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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.09.2025

Interessant, aber etwas abgehetzt

Das Geschenk
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Ein neues Buch von Gaea Schoeters, ein neues moralisches Dilemma. Denn wenn Europa den Afrikanischen Elefanten unter Naturschutz stellt, können die afrikanischen Bewohnerinnen sich nicht mehr gegen ihn ...

Ein neues Buch von Gaea Schoeters, ein neues moralisches Dilemma. Denn wenn Europa den Afrikanischen Elefanten unter Naturschutz stellt, können die afrikanischen Bewohnerinnen sich nicht mehr gegen ihn wehren und müssen sich mit ihm arrangieren. Dabei plündern die Tiere die komplette Ernte und entbehren so jegliche Lebensgrundlage der Menschen. Nicht unser Problem? Schoeters macht es zu unserem, indem sie 20.000 der Elefanten in ihrem Roman nach Deutschland schickt. Gewalt gegen die Tiere anzuwenden ist genauso verboten wie sie zurückzuschicken.
Wir erleben die Geschichte aus der Sicht des Deutschen Bundeskanzlers und werden mithilfe seiner Berater
innen über die Vor- und Nachteile der sogenannten Megafauna aufgeklärt. Diese politischen Diskussionen fand ich sehr interessant und lehrreich.
Natürlich gibt es einige Krisen und anhand derer hangeln wir uns durch die Monate nach dem plötzlichen Erscheinen der Elefanten. Aufgrund der extremen Kürze des Buches habe ich mich ein bisschen hindurchgehetzt gefühlt. Es ging Schlag auf Schlag auf Schlag und mir fehlten die ruhigeren Sequenzen, jene, in denen wir das alltägliche Miteinander mit den Elefanten erleben, in denen unsere Emotionen angesprochen werden.
Auch die Charaktere haben etwas unter der geringen Seitenzahl gelitten, keine der Figuren bekommt Facetten oder überrascht mit einer unerwarteten Handlung.

Insgesamt bietet der Roman ein interessantes Gedankenexperiment, bei dem wieder einmal der moralische Kompass der Leserinnen infrage gestellt wird und das definitiv Neues lehrt. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass die Geschichte ein bisschen mehr auserzählt wird. ⭐️3,5/5⭐️

Übersetzt von Lisa Mensing

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Veröffentlicht am 26.08.2025

Pathetischer Inhalt überdeckt seichten Inhalt

Lichte Tage
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Seit sich Ellis und Michael mit 12 Jahren begegnet sind, sind sie unzertrennlich.
Verbunden durch die Liebe zur Kunst und einem unvergesslichen Sommer in Frankreich werden sie erwachsen, leben ihre Leben. ...

Seit sich Ellis und Michael mit 12 Jahren begegnet sind, sind sie unzertrennlich.
Verbunden durch die Liebe zur Kunst und einem unvergesslichen Sommer in Frankreich werden sie erwachsen, leben ihre Leben. Und auf einmal leben sie ohne einander.
Jahre später erinnert sich Michael an die gemeinsame Zeit. Was ist damals passiert?

Die gebundene Ausgabe von “Lichte Tage” kommt in einer unfassbar schönen Aufmachung daher. Und so wirkt auch der Schreibstil auf den ersten Blick: Voller Schnörkel und Metaphern, mit sorgfältig gewählten Worten. Leider musste ich schnell feststellen, dass der Inhalt nicht mithalten kann.
Die beiden Protagonisten sind mir fremd geblieben, die Zeitsprünge haben mich aus den Szenen gerissen und verwirrt und bis zum Schluss habe ich mich gefragt, was die Autorin überhaupt erzählen möchte.
Laut Klappentext geht es um die Liebe zur Kunst der beiden Jungen. Ja, diese wird auch erwähnt, aber spüren tut man sie auf keiner einzigen Seite. Es wird oberflächlich drumherum geschrieben. Was die Kunst aber für sie bedeutet, erfährt man nicht. Und so habe ich der Autorin diesen wichtigen Teil des Buches nicht abgenommen. Hinzu kommen pseudo-intellektuelle Vergleiche à la “es war, wie sich ein Ohr abzuschneiden” (als es um ein Bild van Goghs ging).
Außerdem wurde der Schreibstil immer pathetischer, war so übertrieben dramatisch im Gegensatz zum seichten Inhalt. Immer wieder gab es Stellen, bei denen ich mir dachte, ein Vergleich/eine Metapher weniger hätte es auch getan: “In ihren Augen schwammen nun Seeotter” (??), “ihre Zukunft lag vor ihnen wie eine Mondlandschaft” (Also ohne Leben und Atmosphäre? Hey, genau wie das Buch!), um nur zwei Beispiele zu nennen.
Kurz gesagt: Sarah Winman behauptet in ihrem Roman sehr viel, zeigt es aber in keiner Szene und somit nimmt man ihr keine der genannten Emotionen ab. Außerdem sterben mehr geliebte Menschen als in einem durchschnittlichen Disneyfilm. ⭐️2,5⭐️

*Übersetzt von Elina Baumbach

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Veröffentlicht am 25.08.2025

Ein bisschen zu kurz geraten

Heimat
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Jana ist mit ihrem dritten Kind schwanger, arbeitslos und frisch aufs Land gezogen.
Anschluss findet sie hier nicht, bis sie auf Karolin stößt.
Sie ist Tradwife, AfD-Anhängerin und ungemein sympathisch. ...

Jana ist mit ihrem dritten Kind schwanger, arbeitslos und frisch aufs Land gezogen.
Anschluss findet sie hier nicht, bis sie auf Karolin stößt.
Sie ist Tradwife, AfD-Anhängerin und ungemein sympathisch. Sie nimmt Jana in ihren Dunstkreis auf und diese verfällt immer mehr Karolins Ideologien.

Hannah Lühmann behandelt in “Heimat” ein interessantes und aktuelles Thema, welches in der Literatur bisher kaum zur Sprache kam: Tradwifes. Influencerinnen, die das traditionelle Rollenbild aufrechterhalten wollen, die scheinbar komplett darin aufgehen, sich um Heim, Herd und Kinder zu kümmern, während der Mann das Geld verdient.
Damit ist Karolin eigentlich das komplette Gegenteil von dem, wofür die Protagonistin Jana steht. Doch bei Karolin sieht alles so leicht aus, wirkt so harmonisch. Und so kann sich Jana einfach nicht von ihr lösen - nicht zuletzt, weil sie selbst seit ihrem Umzug komplett sozial isoliert ist.

Spannend ist hierbei, wie sich eine sektenartige Gefolgschaft aus Müttern um Karolin herum gebildet hat. Sie alle profitieren von ihr, widersprechen ihr grundsätzlich nicht, vertrauen blind in sie und ignorieren etwaige Probleme.
Wie Karolin ihre Anhängerinnen nach und nach mit rechtskonservativem Gedankengut indoktriniert, ist sehr glaubhaft dargestellt.

Genau wie Protagonistin Jana spürt man diese seltsame Faszination, die von der “Anführerin” ausgeht, kann sich dem Sog kaum entziehen - und fliegt nur so durch die knapp 180 Seiten.
Doch ich habe einen großen Kritikpunkt und der ist leider genau Jana. Denn wir lernen die Person, deren Gedanken wir ein ganzes Buch lang begleiten, kaum kennen. Wir wissen am Ende ehrlicherweise kaum etwas über sie (außer für die Geschichte Relevantes), fühlen nicht mit ihr und sind teilweise verwundert über ihre Naivität.
Meiner Meinung nach verfällt sie Karolin etwas zu schnell. Dass sie einige Dinge (selbst gedanklich) nicht hinterfragt, keine Zweifel hat, ist einfach nicht nachvollziehbar. Hier hätte die Autorin ihr und der Geschichte gerne etwas mehr Zeit und Tiefe geben können.

Das Ende ist natürlich Geschmackssache, für mich persönlich hätten zumindest ein paar Handlungsstränge weiter ausgeführt werden dürfen. Hier hatte ich nach dem Beenden nicht dieses typische Grübeln nach einem offenen Ende, sondern eher das Gefühl, dass dem Buch einige Kapitel fehlen. ⭐️3/5⭐️

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Veröffentlicht am 10.06.2025

Splatter im Buchformat

Yoko
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Als Yoko beobachtet, wie zwei Männer auf einen Hund einprügeln, greift sie ein.
Was sie nicht weiß: die beiden sind Teil der Mafia und lassen sich nichts vorschreiben. Sie kidnappen und missbrauchen die ...

Als Yoko beobachtet, wie zwei Männer auf einen Hund einprügeln, greift sie ein.
Was sie nicht weiß: die beiden sind Teil der Mafia und lassen sich nichts vorschreiben. Sie kidnappen und missbrauchen die junge Frau.
Um nicht in ständiger Angst leben zu müssen, beschließt Yoko, sich mit ein paar Handgriffen aus ihrer Metzgerlehre zu rächen.

Es klingt wie ein Splatterfilm und um ehrlich zu sein, liest es sich auch so. In Bernhard Aichners “Yoko” wird ohne Sinn und Verstand gemordet, eine Brutalität jagt die nächste. Der Plot ist belanglos, langweilig und befreit von jeglicher Logik.
Aichners Schreibstil besteht dabei aus sehr kurzen Hauptsätzen, die wohl für Spannung sorgen sollen, mich aber irgendwann nur noch genervt haben. Auch die Dialoge wirkten sehr gekünstelt und hatten nichts von einem echten Gespräch.
Nun würde ich gerne wenigstens etwas Positives über die Charaktere sagen, aber das kann ich leider nicht. Sie sind allesamt facettenlos und stigmatisiert, “die Chinesen” bekommen keine Beschreibung außer ebendieser. Am schlimmsten verhält es sich aber mit der Protagonistin Yoko:
Aichner hat den Klischee-Racheengel geschaffen und verzichtet dafür auf jegliche Authentizität. Ihre Gedanken und Gefühle sind überhaupt nicht nachvollziehbar, man empfindet weder Sympathie noch Empathie für sie.
Die Beschreibung ihres Missbrauchs ist außerdem komplett unsensibel (und danach klaut sie sich erstmal ein Fahrrad und radelt nach Hause, na klar).

Das einzig Gute ist, dass der Schreibstil so anspruchslos ist, dass man sehr schnell zum Ende kommt. Ich empfehle es allen, die einen Splatterfilm im Buchformat haben wollen. ⭐️1,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Ausbruch aus patriarchalen und traditionellen Zwängen

Evil Eye
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Yara ist glücklich. Sie hat einen Mann, zwei wunderbare Töchter und einen erfüllenden Job. Sie wollte es stets anders machen als ihre palästinensischen Vorfahrinnen und das ist ihr auch gelungen - denkt ...

Yara ist glücklich. Sie hat einen Mann, zwei wunderbare Töchter und einen erfüllenden Job. Sie wollte es stets anders machen als ihre palästinensischen Vorfahrinnen und das ist ihr auch gelungen - denkt sie.
Als sie nach einem Vorfall psychologische Beratung in Anspruch nehmen muss, offenbart sie Stück für Stück ihr Innenleben und stellt fest, dass sie genauso in patriarchalen Zwängen gefangen ist wie schon ihre Mutter und Großmutter.

“Evil Eye” ist ein Roman, der sich mit patriarchalen Strukturen in der westlichen Welt, aber auch mit denen im Nahen Osten auseinandersetzt. Wir haben eine Protagonistin, die denkt, sich von ihrer Vergangenheit befreit zu haben, jedoch immer noch tief in den Strukturen gefangen ist - ohne es zu merken.
Neben diesem Konflikt gibt es einen weiteren: Die innere Zerrissenheit Yaras. Denn sie fühlt sich weder Palästina zugehörig - wie ihre Eltern und Großeltern -, noch den USA, wo sie geboren wurde.
Von diesen beiden inneren Konflikten weiß Yara zunächst gar nicht, bzw. sie will nichts davon wissen und verdrängt jegliche negative Gefühle lieber. Doch es kommt zu Wutausbrüchen und verzweifelten Überreaktionen. Als sie sich im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss, werden Traumata zutage gefördert, die tief in ihr verwurzelt waren.
Etaf Rum hat mit Yara eine Protagonistin geschaffen, mit der ich unglaublich gut mitfühlen konnte, obwohl wir nicht viel gemeinsam haben. Obwohl ich viele Probleme und Sorgen nicht kenne, fühlte es sich beim Lesen an, als seien es meine eigenen. Ich bin ihr also gerne durch die 400 Seiten des Romans gefolgt und habe bereitwillig ihre Perspektive eingenommen.
Außerdem fand ich es spannend, die Traditionen und Geschichten ihrer Vorfahrinnen kennenzulernen und zu sehen, welchen Einfluss sie auf Generationen von Frauen hatten. Interessant ist hierbei, dass Yara zwar einerseits als Cycle Breakerin fungieren möchte, andererseits lernen muss, ihre Vergangenheit und die der palästinensischen Kultur anzunehmen.
Es gibt also keine einfache, allgemeingültige Lösung, sondern eine individuelle, menschliche.
Sehr berührt haben mich auch die Beschreibungen, in denen Yara anfängt, sich in ihre eigene Mutter hineinzufühlen, von den Vorwürfen zu Verständnis wechselt und ihr verzeihen kann.

“Evil Eye” ist ein Roman, der mir eine neue Perspektive ermöglicht hat. Ein Roman über Selbstermächtigung, den Ausbruch aus patriarchalen und traditionellen Strukturen und dem Versöhnen mit der Vergangenheit. ⭐️4/5⭐️

*Übersetzt von Heike Reissig



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