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Veröffentlicht am 28.08.2024

Spannende erste, schwache zweite Hälfte

Sing, wilder Vogel, sing
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Irland, im Jahr 1849: Die Hungersnot hat die Bevölkerung fest im Griff. Als beinahe ihr ganzes Dorf zugrunde geht, gelingt der jungen Honora die Flucht nach Amerika.
Doch auch hier ist sie weit entfernt ...

Irland, im Jahr 1849: Die Hungersnot hat die Bevölkerung fest im Griff. Als beinahe ihr ganzes Dorf zugrunde geht, gelingt der jungen Honora die Flucht nach Amerika.
Doch auch hier ist sie weit entfernt vom Glücklichsein. Sie kämpft sich von einer Misere in die nächste, gibt nicht auf, um sich ihren großen Traum zu erfüllen: Freiheit.

Jacqueline O'Mahony behandelt in ihrem Roman “Sing, wilder Vogel, sing” ein bedeutendes Kapitel der irischen Geschichte: die große Hungersnot im 19. Jahrhundert. Interessant ist dabei die Wahl der Protagonistin. Es geht um eine junge Frau, die schon immer anders war, der von Geburt an eingeredet wurde, sie stünde unter einem Fluch und die sich nie verstanden gefühlt hat.
Leider finde ich sie etwas überzeichnet: sie kann alles, weiß alles, überlebt alles, sodass sie irgendwann einfach nicht mehr glaubhaft ist. Ein paar Schwächen hätten ihrer Authentizität meiner Meinung nach ganz gutgetan.
Der Irland-Teil des Buches ist intensiv, dramatisch und fesselnd. Man fühlt mit den Charakteren mit und kann deren Verzweiflung geradezu greifen.
Dann folgt die Flucht und der Amerika-Teil und die Atmosphäre ist verschwunden. Hier wird alles nur noch sehr oberflächlich behandelt, man fühlt als Leserin nicht mehr mit und man hat den Verdacht, die Autorin wolle zu viele Themen in zu wenig Seiten quetschen.
Der Schreibstil O'Mahonys ist angenehm poetisch, die Ausdrucksweise sehr gewählt und metaphorisch. Leider doppeln sich einige Formulierungen.

Insgesamt ist es ein Roman mit einem interessanten Thema und einer besonderen Protagonistin, der mich allerdings nicht überzeugen konnte. Nach dem mitreißenden Anfang dachte ich, dies könnte ein Fünf-Sterne-Buch werden, so sind es leider nur ⭐️3/5⭐️.

aus dem irischen Englisch von pociao und Roberto de Hollanda

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Veröffentlicht am 27.08.2024

Sorgt für Verständnis

Dschinns
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1999: Hüseyin hat fast dreißig Jahre lang in Deutschland gearbeitet und sich nun seinen Lebenstraum erfüllt: eine Eigentumswohnung in Istanbul.

Doch als er in der fertig eingerichteten Wohnung steht, ...

1999: Hüseyin hat fast dreißig Jahre lang in Deutschland gearbeitet und sich nun seinen Lebenstraum erfüllt: eine Eigentumswohnung in Istanbul.

Doch als er in der fertig eingerichteten Wohnung steht, erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt.

Als seine Familie aus Deutschland zur Beerdigung anreist, kommen jahrzehntelang unterdrückte Gefühle hoch.


Mit “Dschinns” hat Fatma Aydemir einen großartigen und vielschichtigen Familienroman geschaffen. Beginnend mit der Perspektive des Vaters inklusive dessen Herzinfarkt, lässt sie uns nach und nach die Sicht der anderen Familienmitglieder erfahren; erst die der vier erwachsenen Kinder, abschließend die der Mutter. Dabei wechselt sich die Gegenwart mit der Vergangenheit ab und es zeigt sich schnell, dass jeder auf seinem jeweiligen Lebensweg mit eigenen Geistern zu kämpfen hat. Zusammengenommen entsteht so das eindrucksvolle Porträt einer Familie, die den Zusammenhalt verloren hat.

Allein das fein beobachtete Zusammenspiel zwischen Geschwistern, Eltern, Söhnen und Töchtern würde schon für einen tiefsinnigen Roman reichen, hinzu kommt aber noch der Migrationshintergrund der Figuren. Aydemir zeigt auf, mit welchen Konflikten die “Gastarbeitergeneration” und deren Kinder zu leben hat: Die Suche nach Heimat, Zugehörigkeit und Akzeptanz, ein Nicht-Auffallen-Wollen, der Traum von einem besseren Leben, gleichzeitig das Bewahren von kulturellen Traditionen - kurz gesagt: ein ständiges Zerrissenheitsgefühl. Dazu kommt der dauernde Rassismus, viele schreckliche Situationen und Ängste, die für Migrantinnen Alltag sind.

Und zu guter Letzt hat der Plot das Buch für mich so besonders gemacht: Erst im Kapitel der Mutter, Emine, wird das letzte große Geheimnis der Familie gelüftet, welches vorher schon oft angedeutet wurde, aber für mich absolut überraschend kam. Erst im Nachhinein versteht man so vieles von dem Vorangegangenen.


Neben dem großartigen Inhalt besticht die Autorin durch ihren lebendigen und mitreißenden Schreibstil, durch einen unfassbar wohlüberlegten Aufbau und die Erzählform. Ihre Charakterdarstellungen sind authentisch, empathisch und gut beobachtet. Der Roman war wirklich ein Highlight für mich, er regt zum Nachdenken an und sorgt für gegenseitiges Verständnis. Daher empfehle ich ihn auch wärmstens an jede
n weiter. ⭐️5/5⭐️

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Veröffentlicht am 23.08.2024

Eindringlich

Cujo
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Cujo ist ein liebenswürdiger Bernhardiner, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde.
Bis er von einer tollwütigen Fledermaus gebissen wird und sich das Virus nach und nach in ihm ausbreitet.
Und so ist ...

Cujo ist ein liebenswürdiger Bernhardiner, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde.
Bis er von einer tollwütigen Fledermaus gebissen wird und sich das Virus nach und nach in ihm ausbreitet.
Und so ist die extreme Hitze in diesem Sommer nicht die einzige tödliche Gefahr in Castle Rock …

“Cujo” ist ein echter King-Klassiker. Und wieder einmal wurde ich beim Lesen bzw. Hören positiv überrascht. Klingt der Klappentext erst einmal nach trashigem Horror, bietet der Roman doch so viel mehr.
King lässt uns tief eintauchen in die Leben der Familien Trenton und Camber. Manche würden es als unnötige Ausschweifungen bezeichnen, ich hingegen liebe es, wie King fiktive Personen beschreibt, als gäbe es sie wirklich. Wir erfahren von den Sorgen und Problemen der Charaktere und binden uns Stück für Stück mehr an sie. Und so sind wir auch hautnah dabei, wenn Donna und Tad immer weiter in die Misere rutschen und sehen, wie viele unglückliche Zufälle dazu führen, dass sie in ihre missliche Lage kommen.
Ihr Überlebenskampf ist der Kern der Geschichte und obwohl ich dessen Ausgang schon kannte (da ich zuvor “Klapperschlangen” gelesen habe), waren jene Szenen unfassbar spannend, emotional und für mich als Mutter kaum zu ertragen.

Insgesamt ist “Cujo” wieder ein Roman, der mich sehr berührt hat und mit dessen Figuren ich von Anfang an (eine der gruseligsten Szenen ist die erste) mitgefiebert habe. Wer einen Splatter-Roman erwartet, wird sich langweilen, wer die Ausschweifungen des Autors genauso liebt wie ich, sollte das Buch unbedingt lesen.
Ich habe mich für die Hörbuchversion entschieden, die wieder einmal grandios von David Nathan eingesprochen wurde. Er versteht es wie kein Zweiter, dem King'schen Universum Leben einzuhauchen. ⭐️4,5/5⭐️



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Veröffentlicht am 16.08.2024

Besonderer Roman über Kunst und das Erwachsenwerden

Der Distelfink
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Theo ist 13 Jahre alt, als seine Mutter bei einer Explosion in einem New Yorker Museum umkommt. Außerdem gelangt dabei verbotenerweise ein Kunstwerk in seinen Besitz, der Distelfink.
Während Theo immer ...

Theo ist 13 Jahre alt, als seine Mutter bei einer Explosion in einem New Yorker Museum umkommt. Außerdem gelangt dabei verbotenerweise ein Kunstwerk in seinen Besitz, der Distelfink.
Während Theo immer weiter in einen Strudel aus Trauer, Lügen, falschen Entscheidungen gerät, scheint das Gemälde die einzige Konstante in seinem Leben zu bleiben, ihn auf merkwürdige Weise zu faszinieren.

Aufgrund seines gewaltigen Umfangs (über 1000 Seiten) lag “Der Distelfink” lange ungelesen in meinem Regal. Dies war aber absolut unbegründet, denn schon nach kurzer Zeit hat mich das Buch - ebenso wie das Gemälde es bei Theo getan hat - in seinen Bann gezogen.
Gerade durch die hohe Seitenzahl lernen wir die Charaktere außerordentlich gut kennen, es ist, als seien sie Personen aus dem realen Leben und keine Fiktion.
Dem Buch zu folgen, war wie das Anschauen einer guten Serie: Nach jedem Kapitel wollte ich “nur noch eine Folge schauen”, wollte noch tiefer in die Geschichte eintauchen.
Wir folgen Theo beim Erwachsenwerden und doch ist es kein reiner Coming-of-Age-Roman. Es geht um Freundschaft, Liebe, um Kunst, um Richtig und Falsch, um Verlust und Verrat.

Donna Tartt hat einen ruhigen und sachlichen Erzählton und schafft es trotzdem, ihre Leserinnen zu berühren - sowohl emotional als auch intellektuell. Viele Tempowechsel sorgen für die nötige Spannung; in der einen Szene werden detailliert Kleinigkeiten beschrieben, in der nächsten überschlagen sich die Ereignisse.
Und doch ist es nicht die Geschichte an sich, die mich überzeugt hat, sondern hauptsächlich die Charaktere, die ich gerne auch noch auf 1000 weiteren Seiten begleitet hätte.

Kurzum: “Der Distelfink” hat mich komplett in seinen Bann gezogen und ich kann es allen Liebhaber
innen von ruhigerer Literatur ans Herz legen. ⭐️5/5⭐️

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Veröffentlicht am 08.08.2024

Stimmungsvoller Roman

Ein Lied über der Stadt
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Franken, 1929: Die junge Luise hat nur einen Traum: Sie möchte das Fliegen lernen.
Allen Widerständen zum Trotz geht sie nach München und wird Pilotin.
Sechs Jahre später kehrt sie zurück und muss feststellen, ...

Franken, 1929: Die junge Luise hat nur einen Traum: Sie möchte das Fliegen lernen.
Allen Widerständen zum Trotz geht sie nach München und wird Pilotin.
Sechs Jahre später kehrt sie zurück und muss feststellen, dass sich durch die politische Lage alles in ihrem Dörfchen verändert hat. Und nicht nur das: Ihr Vater und ihr Jugendfreund Georg sind in Gefahr, denn sie rebellieren gegen die Nationalsozialisten.

Über Ewald Arenz’ Schreibstil muss ich wohl nicht mehr viel sagen, außer: er brilliert auch in diesem Roman wieder einmal. Er ist wortgewandt und ansprechend, trotzdem nicht hochgestochen oder unnatürlich und einfach sehr angenehm zu lesen.
Der Inhalt ist interessant, wenn auch nicht unbedingt etwas Neues und teils vorhersehbar (bis auf das unglaubliche spannende Ende), aber das hat dem Lesevergnügen keinen Abbruch getan, denn: Arenz ist für mich der Meister der Stimmungen und das beweist er mit diesem Roman wieder einmal mehr als deutlich. Luises anfänglicher Wunsch nach dem Fliegenlernen ist ebenso greifbar wie die Bedrückung durch die politische Lage im zweiten Teil und die Freiheit, die Luise im Gegensatz dazu beim Fliegen empfindet.
Auch hat der Autor es wieder einmal geschafft, mich in eine andere Epoche zu versetzen und mir den damaligen Zeitgeist näherzubringen.

“Ein Lied über der Stadt” ist nicht einfach ein weiterer Roman, der im Nationalsozialismus spielt. Er ist so klug geschrieben, dass man die beklemmende Stimmung der damaligen Zeit geradezu spürt. Im krassen Gegensatz dazu stehen Mut, Liebe und Güte der Protagonisten. Für mich definitiv eins der besten Bücher des Autors. ⭐️5/5⭐️

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