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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.04.2019

Authentisch, berührend, hoffnungsvoll und tiefgründig

Kompass ohne Norden
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Caden ist ein gewöhnlicher 15-jähriger Schüler, der mit seinen Freunden abhängt und an einem Computerspiel bastelt. Doch sein bekanntes Leben wird auf den Kopf gestellt, als er nach und nach trügerische ...

Caden ist ein gewöhnlicher 15-jähriger Schüler, der mit seinen Freunden abhängt und an einem Computerspiel bastelt. Doch sein bekanntes Leben wird auf den Kopf gestellt, als er nach und nach trügerische Wahrnehmungen empfindet, harmlose Gegenstände und seine Mitmenschen grundlos als Gefahr beurteilt und sich so weiter in seinen Wahn steigert bis er nicht mehr zwischen Realität und seiner zusammengesponnen fantastischen Welt unterscheiden kann.



Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht wie ich meine Eindrücke zu dem Buch schildern und zusammenfassen soll um dem gerecht zu werden.

Vorneweg finde ich es unglaublich auf welch authentische, umfassende und tiefgreifende Art und Weise der Autor das Thema Schizophrenie beschreibt, und das obwohl er nicht selbst betroffen ist, sein Sohn allerdings. Neal Shusterman muss sich so sehr in die Materie eingearbeitet und sich mit seinem Sohn so intensiv ausgetauscht haben um sowas zu schaffen, dass es mich sprachlos macht.

Fantastisch und brillant fand ich die ganzen tollen Metaphern die an den passenden Stellen eingebettet wurden und den Ereignissen mehr Tiefe verleihen und das Verständnis fördern, auch wenn letzteres nur bis zu einem gewissen Punkt möglich ist, sofern man nicht selbst betroffen ist. Manchmal fand ich es schwierig den Gedanken und Empfindungen von Caden zu folgen, was vermutlich nicht an der Sprache selbst liegt sondern daran dass der Sachverhalt schwierig zu begreifen und beschreiben ist.

Die „doppelten“ Geschichten, die parallel verlaufen scheinen auf den ersten Blick wirr und hinterlassen viele Fragezeichen, doch im Laufe der Geschichte werden die Verbindungen deutlich und machen zum Teil Sinn. Ich denke dass gerade die fehlende nachvollziehbare Stringenz der Handlungen Cadens seelischen Zustand hervorragend widerspiegelt und daher sehr gut zur Thematik und der Bedeutung dahinter passt. Man verliert als Leser*in selbst ein wenig den Bezug zu den zeitlichen und räumlichen Strukturen der Realität, die man aus dem alltäglichen Leben kennt und die so hilfreich sind um sich zu orientieren und schwebt irgendwo zwischen Cadens fantastischer Welt und der Realität, aber man befindet sich immer seltener eindeutig in einer „Welt“. Diese parallel verlaufende fantastische Geschichte ist ein Spiegel der Realität und verarbeitet die realen Geschehnisse - dazu auch Cadens kranke Eindrücke, die objektiv teils erfassbar sind – in anderer Form und im metaphorischen Sinne, die mit der subjektiven Gedanken- und Gefühlswelt Cadens übereinstimmen und seinen seelischen Zustand gut erfassen.


Fazit: Dies ist mein erstes Buch über das schwierige Thema Schizophrenie. Es konnte mich durch die emotional ergreifende, authentische und hoffnungsvolle Art überzeugen und die metaphorisch einzigartige Darstellung hat mich fasziniert ebenso wie das Eintauchen in Cadens verzehrte Welt. Absolute Leseempfehlung für Jung und Alt!

Veröffentlicht am 04.04.2019

Über die Mutterschaft

Frau im Dunkeln
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Leda, Englischprofessorin in Florenz und Mutter zweier erwachsener Kinder, beschließt in den Semesterferien alleine zu vereisen und fährt in den Süden Italiens an die Küste. Während sie sich Entspannung ...

Leda, Englischprofessorin in Florenz und Mutter zweier erwachsener Kinder, beschließt in den Semesterferien alleine zu vereisen und fährt in den Süden Italiens an die Küste. Während sie sich Entspannung erhofft, kommt es doch ganz anders, als sie eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter beobachtet und kennenlernt. Diese Begegnung löst etwas tief Verborgenes in ihr aus und bringt eine unschöne Seite in ihr zum Vorschein.

Das zentrale Thema dieses Buches ist die Mutterschaft und wie die Protagonistin Leda diese erlebt hat. Sie wird durch das Beobachten der Mutter-Kind-Beziehung von Nina und Elena an ihre eigene Zeit als Mutter und an ihre eigene Mutter erinnert und alles kommt wieder hoch. Die unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte, die konflikthaltigen Beziehungen zu ihrer Mutter und ihren eigenen Kindern.

Mir schien es oft als wäre sie nicht bereit für Kinder gewesen, da sie sich selbst und ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden hatte und die Selbstverwirklichung anstrebte. Dies funktionierte nicht mit Kindern, denen sie sich in gewisser Weise unterordnen musste. Dadurch war sie hin- und hergerissen zwischen eigenen Träumen und ihrer Verpflichtung als Mutter, in dessen Spannungsfeld sie sich früher oder später entscheiden musste. An Leda gefiel mir besonders ihre ehrliche und schonungslose Art. Die einen werden das als egoistisch und selbstsüchtig bezeichnen und ich gebe zu, dass ist es auch, aber dadurch wurden auch die Schattenseiten des Kinderhabens beleuchtet und eingehend analysiert. Es wird nicht nur das Bild vermittelt, dass mit Kindern immer alles toll ist, sondern wie schwierig und problematisch solche Beziehungen sein können.

Was mir seltsam und unheimlich erschien waren Ledas plötzliche Verhaltensänderungen. Meistens war sie kontrolliert und ging mit Bedacht vor und dann wurde sie plötzlich trotzig, impulsiv, handelte und dachte total albern und kindisch. Das führte dann zur unbedachten Handlungen mit negativen Konsequenzen. Ähnliches fiel mir bei der Beziehung zu ihren Kindern auf. In den Erinnerungen war sie oft ängstlich und wollte ihren Kindern die Welt zu Füßen legen und im nächsten verhielt sie sich egoistisch und teilweise sogar aggressiv. Komplett gegensätzlich. Das wirkte unstet und nicht kontinuierlich. Wie ein inaktiver Vulkan der plötzlich und unerwartet ausbricht. Richtiggehend unheimlich.



Die andersartige Perspektive auf die Mutterschaft und die Rolle als Mutter - auch im Vergleich zum Vater - sind erfrischend und innovativ geschildert und konnten mich vollkommen begeistern.

Veröffentlicht am 04.04.2019

Humorvoll, unterhaltsam und erotisch

Teach me Love: ONCE & TWICE
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Nach dem enttäuschenden Beziehungsaus mit ihrem Ex-Freund und ihrer plötzlichen Wohnungsnot zieht die junge Studentin Mel kurzfristig in das Internat, das von ihrem Vater geleitet wird. Dort trifft sie ...

Nach dem enttäuschenden Beziehungsaus mit ihrem Ex-Freund und ihrer plötzlichen Wohnungsnot zieht die junge Studentin Mel kurzfristig in das Internat, das von ihrem Vater geleitet wird. Dort trifft sie auf zwei charmante, doch hinter der Maske, vollkommen unterschiedliche Lehrer und es beginnt ein frivoles Abenteuer mit viel Spaß, Spannung und unerwarteten Erkenntnissen. Doch ihre gemeinsame Zeit ist nur begrenzt...

Was mich sofort bestochen hat, war der locker leichte und äußerst humorvolle Schreibstil, der teilweise so absurd, albern und sarkastisch ist, dass ich nicht mehr konnte vor Lachen. Die Autorin schafft so lustige Bezeichnungen und Beschreibungen für die Mitmenschen von Mel und betrachtet verschiedene Aspekte und Situationen von einer ganz neuen Perspektive die unkonventionell aber sehr erfrischend ist. Schnell hat man sich auf die lustigen, teilweise ernsten, Wortgefechte, von denen es viele gibt, eingelassen und kann sie genießen. Die Protagonisten waren mir alle sympathisch. Nur Pascal fand ich etwas Kühl, aber ich schätzte seine Ehrlichkeit und Direktheit. Jeder hat seinen eigenen ganz individuellen Charakter und man merkt, dass alle gut und authentisch ausgearbeitet wurden und dadurch überzeugen können. Mel ist offen, mutig, manchmal streitlustig und weiß was sie möchte und was nicht. Diese Offenheit hat mir besonders gut gefallen und sie mir sympathisch gemacht. Überrascht hat mich die Tiefe - insbesondere in Bezug auf Remo - ,die das Buch trotz vieler oberflächlicher Plänkeleien entwickelt und die echten Gefühle die sich aus der unverbindlichen sexuell beschränkten Bekanntschaft ergeben. Dadurch war der Ausgang der Geschichte zwar für mich ziemlich offensichtlich, dennoch wirkte es echt und konnte mich bezaubern. So gerne würde ich mehr von den beide lesen, denn sie sind durch und durch herzensgute Charaktere. Die anderen Bücher, die ebenfalls in dieser Welt spielen, werde ich mir auch holen um mehr über die anderen Charaktere, allen voran Pascal, zu erfahren.

Sehr witzig, wenn man den Humor mag, sexuell ziemlich freizügig, mit diversen ausdrucksstarken Charakteren, die man (teilweise) nur ins Herz schließen kann.

Veröffentlicht am 03.04.2019

Schwierig...

Außer sich
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Nach dieser Nacht, die alles für immer verändert hat, steht Romy alleine da. Alle halten sie für eine Lügnerin. Die Mitschüler, die Lehrer, der Sheriff und vor allem ihre beste Freundin Penny. Nur ihre ...

Nach dieser Nacht, die alles für immer verändert hat, steht Romy alleine da. Alle halten sie für eine Lügnerin. Die Mitschüler, die Lehrer, der Sheriff und vor allem ihre beste Freundin Penny. Nur ihre Mutter und deren Lebensgefährte halten zu ihr. Nach einer verhängnisvollen Party verschwindet Penny spurlos und Romy ahnt, dass es etwas mit ihr zu tun haben muss.



Mich hat das Thema, welches hier angesprochen wird, sofort zugesagt und neugierig gemacht. Daran lag es nicht, dass ich das Buch schwierig fand, sondern ehr am Umgang mit diesem Thema. Der Schreibstil ist sehr direkt, schonungslos und mit eindrucksvollen, genauen Wortspielen und Metaphern geschmückt, die Romys Leid nur erahnen lassen, dabei schon ins Poetische gehen und teilweise wunderschöne und so ehrliche Sätze bilden.

Romy ist sehr distanziert und verschlossen. Oftmals habe ich mich ein wenig über ihre Passivität und die Resignation geärgert, wenn andere sie verurteilt und gedemütigt haben. Nach und nach wird aber das Nicht-Auffallen und Unsichtbarsein als ihre Strategie, um all das zu ertragen, ersichtlich und ich verstand besser warum sie sich so verhält. Dennoch fühlte es sich so an als würden die anderen immer wieder gewinnen, da sie sie sprachlos und angreifbar machen. Damit komme ich auch zu dem wichtigsten Aspekt, der mich so gestört hat. Und zwar die hasserfüllte Art und der Umgang der Mitschüler, Lehrer und vieler Bewohner der Stadt in der sie lebt mit ihr und ihrer Familie. Romy wird durchgehend gedemütigt, herabgewürdigt, abgewertet, beleidigt und unmenschlich behandelt und das nur weil sie etwas erzählt hat, was niemand ihr glaubt? Beim Lesen war ich oft total wütend und noch viel fassungsloser ob dieses Umgangs miteinander. Bei den Jugendlichen kann man es ihnen zumindest ein wenig nachsehen, aber das Verhalten der Erwachsenen ist nicht weniger schlimm. Dass Romy es dort so lange aushält, ist für mich bewundernswert und dass sie (dort) noch lebt, bei all dem Hass, unglaublich. Das zieht sich leider durch die ganze Geschichte und ich war immer wieder schockiert wie gleichgültig das Thema Vergewaltigung hingenommen wird und total runtergespielt, als wäre das nur ein Scherz oder dergleichen! In so einer Gesellschaft will ich nicht leben, das ist einfach furchtbar und deswegen habe ich das Buch monatelang gelesen, da ich diese Wut und den Hass nicht länger am Stück beim Lesen ertragen konnte und mich regelrecht geekelt habe überhaupt etwas über die meisten anderen Charaktere lesen zu müssen. Diesbezüglich finde ich, hat die Autorin vielleicht ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, wobei das Buch dann nicht so ausdrucksstark und eindringlich wäre.

Veröffentlicht am 03.04.2019

Düsterer Mix aus Krimi und historischem Roman

1793
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Stockholm im Jahre 1793: Der durch das Schicksal gebeutelte ehemalige Soldat Jean Michael Cardell findet eine furchtbar entstellte Leiche im Stadtfluss in Stockholm im Wasser treiben. Durch den schrecklichen ...

Stockholm im Jahre 1793: Der durch das Schicksal gebeutelte ehemalige Soldat Jean Michael Cardell findet eine furchtbar entstellte Leiche im Stadtfluss in Stockholm im Wasser treiben. Durch den schrecklichen Zustand der Leiche und seines brillanten Kopfes, wird der Jurist Cecil Winge mit dem Fall betraut. Doch ahnt er noch nicht welche Schicksale mit der Tat verbunden sind und welche weitreichende Hintergründe sich dahinter verbergen.


Das Buch teilt sich in vier Abschnitte, deren Handlungen anachronistisch vom Fund der Leiche zurück in die Vergangenheit reichen und aus verschiedenen Perspektiven von Menschen beschrieben werden, von einige wenig bis gar nichts mit dem Fall zu tun haben. Dadurch zeigt der Autor wie weit und gründlich seine historischen Recherchen gehen und beschreibt verschiedene Aspekte des Lebens und der Zeit damals. Dadurch bekommt man ein Gefühl für die Epoche und die Stimmung der Gesellschaft.

Es wird ein düsteres Bild gezeichnet voll Leid, Schmerz, Krankheit, Lügen, Intrigen, Folter, Tod, Kriminalität, Drogen, Prostitution, Brutalität und gesellschaftlicher Ausgrenzung, die das schwere Leben prägten. Inmitten dieser menschenfeindlichen Atmosphäre scheint es paradox, dass gerade einer schlimm entstellten Leiche solch große Aufmerksamkeit, zumindest von Cardell und Winge, zuteilwird, wo doch überall andere wegen Kleinigkeiten (beinahe) getötet werden.

Der Schreibstil ist der Zeit angemessen. Es fiel mir jedoch schwierig den Ereignissen zu folgen, da viele Straßennamen und Ortsnamen auftauchen und unablässig wiederholt werden mit denen ich nichts anfangen konnte und die nur gestört haben. Es wurden zudem altertümliche Begriffe verwendet, die zwar zur Epoche passen, das Lesen aber ungemein erschwerten, sodass ich mich schon sehr konzentrieren musste um den Worten folgen zu können. Das trifft allerdings nur auf den ersten Abschnitt zu. Danach hatte ich seltsamerweise keinerlei Probleme mehr damit und empfand den Schreibstil als sehr angenehm.

Die Charaktere bleiben sehr distanziert und ich konnte kaum Bindung oder Sympathien für sie empfinden, obwohl ich finde, dass Winge und Cardell das Herz am rechten Fleck haben, betrachtet man die Umstände, unter denen sie leben.

Der Perspektivwechsel hat für mich immer wieder frischen Wind reingebracht und die Lesefreude erhöht. Dadurch wurde auch langsam aber stetig Spannung aufgebaut, wenn auch nicht so wie man es von einem Krimi erwarten würde. Dafür standen die historischen Bezügen zu stark im Vordergrund.



Insgesamt ein gelungenes Werk, umfassend und detailliert recherchiert und glaubhaft dargestellt. Nur der Schreibstil war mir anfangs zu holprig und die Geschichte zog sich oft unnötig in die Länge, was die Lust am Weiterlesen verringerte.