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Veröffentlicht am 21.07.2021

Ein stiller Roman

Auszeit
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Schon seit einer ganzen Weile schreibt Henriette an ihrer Dissertation, oder besser: sie sollte daran schreiben. Denn sie komm nicht wirklich voran, ihre Arbeit scheint ihr abwechselnd faszinierend und ...

Schon seit einer ganzen Weile schreibt Henriette an ihrer Dissertation, oder besser: sie sollte daran schreiben. Denn sie komm nicht wirklich voran, ihre Arbeit scheint ihr abwechselnd faszinierend und völlig belanglos, es findet sich einfach kein roter Faden, dem sie folgen kann. Dann wird sie schwanger, und obwohl sie anfangs große Gefühle hegt für dieses Kind in ihr und sich sehnlich eine Tochter wünscht, treibt sie das Baby ab. Später reist sie mit einer Freundin in eine abgelegene kleine Hütte, um dort wieder zu Atem zu kommen.

Letzteres, der Aufenthalt in der Hütte, ist der Ausgangspunkt der Geschichte; von dort aus eröffnet der Roman dem Leser nach und nach Einblicke in die Vergangenheit, das Puzzle setzt sich langsam zusammen. Viel Handlung gibt es nicht, es ist mehr die Atmosphäre, welche die Autorin kreiert hat, die den Roman auszeichnet. Die Stagnation in Henriettes Leben, ihre Depression, all das spiegelt sich in der Sprache und der Erzählweise wider und wird auf diese Weise nachempfindbar gemacht. Ich konnte mich auch tatsächlich sehr gut hineinfühlen in die Geschichte, das Buch aufzuschlagen war jedes Mal, als senke sich eine dichte Wolke auf einen herab. Alles wirkt merkwürdig gedämpft, fast wie durch Watte hindurch und in Zeitlupe, oder so als sei man noch halb im Schlaf. So wurden die Gefühle und Gedanken der Protagonistin sehr gut transportiert.

Während Henriette in der sie plötzlich umgebenden Ruhe der Hütte versucht, ihrer Depression zu entkommen, sich endlich darüber klar zu werden, was sie möchte, welcher Weg der richtige für sie ist, liest man parallel dazu davon, wie es zu dieser Situation kam, zu ihrer Schwangerschaft, über die sie sich erst freute und die sie am Ende verzweifeln ließ.

Am Ende hat mir dann doch noch das entscheidende Fünkchen gefehlt, davon abgesehen habe ich die Stille des Romans aber sehr genossen.

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Veröffentlicht am 15.07.2021

Wem's gefällt...

Partem. Wie die Liebe so kalt
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Immer, wenn Xenia jemanden berührt, vernimmt sie dabei ein Geräusch. Das ist von Person zu Person individuell verschieden, es kann Löwengebrüll sein, tröpfelndes Wasser, zersplitterndes Glas. Das einzige, ...

Immer, wenn Xenia jemanden berührt, vernimmt sie dabei ein Geräusch. Das ist von Person zu Person individuell verschieden, es kann Löwengebrüll sein, tröpfelndes Wasser, zersplitterndes Glas. Das einzige, was immer gleich bleibt, ist die Unausweichlichkeit der Wahrnehmung. Zumindest, bis Xenia versehentlich Jael berührt und - nichts hört. Absolute Stille. Jael wiederum verspürt etwas ähnllich Irritierendes bei der Berührung von Xenia, denn von ihr scheint eine ganz besondere Macht auszugehen. Eigentlich ist es Jaels Aufgabe, Menschen die Liebe zu entziehen, doch Xenia scheint zu einer seltenen Gruppe Mensch zu gehören, bei der das nicht so einfach ist...

Ich halte mich kurz, um es hinter mich zu bringen: Das war wirklich gar nicht mein Fall. Die Protagonisten sind unfassbar unsympathisch, allen voran natürlich Jael, auch wenn ich mich in Xenia ebenfalls null hineinversetzen konnte (geschweige denn in die anderen Protagonisten, die für mich irgendwie eher Nebenfiguren blieben). Jael ist der Typ Mensch, der außer Arroganz und gutem Aussehen keine wesentlichen Charaktereigenschaften und Merkmale zu besitzen scheint. Und Xenia verfällt dem natürlich sofort, was es auch nicht besser macht. Die restlichen Figuren sind ebenso flach und unsympathisch.

Zur Geschichte selbst lässt sich erstmal sagen, dass sie nicht unbedingt viel Neues enthält - das brave, unschuldige Mädchen, das von seinen wahren Fähigkeiten nichts ahnt, verknallt sich in den arrogantesten Typen den es finden kann. Obwohl er das eigentlich nicht sollte, steht er natürlich auch total auf sie, und den Rest kann man sich denken. Ich fand die Entwicklungen im Buch in jeder Hinsicht sehr vorhersehbar und habe mich deshalb schnell gelangweilt, auch weil man über weite Teile nur weiß, dass es da irgendeine geheime Hintergrundorganisation gibt, zu der man aber kaum Infos erhält, obwohl die Hälfte der Figuren ihr angehört.

Mich hat das Buch einfach gar nicht packen können, es ist alles schon tausendmal dagewesenund die Umsetzung war jetzt auch nicht so der Hammer. Von daher nur ein Stern.

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Veröffentlicht am 12.07.2021

Ein schönes, wichtiges Jugendbuch mit Schwächen

Kate in Waiting
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Kate und Anderson sind seit Ewigkeiten die allerbesten Freunde. Und da Andy schwul ist, können sie sich sogar miteinander über Jungs unterhalten und gemeinsam für sie schwärmen. Denn, wenn man ehrlich ...

Kate und Anderson sind seit Ewigkeiten die allerbesten Freunde. Und da Andy schwul ist, können sie sich sogar miteinander über Jungs unterhalten und gemeinsam für sie schwärmen. Denn, wenn man ehrlich ist: bisher ist bei keinem der beiden jemals eine Beziehung zustande gekommen, kein Problem also. Dann ändert sich jedoch plötzlich alles, als sie in den Ferien in ein Camp fahren, in dem sie ihrem gemeinsamen großen Hobby, den Musicals, nachgehen. Denn natürlich lernen sie im Camp Matt kennen, der nicht nur großartig aussieht und toll schauspielert, sondern auch noch wirklich nett ist. Und als wäre es Schicksal, taucht ausgerechnet Matt nach den Sommerferien als neuer Schüler an ihrer High School auf und Kate und Anderson treffen ihn beinahe täglich bei den Musical-Proben...

Insgesamt mochte ich das Buch. Es ist unterhaltsam geschrieben und spricht, wie auch schon "Love, Simon", ein wichtiges Thema an: Homosexualität und Coming-Out Jugendicher. Diesbezüglich hat mir die Umsetzung auch gut gefallen.

Etwas gefehlt hat mir dagegen die Ausarbeitung der Nebencharaktere. Kate und auch Andy lernt man gut kennen, aber beispielsweise über ihre Freundinnen Brandie und Reina erfährt man kaum etwas, auch wenn die vier recht viel Zeit miteinander verbringen. Die restlichen Nebenfiguren bleiben ebenso blass. Dazu kommt, das das ganze Buch ein bisschen überdreht auf mich gewirkt hat, mir war es etwas zu "hyperaktiv", etwas zu viel typisches High-School-Klischee und dafür zu wenig ernsthaft. Von daher denke ich, dass es sich eher für jüngere Leser eignet.

Leider fand ich es auch ab einem bestimmten (recht frühen) Punkt sehr vorhersehbar, wie die Gschichte ausgeht; sowas ist immer ein bisschen schade, weil die Spannung dann weniger im WAS sondern mehr im WANN besteht und dann natürlich auch nicht mehr ganz so groß ist.

Abgesehen von diesen Kritikpunkten habe ich "Kate in Waiting" aber gerne gelesen, wenn es für mich auch nicht an "Love, Simon" heranreicht. Das Gefühl von Freundschaft, die Probleme eines gemeinsamen Schwarms, die Angst, dabei den besten Freund zu verletzen - all das wird gut transportiert.

Ich finde es wichtig, dass Themen wie Coming-Out und sexuelle Orientierung so auch Jüngeren zugänglich gemacht werden. Das, und auch das Verständnis dafür, sollte heutzutage ganz normal sein, ist es aber leider irgendwie immer noch nicht. Vielleicht kann dieses Buch ja ein kleines bisschen dazu beitragen?

Veröffentlicht am 11.07.2021

Ein Hof im Wandel der Zeit

Wildtriebe
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Lisbeth ist eine echte Bethches. So heißen seit jeher die Frauen des Bethches-Hof, den es schon seit vielen Generationen gibt und der stets einer der angesehensten Höfe der Gegend war. Lisbeth hat den ...

Lisbeth ist eine echte Bethches. So heißen seit jeher die Frauen des Bethches-Hof, den es schon seit vielen Generationen gibt und der stets einer der angesehensten Höfe der Gegend war. Lisbeth hat den Hof schon früh übernehmen müssen und weiß daher, wie man anpackt, dreht sich doch ihr ganzes Leben um die Leitung des Hofes. Alles, was sie tut, tut sie genau so, wie sie es von ihrer Mutter und den anderen Frauen gelernt hat, und diese wiederum haben all das alte Wissen von ihren Müttern geerbt. So werden über Generationen und über die Jahre hinweg Traditionen bewahrt, bis Lisbeth im Alter eines Tages feststellen muss - irgendwie ist heute nichts mehr so, wie es früher mal war. Auf dem Hof gibt es längst nur noch einige wenige Tiere, auf dem Feld kommt statt dem von Pferd und Ochse gezogenen Pflug der Traktor zum Einsatz, und überhaupt steht die traditionelle Lebensweise ebenso auf wackligen Beinen wie die eigentlich doch gut funktionierende Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau. Das merkt Lisbeth vor allem, als ihr Sohn mit Marlies eine Frau heiratet, die sich in ihren Augen so gar nicht in ebendiese ihr zugeschriebene Rolle einzufügen vermag.

Marlies hingegen leidet unter Lisbeth, die sie mit ihren Blicken immer zu verurteilen scheint, der sie es auch nach Jahren noch nicht recht machen kann, obwohl sie sich so viel Mühe gibt. Was kann sie denn dafür, dass sie ihrem Job in der Stadt hinterhertrauert, dass sie ihre Erfüllung einfach nicht im Kinderkriegen und Haushalt-Schmeißen sieht?

So treffen zwei Frauen aufeinander, grundverschieden, mit ihren ganz persönlichen, individuellen Sorgen, die doch zugleich ganz beispielhaft den typischen Konflikt zwischen Jung und Alt, zwischen Tradition und Wandel illustrieren.


Anfangs hat mir das Buch tatsächlich sehr gut gefallen, ich konnte mir den Hof problemlos vorstellen und habe mich auch sowohl Lisbeth als auch Marlies schnell verbunden gefühlt. Ute Mank gelingt es, sich nicht auf die eine oder andere Seite zu schlagen und dabei die jeweils andere als Ursache allen Übels darzustellen. Stattdessen werden die Standpunkte beider Frauen gut dargestellt: der von Marlies, die mit den festgefahrenen, teils rückständigen Ansichten Lisbeths zu kämpfen hat, und der Lisbeths, welche wiederum nicht verstehen kann, weshalb plötzlich ihre ganze Welt kopfsteht und Dinge, die sie schon so kennt seit sie denken kann, sich auf einmal ändern sollten.

Die Atmosphäre empfand ich als sehr gut eingefangen und den Alltag auf dem Hof mit allen anfallenden Aufgaben im Haus eindrücklich und sehr detailliert beschrieben.

Mit der Zeit hat mir die Handlung dann jedoch einfach zu sehr stagniert. Ich brauche in einem Buch nicht unbedingt große Action, es gibt auch viele sehr gute Bücher, in denen de facto kaum etwas passiert. Aber dieses hier tritt mir dann leider über weite Strecken doch etwas zu sehr auf der Stelle. Irgendwann hat man als Leser einfach begriffen, dass die Situation zwischen Marlies und Lisbeth angespannt ist, und auch, woran das liegt.

Was mich außerdem gestört hat, sind die vielen Ellipsen. An und für sich mochte ich den Schreibstil wirklich sehr, und mal hier und da ein ausgelassenes Wort wäre ja auch gar kein Problem. Aber irgendwie ist in "Wildtriebe" der Anteil an Sätzen ohne Verb überdurchschnittlich hoch. Nicht auf jeder Seite natürlich, vermutlich nicht mal auf jeder sechsten oder siebten, aber doch so, dass es auffällt. Meistens lässt sich ganz gut erschließen welches Verb da hingehört, aber - warum schreibt man es dann nicht einfach? Das ist mir unverständlich und hat mich mit der Zeit leider auch etwas genervt.


Insgesamt hat mir der Roman dennoch gut gefallen, einfach weil ich die Umsetzung so gelungen fand. Man wird nicht von vorneherein dazu gedrängt, sich auf die Seite von Lisbeth oder Marlies, Alt der Jung, Tradition oder Fortschritt zu stellen, sondern lernt die positiven und negativen Aspekte beider Sichtweisen kennen. Trotz einiger Längen habe ich das Lesen genießen können.

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Veröffentlicht am 22.06.2021

Ein ehrlicher Reisebericht

Happy Road
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Sarah, Pressereferentin im Bundestag, und Mathias, österreichischer Skilehrer, kennen sich eigentlich erst seit kurzem - und doch wagen sie sich gemeinsam an ein großes Abenteuer, das sie weit öfter als ...

Sarah, Pressereferentin im Bundestag, und Mathias, österreichischer Skilehrer, kennen sich eigentlich erst seit kurzem - und doch wagen sie sich gemeinsam an ein großes Abenteuer, das sie weit öfter als einmal auf die Probe stellen und an ihre Grenze bringen wird. In einem ausgebauten Campervan wollen sie quer durch Europa reisen, monatelang, nur mit dem Nötigsten ausgestattet.

Dabei fahren sie durch die osteuropäischen Länder über den Balkan nach Skandinavien bis ganz hinauf zum Nordkap. Wechselnde klimatische Bedingungen, ein etwas knapp kalkulierter Wassertank und die alltägliche Stellplatzsuche sind dabei wohl mit die größten Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben. Doch neben skurrilen Begegnungen und den wunderschönen Aussichten, mit denen sie belohnt werden, bringt das Leben auf drei Quadratmetern vor allem auch eines mit sich: Man lernt den Reisepartner auf jeden Fall gut kennen, gibt es doch kaum eine Möglichkeit, sich an schwierigen Tagen mal aus dem Weg zu gehen.

Von der Aufmachung her hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es enthält eine Karte mit der groben Reiseroute, die Kapitel haben mit etwa 10 Seiten Länge einen angenehmen Umfang und beginnen jeweils mit einem großen Foto und einem Zitat. Der Schreibstil ist unterhaltsam und oft humorvoll, gleichzeitig wird aber auch ein Einblick in Szenen gegeben, die in vergleichbaren Reiseberichten oft ausgelassen werden oder zumindest doch sehr kurz kommen: Was macht man, wenn weit und breit keine Toilette auffindbar ist? Wenn man seit Ewigkeiten durch die Pampa fährt und nirgendwo die dringend notwendige Gelegenheit zum Trinkwasserauffüllen findet? Wenn es mal dicke Luft gibt oder jemand krank wird, sodass die Weiterreise auf dem Spiel steht?

Auch die Reiseruote an sich hat mich sehr angesprochen, wenn sie auch, wie sich im Laufe des Buches herausstellt, einige Schwierigkeiten mit sich bringt. Einziger Kritikpunkt: Ein paar Bilder mehr hätten es für meinen Geschmack sein dürfen, denn die Gegend, durch die gereist wird, ist ja mit das Spannendste an solchen Berichten.

Ansonsten habe ich das Lesen aber sehr genossen!