Kind aller Länder
Kind aller LänderAus der Perspektive der zehnjährigen Kully erfahren wir von ihren Lebensumständen und lernen ihren Charakter, aber auch den ihrer Eltern, kennen. Kully ist ein „Kind aller Länder“, denn aufgrund von Geldnöten ...
Aus der Perspektive der zehnjährigen Kully erfahren wir von ihren Lebensumständen und lernen ihren Charakter, aber auch den ihrer Eltern, kennen. Kully ist ein „Kind aller Länder“, denn aufgrund von Geldnöten und anderen fragwürdigen Umständen, die sie ihrem verschwenderischen und verantwortungslosen Vater zu verdanken hat, muss sie von einem Land zum nächsten reisen oder eher gesagt flüchten. Von Prag geht es über Paris nach Amsterdam und nach New York. Übernachtet wird über längere Zeiträume in schicken Hotels, die sich die Familie allerdings gar nicht leisten kann. Der Vater steckt Tochter und Ehefrau in diese edlen Hotels ohne ihnen auch nur ein wenig Geld dazulassen. Er redet sich heraus und verschwindet gerne tage- und wochenlang. Er bereist Europa, um sich hier und da Geld zu leihen, damit alle Rechnungen bezahlt werden können, doch dieses Geld reicht vorn und hinten nicht aus. Zumal er das meiste Geld in Restaurants oder Bars lässt und sich von Kaviar und Champagner ernährt, während Frau und Tochter meist nur eine Mahlzeit am Tag zu sich nehmen. Der Vater ist ein arroganter Stiesel, der von sich zu unrecht überzeugt ist und seiner kleinen Familie kein zu Hause bieten kann. Rastlos reisen die Drei umher und die kleine Kully scheint gar nicht zu merken was sie in ihrer Kindheit verpasst, denn sie kennt es ja nicht anders. Unterrichtet wird sie von ihrer Mutter, deren Bildungsstand eher dürftig und die sehr einfach gestrickt ist und Kontakt zu Gleichaltrigen hat sie kaum. Sie vertraut auf den Vater, der als mickriger Schriftsteller sein Glück immer wieder versucht und doch zum Scheitern verurteilt ist. Doch durch die kindliche Perspektive erscheint alles gar nicht so schlimm. Kully weiß sich zu beschäftigen, lässt ihre Phantasie spielen, ist neugierig, stellt Fragen und findet neue Umgebungen immer wieder interessant und spannend. Sie lässt sich nicht beirren oder negativ beeinflussen. Mir hingehen tat sie einfach nur leid, denn man wünscht einem Kind nichts mehr als eine funktionierende Familie, liebevolle Eltern, Bildung und ein festes Dach über dem Kopf.
Kully ist ein sehr sympathisches kleines Mädchen, welches ich gleich ins Herz geschlossen habe, während mich ihr Vater mit seinem Verhalten einfach nur aufgeregt hat. Irmgard Keun beleuchtet in ihre Buch beide Seiten und die stark unterschiedlichen Charaktere sind auch gut beschrieben. Sie schafft eine kindlich verspielte, aber auch, aus Sicht der Eltern, verstörte und hoffnungslose Atmosphäre. Der Schreibstil ist recht einfach, teils amüsant und doch aussagekräftig.