Eine Hymne an die Bäume
“Auf ihren Fahrten erzählt er ihr von all den geheimnisvollen Wundern, die das Grün wirken kann. Menschen haben keineswegs überall das Kommando. Andere Geschöpfe - größer, langsamer, älter, langlebiger ...
“Auf ihren Fahrten erzählt er ihr von all den geheimnisvollen Wundern, die das Grün wirken kann. Menschen haben keineswegs überall das Kommando. Andere Geschöpfe - größer, langsamer, älter, langlebiger - geben den Ton an, machen das Wetter, nähren uns alle, ja, schaffen die Luft, die wir atmen.”
Richard Powers hat mit “Die Wurzeln des Lebens” eine Hymne an die Bäume geschrieben. Es ist ein gewaltiges Buch - nicht nur, was die Seitenzahl betrifft, sondern auch inhaltlich.
Die Grundlage der Handlung, die Wurzeln, bilden neun verschiedene Personen, die alle auf unterschiedlichste Weise mit einem Baum verbunden sind, der ihr Leben geprägt hat. Sie alle werden sich später radikalisieren, um sich gegen die Menschheit und für die Bäume einzusetzen.
Den ersten Teil, in dem man all diese Charaktere kennenlernt, fand ich unfassbar gut. Powers haucht ihnen allen Leben ein, so individuell und greifbar, dass sie einem wie reale Menschen vorkommen. Auch ihre späteren Beweggründe, ihr Weg hin zum Aktivismus, sind gut verständlich und nachvollziehbar dargestellt.
Wie man es schon aus anderen Romanen des Autors kennt, glänzt er auch hier wieder mit enormem Fachwissen und hat mich mit der umfassenden Recherchearbeit, die er geleistet haben muss, mehr als beeindruckt.
Ich gebe zu, das Lesen des Buches ist teilweise sehr unbequem. Man kann zwar die Gründe der Aktivistinnen verstehen, aber denkt dennoch insgeheim: Wir Menschen brauchen doch das Holz. Aber ist die Wahrheit nicht genauso unbequem? Ist der einzige Ausweg für die Natur nicht genau wie im Buch das Ende der Menschheit?
Dennoch hat mir die Darstellung der Gegenseite ein wenig gefehlt. Ein bisschen fühlte es sich an, als seien all diejenigen, die sich nicht aktiv für den Erhalt von Bäumen einsetzen, direkt böse Kapitalisten.
“Die Wurzeln des Lebens” ist also ein Buch, das auf literarisch hochwertige Weise aufzeigt, wie wichtig Bäume sind - die Lebewesen, die wir gerne mal übersehen und als selbstverständlich hinnehmen. Es ist zugleich politisch, philosophisch und etwas pathetisch. Trotz einiger Längen überzeugt es mit wahnsinnig vielen Informationen und authentischen Charakteren. Das Ende macht Angst und schöpft gleichzeitig Hoffnung. Man fühlt sich klein und unbedeutend, aber verglichen mit der Geschichte unserer Welt sind wir das ja auch. Trotz aller Unbequemlichkeiten habe ich es gern gelesen und es hat definitiv dazu angeregt, die Natur noch mehr wertzuschätzen und mit anderen Augen zu sehen. ⭐️4/5⭐️
Übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié