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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.04.2025

Aufrüttelnd

Marschlande
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“Marschlande” erzählt die Geschichte zweier Frauen, die mit den Ungerechtigkeiten des Patriarchats zu kämpfen haben: Britta, im 21. Jahrhundert, kümmert sich um ihre Kinder, ihren Ehemann und das Haus, ...

“Marschlande” erzählt die Geschichte zweier Frauen, die mit den Ungerechtigkeiten des Patriarchats zu kämpfen haben: Britta, im 21. Jahrhundert, kümmert sich um ihre Kinder, ihren Ehemann und das Haus, für ihre eigenen Bedürfnisse fehlt aber die Zeit. Außerdem findet sie keinen Anschluss und hat kaum soziale Kontakte.
Und Abelke, im 16. Jahrhundert, Besitzerin eines großen Hofes, die erst enteignet und dann der Hexerei bezichtigt und hingerichtet wird. Dieser Blickwinkel zeigt, wie viele Ungerechtigkeiten Frauen damals schon durch Männer erlebt haben, wie absurd Hexenprozesse waren und was diese nach sich gezogen haben.
Jarka Kubsova deckt nach und nach mehr von den beiden Frauen auf und obwohl Abelkes Probleme natürlich viel existenzieller sind, haben die beiden viele Gemeinsamkeiten.

Schon nach dem Prolog konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Kubsova schreibt lebendig und einfühlsam über die beiden Protagonistinnen, sodass man Kapitel für Kapitel mehr mit den beiden mitfühlt.
Besonders die historischen Zusammenhänge sind aufrüttelnd und so spannend (unbedingt auch das Nachwort lesen): Denn die Hexenprozesse im 16. Jahrhundert sorgten für die Entsolidarisierung von Frauen untereinander und haben bis heute Folgen.
Abelke Bleken ist zudem eine tatsächliche historische Person, an deren Fakten die Autorin sich orientiert hat. Auch räumt sie mit der existierenden Sage auf, in der Bleken (oh Wunder) als die Böse dargestellt wird, obwohl ihr selbst das Unrecht zugefügt wurde.

“Marschlande” ist ein Roman, der wütend macht. Er zeigt aber auch feministische, wichtige historische Zusammenhänge auf und beweist, dass es mutige und rebellische Frauen schon immer gab, immer geben wird und dass sie viel bewirken können.
Es gibt so viel mehr, das nicht in meine Rezension gepasst hat, daher bleibt mir nur zu sagen: Lest unbedingt dieses Buch (und sprecht darüber)! ⭐️5/5⭐️

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Veröffentlicht am 04.04.2025

Eine Hymne an die Bäume

Die Wurzeln des Lebens
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“Auf ihren Fahrten erzählt er ihr von all den geheimnisvollen Wundern, die das Grün wirken kann. Menschen haben keineswegs überall das Kommando. Andere Geschöpfe - größer, langsamer, älter, langlebiger ...

“Auf ihren Fahrten erzählt er ihr von all den geheimnisvollen Wundern, die das Grün wirken kann. Menschen haben keineswegs überall das Kommando. Andere Geschöpfe - größer, langsamer, älter, langlebiger - geben den Ton an, machen das Wetter, nähren uns alle, ja, schaffen die Luft, die wir atmen.”

Richard Powers hat mit “Die Wurzeln des Lebens” eine Hymne an die Bäume geschrieben. Es ist ein gewaltiges Buch - nicht nur, was die Seitenzahl betrifft, sondern auch inhaltlich.
Die Grundlage der Handlung, die Wurzeln, bilden neun verschiedene Personen, die alle auf unterschiedlichste Weise mit einem Baum verbunden sind, der ihr Leben geprägt hat. Sie alle werden sich später radikalisieren, um sich gegen die Menschheit und für die Bäume einzusetzen.
Den ersten Teil, in dem man all diese Charaktere kennenlernt, fand ich unfassbar gut. Powers haucht ihnen allen Leben ein, so individuell und greifbar, dass sie einem wie reale Menschen vorkommen. Auch ihre späteren Beweggründe, ihr Weg hin zum Aktivismus, sind gut verständlich und nachvollziehbar dargestellt.
Wie man es schon aus anderen Romanen des Autors kennt, glänzt er auch hier wieder mit enormem Fachwissen und hat mich mit der umfassenden Recherchearbeit, die er geleistet haben muss, mehr als beeindruckt.
Ich gebe zu, das Lesen des Buches ist teilweise sehr unbequem. Man kann zwar die Gründe der Aktivistinnen verstehen, aber denkt dennoch insgeheim: Wir Menschen brauchen doch das Holz. Aber ist die Wahrheit nicht genauso unbequem? Ist der einzige Ausweg für die Natur nicht genau wie im Buch das Ende der Menschheit?
Dennoch hat mir die Darstellung der Gegenseite ein wenig gefehlt. Ein bisschen fühlte es sich an, als seien all diejenigen, die sich nicht aktiv für den Erhalt von Bäumen einsetzen, direkt böse Kapitalisten.

“Die Wurzeln des Lebens” ist also ein Buch, das auf literarisch hochwertige Weise aufzeigt, wie wichtig Bäume sind - die Lebewesen, die wir gerne mal übersehen und als selbstverständlich hinnehmen. Es ist zugleich politisch, philosophisch und etwas pathetisch. Trotz einiger Längen überzeugt es mit wahnsinnig vielen Informationen und authentischen Charakteren. Das Ende macht Angst und schöpft gleichzeitig Hoffnung. Man fühlt sich klein und unbedeutend, aber verglichen mit der Geschichte unserer Welt sind wir das ja auch. Trotz aller Unbequemlichkeiten habe ich es gern gelesen und es hat definitiv dazu angeregt, die Natur noch mehr wertzuschätzen und mit anderen Augen zu sehen. ⭐️4/5⭐️

Übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié

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Veröffentlicht am 02.04.2025

Zum Lachen und Weinen

Meine bessere Schwester
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“Meine bessere Schwester” ist ein raffiniertes Porträt einer britischen Familie, die auf den ersten Blick ganz normal, auf den zweiten hochgradig dysfunktional ist.
Rebecca Wait hat einen locker-leichten ...

“Meine bessere Schwester” ist ein raffiniertes Porträt einer britischen Familie, die auf den ersten Blick ganz normal, auf den zweiten hochgradig dysfunktional ist.
Rebecca Wait hat einen locker-leichten Erzählstil, sodass man nur so durch die Seiten fliegt und ein gelegentliches Schmunzeln nicht unterdrücken kann.
Während die Sprache zum Lachen anregt, bricht einem der Inhalt das Herz. Wait schreibt aus verschiedenen Perspektiven und wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sodass man ein intensives Bild von jedem Familienmitglied bekommt, welches zeigt, dass jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat.
Nicht nur die Zwillingsschwestern buhlen um die Aufmerksamkeit der toxischen Mutter, auch sie selbst stand als Kind im Schatten ihrer an Schizophrenie erkrankten Schwester und spürt die Folgen bis heute. Die verschiedenen Blickwinkel werden so einfühlsam und treffend gezeigt, dass das Lesen an manchen Stellen wehtut.
Während man in einem Kapitel sicher ist, den oder die Schuldigen für ein Problem gefunden zu haben, wird die Erkenntnis im nächsten Kapitel wieder zunichtegemacht und man fragt sich: Gibt es überhaupt einen Schuldigen?
Inwieweit sind psychische Krankheiten und Verhaltensweisen vererbbar? Sind sie ein Produkt der Gene oder der Umwelt? Und welche Rolle spielt die Erwartungshaltung der Eltern bei der eigenen Entwicklung?

Nachdem ich das Buch während der ersten beiden Drittel kaum aus der Hand legen konnte, fiel die Spannungskurve zum Schluss etwas ab. Dennoch habe ich die Entwicklung der Figuren gerne beobachtet und mochte auch das fast zu harmonische Happy End.

Insgesamt ist “Meine bessere Schwester” ein Roman, dessen tiefgehende, ernste Themen locker und ungezwungen komisch erzählt werden. Er beschäftigt sich mit einem komplexen Familienkonstrukt, bei dem jede Figur empathisch beleuchtet wird und Raum für eine große Bandbreite an Gefühlen geschaffen wird. ⭐️4/5⭐️

PS: Einen kleinen gedanklichen Punktabzug gibt's für den ungünstig gewählten deutschen Titel. Im Original lautet er “I'm sorry you feel that way” und trifft damit so gut den Kern der Geschichte.

*Übersetzt von Anna-Christin Kramer

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Veröffentlicht am 30.03.2025

Inhaltlich gut, schriftstellerisch eher weniger

Pearly Everlasting
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Tammy Armstrong hat mit “Pearly Everlasting” eine ganz besondere Freundschaft festgehalten. Schauplatz ist ein Holzfällercamp im Kanada der 1930er Jahre. Die Beschreibungen des harten, rauen Lebens im ...

Tammy Armstrong hat mit “Pearly Everlasting” eine ganz besondere Freundschaft festgehalten. Schauplatz ist ein Holzfällercamp im Kanada der 1930er Jahre. Die Beschreibungen des harten, rauen Lebens im Camp sowie die Stimmung unter den Bewohnerinnen wurde sehr lebhaft dargestellt und war für mich persönlich fast das Highlight des Buches. Später landet Pearly auf der Suche nach ihrem Bären in der Stadt und erst dann wird so richtig deutlich, wie fernab von jeglichem (technischen) Fortschritt die Waldarbeiter mit ihren Familien gelebt haben.
Den anschließenden Abenteuerpart der Handlung, also Pearlys Reise allein durch die Wälder, fand ich lediglich mittelmäßig. Er ist weder besonders spannend, noch stimmungsvoll und plätschert ein wenig vor sich hin.
Auch die Darstellung der Beziehung zwischen Pearly und ihrem “Bruder” Bruno ist für meinen Geschmack zu nüchtern. Obwohl mich Tiere in der Literatur sonst oft besonders berühren, wurde ich hier auf emotionaler Ebene nicht angesprochen. Dies gilt allerdings auch für zwischenmenschliche Beziehungen in diesem Roman.

Insgesamt bietet “Pearly Everlasting” zwar das Potential für einen spannenden Abenteuerroman, wirkt auf mich jedoch etwas leidenschaftslos niedergeschrieben. Er bietet interessante historische Einblicke, ging mir persönlich aber überhaupt nicht nahe. ⭐️3/5⭐️

Übersetzt von Peter Torberg

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Veröffentlicht am 26.03.2025

Berührende Lebensgeschichte

Ósmann
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In seinem neuesten Roman erweckt Joachim B. Schmidt den 1914 verstorbenen Fährmann Jón Magnússon Ósmann zurück zum Leben.
Er erzählt die Geschichte mit allen Facetten dieses außergewöhnlichen Mannes: Wirkt ...

In seinem neuesten Roman erweckt Joachim B. Schmidt den 1914 verstorbenen Fährmann Jón Magnússon Ósmann zurück zum Leben.
Er erzählt die Geschichte mit allen Facetten dieses außergewöhnlichen Mannes: Wirkt er mit seiner großen, kräftigen Statur auf den ersten Blick genauso rau wie das Klima, erwärmt er im Laufe des Buches immer mehr die Herzen seiner Mitmenschen - und die der Leserinnen. Denn er schreibt Gedichte, lädt jeden zu Trank und Speis in seine Hütte ein, weint vor lauter Liebe bei der Geburt seines Sohnes. Und so verfällt man ihm komplett, muss ihn einfach in sein Herz schließen.
Trotz der erzählerischen Freiheit gelingt es Schmidt also, ganz gezielt das einzufangen und darzustellen, was Ósmann ausgemacht hat. Was ihm außerdem gelingt: Seine Leserschaft nach Island zu versetzen. Er schreibt so bildgewaltig, dass man den Wind beinahe auf den Wangen, die Kälte in den Fingern und das eiskalte Wasser im Gesicht spüren kann. Man fühlt Ósmanns (und Schmidts) Verbundenheit zu seiner Heimat auf jeder einzelnen Seite.
Was zudem noch erwähnt werden muss, ist der spezielle Erzähler dieser Geschichte (der erst zum Schluss enthüllt wird). Dieser hat mich ganz und gar eingenommen, er passt perfekt in das Setting und rundet diese warmherzige Erzählung nur noch weiter ab.
Zu Schmidts Schreibstil muss ich wohl nicht mehr viel sagen; er schreibt gewohnt eloquent, treffsicher, haucht seinen Figuren Leben ein und trifft genau den richtigen Ton. Absolute Leseempfehlung. ⭐️4,5/5⭐️

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