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Veröffentlicht am 19.02.2025

Was würdest du machen?

Löwen wecken
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Nach einer langen Schicht im Krankenhaus überfährt Dr. Etan Grien einen illegalen Einwanderer.
Um seine Karriere nicht zu gefährden, begeht der Neurochirurg Fahrerflucht - denn dem Opfer kann ohnehin nicht ...

Nach einer langen Schicht im Krankenhaus überfährt Dr. Etan Grien einen illegalen Einwanderer.
Um seine Karriere nicht zu gefährden, begeht der Neurochirurg Fahrerflucht - denn dem Opfer kann ohnehin nicht mehr geholfen werden.
Am nächsten Tag steht dessen Witwe vor Griens Haustür. Sie zwingt ihn zu einem gravierenden Pakt.

Ayelet Gundar-Goshen hat mit “Löwen wecken” einen Roman geschrieben, der ein Psychogramm von gleich drei Personen liefert: dem Neurochirurgen Etan, dessen Frau Liat und der Witwe des Überfahrenen, Sirkit.
Geschickt beschreibt die Autorin, wie facettenreich jede ihrer Hauptfiguren ist, bewegt sich dabei intensiv in der Gedankenwelt und schildert alltägliche Situationen, um den Lesenden ein zutiefst menschliches Bild der Charaktere zu verschaffen.
Und dann reicht ein Entschluss, um dieses Bild zu zerstören, eine Entscheidung, die es wieder komplett verändert. Oft wird man vor die Frage gestellt, wie man selbst gehandelt hätte und oft muss man den Personen dabei folgen, wie sie moralisch fragwürdige Wege einschlagen.
Interessant ist auch, wie nach und nach mehr Verknüpfungen hergestellt werden; es beginnt damit, dass Liat als Polizistin mit dem Fall der Fahrerflucht betraut wird und endet damit, dass die halbe Stadt miteinander verwickelt ist.

“Löwen wecken” ist ein Roman, der zwar ein paar Längen hat, dafür aber sehr in die Tiefe geht. Ein Roman, der aufzeigt, dass eine Entscheidung alles verändern kann. Der die Lesenden an ihre moralischen Grenzen bringt und nicht so schnell loslässt. ⭐️4/5⭐️

*Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

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Veröffentlicht am 14.02.2025

Porträt einer Ehe

Es geht mir gut
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1957: Es ist ein warmer Novembertag, als Kathleen beschließt, in den Pool statt in die Kirche zu gehen.
Als eine Art stiller Protest bleibt sie dort auch.
Und während sie selbst über ihr Leben und ihre ...

1957: Es ist ein warmer Novembertag, als Kathleen beschließt, in den Pool statt in die Kirche zu gehen.
Als eine Art stiller Protest bleibt sie dort auch.
Und während sie selbst über ihr Leben und ihre Ehe nachdenkt, bröckelt nach und nach auch die Fassade ihres Mannes Virgil.

“Es geht mir gut” ist ein schnelles, aber dadurch nicht weniger einnehmendes Werk über die Ehe.
Jessica Anthony lässt ihre Protagonistin zu Beginn etwas gar nicht so Ungewöhnliches tun: Sie steigt in den Pool, woraufhin ihr Ehemann alleine mit den zwei Söhnen zum Gottesdienst gehen muss.
Bei der Rückkehr wandeln sich die ersten leisen Zweifel des Mannes dann in Wut: statt sich zu sorgen, sieht er ausschließlich seinen Nachteil in ihrem Tun; er möchte doch wie jeden Sonntag zum Golfen, wer kümmert sich nun um Kinder und Essen?
Und so beginnen beide Parteien, über ihr Leben und insbesondere über ihre Ehe nachzudenken. Diese scheint von beiden Seiten auf Lügen aufgebaut zu sein, welche vom jeweils anderen stillschweigend hingenommen wurden.
Jessica Anthony schreibt klug und einfühlsam, sie hat ein gutes Gespür für das richtige Timing und zeigt, wie laut die Gedankenwelt sein kann. Außerdem macht sie deutlich, wie unterschiedlich ein und dieselbe Situation aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen wird.
Gut gefallen hat mir, dass die Autorin nicht mit erhobenem Zeigefinger auf eine der beiden Figuren zeigt, niemand wird beschuldigt, beide Seiten werden wertfrei aufgezeigt.
“Es geht mir gut” ist kein Buch, in dem klassische Spannung erzeugt wird, es ist eher ein Porträt zweier Personen, die zwar geheiratet, aber sonst nichts gemeinsam haben und deren Bilderbuchehe nun ins Bröckeln gerät. Es ist ein Roman, der eine Gesellschaft beleuchtet, in der alles getan wird, um den guten Schein zu wahren, nicht aber, um sein Leben zu genießen. ⭐️4/5⭐️

*Übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck

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Veröffentlicht am 12.02.2025

Warmherzig und wissenschaftlich zugleich

Der Letzte seiner Art
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Mit “Der letzte seiner Art” ist Sibylle Grimbert ein ganz besonderer Roman gelungen. Einerseits beleuchtet er die berührende Freundschaft zwischen Mensch und Tier, ohne dabei zu romantisieren oder ins ...

Mit “Der letzte seiner Art” ist Sibylle Grimbert ein ganz besonderer Roman gelungen. Einerseits beleuchtet er die berührende Freundschaft zwischen Mensch und Tier, ohne dabei zu romantisieren oder ins Kitschige abzurutschen. Interessant finde ich dabei die Gedanken des Wissenschaftlers Gus rund um die Gefühle des Riesenalken: Welche Vorteile zieht das Tier aus der Beziehung und sind ihm diese überhaupt bewusst? Zieht er dieses Leben dem in der Freiheit vor oder hat er sich seinem Schicksal nur ergeben? Projiziert der Mensch seine eigenen Emotionen auf das Tier oder entsteht tatsächlich auf beiden Seiten Zuneigung zueinander? Und wie unterschiedlich sind die Wahrnehmungen auf die Umwelt der beiden?
Andererseits beschäftigt sich der Roman mit dem Aussterben einer Art durch Menschenhand. Obwohl Gus ganz zu Beginn Zeuge einer Szene größter Brutalität wird, bei der massenhaft Riesenalke getötet werden, braucht er lange, um zu verstehen, dass das Aussterben durch Menschen verursacht wurde. Realistisch ist dies, weil den Menschen damals Darwins Evolutionstheorie noch nicht bekannt war, das Weltbild ein völlig anderes.
Das Bewusstsein, dass Gus gerade das Ende einer Art miterlebt, lässt ihn reflektieren, über seine eigene Rolle dabei nachdenken. Dieser Konflikt wird durch Grimbert besonders gut dargestellt und die Wahrheit treibt den Protagonisten immer weiter in den Wahnsinn.

Insgesamt ist dieser Roman klug und berührend. An einigen Stellen wiederholen sich Gus’ Gedankengänge etwas, aber sonst regen seine Reflektionen auch bei den Leserinnen zum Nachdenken an. Es zeigt, was für eine große Tragödie das Aussterben einer einzigen Spezies ist und welche Verantwortung wir Menschen gegenüber der Natur haben. ⭐️4,5/5⭐️

Übersetzt von Sabine Schwenk

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Veröffentlicht am 18.01.2025

Erschreckende Realität

Das Leuchten der Rentiere
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Ann-Helén Laestadius hat mich mit “Das Leuchten der Rentiere” in eine Kultur entführt, über die ich bis dahin kaum etwas wusste: die der Sámi/ Samen, ein indigenes Volk Skandinaviens.
Erläuterungen zu ...

Ann-Helén Laestadius hat mich mit “Das Leuchten der Rentiere” in eine Kultur entführt, über die ich bis dahin kaum etwas wusste: die der Sámi/ Samen, ein indigenes Volk Skandinaviens.
Erläuterungen zu deren Lebensweise, Kultur und Rentierwirtschaft webt sie so geschickt in die Handlung ein, dass man ohne jegliches Vorwissen (und ohne Sachbuch-Feeling) komplett in deren Welt eintauchen, deren Gefühle nachempfinden und deren Probleme verstehen kann. Und gerade von letzteren existieren wirklich viele: Klimawandel, der die Rentiere verhungern lässt, massiver Rassismus, hohe Selbstmordraten, Unterdrückung der Frau usw.
Gerade der strukturelle Rassismus, die Hilflosigkeit der Sámi gegenüber den Wilderern, weil die Polizei nicht eingreift, macht extrem wütend und sprachlos. Es ist kaum vorstellbar, dass so etwas heutzutage noch existiert.
Elsa ist eine auf mehreren Ebenen besondere und mutige Protagonistin, die die Ungerechtigkeiten nicht mehr ertragen kann und versucht, dagegen anzugehen. Damit macht sie sich nicht nur in ihren eigenen Reihen Feinde, sondern wird auch selbst zur Zielscheibe der Wilderer.
“Das Leuchten der Rentiere” ist ein ruhiger, aber unheimlich lehrreicher und berührender (Kriminal-)Roman. Das Nachwort und der Wikipedia-Eintrag zum Volk der Samen zeigen, wie intensiv die Autorin recherchiert hat und wie erschreckend realistisch die Geschichte ist. ⭐️4/5⭐️

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Veröffentlicht am 17.01.2025

Perspektivwechsel

Notizen zu einer Hinrichtung
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Danya Kukafka ist mit “Notizen zu einer Hinrichtung” ein Thriller gelungen, der endlich einmal die Opfer in den Vordergrund rückt und dem Täter keinen Ruhm gebührt.
Besonders interessant ist, dass die ...

Danya Kukafka ist mit “Notizen zu einer Hinrichtung” ein Thriller gelungen, der endlich einmal die Opfer in den Vordergrund rückt und dem Täter keinen Ruhm gebührt.
Besonders interessant ist, dass die komplette Biografie des Serienmörders nur durch die Geschichten dreier Frauen erzählt wird, die mit ihm zu tun hatten. Schicht für Schicht wird mehr von seinem Leben freigelegt und so erfahren wir anhand seiner Mutter, der Schwester eines Opfers und einer Kommissarin, wie er aufgewachsen, zum Täter geworden und überführt worden ist.
Nach und nach fügen sich die einzelnen Lebensabschnitte zu einem ganzheitlichen Bild zusammen, es werden immer mehr Zusammenhänge klar und so entsteht eine unglaubliche Spannung, obwohl das Ende bekannt ist.
Kukafka erzählt feinfühlig und doch knallhart, setzt sich mit der True-Crime-Obsession der Gesellschaft auseinander, kritisiert dabei die Glorifizierung von Tätern und rückt stattdessen hinterbliebene, betroffene und ermordete Frauen in den Vordergrund. Opfer und Täter werden oft durch ebendiese Begriffe entmenschlicht, dieses Buch macht das Gegenteil und zeigt auf, dass zu beiden Parteien Schicksale, Gefühle, liebende Angehörige gehören und es nicht nur das Gute und das Böse gibt, sondern eine ganze Menge dazwischen.
Ganz nebenbei wird auch die Todesstrafe bemängelt, gegen vermeintliche Pro-Argumente argumentiert, Kontras deutlich gemacht.

“Notizen zu einer Hinrichtung” ist ein spannender, emotionaler und vor allem vielschichtiger Roman mit einer außergewöhnlichen Perspektive und kritischen Gedanken rund um den (medialen) Umgang mit Mordfällen. ⭐️4,5/5⭐️

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