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Veröffentlicht am 24.11.2021

Gamaches erster Fall

Das Dorf in den roten Wäldern
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Diese Rezension möchte ich mit einem Zitat beginnen, welches den Inhalt des Buches sehr genau zusammenfasst: S. 392 "Das Leben hier war weit davon entfernt, hektisch zu sein. Aber es stand auch nicht still."
Eben ...

Diese Rezension möchte ich mit einem Zitat beginnen, welches den Inhalt des Buches sehr genau zusammenfasst: S. 392 "Das Leben hier war weit davon entfernt, hektisch zu sein. Aber es stand auch nicht still."
Eben dieser Umstand macht das Buch, in dem es um den ersten Fall im kleinen Örtchen Three Pines irgendwo in Kanada geht, für mich so lesenswert. Gewöhnlich ist die Sparte Cosy Crime nicht unbedingt meine bevorzugte, als ich im Buchhandel jedoch die vielen unterschiedlichen Bücher von Louise Penny sah, habe ich zugegriffen. Das Werbekonzept ist bei mir also aufgegangen.

Im kleinen Örtchen Three Pines wird die Leiche der allseits sehr beliebten, ehemaligen Dorflehrerin Jane Neal gefunden. Eben weil Mrs Neal bei allen so beliebt war und sie ganz offensichtlich keine Feinde hatte, erscheint es überaus fraglich, ob es sich tatsächlich um Mord oder doch eher um einen Unfall handelt. Chief Inspector Armand Gamache glaubt zunächst das Offensichtliche, aber ist das wirklich so?

Gamache ist ein sympathischer Mensch, ruhig und direkt. Er wird von seinen Mitarbeitern nicht nur wegen seiner Erfahrung sehr gemocht, sondern insbesondere wegen seiner wertschätzenden Art. Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie er auch schwierige Situationen stets auf Augenhöhe und ohne seinen Gegenüber abzuwerten meistert. So mochte auch ich ihn auch von Anfang an. Ein wenig erinnert er mich an Columbo, der zwar auch diverse unangenehme Fragen stellt, aber dabei immer wertschätzend bleibt.

Umgeben ist Gamache von vielen Mitarbeitenden, von denen nicht viele wirklich im Vordergrund stehen. Er ist die zentrale Figur auf der Ermittlerseite. Zwei sind aber dennoch zu erwähnen. Zum Einen wäre da Yvette Nichol - eine junge, aufstrebende Polizistin, die verzweifelt darum bemüht ist, Ansehen zu erlangen - insbesondere Gamaches Ansehen. Zu Beginn erscheint sie beflissen und sympathisch. Doch schon bald wird sie mir immer unsympathischer. Sie wirkt auf mich überheblich und arrogant, glaubt ständig, dass sie von ihrer Umwelt nur missverstanden wird und greift schlussendlich sogar zum Stilmittel der Lüge womit sie Gamaches Ermittlungen behindert. Ihr fehlt eben genau das, was alle Charaktere und auch ich an Gamache schätzen.
Der andere Mitarbeiter ist Inspector Beauvoir, eine treue Seele und zufrieden in seiner Position als Gamaches Mitarbeiter. Er bewundert Gamache und hat bereits viel von ihm gelernt. Dabei ist er ebenso sympathisch wie Gamache und obwohl wir die beiden noch gar nicht näher kennen, macht es den Eindruck, als würden sie bereits viele Jahre zusammenarbeiten. Eine wunderbare Mischung aus Menschlichkeit und Effizienz.

Die Dorfbewohner sind vielfältig. Manche machen sich schnell verdächtig, andere schließt der Leser wohl sofort aus. Die Autorin versteht es, Dinge zunächst auf eine bestimmte Art erscheinen zu lassen und dann ganz langsam das Bild zu übermalen oder auch den Hauch der Friedfertigkeit abzuziehen. Dabei geht sie behutsam vor, allerdings ist es nicht so, dass sich die Geschichte lang hinziehen würde. Es passiert immer irgendetwas und so habe ich das Gefühl, dass das Tempo der Geschichte an das des gewöhnlichen Dorflebens angepasst ist.
Zu Beginn des Buches taucht der Leser in ein Dorf irgendwo in Kanada ein. Es ist ruhig und beschaulich und die Dorfbewohner sind eben Dorfbewohner, denen man nichts böses zutrauen möchte. Häppchenweise lässt Penny mehr und mehr die Masken fallen, die Dorfbewohner werden zu Freunden des Lesers - oder eben auch zu Menschen, die man lieber nicht kennen möchte. So erhält der Leser einen Blick hinter die Kulissen, wo längst nicht mehr alles dörflich und beschaulich ist.

Besonders fasziniert hat mich dabei der Umstand, dass die Autorin einen tiefen Einblick in die kanadische Gesellschaft liefert. Quebec ist ein Kanton, in dem beispielsweise englisch und französisch gesprochen wird. Allein hierin liegen schon gesellschaftliche Gegensätze. Zudem konfrontiert sie den Leser mit Vorurteilen und Diskimierung in der Gesellschaft. Dies tut sie jedoch so überhaupt nicht vordergründig, sondern lässt es vielmehr wie nebenbei einfließen und verdichtet so immer mehr das Bild dieses kleinen Dörfchens in dem bis zu Jane Neals Tod die Welt noch in Ordnung war.

Mir gefällt - ganz gegen meine Gewohnheit - die Gemächlichkeit der Geschichte und der Umstand, langsam zusammen mit Gamache und Beauvoir die Dorfbewohner kennenzulernen. Die Autorin zeichnet vielschichtige Charaktere, die so überaus authentisch daherkommen, als könnte man ihnen an jeder beliebigen Straßenecke begegnen. Sie spielt mit kleinen Details ohne sich in ihnen zu verlieren; sie beschreibt die Dinge, sodass es dem Leser leicht fällt, sich das Dorf und die Menschen darin vorzustellen. Dabei bedient sich die Autorin einer Schreibweise, die einen durchgängigen Lesefluss ermöglicht. Nur ganz zu Anfang, wenn die Figuren noch nicht so bekannt sind, muss man sich vielleicht etwas mehr konzentrieren, eben weil es recht viele Figuren sind, die hier agieren.

Einen Minuspunkt muss ich jedoch anbringen. Obwohl mir das Buch wirklich gut gefällt, finde ich den Preis von 17,90 Euro für ein Softcover mit knapp 400 Seiten unverhältnismäßig hoch.

Fazit:
Ein gelungener Cosy Crime im fernen Kanada, bei dem es Freude macht, gemeinsam mit den Ermittlern dem Fall auf die Spur zu kommen. Die Gemächlichkeit der Geschichte passt zum Leben in einem Dorf und die Charaktere sind vielschichtiger, als es zunächst den Anschein hat. Wer Freude an der Langsamkeit haben kann und wer auch nicht vor gesellschaftskritischen Aspekten innerhalb einer fiktiven Geschichte zurück schreckt, sollte hier unbedingt zugreifen. Es lohnt sich. 5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 07.11.2021

Mal ein paar Tage offline sein? - Sicher, aber bitte nicht in völliger Abgeschiedenheit.

Offline - Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle.
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Ich hatte bisher noch kein Buch von Arno Strobel gelesen, aber wohl mitbekommen, dass seine Bücher viel beworben werden. Dann hörte ich mittelmäßige Meinungen über dieses Buch und musste mir hier einfach ...

Ich hatte bisher noch kein Buch von Arno Strobel gelesen, aber wohl mitbekommen, dass seine Bücher viel beworben werden. Dann hörte ich mittelmäßige Meinungen über dieses Buch und musste mir hier einfach selbst ein Bild machen. Ich habe es nicht bereut! Die Vorstellung, einfach mal ein paar Tage nicht erreichbar zu sein, gefällt mir ausgesprochen gut. In der heutigen Zeit, in der jeder immer und überall erreichbar zu sein scheint, ist dies jedoch ein Szenario, das fast altmodisch anmutet.

Zu Beginn wird dem Leser eine Touristengruppe vorgestellt, die aus recht unterschiedlichen Charakteren besteht. Interessant hierbei finde ich, dass zumindest ich bereits jetzt einige Sympathiepunkte vergeben habe und auch jemanden völlig unmöglich finde. Das Experiment, ein paar Tage ohne jedes technische Kommunikationsgerät auszukommen, ist zunächst eines, das lediglich psychischer Natur zu sein scheint und wohl nur herausfinden soll, wer schon süchtig ist und wer nicht. Allerdings frage ich mich bereits jetzt, weshalb der eine oder andere überhaupt daran teilnimmt, denn es scheint so völlig ausgeschlossen, dass wirklich jeder dieses Experiment freiwillig wagen will.

Eigentlich ist für unsere Teilnehmer ein flottes Programm mit Wandern, gemeinsamem Kochen und anderen Beschäftigungen geplant. Ein Schneesturm verhindert jedoch die Outdoor-Aktivitäten und sorgt dafür, dass die gesamte Gruppe nebst zweier Hausmeister im Hotel eingesperrt bleibt. Unter normalen Umständen würden sich nun vielleicht Grüppchen bilden und man würde sich irgendwie die Zeit vertreiben, aber dann geschieht ein Mord. Bedingt durch den Umstand, dass es ja niemand von außen gewesen sein kann, bleibt nur die Möglichkeit, dass der Mörder innerhalb der Gruppe zu finden ist. Es mag kein gänzlich neues Konzept sein, wenn eine Gruppe unterschiedlicher Menschen irgendwo für einen bestimmten Zeitraum eingesperrt wird und nun damit klarkommen muss. Dennoch finde ich es bemerkenswert, wie der Autor dies hier umgesetzt hat.

Durch den Umstand nämlich, dass jeder weiß, dass unter ihnen ein Mörder ist und auch, dass niemand weiß, wer dieser Mörder ist (außer diesem selbst natürlich), beginnen die Teilnehmer der Reise sich recht schnell gegenseitig zu verdächtigen. Und als Leser hoffe ich, dass der Mörder sich irgendwie verraten wird. Die Dialoge wirken auf mich absolut authentisch und ich kann mir gut vorstellen, dass Angst und Aggression beginnen sich breit zu machen. Angst vor dem Mörder und Aggression, weil die Situation derzeit kaum zu ändern ist. Die Ausweglosigkeit steigert sich im Verlauf der Geschichte ins Unermessliche und damit die Spannung für den Leser und die Anspannung der Charaktere. Ich habe mich zwar darum bemüht, niemanden einfach so zu verdächtigen, muss aber gestehen, dass mir dies nicht umfänglich gelungen ist.

Das erreicht Strobel u.A. damit, dass er im Verlauf seiner Geschichte aus einer Gruppe unbekannter Figuren vielschichtige Charaktere formt. Nach und nach erfährt der Leser in kleinen, wohl dosierten Häppchen immer mehr über die einzelnen Hotelgäste. Durch diese Offenbarungen erreicht er, dass sich der Leser hin- und hergerissen fühlt, wem er vertrauen möchte und wem nicht. Außerdem sorgt er mittels der Zweifel der Gäste dafür, dass sich der Leser immer wieder auf die eine oder andere Seite stellen will. So bleibt es über die ganze Dauer der Geschichte hinweg schwierig, einen Charakter besonders sympathisch zu finden, denn im nächsten Moment kann einem dieser schon wieder höchst verdächtig erscheinen und umgekehrt. Auf diese Art und Weise wird die Zerrissenheit der Charaktere beinahe greifbar, denn denen geht es ganz genauso.

Das Experiment vom Anfang der Geschichte rückt weit in den Hintergrund. Einzig der Umstand, dass niemand Hilfe holen kann, bleibt erdrückend vordergründig und das, obwohl es nicht übermäßig häufig erwähnt wird. Interessant finde ich dabei, dass die Situation wenig konstruiert wirkt, sondern vielmehr glaubhaft erscheint. In Zeiten von unvorhersehbaren Wetterumschwüngen, die zu echten Katastrophen werden können, erscheint z.B. Dauerschneefall absolut möglich zu sein.

Ich lese wirklich viele Krimis und versuche stets mitzuraten, wer der Mörder sein könnte. In diesem Fall bleibt mir jedoch der Weg zu einer logischen Lösung versperrt. Zwar kommt hin und wieder der Gedanke “Der könnte es gewesen sein.”, aber irgendwas ist dann doch nicht passend. Bis zum Schluss, bis der Autor selbst die Auflösung liefert, die in der Tat mehr als unerwartet kommt, habe ich definitiv falsch gelegen.

Mit seiner Art zu schreiben und seinen Fall zu konstruieren hat mich Strobel von der ersten bis zur letzten Seite gefangen gehalten. Es war mir kaum möglich, das Buch einmal wegzulegen. Zu viele Wendungen, die schon auf der nächsten Seite erfolgen können, haben mich fast dazu genötigt immer weiterzulesen. Trotz allem wirkt die Story nicht konfus oder durcheinander, ganz im Gegenteil es gibt einen ganz klaren, roten Faden. Das Tempo steigert sich langsam und erreicht seinen Höhepunkt, als jeder jedem misstraut. Die Spannung wird immer greifbarer. Was als eine Auszeit vom Job, als ein Experiment im digitalen Zeitalter beginnt, endet in einer menschlichen Katastrophe.

Der Autor liefert dem Leser nicht nur Einblicke in die Abgründe seiner Figuren, sondern auch in die des Lesers selbst, wenn er sich die Frage stellt “Was würde ich jetzt tun?” Genau das macht diesen Roman lesenswert. Ob wir selbst einmal in die Situation kommen werden, mehrere Tage ohne Smartphone zu sein oder mit einer Gruppe fremder Menschen irgendwo eingesperrt zu sein, sei einmal dahin gestellt. Ich bin mir allerdings sicher, würde letzteres passieren, ich hätte definitiv eine Gänsehaut, nachdem ich dieses Buch gelesen habe und würde meine Mitmenschen sehr genau beobachten.

Fazit:
Ein echter Psychothriller, der ziemlich unblutig bleibt, dafür jedoch mit den Ängsten und menschlichen Abgründen des Leses spielt. Nichts für schwache Nerven, dafür jedoch für Thriller-Liebhaber absolut zu empfehlen. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 07.11.2021

Wie sich die Literatur im Wandel der Zeit verändert - oder auch nicht.

Helden auf der Couch
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In diesem Büchlein über bekannte Werke der (Welt-) Literatur beleuchten die beiden Autorinnen Claudia Hochbrunn und Andrea Bottlinger die jeweiligen Protagonisten und teilweise die Autoren unter unterschiedlichen ...

In diesem Büchlein über bekannte Werke der (Welt-) Literatur beleuchten die beiden Autorinnen Claudia Hochbrunn und Andrea Bottlinger die jeweiligen Protagonisten und teilweise die Autoren unter unterschiedlichen Aspekten. Klingt trocken? Ist es aber nicht, da beide Autorinnen stets auch mit einem zwinkernden Auge und einer nicht allzu kleinen Portion Humor erzählen.

Zunächst erfährt der Leser - falls er das besprochene Werk nicht ohnehin kennt - einen kurzen Ausriss der Handlung und gleichzeitig ordnet die Buchwissenschaftlerin Bottlinger es in die Zeit ein, in der das Werk entstand. Es ist überaus spannend zu erfahren, inwiefern sich Weltansichten und das ganz normale Leben in der Literatur der Zeit wiederfindet. Das mag erst einmal nicht ungewöhnlich klingen, allerdings war ich hin und wieder wirklich erstaunt darüber, was sich wirklich alles findet. Als normaler Konsument von literarischen Werken macht man sich darüber wohl eher selten mal Gedanken. Ich war so des Öfteren überrascht, wie gesellschaftskritisch einige Werke tatsächlich sind. Und wer kennt sie nicht, die Frage im Schulunterricht “Was wollte uns der Dichter damit sagen?” Nun, in diesem Buch erklärt Bottlinger so einiges davon.

Im zweiten Teil der Betrachtung geht es um den psychologischen Aspekt, dem sich Claudia Hochbrunn widmet. Diese erklärt allgemeinverständlich die Zusammenhänge und auch, wie so einige Dramen in der Literatur hätten vermieden werden können. Relativ häufig ist es die mangelnde Kommunikation zwischen den Handelnden, die zu den weltweit bekannten Szenarien führten, weshalb das Buch nur allzu aktuell ist. Darüber hinaus werden Themen wie Anderssein und dessen Akzeptanz, Toleranz füreinander angesprochen, die gestern wie heute aktuell sind und zum Nachdenken anregen. Denn auch wenn beide Autorinnen stets mit einer humorvollen Note aufwarten, beinhalten ihre Texte vieles, das sich in den heutigen Alltag übertragen lässt.

Besonders spannend fand ich den Aspekt, dass sich einige Dinge, die schon in früheren Werken “funktionierten”, sich auch in jüngeren wiederfinden können. Ob dies nun gewollt oder ungewollt vom jeweiligen Autoren war, sei einmal dahin gestellt, aber interessant ist es allemal. Ebenso aufschlussreich fand ich die Erörterung zweier Werke, die auf den ersten Blick so gar nichts miteinander gemein, aber dennoch einen gemeinsamen Kern haben.

Auch wenn das Buch in der Kategorie Sachbuch angesiedelt ist, liest es sich beinahe wie ein Roman mit Kurzgeschichten. Die Autorinnen schreiben locker leicht und sehr gut verständlich. Dabei heben sie an keiner Stelle den berühmten Zeigefinger, sondern machen den Leser lediglich auf bestimmte Aspekte aufmerksam. Mir machte es von der ersten bis zur letzten Seite außerordentlich viel Spaß mit den beiden auf diese Reise zu gehen. Natürlich sind es die Bücher, die der Leser selbst gelesen hat, die besonders fesselnd sind, jedoch habe ich auch festgestellt, dass ich das ein oder andere Werk nun ganz sicher einmal zur Hand nehmen werde. Und andere, die ich vielleicht bereits kenne, noch einmal unter diesen Gesichtspunkten lesen möchte.

Fazit:
Eine wundervolle Reise durch viele Epochen der (Welt-) Literatur, die sich unbedingt lohnt zu unternehmen. Es macht unglaublich viel Spaß, vielleicht über seinen Lieblingshelden ganz Neues zu erfahren, was man so noch nie gesehen hat. Lesenswert und von mir eine ganz klare Empfehlung. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Was geschah in Nyala?

Schwarzweiß
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Dies ist die zentrale Frage dieser Geschichte und sie begleitet den Leser von Anfang bis Ende. Zu Beginn der Geschichte scheint sie nur so dahin gestellt zu sein, am Ende jedoch wird klar, wie die Protagonisten ...

Dies ist die zentrale Frage dieser Geschichte und sie begleitet den Leser von Anfang bis Ende. Zu Beginn der Geschichte scheint sie nur so dahin gestellt zu sein, am Ende jedoch wird klar, wie die Protagonisten darin involviert sind.

Es ist ein ganz normaler Morgen im Maßregelvollzug in Hamburg. Regina Bogner ist Ärztin für Psychologie in dieser Einrichtung, in die Straftäter eingeliefert werden, wenn sie als psychisch krank gelten. An diesem Morgen wird Niklas Rösch eingeliefert werden, der einen unfassbar grausamen Mord begangen hat.
Bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen wird klar, dass Rösch ein nicht ganz einfacher Fall werden würde.

Ich mag Regina Bogner. Sie ist eine toughe, resolute Frau, die ihr Handwerk versteht und bereits von Anfang an Zweifel an der Diagnose Schizophrenie bei Rösch hat. Niemand glaubt ihr, es will nicht einmal jemand ihre Einwände hören oder die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sie Recht haben könnte. Chefarzt Dr. Löhner tut gerade so, als würde sie maßlos übertreiben und Oberarzt Dr. Mark Birkholz ist ein Feigling, der seiner Karriere zuliebe lieber dem Chefarzt nach dem Munde redet. So steht Regina allein mit ihrer Annahme da. Dennoch versucht sie immer wieder zu intervenieren und Löhners Entscheidungen in Zweifel zu ziehen, womit sie sich dessen Unmut zuzieht. Als Löhner eine Fehlentscheidung trifft, sorgt er dafür, dass Rösch fliehen kann und weiteres Unheil anrichtet.

Regina ist geprägt durch ihre Erfahrungen in Afrika, wo sie bereits als Ärztin in einem Krankenhaus gearbeitet hat und mitansehen musste, wie geliebte Menschen in den politischen Unruhen einfach dahin gemetzelt wurden. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen werden im Buch immer wieder thematisiert, nicht zuletzt weil sie ihr Verhalten maßgeblich beeinflussen. Regina handelt lieber als zu reden und das macht sie so überaus sympathisch. Besonders als ihre Tochter Anabel Ziel eines Angriffs durch Rösch wird, gibt es für Regina kein Halten mehr. Sie kann und will der deutschen Polizei nicht ausschließlich vertrauen, sie kann und will die Hände nicht in den Schoß legen und so beginnt die Jagd quer durch Hamburg.

Unterstützung findet sie hierbei durch Kashka - den südsudanesischen Botschafter in Deutschland. Er ist ein großer, schwarzer Mann mit vielen Geheimnissen. Auf mich wirkt er anfänglich völlig undurchsichtig, aber keineswegs unsympathisch. Er strahlt eher wissende Ruhe aus. Zunächst steht hier die Frage, welchen persönlichen Grund er haben mag, Regina zu unterstützen und warum er soviel über Rösch weiß. Aber sowohl der Leser als auch Regina bleiben erst einmal im Dunkeln, allerdings hat Kashka Möglichkeiten Informationen zu beschaffen, die Regina verschlossen bleiben. Er verrät jedoch auch nicht, welche Möglichkeiten das sind. Damit bekommt er einen etwas zwielichtigen Touch. Dennoch möchte man ihm vertrauen. Es geht mir ein bisschen wie Regina, die zwar nicht genau weiß, ob es gut ist, ihm ihr Vertrauen zu schenken, es aber dennoch tut.

Und Rösch? Rösch ist ein Mörder, das steht außer Frage. Und er ist auch irgendwie unangenehm, er ist jemand, mit dem man sich nicht länger als nötig umgeben möchte. Allerdings wirkt er nicht wirklich so, als müsse man ihn verabscheuen. In mir hat die Autorin mit dieser Figur ein ambivalentes Gefühl ausgelöst. Insbesondere als Regina beginnt in Röschs Vergangenheit und seiner Kindheit zu recherchieren, wird dieses Gefühl der Ambivalenz noch verstärkt. Der gewalttätige Mörder wird nämlich plötzlich zu einem Menschen, den man vielleicht sogar verstehen kann. Man will es nicht, aber trotzdem ist es nicht mehr so leicht ihn einfach nur als Mörder zu sehen. Diese Entwicklung fasziniert mich enorm, denn normalerweise weiß man wer der Gute und wer der Böse, wer Opfer und wer Täter ist.

Die Autorin kreiert in diesem Roman vielschichtige Charaktere, die man nicht einfach in eine Schublade stecken kann. Sie entwickeln sich im Laufe der Zeit und man bekommt ein gewisses Verständnis für die Protagonisten. Sogar Dr. Birkholz kann zeigen, dass mehr als ein Feigling in ihm steckt. Antonia Fennek versteht es die Menschen hinter den ersten Eindrücken zu zeigen. Sie erzählt, wie die Menschen zu dem wurden, was sie heute sind, ganz nach dem Grundsatz, dass alles eine Ursache hat. Dadurch erreicht sie aus meiner Sicht, dass ihre Geschichte plastisch und realistisch wird, denn niemand ist nur gut oder nur schlecht.

Der Schreibstil ist wunderbar leicht zu lesen, die Seiten fliegen nur so dahin. Ich mag die Konflikte der Protagonisten mit sich selbst und mit anderen, denn eben diese machen die Story lebendig und absolut authentisch. Es gibt keine Längen. Im Gegenteil man möchte eigentlich noch viel mehr erfahren. In einem sehr interessanten Nachwort und einem Glossar erklärt die Autorin dann auch einige Unterschiede zwischen dem Maßregelvollzug und der geschlossenen Allgemeinpsychiatrie und zu anderen psychologischen Begrifflichkeiten. Sie gewährt so Einblicke in einen Lebensbereich, den die meisten ihrer Leser hoffentlich nie kennenlernen werden.

Leider gibt es dieses Buch und auch dessen Nachfolger “Geschwärzt” nur noch als e-book. Das jedoch sollte Leser von guten Thrillern nicht davon abhalten, sie zu lesen. Und wer die historischen Romane von Melanie Metzenthin mag, der sollte hier ebenfalls einen Blick riskieren. Denn Antonia Fennek ist niemand geringeres als Melanie Metzenthin, die unter diesem Namen Thriller schreibt.

Fazit:
Ein rundherum gelungener Thriller, der einem beim Lesen eine Gänsehaut über den Rücken jagt, wenn man über die Grausamkeiten des Niklas Rösch nachdenkt. Es ist eine Geschichte, die eben nicht in schwarz und weiß einteilt, sondern dem Leser zeigt, dass es so viele Aspekte mehr gibt. Authentische Figuren, persönliche Schicksale und ein Fall, der einem schlaflose Nächte bereiten kann. Am Ende finden alle Fäden zusammen und die Frage, was in Nyala geschah wird eindrucksvoll aufgeklärt. Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 06.10.2021

Ich bin noch zu jung zum Sterben

Sterbewohl
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"Ich bin noch zu jung zum Sterben" - dieser Satz begegnet dem Leser im Buch immer wieder. Und er ist so nachvollziehbar!

Deutschland ist nicht (mehr) das Land, welches wir heute kennen. Es ist eine Diktatur ...

"Ich bin noch zu jung zum Sterben" - dieser Satz begegnet dem Leser im Buch immer wieder. Und er ist so nachvollziehbar!

Deutschland ist nicht (mehr) das Land, welches wir heute kennen. Es ist eine Diktatur unter Führung der BP - der Bürgerpartei. Allein die Wahl dieses Namens ist schon irgendwie makaber, denn Bürger sind offenbar nur jene, die etwas für die Gemeinschaft tun – also Geld verdienen. Alle anderen sind Ballast und Schmarotzer und sollen sterben - allen voran die Rentner! Dass diese jahrelang für den Staat geschuftet haben, ist völlig unerheblich; ihre Renten kosten den Staat Geld - viel Geld - und genau das soll verhindert werden.

Zu diesem Zwecke gibt es diverse Sterbehotels auf Fehmarn und Menschen die in Rente gehen, erhalten eine entsprechende "Einladung" um sich dort in sogenannten Sterbeseminaren davon überzeugen zu lassen, welchen Vorteil ihr Tod für die Gemeinschaft hat. Der Einladung zu folgen und die Entscheidung mithilfe von Sterbewohl aus der Gemeinschaft auszuscheiden ist freiwillig, heißt es. Wie aber kann es dann sein, dass niemand, der in ein solches Sterbehotel fuhr, wieder nach Hause kommt? Und warum schlägt niemand die Einladung aus?

Die Geschichte wird aus Nadjas Perspektive in der Ich-Form erzählt, die dafür sorgt, dass die Distanz des Lesers deutlich verkürzt wird. Zunächst erfährt der Leser, dass eine pensionierte Lehrerin, die schon ihr ganzes Leben ein ängstlicher Mensch gewesen ist, sich nun mit dem eigenen Alter konfrontiert sieht. Soweit nichts ungewöhnliches mit 65 und der Aussicht, dass sich das Leben nach der Pensionierung radikal ändern wird. Doch dann bekommt Nadja ihren Brief vom Gesundheitsamt – und nicht nur sie. Spätestens hier wird es beklemmend, denn all die Dinge, die Nadja erzählt, erinnern einen an die Zeit im dritten Reich. Was ich hierbei als wirklich bedrückend empfunden habe, ist der Umstand, dass die Autorin aktuelle Probleme, die wir aus den täglichen Nachrichten kennen, mit den Handlungsweisen im dritten Reich vermischt und so eine Szenerie erschafft, die irgendwie gar nicht so unmöglich erscheint.

Gemeinsam mit ihren Freunden Max, Fred und Anna, die im gleichen Haus wie sie wohnen, und einer befreundeten Journalistin – Marwa – checkt sie im Hotel Paradies ein. Was ihnen dort widerfährt, ist schier unglaublich und wiegt schwer beim Leser. Das Böse wird unter einem schönen Schein verborgen und doch kann dieser Schein das Schreckliche nicht gänzlich verschwinden lassen. Ich empfand die gesamte Erzählung als überaus unheilvoll und auch wenn die Autorin es nicht erwähnt hätte, sind die Parallelen zur Vergangenheit einfach unübersehbar. Ich denke, jeder kennt das unbestimmte Gefühl, in der heutigen Zeit immer durchsichtiger, gläserner zu werden und hier zeigt die Autorin fast schon brutal, wie sowas im „Endstadium“ aussehen könnte.

Ein bisschen schade ist es, dass die Protagonisten eher blass bleiben. In der Menge der „Hotelgäste“ gehen sie etwas unter. Sie haben noch nicht einmal Nachnamen. Allerdings bringt das dem Leser auch das Gefühl näher, dass die Menschen nicht mehr als solche gesehen werden, sondern nur noch wie Nummern oder auch wie Vieh betrachtet und behandelt werden. Dennoch hätte mich das Vorleben der Figuren interessiert – vielleicht auch im Zusammenhang damit, wie aus der Demokratie die Diktatur wurde. So kommt man jedoch in eine fertige Szenerie, die zunächst unglaublich wirkt und erst im Laufe der Zeit immer glaubhafter wird, mehr Substanz bekommt.

Obwohl der Einzelne nicht so sehr im Fokus steht, kann die Autorin mittels ihrer Dialoge und dieser latent düsteren Stimmung – die z.B. so gar nicht zur wundervollen Natur vor den Hotelfenstern passen will – sehr große Spannung aufbauen. Mich hat sie jedenfalls ohne Pause in ihrer Geschichte gehalten. Dies schafft sie unter anderem damit, dass sie die Phantasie des Lesers anregt und nicht jedes Detail zeigt. Vielmehr überlässt sie den Leser seinen eigenen Gedanken.

Der Schreibstil ist leicht zu lesen und es gibt keine Längen. Im Hinterkopf stellt sich der Leser unweigerlich Fragen, wie etwas funktionieren kann. Wie kann dieser Tötungsapparat überhaupt durchführbar sein, warum hinterfragt niemand, was passiert? Vieles wird am Ende zumindest erwähnt. Jedoch hatte ich hier ein bisschen das Gefühl, dass es schnell gehen musste und so werden die Auflösungen z.T. nur aufgezählt, aber nicht mehr so spannungsgeladen beschrieben wie der Rest der Geschichte. Wieder andere Details, die aus meiner Sicht jedoch wirklich wichtig gewesen wären, erfährt man gar nicht und so bleibt der Leser am Ende mit seinen eigenen Spekulationen zurück.

Bemerkenswert finde ich, dass in dieser brutalen Welt, die die Autorin zeichnet, fast gänzlich auf wirklich brutale Szenen verzichtet wird. Erst im Showdown kann davon die Rede sein, aber auch hier verliert sich die Autorin nicht in den schmerzhaften Szenen. Ich glaube, genau das macht die Geschichte so zermürbend, aber doch spannend.

Ein Wort zum Cover: Es ist eines der außergewöhnlichen! Während viele Bücher ihrem Genre entsprechend einen gewissen Wiedererkennungswert haben, ist dieses passend zum Inhalt des Buches gestaltet, was mir sehr gut gefällt. Damit fällt es unter den Krimis ganz bestimmt auf.

Fazit:

Den Leser erwartet hier eine sehr spannende Geschichte, die aus meiner Sicht weniger ein Krimi als eine Endzeitstory ist – wobei… Man muss sich wohl auch die Frage stellen, wie unmöglich ist es wirklich, was hier skizziert wird? Abgesehen von den blassen Charakteren hat mir die Geschichte sehr gut gefallen und ich kann sie weiterempfehlen. Für schwache Nerven ist sie allerdings nichts. 4 von 5 Sternen.

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