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Veröffentlicht am 23.01.2022

"Nichts" zu tun ist nicht immer die beste Entscheidung

Zusammenkunft
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Manchmal will man ein Buch mögen, kann sich aber einfach nicht damit anfreunden. So ging es mir bei "Zusammenkunft".

Im Zentrum des Romans stehen eine junge Frau und Themen wie Rassismus und Sexismus. ...

Manchmal will man ein Buch mögen, kann sich aber einfach nicht damit anfreunden. So ging es mir bei "Zusammenkunft".

Im Zentrum des Romans stehen eine junge Frau und Themen wie Rassismus und Sexismus. Wir begleiten die namenlose, afro-britische Protagonistin, die im Londoner Finanzsektor arbeitet und mit aller Kraft nach oben strebt. Die Handlung beschränkt sich auf einen Ausschnitt von etwa 24 Stunden, in denen sie sich auf die Gartenparty der Eltern ihres (reichen, weißen) Freundes vorbereitet und die ersten paar Stunden dort verbringt.
Das ist selbst für ein solch kurzes Buch sehr wenig Handlung, und so liegt der Fokus mehr auf ihrer Wahrnehmung der britischen Klassengesellschaft, von der sie ihrer Herkunft wegen noch immer ausgegrenzt wird.

Das klingt so weit alles ganz spannend, für mich hat dieses Buch aber leider einfach nicht funktioniert. Das liegt insbesondere an der Tatsache, dass die Protagonistin im Laufe der Geschichte immer wieder darauf hinweist, was sich alles ändern muss, immer wieder anspricht, dass sie so viel mehr Möglichkeiten hat als all ihre Vorfahren - dann am Ende des Buches aber kurz und knapp gesagt einfach gar nichts tut. Sie leidet, sie klagt an. Aber die Möglichkeit, zu kämpfen und etwas zu ändern (und die Möglichkeit hat sie mit ihrer Position in meinen Augen durchaus), ergreift sie nicht. Stattdessen lässt sie sich am Ende kleinhalten, versteckt sich (wortwörtlich und metaphorisch) auf einer Party voller Weißer in einer abgelegenen Ecke und wartet einfach ab. Sie selbst sagt mehrmals, dass "Nichts" auch eine Entscheidung ist, und ja, vielelicht ist es das, aber eine besonders gute ist es dann nicht. Sie sagt, dass sie all die Chancen nutzen nöchte, die ihre Vorfahren nicht hatten, entscheidet sich dann aber bewusst gegen den Versuch, etwas zu verändern, und zieht sich unauffällig aus der Affäre.

Und das ist es, was mich so sehr an diesem kurzen Roman gestört hat. Er ist zweifellos gut geschrieben. Ich habe kein Proble mit der Handlungsarmut. Ich mag den Aufbau und finde die zentralen Themen spannend und wichtig. Aber der mangelnde Handlungswille der Protagonistin bleibt mir unverständlich.

Veröffentlicht am 05.12.2021

Ganz ok

Regenglanz
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Simon und Alissa begegnen sich in einem Tattoo-Studio. Er möchte das peinliche Tattoo, dass er sich einst für seine Ex hat stechen lassen, unter einem neuen verschwinden lassen, sie studiert an der Kunsthochschule ...

Simon und Alissa begegnen sich in einem Tattoo-Studio. Er möchte das peinliche Tattoo, dass er sich einst für seine Ex hat stechen lassen, unter einem neuen verschwinden lassen, sie studiert an der Kunsthochschule und arbeitet dort. Obwohl Alissa sich fest vorgenommen hat, sich niemals in einen Kunden zu verlieben, muss sie sich schon bald eingestehen, etwas für Simon zu empfinden - und ihm geht es ähnlich.

Normalerweise habe ich in solchen Romanen eher ein Problem mit dem Typen als mit der Frau - hier war es andersherum. Simon ist insgesamt wirklich ein guter Kerl. Alissa dagegen hat mich nach einer Weile sehr angestrengt, weil sie sich von allen (und von ihrer kleinen Schwester im Besonderen) herumschubsen lässt und nie etwas dagegen tut. Dabei kann sie nichts für das, was geschehen ist, und ihre Schwester und ihr Vater verhalten sich wirklich unmöglich ihr gegenüber. Doch statt das klarzustellen, versucht sie weiter, die Liebe der beiden zurückzugewinnen.

Von diesem einen Punkt abgesehen ist "Regenglanz" nicht viel anders als die meisten anderen Bücher des Genres auch. Es lässt sich gut und zügig lesen und bietet nette Unterhaltung für zwischendurch, aber die Protagonistin war mir letzendlich doch zu schwach und den entscheidenen Plottwist fand ich mehr als unglaubwürdig.

Veröffentlicht am 05.12.2021

Mit einigen Schwächen, aber unterhaltsam

Barbara stirbt nicht
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Herr Schmidt ist es gewohnt, von seiner Frau Barbara umsorgt zu werden. Als diese dann plötzlich erkrankt und er den Haushalt selbst übernehmen muss, stellen sich Überforderung und Verdruss ein: Wie genau ...

Herr Schmidt ist es gewohnt, von seiner Frau Barbara umsorgt zu werden. Als diese dann plötzlich erkrankt und er den Haushalt selbst übernehmen muss, stellen sich Überforderung und Verdruss ein: Wie genau macht man eigentlich Kaffee? Und wie funktioniert das mit dem Kochen?

Schon bald entdeckt Walter Schmidt in den Untiefen des Internets ein Forum, in dem sich regelmäßig Menschen über Rezepte austauschen, und macht so das Kochen und Backen zu seiner neuen Passion. Mit seiner griesgrämigen Art braucht es jedoch ein wenig, bis er sich unter den anderen Menschen zurechtfindet.

"Barbara stirbt nicht" punktet nicht gerade mit sympathischen Protagonisten. Herr Schmidt macht sich bei Mitmenschen und Leser/innen meist eher unbeliebt. Und doch schließt man ihn auf eine ganz merkwürdige Art ins Herz, weil er einem eigentlich nur leidtun kann, dieser ältere Herr, der keine Ahnung vom Leben hat und der trotz aller Beschwerden doch versucht, für seine Frau zu sorgen.

Insgesamt hat mir am Ende aber etwas gefehlt - ein bisschen mehr Wärme in der Handlung, ein wenig mehr logisches Denken und Handeln der Figuren, ein etwas klärenderes Ende. Dennoch ist "Barbara stirbt nicht" eine schöne Geschichte übers Leben, die (fast muss man sagen: leidder) mehr oder weniger genauso auch in der Realität geschehen könnte.

Veröffentlicht am 30.11.2021

Eine gemütliche Herbstlektüre mit Spannung

Im letzten Licht des Herbstes
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In der kleinen Stadt Solace verschwindet ein Mädchen spurlos. Ihre kleine Schwester Clara sucht Ablenkung darin, sich um den Kater der älteren Nachbarin Mrs. Orchard zu kümmern, die plötzlich ins Krankenhaus ...

In der kleinen Stadt Solace verschwindet ein Mädchen spurlos. Ihre kleine Schwester Clara sucht Ablenkung darin, sich um den Kater der älteren Nachbarin Mrs. Orchard zu kümmern, die plötzlich ins Krankenhaus muss. Doch dann taucht plötzlich ein Mann auf, der sich das Haus zu eigen macht und beginnt, Mrs. Orchards Sachen in Kartons zu packen. Clara ist entsetzt - ist der Mann ein Dieb?
In einem parallelen Handlungsstrang, der aus Sicht des fremden Mannes geschrieben ist, erfährt man jedoch, dass er sich keinesfalls unerlaubt im Haus aufhält. Denn was Clara noch nicht weiß, ist, dass die alte Dame im Krankenhaus verstorben ist und ihm das Haus vermacht hat. Doch warum sollte ausgerechnet Liam ihren gesamten Besitz bekommen, wo er doch seit gut 30 Jahren keinen Kontakt mehr zu Mrs. Orchard hatte? Das wird nach und nach in einem dritten Handlungsstrang aus Mrs. Orchards Sicht erklärt.

Obwohl ich recht früh einen Verdacht hatte wie sich am Ende alles auflöst und sich dieser dann auch bewahrheitet hat, hat das der Spannung keinen Abbruch getan. Stattdessen habe ich mit den Figuren mitgefiebert, dass sich meine Befürchtungen nicht bewahrheiten, weil ich einfach nicht wollte, dass ihnen das zustößt. Am Ende war es dann aber doch gut so, weil mir die Figuren zwar leidgetan haben, das Geschehene aber nachvollziehbar dargestellt wurde. Die drei Protagonisten waren mir alle sympathisch, wobei mir insbesondere Mrs. Orchard schnell ans Herz gewachsen ist.
Neben dem Blick in die Vergangenheit spielt natürlich auch die Suche nach Claras Schwester, die nach einem Streit mit der Mutter weggelaufen und nun schon seit Wochen nicht mehr zurückgekommen ist, eine zentrale Rolle. Die lähmende Angst, die die siebenjährige Clara nach und nach packt, ist sehr gut dargestellt.

"Im letzten Licht des Herbstes" ist ein Buch, mit dem man es sich zu vielen schönen, nachmittäglichen Lesestunden gemütlich machen kann - gerade zur aktuellen Jahreszeit. Ich habe das Buch sehr gemocht und war am Ende, obwohl schon alles aufgeklärt war, etwas wehmütig, die Protagonisten und ihr keines Städtchen in dem jeder jeden kennt schon wieder verlassen zu müssen.

Veröffentlicht am 29.11.2021

Schön, aber ein bisschen zu "glatt"

Das geheime Leben des Albert Entwistle
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Albert steht kurz vor der Rente. Sein ganzes Leben lang hat er bei der Post gearbeitet und Briefe zugestellt, und doch ist er ein sehr in sich gekehrter Mensch. Bis seine Katze stirbt und ihm nun plötzlich ...

Albert steht kurz vor der Rente. Sein ganzes Leben lang hat er bei der Post gearbeitet und Briefe zugestellt, und doch ist er ein sehr in sich gekehrter Mensch. Bis seine Katze stirbt und ihm nun plötzlich klar wird: Er möchte nicht den lieben langen Tag alleine zuhause verbringen, und das für den Rest seines Lebens. Doch Albert hat nie geheiratet, wirkliche Freunde hat er nicht und auch auf der Arbeit ist er meist eher für sich geblieben. Als ihm bewusst wird, wie einsam er ist, beschließt Albert, das zu ändern. Und das nicht nur, indem er sich an den Unterhaltungen seiner Arbeitskollegen beteiligt, sondern vor allem auch, indem er sich auf die Suche nach seiner Jugendliebe macht - George.

Im Zentrum des Romans steht das Coming-Out eines Mannes, der in seiner Jugend bestraft wurde für die Liebe zu einem Mann, und der sich deshalb immer weiter vor der Welt, aber auch vor seinen eigenen Gefühlen verschlossen hat. Aus Angst musste Albert sich sein Leben lang versteckt halten und so fällt es ihm nun schwer, alte und festgefahrene Strukturen zu durchbrechen. Doch Albert ist ein stärkerer Charakter, als er selbst vielleicht weiß, und so macht er im Laufe des Romans eine wirklich schöne Entwicklung durch.

Was mir ein bisschen gefehlt hat sind die Hindernisse auf der Suche Alberts. Rückblickend werden immer wieder Szenen aus seiner Jugend und der gemeinsamen Zeit mit George eingeschoben, in denen sehr gut spürbar wird, wie verzweifelt und hilflos die beiden jungen Männer ob des irrationalen Hasses anderer Menschen waren. Eine ähnlich ausgearbeitete Darstellung hätte ich mir auch für den Gegenwarts-Handlungsstrang gewünscht, stattdessen läuft hier alles recht glatt ab.

Davon abgesehen bietet der Roman aber gute Unterhaltung und setzt ein wichtiges Thema schön um!