Freiheit gesucht, Grenzen gefunden
Das Herz von allemMit beeindruckender Wucht schleudert „Das Herz von allem“ von Christoph Nußbaumeder mich zurück ins Jahr 1796 – genau dorthin, wo mein innerer Wildwest-Cowboy leise „Yeehaw“ ruft. Der ehemalige deutsche ...
Mit beeindruckender Wucht schleudert „Das Herz von allem“ von Christoph Nußbaumeder mich zurück ins Jahr 1796 – genau dorthin, wo mein innerer Wildwest-Cowboy leise „Yeehaw“ ruft. Der ehemalige deutsche Pfarrer Johannes Gottstein flieht nach New York, weil seine Gedanken zu frei, sein Geist zu unruhig war – und in der neuen Welt wird er Teil einer Expedition, die einem sagenhaften Tier nachjagt: dem „American Incognitum“.
Ich sage gleich: Dieser Roman hat mich mitgerissen. Vom ersten Kapitel an spürt man das Krachen der Ketten der Exkommunikation, das Knirschen kalter Eisstürme und das Pochen in der Brust, wenn die Gruppe durchs unbekannte Land trottet. Nußbaumeder lässt uns nicht nur eine abenteuerliche Reise miterleben, sondern öffnet große Fragen: Wem gehört die Welt? Was darf der Mensch mit ihr tun?
Die Dialoge zittern vor Leben, die Landschaften sind nicht bloße Kulisse, sondern Charaktere – und ja: Es gibt Klischees vom Wilden Westen, aber der Autor taucht tiefer: in Moral, Glauben, Macht – und in die Seele. Besonders der Konflikt zwischen John, dem Idealisten, und Hancock, dem reichen Herren, der Menschen besitzt – ein Kontrapunkt, der lange nachklingt.
Warum nicht die vollen 5 Sterne? Ab und an wird das Philosophieren etwas überdeutlich, da verliert die Geschichte für einen Moment Geschwindigkeit zugunsten von Reflexion. Und gegen Ende hätte ich mir eine stärkere emotionale Kurve bei einigen Nebenfiguren gewünscht – sie bleiben zuweilen Statisten im großen Gedankenraum. Dennoch: Die 4,0 Sterne kriegt der Roman zu Recht – ein mutiger, packender Abenteuer-Historienstoff, der unter die Haut geht.
Wer Lust auf Kopfkinos hat, die nach Mammutstoßzähnen riechen, auf Freiheitsträume und moralische Eruptionen – der ist hier goldrichtig. Ich hab ihn genossen und empfehle klar: Auf in den Westen mit diesem Buch!