dunklen Farben unterstreicht perfekt, dass sich hinter der scheinbar harmlosen Fassade etwas Bedrohliches verbirgt.

Im Zentrum steht Annie, die nach einem schwierigen Jahr mit ihrem Sohn Charlie aus dem hektischen New York nach Castle Creek zieht – um dort Ruhe und einen Neuanfang zu finden. Doch die Idylle der Kleinstadt bröckelt schnell: seltsame Unfälle, merkwürdige Begegnungen und eine Atmosphäre, die zunehmend unheilvoll wirkt. Als auch noch Charlie in Gefahr gerät, beginnt für Annie ein Wettlauf gegen die Zeit.

Die Geschichte liest sich mühelos weg, die Kapitel haben ein angenehmes Tempo und die Spannung wächst Schritt für Schritt. Mit kleinen Andeutungen und kaum greifbaren Bedrohungen wird das Gefühl erzeugt, dass etwas Unheilvolles in der Luft liegt. Castle Creek erscheint anfangs wie ein idyllischer Ort, doch je tiefer man eintaucht, desto deutlicher treten seine Schattenseiten hervor.
Die wechselnden Perspektiven und Zeitebenen verleihen der Handlung zusätzliche Tiefe.
Komm spielen ist ein packender Thriller mit Mystery- und Horrorelementen, der ruhig beginnt, aber stetig an Intensität gewinnt. Gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse, und der Spannungsbogen hält bis zur letzten Seite an.
Alle, die sich gern in unheimliche Kleinstädte, schleichenden Horror und psychologische Abgründe ziehen lassen, kommen hier voll auf ihre Kosten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.05.2026

Solide- durchschnittlich

Vega Varg – Das Schweigen der Insel
0

Mit Vega Varg – Das Schweigen der Insel legt Åsa Hellberg einen eher ruhigen Kriminalroman vor, der mich an die schwedische Westküste zwischen Norwegen und Schweden entführt. Besonders positiv aufgefallen ...

Mit Vega Varg – Das Schweigen der Insel legt Åsa Hellberg einen eher ruhigen Kriminalroman vor, der mich an die schwedische Westküste zwischen Norwegen und Schweden entführt. Besonders positiv aufgefallen ist mir sofort das stimmungsvolle Cover – ein echter Blickfang, der neugierig auf die Geschichte macht.

Auch der Plot rund um den Mord auf Südkoster und die Verknüpfung mit Vegas Vergangenheit klang zunächst vielversprechend. In der Umsetzung blieb der Roman für mich jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Viele Figuren wirken vergleichsweise blass, einige treten nur kurz in Erscheinung, ohne wirklich Profil oder Tiefe zu entwickeln.

Das häufige Wechseln zwischen Norwegen und Schweden sorgte zudem eher für Unruhe, zumindest bei mir- als für zusätzliche Spannung. Die besondere Atmosphäre, die skandinavische Krimis oft auszeichnet, wollte sich dadurch bei mir nicht vollständig entfalten.
Für mich positiv hervorheben möchte ich allerdings den angenehmen Schreibstil. Der Roman liest sich flüssig und leicht, sodass ich ihn innerhalb weniger Tage beendet hatte. Inhaltlich konnte mich das Buch jedoch nicht so sehr fesseln wie andere
skandinavische Krimis – etwa die Jo Nesbo oder Arne Dahl-die deutlich mehr Spannung und Tiefe für mich entwickelt haben, schade eigentlich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.05.2026

Eine Idee, die nicht ganz trägt

Eine Liebe ohne Sommer
0

„Eine Liebe ohne Sommer“ erzählt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die mich sofort neugierig gemacht hat, gerade weil sie auf so außergewöhnliche Weise beginnt.
Nikolas stirbt, bevor Rosa ihn wirklich ...

„Eine Liebe ohne Sommer“ erzählt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die mich sofort neugierig gemacht hat, gerade weil sie auf so außergewöhnliche Weise beginnt.
Nikolas stirbt, bevor Rosa ihn wirklich kennenlernt – und gerade dadurch beginnt ihre eigentliche Annäherung , nämlich erst nach seinem Tod. Diese Idee fand ich spannend und ich war neugierig wie der Roman sie umsetzt.

Der Einstieg fiel mir leicht. Ich konnte schnell in die Handlung eintauchen und fand mich gut in der Atmosphäre zurecht. Besonders gefallen hat mir, wie authentisch die verschiedenen Figuren gezeichnet sind. Sie wirken glaubwürdig, haben Ecken und Kanten, und der lebendige, bildhafte Schreibstil macht es einfach, ihnen zu folgen. Ich konnte mich gut in die Protagonisten hineinversetzen, auch wenn ich emotional nicht ganz so warm mit ihnen wurde, wie ich es mir gewünscht hätte. An manchen Stellen fehlte mir das gewisse Gefühl, das eine Liebesgeschichte wirklich unter die Haut gehen lässt.

Die Suche nach der Frage, wer Nikolas eigentlich war, bildet das emotionale Zentrum des Romans – und hier punktet die Geschichte eindeutig. Rosas Annäherung an einen Menschen, den sie erst im Nachhinein wirklich zu verstehen beginnt, ist ein spannender Ansatz. Gleichzeitig empfand ich einige Szenen als zu langatmig. Manche Passagen hätten für meinen Geschmack etwas straffer erzählt sein dürfen; ein paar Seiten weniger hätten der Geschichte gutgetan.

Insgesamt hatte ich nterhaltsame Lesestunden mit diesem etwas anderen Liebesroman. Die Idee bleibt originell, und der Stil ist angenehm zu lesen. Dennoch wird das Buch für mich nicht dauerhaft im Gedächtnis bleiben – dafür fehlte mir am Ende der emotionale Nachhall.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.05.2026

Eine leise, warme Geschichte über Sehnsucht und Menschlichkeit

Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte
0

Da ich bei LB leider nicht zu den Gewinnern gehörte, blieb mir am Ende nur der Griff zur Audible‑Version. Und ehrlich gesagt: Ich war anfangs ein bisschen enttäuscht – nicht von der Geschichte, sondern ...

Da ich bei LB leider nicht zu den Gewinnern gehörte, blieb mir am Ende nur der Griff zur Audible‑Version. Und ehrlich gesagt: Ich war anfangs ein bisschen enttäuscht – nicht von der Geschichte, sondern davon, dass ich sie nicht als Print bekommen hatte. Aber schon nach den ersten Minuten des Hörbuchs war dieser Gedanke komplett vergessen. Stattdessen saß ich da und merkte, wie mich diese Erzählung viel tiefer berührte, als ich es je erwartet hätte. Was auf den ersten Blick wie eine charmante Idee aus der Welt des Smart Homes wirkt, entpuppt sich als eine stille, überraschend emotionale Reise. Im Zentrum steht Scout, ein kleiner Staubsaugerroboter, der Tag für Tag durch die Wohnung seiner menschlichen Familie fährt, ihre Gespräche aufschnappt, ihre Stimmungen beobachtet und versucht, all das zu verstehen. Und genau diese Perspektive – dieses neugierige, fast kindliche Staunen über die Menschen – entfaltet im Hörbuch eine ganz besondere Kraft.

Die Sprecherin trägt einen enormen Teil dazu bei. Ihre Stimme ist warm, ruhig und gleichzeitig so aufmerksam, dass man das Gefühl hat, sie würde jeden Gedanken von Scout mit echter Zärtlichkeit betrachten. Sie schafft es, die leisen Momente wirklich leise zu machen – nicht langweilig, sondern bedeutungsvoll. Und wenn Scout versucht, die Gefühle seiner Menschen zu entschlüsseln, dann schwingt in ihrer Stimme genau diese Mischung aus Unschuld, Sehnsucht und vorsichtiger Hoffnung mit, die die Geschichte so besonders macht.

Je länger man zuhört, desto mehr merkt man, dass es hier nicht einfach um ein Haushaltsgerät geht, das durch die Wohnung rollt. Es geht um Einsamkeit, um Nähe, um das Bedürfnis, gesehen zu werden – und um die Frage, was es eigentlich bedeutet, Teil einer Familie zu sein.

Das Hörbuch ist weder laut noch actionreich, auch nicht darauf aus, ständig zu überraschen. Es ist eher wie ein stiller Abend, an dem man plötzlich merkt, dass man über Dinge nachdenkt, die man sonst im Alltag überhört. Und genau das macht es so eindringlich.

Wenn man Geschichten wie Wall‑E oder Her liebt – also Erzählungen, die Technik nicht nur als Werkzeug, sondern als Spiegel menschlicher Gefühle begreifen – dann fühlt man sich hier sofort zuhause. Es ist diese Mischung aus Melancholie, Wärme und leiser Hoffnung, die lange nachklingt, selbst wenn das Hörbuch schon längst vorbei ist. Ein ruhiges, tief berührendes Erlebnis, das einen auf jeden Fall mit einem ganz neuen Blick auf die kleinen Dinge im Alltag zurücklässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere