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Veröffentlicht am 09.02.2020

Zeugnis einer dramatischen Zeit

Bürgerin aller Zeiten
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Das Buch:
Nachdem ich von Heike Wolf bereits den ersten Teil ihrer großartigen Allender-Trilogie gelesen hatte, war ich absolut gespannt auf den ersten Teil der Schönau-Dilogie. Meine Erwartungen waren ...

Das Buch:
Nachdem ich von Heike Wolf bereits den ersten Teil ihrer großartigen Allender-Trilogie gelesen hatte, war ich absolut gespannt auf den ersten Teil der Schönau-Dilogie. Meine Erwartungen waren extrem hoch, da mich die Allenders so unglaublich beeindruckt hatten. Ich wurde nicht enttäuscht!
Das Cover ziert ein authentisches Familienfoto der 3 Schönau Geschwister, womit es aus den heutigen Standard-Covers für historische Romane hervorsticht und belegt, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Ein Umstand, der die Geschichte in meinen Augen noch einmal emotionaler macht.
Die Geschichte wird auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen erzählt – einerseits die recht knappen Passagen in 1989 und andererseits die Passagen, die dieses Buch ausmachen, in der Zeit von 1913 bis 1933. Die einzelnen Kapitel sind mit den entsprechenden Jahreszahlen – in 1989 sogar mit kompletten Daten – überschrieben, sodass der Leser stets den Überblick behält, in welcher Zeit er sich gerade befindet.

Worum geht’s:
Am 09.11.1989 wird Charlotte 80 Jahre alt werden. Am 30.09.1989 hört sie in den Nachrichten von den ersten DDR-Flüchtlingen, die offiziell in die BRD ausreisen dürfen und erinnert sich in diesem Zusammenhang an ihre eigene Kindheit in Leipzig.
Charlotte wird 1909 als Älteste von 3 Geschwistern der Familie Schönau in eine ruhige Zeit in Deutschland und in ein liebevolles, gebildetes Elternhaus – der Vater Anwalt und Goethe-Verehrer, die Mutter eine zarte Frau – hineingeboren. Doch nur 5 Jahre später muss Vater Wilhelm in den ersten Weltkrieg ziehen. Die jüngere Schwester Dorothea ist gerade 3 Jahre alt, Bruder Heinrich eben erst geboren. Es bricht eine schlimme, eine überaus schwere Zeit für die Schönaus an, die sie u.a. mithilfe der tatkräftigen, robusten und überaus fürsorglichen Mathilde überstehen. Nach dem Krieg muss die Familie zunächst erst einmal wieder zusammen wachsen, sieht sich jedoch bereits den nächsten Schwierigkeiten gegenüber. Gerade als es aussieht, als würde Deutschland wieder auf die Beine kommen, sich wieder in der Welt etablieren, wird es von den Nazis überrollt.

Charaktere:
Ihre Charaktere schreibt Heike Wolf absolut gekonnt, vielschichtig und so authentisch, dass man als Leser nur allzu oft das Gefühl hat, genau neben einer Figur zu stehen, ihr wie ein Schatten zu folgen und in die beschriebene Situation einzutauchen.
So konnte ich mich stets in die 3 Schönau Kinder – Lotte, Dorchen und Heinrich – hineinversetzen. Ich verstand ihre Sorgen und Nöte, ihre Verhaltensweisen. Es war für mich z.B. überaus nachvollziehbar, dass Lotte, die sehr an ihrem Vater Wilhelm hängt, diesem stürmisch in die Arme läuft, als er auf Fronturlaub nach Hause kommt, während Dorchen und Heinrich sich benehmen als stünden sie einem Fremden gegenüber. Tun sie ja auch! Eine solche Situation zu beschreiben, sodass ich als Leser zwar die Traurigkeit Wilhelms fühlen und absolut verstehen kann, aber mich gleichzeitig auch in die beiden Kinder hineindenken kann, ist großartig. Und so füllt Heike Wolf all ihre Figuren mit Leben, mit Charakter. Jede Figur – unabhängig davon, ob es eine Hauptfigur wie Charlotte ist oder ein Nebencharakter – ist ein Unikat, hat ihre ganz eigenen Züge und lebt vor dem inneren Auge des Lesers. So ist es möglich, sie zu lieben und sie zu verabscheuen, mit ihnen zu leiden, sich zu freuen oder zu weinen, so wie die Figuren im Buch es tun. Die Autorin schafft es immer wieder, dass man als Leser glaubt, es mit Freunden zu tun zu haben.

Im Fall der Augusta – Charlottes Oma – ist es sogar passiert, dass ich sie zunächst überhaupt nicht ausstehen konnte, später sehr viel Sympathie für sie empfand und am Ende nicht mehr wusste, ob ich sie nun mag oder nicht. Ich fand ihre antisemitischen Äußerungen bereits weit vor dem ersten Weltkrieg abstoßend und ich konnte nicht verstehen, warum sie ihre Familie nicht mehr unterstützt. Sie erschien mir egoistisch und kalt. Im Krieg hat sie jedoch bewiesen, dass ihre Entscheidungen vielleicht kalt erscheinen mögen, aber auf jeden Fall sinnvoll und der Situation angepasst waren. Ich konnte sie so gut verstehen, als sie versuchte, ihre Tochter Amalie – Charlottes Tante – zum Arbeiten anzuhalten um den Unterhalt für ihre Familie zu verdienen, da auch deren Mann im Krieg war. Dann wieder traf sie Entscheidungen über die Köpfe vieler anderer hinweg, die ich nicht nachvollziehen konnte und die mich den Kopf schütteln ließen. Als sie starb, war ich traurig. Sie fehlte mir in der Familie.

Ganz anders ist Mathilde, Haushälterin und Kindermädchen der Familie. Sie ist burschikos und rustikal, muss bisweilen auch schwere Entscheidungen treffen, aber sie ist klug und liebevoll. Bei ihr steht stets das Wohl der Familie im Vordergrund. Als die Schönaus kein Geld mehr haben, arbeitet sie sogar ohne Lohn. Sie hat mich überaus beeindruckt und mit ihrem schrägen Dialekt, den die Autorin so herrlich geschrieben hat, ist sie mir fast sofort ans Herz gewachsen – und dass, obwohl ich diesen Dialekt gar nicht mag. Ich hörte sie jedoch förmlich im Ohr, wann immer sie etwas sagte. Von Mathilde hatte ich ein sehr klares Bild vor Augen.

Charlotte ist schon ein recht besonnenes Kind, das ihre jüngere Schwester Dorchen hin und wieder bremsen muss, denn Dorchen ist demgegenüber ein Wirbelwind, fast draufgängerisch. Das ändert sich auch nicht, als aus den Kindern junge Mädchen und später junge Frauen werden. Auch hier gibt es wieder eine Situation, die so nachvollziehbar und herzerweichend war, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Eines Nachts vergriffen sich Dorchen und Charlotte an den Wintervorräten um sich einmal satt zu essen. Ich konnte es so gut verstehen, hatten sie doch immer Hunger. Hier war Dorchen die treibende Kraft und Charlotte wollte sie davon abhalten, aber der Hunger war stärker. Am nächsten Morgen hatten sie ein schlechtes Gewissen, doch weder Mathilde noch Luise haben sie dafür bestraft. Es war so unglaublich emotional und hallt so tief nach, dass ich selbst am Gemüseregal beim örtlichen Kaufmann an sie denken musste, weil Steckrüben – die von allen gehasst wurden, weil es das Einzige war, was es zu essen gab – gerade im Angebot waren.

Diese Charaktere können nur als Beispiele dienen. Man muss das Buch lesen um jeden von ihnen kennenzulernen. Und es ist ganz klar, den einen mag man, den anderen nicht. Dazu verändern sich die Charaktere im Laufe der Zeit zum Teil drastisch vor dem Hintergrund des persönlichen Schicksals und der politischen Lage. Manche Veränderung ist überaus angenehm, andere sind erschreckend. Und eben diese Veränderungen machen die Geschichte lebendig, lassen den Leser Verständnis, Widerwillen, vielleicht auch Zuneigung fühlen – ja fühlen! Die Charaktere berühren einen unweigerlich!

Schreibstil:
Heike Wolfs Schreibstil ist brillant! Sie schreibt bildgewaltig ohne sich in Details zu verlieren, sie lässt das Leipzig (und alle anderen Orte) Anfang des 20. Jahrhunderts glaubhaft vor dem inneren Auge auferstehen; sie zeigt es dem Leser und spricht nicht nur darüber. Den Ausspruch „Don’t say, show it!“ befüllt die Autorin mit Leben!

Wenn ich einen Roman lese, in dem ich Dinge finde, die zu einem bestimmten Landstrich gehören, finde ich das überaus charmant. Auch Heike Wolf hat solche Schmankerl genutzt. So nennt Wilhelm Charlotte liebevoll „mein Modschekiebschn“ (mein Marienkäfer). Es drückt so viel mehr aus als herkömmliche Sätze.
Wilhelms Liebe zu Goethe verpackt die Autorin geschickt in Dialogen, in denen er sich gern bestimmter Goethe-Zitate bedient und in liebevollen Neckereien in der Familie, wenn er es nicht tut. Und der Familienhund heißt sicherlich auch nicht umsonst Mephisto.

Einen Zeitsprung von 1918 nach 1922 schreibt Heike Wolf sehr geschickt, indem sie die Trennung der Ereignisse durch eine Passage in 1989 herbeiführt, in der die fast 80jährige Charlotte ihrer Großnichte aus dieser Zeit berichtet. So bleibt nichts auf der Strecke und dennoch kann diese Geschichte gekonnt unterbrochen und an anderer Stelle weiter geführt werden.

Der Leser des ersten Teils muss sich darauf gefasst machen, dass er den zweiten Teil unbedingt lesen will. Es bleiben nämlich Fragen offen, deren Antwort man nicht ohne weiteres selbst herleiten kann. Heike Wolf macht neugierig auf mehr und das auf eine sehr charmante Art und Weise – mit kleinen Andeutungen, die eben die Lust auf Teil 2 wecken.

Historischer Hintergrund:
Ich weiß, dass die Autorin stets gründlich recherchiert. Insofern ist der historische Hintergrund nachvollziehbar und belegt. Dennoch steht dieser nicht im Vordergrund, sondern ist stets die Kulisse für die Geschichte, die die Autorin erzählt. Fakten werden nicht oberlehrerhaft präsentiert sondern vielmehr in die Geschichte verwoben – ganz so, als sind sie ein Teil von ihr. Es macht auf diese Art und Weise viel Spaß nicht nur die Geschichte der Familie Schönau zu lesen sondern ganz nebenbei auch noch etwas zu lernen.

Fazit:
Ein großartiges Buch, das mich als Leser alle Emotionen, derer ein Mensch fähig ist, durchleben ließ. Es hat mich zu Tränen gerührt und mit einer Wärme für einige Charaktere erfüllt, die unglaublich ist. Der zweite Teil ist Pflichtlektüre, denn es bleiben einige Fragen für diesen zweiten Teil übrig – gekonnt offen gelassen! Must read – nicht nur für Fans von historischen Romanen! 5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 26.01.2020

Hm… was soviel heißt wie „großartig“

Snöfrid aus dem Wiesental (1). Die ganz und gar unglaubliche Rettung von Nordland
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Das Buch:
Es handelt sich bei diesem Buch um das Erste über den etwas grummeligen, auf jeden Fall aber sprechfaulen Snöfrid aus dem Wiesental, der eigentlich am liebsten seine Ruhe hat. Fakt ist, dass ...

Das Buch:
Es handelt sich bei diesem Buch um das Erste über den etwas grummeligen, auf jeden Fall aber sprechfaulen Snöfrid aus dem Wiesental, der eigentlich am liebsten seine Ruhe hat. Fakt ist, dass man alle Bücher unabhängig voneinander lesen kann. Wer jedoch den Snöfrid noch nicht kennt, fängt wohl besser mit diesem Teil an… Der kleine Kerl, der das Cover ziert, hat mein Herz quasi im Sturm erobert und mit ziemlicher Sicherheit hätte ich im Buchladen zugegriffen und nach dem Studium des Klappentextes und der ersten Seiten das Buch mitgenommen.
Das Buch besteht aus 30 relativ kurzen Kapiteln, von denen jedes mit einer zusammenfassenden Überschrift überschrieben ist. Es kann in einem Rutsch oder auch kapitelweise gelesen werden und ist geeignet z.B. als Gute-Nacht-Lektüre gelesen zu werden.

Worum geht’s?
Der Snöfrid rettet mehr zufällig einem Feenmännchen das Leben und fortan stehen beste Sahne für seinen Haferbrei und Brennholz für seinen Ofen bereit, wann immer der Snöfrid seine Höhle verlässt. Zunächst hält er dies für einen Zufall, bis es eines Tages an seiner Tür klopft – und das auch noch bei Dunkelheit. Snöfride lieben ihre Ruhe, sie gehen bei Dunkelheit schlafen und sie reden überhaupt nicht gern. Aber hier macht der Snöfrid, aus ihm selbst unerfindlichen Gründen, eine Ausnahme und findet sich kurze Zeit später in einem überhaupt nicht ruhigen Abenteuer wieder, in dem ihm viele seltsame Gestalten begegnen, er eine Prinzessin und eigentlich ein ganzes Land retten muss und einen Freund findet…

Charaktere:
Ich liebe Snöfrid! Eigentlich ist er ja ein ganz ruhiger Geselle, der es überhaupt nicht leiden kann, wenn etwas oder jemand seine Ruhe stört. Da er nicht gern spricht, ist sein meist gebrauchter Satz „Hm“… Gut, dass der Erzähler der Geschichte meistens weiß, was das genau bedeutet. Und so hmt sich Snöfrid auf direktem Weg in das Herz seiner kleinen und großen Leser. Darüber hinaus ist ein Snöfrid alles andere als dumm und so ist er der genau richtige Held und Abenteurer für eine Geschichte wie diese. Man muss ihn einfach mögen, mit ihm mitfiebern und bangen und sich die ganze Zeit fragen, ob er am Ende das Nordland retten kann.

Auch alle anderen Figuren sind liebevoll geschrieben mit ihren ganz eigenen Fähigkeiten und Eigenarten. Das Schöne an diesen Figuren ist, dass es dem Autor gelingt dem Leser das Gefühl zu geben, dass keine dieser Figuren fehlen darf. Jede ist ebenso wichtig wie die Andere – egal wie groß oder klein sie ist.

Schreibstil:
Andreas H. Schmachtl bedient sich eines ganz eigenen Schreibstils – er erzählt! Und zwar so, als würde der Leser ihm gerade in diesem Moment gegenüber sitzen und ihm zuhören. Er spricht seine Leserschaft direkt an und er erzählt seine Geschichte so, als hätte er sie vor kurzem gerade selbst erlebt. Oder anders gesagt, sie wurde ihm erzählt, von jenen, die dabei waren bzw. es wissen müssen, wie es wirklich war und er erzählt sie nun weiter. Ich finde diese Art der Erzählung großartig, sie macht diese Geschichte überaus lebendig und man fühlt sich selbst mittendrin.
Überdies hat er Wortkreationen entwickelt, die möglicherweise von einem Kind stammen können. Dummerdings ist so ein Wort, das man im gewöhnlichen Sprachgebrauch nicht als alltäglich empfindet. Auch nutzt er die Verneinung. Etwas ist eben NICHT so… Darüber hinaus bringt der Autor kleine Details, über die er früher im Buch erzählte, zu einem späteren Zeitpunkt wieder in Erinnerung, womit er es schafft den Leser in der Geschichte zu halten, denn auch hier spricht er den Leser direkt an z.B. mit Formulierungen „… wie wir ja bereits wissen“ oder er kündigt etwas an mit Formulierungen wie „… aber darauf kommen wir später zurück.“
Seine Geschichte erzählt er spannend und nimmt sich auch die Zeit, Dinge zu erklären, ohne dass es oberlehrerhaft wirkt. So lernt der Leser z.B. warum Rentiere im Schnee gut laufen können, wohingegen der Snöfrid so seine Probleme damit hat.

Am Ende des Buches hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass sowohl „Der Herr der Ringe“ als auch „Harry Potter“ als Inspiration für diese Geschichte gedient haben können. Es gibt einige Parallelen, die diesen Schluss zulassen. Aber trotz dieser Parallelen ist und bleibt Snöfrid eine Kindergeschichte, die überhaupt nichts Gruseliges an sich hat, dafür aber jede Menge Abenteuer und Heldentum.

Illustrationen:
Die Illustrationen sind liebevoll gezeichnet. Sie nehmen keinen furchtbar großen Raum im Buch ein, aber sie sind so platziert und gestaltet, dass sich der kleine wie der große Leser eine Vorstellung davon machen kann, was sich der Autor dabei gedacht hat. Durch z.B. große, runde Nasen werden Figuren niedlich und damit liebenswert. Selbst die schrecklichen Trolle sind in der Illustration nicht angsteinflößend. Mir gefallen die Bilder und oft genug musste ich sie mir etwas genauer anschauen, während ich die Geschichte las. Auf den oberen 1 bis 2cm einer jeden Seite wiederholt sich ein Bild vermutlich von Wiesental – das Zuhause des Snöfrid. Damit erscheinen die Seiten bunt, kindgerecht, aber nicht überfrachtet mit Bildern. Der Text überwiegt, was mir sehr gefällt.

Eignung für Kinder:
Die Geschichte ist perfekt geeignet – sowohl für jene, die sie sich vorlesen lassen, als auch jene, die bereits selbst lesen können. Der Umfang des Buches könnte für jüngere Leser noch etwas einschüchternd sein, sodass sich ein gemeinsames Lesen anbietet, aber ich denke spätestens am dem 3. Lesejahr sollte diese Geschichte auch allein gelesen werden können. Das gemeinsame Lesen könnte jedoch den Spaß an der Geschichte deutlich erhöhen.

Fazit:
Eine tolle Geschichte mit Parallelen in die Welt vom „Herrn der Ringe“ und „Harry Potter“, eine Geschichte voller Abenteuer und Heldentum und ganz viel Spaß beim Lesen und Vorlesen. Eine Kindergeschichte, die einfach gut ist! 5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 26.01.2020

Fakten, Fakten, Fakten

Der Tote im Fleet
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Das Buch:
Es handelt sich bei diesem Buch um den ersten Teil einer mehrteiligen Serie von Verbrechen im historischen Hamburg. Wir befinden uns im Jahr 1847 – 5 Jahre nach dem großen Brand von 1842, bei ...

Das Buch:
Es handelt sich bei diesem Buch um den ersten Teil einer mehrteiligen Serie von Verbrechen im historischen Hamburg. Wir befinden uns im Jahr 1847 – 5 Jahre nach dem großen Brand von 1842, bei dem große Teile der Innenstadt dem Feuer zum Opfer fielen.
Das Cover zeigt ein historisches Bild der Stadt Hamburg und hebt sich damit von heute üblichen Covers erfreulich ab. Auch der Klappentext trifft genau mein Interesse an Hamburgs Geschichte. Im Anhang befindet sich ein recht ausführlicher Epilog, in dem der Autor dem Leser Einblick in die belegbaren Fakten der Geschichte gewährt.

Worum geht’s?
Commissarius Hendrik Bischop wird eines Nachts zu einem Fleet gerufen, aus dem ein Toter geborgen wird, in dessen Taschen sich zwei Ziegelsteine gefunden werden und im Futter seines Mantels befinden sich Reste eines amtlich aussehenden Papiers. Niemand weiß, wer der Tote ist und was es mit den gefundenen Indizien auf sich hat. Eine Jagd nach der Identität des Toten und den Todesumständen durch die Hamburger Politik beginnt.

Charaktere:
Zitat S. 149: „Das personelle Geflecht hatte undurchschaubare Züge angenommen“. Genau dieser Gedanke, den Hendrik Bischop etwa zur Hälfte der Geschichte hat, dominiert auch meine Meinung zu diesem Buch. Der Leser wird mit so vielen Namen – zumeist historisch belegt – konfrontiert, dass es schwer fällt den Überblick zu behalten. Überdies sticht keiner der Charaktere tatsächlich heraus oder wird sonderlich tief gezeichnet. Das finde ich schade, denn gerade der Commissarius, welcher eine fiktive Person darstellt, hätte es meiner Ansicht nach verdient, dass man als Leser so etwas wie eine Verbindung zu ihm aufbaut. Hendrik Bischop hat es nämlich zwischen den ganzen Bauherren und Politikern wahrlich nicht leicht. Zudem fühlt er sich zur Tochter seines besten Freundes hingezogen. Aber auch diese Verbindung bleibt eher blass und unspektakulär.

Deshalb fällt es mir in diesem Fall sehr schwer, besonders viel über die eine oder andere Figur zu sagen. Ich kann noch nicht einmal feststellen, ob ich jemanden besonders mochte oder auch nicht, da mir tatsächlich kein Charakter tatsächlich nahe ging.

Historischer Hintergrund:
Der historische Hintergrund der Geschichte ist belegt und im Internet nachzuvollziehen. Mich hat die Geschichte mehr als nur einmal animiert nachzuschauen, was es mit den erwähnten Bauten und Zusammenhängen auf sich hat. Dies mag auch daran liegen, dass mir die Hamburgische Geschichte ohnehin sehr gefällt. Durch die Menge an Informationen, die der Autor dem Leser anbietet, ist es jedoch auch hier schwierig den Überblick zu behalten.

Gefallen hat mir jedoch, dass sich der Autor zunutze gemacht hat, dass die Brandursache nie wirklich aufgeklärt werden konnte. Dies hat zur Folge, dass sich der Leser Gedanken darüber macht, ob es sich möglicherweise – aufgrund der gelieferten Fakten – um Brandstiftung gehandelt haben könnte. Gesagt wird es so deutlich natürlich nie, aber zwischen den Zeilen findet man das ein oder andere Indiz.

Ebenfalls spannend finde ich den Umstand, dass viele der erwähnten Namen heute auf Straßenschildern in Hamburg zu finden sind, was eine weitere Suche im Internet interessant macht, sofern man sich für die Geschichte der Stadt interessiert.

Schreibstil:
Aufgrund der oben genannten Fakten liest sich der Roman ein bisschen wie ein Sachbuch, was mich als Leser in Erwartung eines Romans enttäuscht. Auch der Schreibstil des Autors erscheint etwas trocken und eben sehr sachlich, sodass kaum einmal etwas Stimmung aufkommt. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Stadt Hamburg 5 Jahre nach dem Brand eher grau in grau gewesen sein muss. Dies allerdings kann ich mir kaum vorstellen, denn auch nach dieser großen Katastrophe gab es Freizeitangebote, die der Autor auch selbst erwähnt.

Auffällig ist, dass der eigentliche Kriminalfall um den Toten aus dem Fleet eher im Hintergrund stattfindet – auch das stellt Hendrik Bischop irgendwann fest. Die Politik und die Wirtschaft dieser Zeit, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Deputationen und die Familien- und Standesklüngeleien hingegen stehen weit im Vordergrund.

Fazit:
Die politische und wirtschaftliche Geschichte Hamburgs aus der Zeit nach dem großen Brand dominiert diese Geschichte meiner Ansicht nach zu sehr. Die Aspekte, die einen Roman, einen Krimi ausmachen kommen dahingehend zu kurz und der Leser kann sich nicht wirklich mit den Charakteren anfreunden. Wer Sachbücher mag, könnte diesen Roman als gute Lektüre empfinden, wer einen klassischen Krimi erwartet, dürfte enttäuscht werden. 2 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 19.01.2020

Eine wundervolle Geschichte zwischen Fiktion und historischer Realität.

Ferne Wolken
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Das Buch:
Es handelt sich bei diesem Buch um den ersten Teil der dreiteiligen Familiensaga um die Familie Allender, das die Jahre 1831 bis 1861 umfasst. Insgesamt wird die Saga über 100 Jahre berichten. ...

Das Buch:
Es handelt sich bei diesem Buch um den ersten Teil der dreiteiligen Familiensaga um die Familie Allender, das die Jahre 1831 bis 1861 umfasst. Insgesamt wird die Saga über 100 Jahre berichten. Das Cover des Buches hebt sich von denen der heute gängigen für historische Romane wunderbar ab. Ein Grund, weshalb ich im Buchladen mit Sicherheit zugegriffen hätte um mir den Klappentext durchzulesen. Ich bedanke mich bei Heike Wolf für die Möglichkeit, dass ich dieses Buch in einer überaus lebhaften und informativen Leserunde lesen durfte.

Worum geht’s?
Frances und Alistair Allender haben sich in Carlyle ein florierendes Handelsgeschäft aufgebaut und insgesamt 5 Kinder großgezogen, welche aus unterschiedlichen Gründen über die Vereinigten Staaten verteilt leben. Während Malcolm gemeinsam mit seiner unverheirateten Schwester Aileen in Philadelphia lebt, führt Hamish in Mississippi eine große Baumwollplantage und Duncan, der seine Freiheit und das einfache Leben über alles liebt, lebt in Texas. Nur Graham blieb in Carlyle und übernimmt das Geschäft der Familie und führt damit die Familientradition fort. Während eines Familienfestes lernt er Natalya, die Tochter russischer Einwanderer, kennen und verliebt sich in sie. Aus der Ehe der beiden, die Natalya nicht wollte, gehen die Kinder Maurice, Stuart und Claire hervor.

Während der Erstgeborene Maurice alle Liebe, derer seine Mutter fähig ist, genießt, ist Stuart das ewig ungewollte Kind, welches von seiner Mutter stets kritisiert, geschlagen und abgeschoben wird. Trotz aller Schwierigkeiten zwischen Natalya und Stuart entwickelt er sich großartig zu einem stattlichen, intelligenten jungen Mann, der viele gute Eigenschaften seiner Familie in sich vereint.

Charaktere:
Im Mittelpunkt dieses Auftaktromans stehen Natalya und Stuart. Beide Charaktere sind brillant geschrieben und der Leser kommt nicht umhin Natalya in weiten Teilen zu verabscheuen und unbändige Sympathie und Mitgefühl für Stuart zu entwickeln, der von Anfang an von Natalya einfach gar keine Chance bekam. Oftmals habe ich mich gefragt, wie ein Mensch so grausam sein kann, so ungerecht und berechnend wie es Natalya ist. Darüber hinaus ist Graham kein guter Vater. Nicht nur, dass er seine Kinder nicht vor ihrer Mutter beschützt, er beachtet sie gar nicht und so ist Stuart besser aufgehoben, wenn er nicht zu Hause lebt. Und er lebt eigentlich nie zu Hause – oder immer nur für kurze Zeit. Was zunächst aussieht wie ein Nachteil in seinem Leben, stellt sich zum Ende des Buches jedoch wie DER Vorteil dar. Stuart hat in sehr jungen Jahren bereits vieles von der Welt gesehen, hat unter dem Einfluss unterschiedlichster Menschen, die ihm zumeist wohlgesonnen waren, gelebt und konnte so seine Fähigkeiten entwickeln. Allerdings ist auch klar, dass er zumindest in seinen Kinder- und Jugendjahren Schwierigkeiten mit Autorität hat. Wie sich dies im weiteren Verlauf der Geschichte entwickelt, bleibt abzuwarten, denn immerhin bricht 1861 der Sezessionskrieg aus, in den auch Stuart ziehen muss.

Alle anderen Charaktere – selbst Nebenfiguren – sind ebenso vielschichtig geschrieben. Der Autorin gelingt es dem Leser das Gefühl zu geben, die Figuren zu kennen, bei manchen sogar ein Gefühl der Freundschaft zu entwickeln. Jedenfalls ging es mir so. Da sie jeweils nicht zu viele Schauplätze gleichzeitig wählt, ist es möglich, sich auf die Figuren, die gerade agieren, einzulassen, sich mitreißen zu lassen von ihren Schicksalen, Freude, Wut oder auch Mitleid zu empfinden. Nicht nur einmal konnte mich Heike Wolf derartig emotional packen, dass ich mich fühlte, als wäre ich selbst mitten drin im Geschehen.

Neben Stuart und Natalya ist mir Duncan besonders ans Herz gewachsen. Ihn muss man einfach mögen. Er ist der Onkel, den sich jeder wünscht, der einen so sein lässt, wie man eben ist – mit allen positiven und negativen Eigenschaften. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck und lässt jedem seine eigenen Entscheidungen. Er hat seine Meinung, tut diese auch kund, respektiert aber dennoch stets sein Gegenüber.

Historische Fakten:
Der historische Hintergrund dieser wunderbaren Geschichte ist belegt. Die Fakten kann der Leser im Internet nachlesen. Allerdings ist es deutlich spannender, bunter und nachhaltiger, den Roman zu lesen, in dem die kalten Fakten mit Leben gefüllt werden. So ist es deutlich emotionaler, wenn Frauen über ihren Verlust in Kriegen berichten, als wenn man im Internet liest, dass ein Krieg stattgefunden hat. Darüber hinaus hat Heike Wolf auf ihrem eigenen Blog die eine oder andere zusätzliche Erklärung eingestellt – so z.B. wie sich das Gesicht von Philadelphia während der von ihr gewählten Zeit verändert. Diese Veränderung greift sie in ihrem Roman ebenso auf wie das Zustandekommen des Sezessionskrieges und viele andere Informationen, die wir aus der Geschichte der Vereinigten Staaten heute kennen.
Die Historie verarbeitet sie so geschickt z.B. in Dialogen der Figuren, dass der Leser zu keiner Zeit das Gefühl hat, eine Abhandlung über die Zeit zu lesen, sondern stets mitten im Geschehen ist und so entsteht eine Verschmelzung von Fiktion und historischer Realität.

Schreibstil:
Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und sehr angenehm zu lesen. Ich dachte einmal, sie schreibt echt mit Stil. Damit meine ich, dass sie ihre Formulierungen der Tatsache anpasst, dass die Familie Allender zur gehobenen Gesellschaft dieser Zeit gehört. Nicht nur ihre Figuren sprechen so, nein auch ihre Erzählung über die Familie ist ebenso formuliert. Allein dieser Umstand versetzt den Leser in die passende Gesellschaftsklasse und die historische Zeit. Zwar weiß ich nicht, wie zur damaligen Zeit – im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten – gesprochen wurde, aber die eigene Vorstellung ist geprägt von Filmen und anderen Büchern. Dorthinein passt der Schreibstil aus meiner Sicht perfekt. Auch dass Figuren aus der unteren Gesellschaftsschicht anders sprechen als aus der gehobenen Klasse, unterstreicht dieses Indiz.

Die Geschichte ist zu jeder Zeit spannend, hält den Leser im Geschehen. Es gibt keine Längen, keine langweiligen Zeiten. Darüber hinaus weiß der Leser zu jeder Zeit, wann die Geschichte wo erzählt. Gerade in großen Familiengeschichten, die über lange Zeiträume und an vielen Orten spielen, ist es schwierig den Überblick zu behalten, wer wie alt ist, in welchem Jahr wir uns befinden und an welchem Ort. Dies hat die Autorin großartig gelöst, indem sie diese Informationen unauffällig immer wieder einstreut und so die ständige Orientierung gegeben ist.

Die Beschreibungen der unterschiedlichen Örtlichkeiten, Zeiten, Personen gelingt der Autorin durch die exzellente Auswahl von Adjektiven, die dazu führen, dass sich während des Lesens Bilder im Kopf aufbauen können. So habe ich mir z.B. Natalya als eine bildschöne Frau vorgestellt, die dennoch eine unnahbare und kalte Ausstrahlung hat.

Fazit:
Als ich die letzte Seite gelesen hatte, kam es mir vor als müsste ich Abschied von lieb gewonnenen Freunden nehmen und von einer furchtbaren Giftspritze, ohne die das Buch aber gar nicht auskäme. Ich werde die Allenders vermissen... bis es im Frühjahr weiter geht. Wer „Fackeln im Sturm“ oder „Vom Winde verweht“ mochte, wird dieses Buch lieben! 6 (wenn ich könnte) von 5 Sternen!

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Veröffentlicht am 05.01.2020

Familiendrama

Wider deinen Nächsten
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Das Buch:
Ich durfte dieses Buch im Rahmen einer Leserunde lesen, wofür ich mich beim Autor und dem Verlag bedanke. Das Cover des Buches gefällt mir. Es passt zur Geschichte, stellt die 3 Protagonisten ...

Das Buch:
Ich durfte dieses Buch im Rahmen einer Leserunde lesen, wofür ich mich beim Autor und dem Verlag bedanke. Das Cover des Buches gefällt mir. Es passt zur Geschichte, stellt die 3 Protagonisten gut dar und fügt sich nicht unbedingt in die Riege der momentan üblichen historischen Covers ein. Im Buchladen würde ich vermutlich allein des Trabis wegen zugreifen um den Klappentext zu lesen, da mich das Thema DDR gerade in der letzten Zeit sehr interessiert.

Worum geht’s?
Karl und Luise – ein Ehepaar im thüringischen Eichsfeld, nah der Grenze zur BRD – leben ein relativ normales Leben mit ihrer Tochter Jessica. Karl hat sich durch harte Arbeit bis auf den Posten des Betriebsdirektors im VEB Molikol gearbeitet und könnte nun stolz darauf sein. Jedoch schwelt in ihm seit ihrer Jugend die Eifersucht auf Martin, den Luise auch heute noch liebt. Martin verschwand nach dem entscheidenden Kampf zwischen Martin und Karl aus Luises Leben und meldete sich nie wieder. So könnte für Karl das Leben perfekt sein – mit der Frau, die er liebt, einer angesehenen Stellung und einer wunderbaren Tochter. Dennoch begeht er einen Fehler, der seine Folgen haben wird.

Charaktere:
Die Geschichte wird hauptsächlich zwischen Karl und Luise erzählt; es geht um ihr Leben in der DDR, in unmittelbarer Nähe zur Grenze und der 5km Sperrzone, in der Luises Mutter lebt.

Luise ist eine junge Frau, die als Jugendliche unsterblich in Martin – den Star ihrer Clique – verliebt ist. Für sie unerklärt verschwindet Martin eines Tages aus ihrem Leben und meldet sich nie wieder. So heiratet sie, nach einigem Hin und Her, dessen besten Freund Karl. Tief in ihrem Inneren lebt jedoch die Liebe zu Martin weiter. Obwohl diese Liebe tief geht, arrangiert sie sich in ihrer Ehe mit Karl und als ihre Tochter Jessica geboren wird, ist sich Luise sicher, dass sie ein gutes Leben an Karls Seite führen kann.
Luise entwickelt sich im Laufe der Geschichte zu einer starken Frau, die nichts mehr möchte, als ihre Familie zusammen zu halten. Dafür stellt sie alle ihre eigenen Befindlichkeiten hinten an, verzeiht Karl beinahe jeden Ausbruch und sogar als sie erfährt, dass er sich als IM verpflichtet hat, überwindet sie ihre Abscheu gegen ihn und geht wieder auf ihn zu. In meinen Augen mehr als nur ein kleiner Liebesbeweis!
Luise wurde katholisch erzogen – was in der DDR als eher unüblich gilt – war weder bei den Pionieren noch ist sie Mitglied der SED. Ihre eigene Vergangenheit hat sie gelehrt vor der Staatssicherheit auf der Hut zu sein, weshalb ich sie fast ein bisschen dafür bewundert habe, dass sie nach Karls Offenbarung über die Verpflichtung bei ihm blieb. Hier kam Karl aber sicherlich auch Luises Erziehung und die mahnenden Worte ihrer Mutter zu Hilfe. An dieser Stelle kann ich es nur schwer nachvollziehen, dass Luise sich – als Erwachsene – noch etwas sagen lässt. Nach Auskunft des Autors ist es jedoch so, dass die Verhältnisse unter der katholischen Erziehung tatsächlich so gewesen sind, dass sich die Frau unterzuordnen hatte. Ich habe dafür wenig Verständnis, konnte es anhand der Erklärungen jedoch verstehen. Luise ist für mich die Hauptfigur der Geschichte, da sie die Leidtragende in allen Situationen ist und dennoch nicht zerbricht.

Karl ist in meinen Augen ein sehr schwacher Charakter. Von früh an leidet er unter seinem mangelnden Selbstwertgefühl – zunächst Martin gegenüber, später gegenüber Luise. Er stellt sich gern selbst als Opfer dar und Luise ist schuld an allem. In einem Boxkampf mit Martin, als sie noch Teenager waren, gewinnt Karl das Recht um Luises Hand anzuhalten während Martin darauf zu verzichten hat.
Allein der Umstand, dass zwei junge Männer darum kämpfen, wer nun die geliebte Frau zum Altar führen darf, ohne eben diese zu fragen, was sie will, finde ich schon etwas seltsam. Andererseits, aufgrund der Tatsache, dass Martin einfach verschwindet, kann Luise nicht wissen, was aus ihm geworden ist und lässt sich deshalb auf Karl ein. Dies wiederum kann ich gut verstehen. Karl wusste aber immer, dass er nur die 2. Wahl ist und nimmt es billigend in Kauf.
Den Posten als Betriebsdirektor will er haben, weil er Luise beweisen will, dass er besser ist als Martin. Die Tatsache, dass Karl sich nach so langer Zeit immer noch mit Martin vergleicht und immer noch glaubt, beweisen zu müssen, dass er besser ist, lässt für mich den Schluss zu, dass sich an seinem Selbstwert nichts geändert hat. Dass er dafür aber eine Grenze überschreitet und sich – mit wirklich naiven Begründungen – auf die Stasi einlässt, macht ihn für mich so richtig unsympathisch. Als er bemerkt, dass er eben nicht nur belangloses Zeug abliefern kann, ist es zu spät. Da er nicht mehr ausbrechen kann, verändert er sich, verliert jeglichen Lebensmut und macht Luise nicht nur das Leben zur Hölle sondern wirft ihr vor, Schuld daran zu sein. Er musste ihr doch beweisen…
Karl ist ein Charakter, dem ich im wahren Leben wirklich nicht gern begegnen möchte. Er war mir immer unangenehm. Ich habe ihn mir groß und massig vorgestellt, während Luise eher zierlich wirkt, ihm also auch körperlich absolut unterlegen ist. Hin und wieder habe ich mich sogar gesorgt, dass Karl handgreiflich werden könnte.

Karl und Luise werden sehr fein beschrieben. Ich hatte ein ziemlich genaues Bild über die beiden im Kopf und konnte mir ihren Alltag lebhaft vorstellen. Luises Vergangenheit wird ebenfalls recht genau erzählt und vermittelt dem Leser ein sehr rundes Bild dieser Figur, sodass es leicht fällt sie zu mögen.

Demgegenüber steht Martin, der im Grunde ja der Auslöser für Karls Dilemma ist. Leider bleibt diese Figur sehr blass. Da Martin anfänglich nur in Luises Erinnerungen auftaucht, bleibt er für mich auch mehr oder weniger im Status Erinnerung hängen. Sehr viel weiter arbeitet er sich nicht daraus hervor, obwohl er ja wieder in Luises Leben tritt. Mich hätten seine Vergangenheit, seine Aufgabe in der Gegenwart, wegen der er zurückkam, und seine Verstrickung in die Fänge der Staatssicherheit sehr interessiert. Hierüber erfährt der Leser leider nichts oder nur einige Bruchstücke.

Schreibstil:
Der Schreibstil von Hans Montag ist flüssig. Mit vielen Details, die aber nicht ausufern, beschreibt er das Eichsfeld, sodass der Leser ein gutes Bild vor Augen haben kann. Auch das Leben in unmittelbarer Nähe der Grenze und der 5km Sperrzone klingt authentisch. Lieb gewonnen habe ich so kleine Beobachtungen wie z.B. einen Zivilen, der auf der Transit-Autobahn Fotos von Westautos macht, sollten sie sich Verfehlungen leisten.

Die Tristesse (z.B. die leeren Läden) der DDR stellt der Autor gut dar, wobei Karl und Luise ja in gehobenen Verhältnissen leben. Sie fahren Wartburg statt Trabi, sie wohnen in einem Haus usw.

Historischer Hintergrund:
Die Erzählung darüber, dass im Eichsfeld die katholische Kirche dominierte statt der SED hat mich dazu genötigt im Internet nachzuschauen. Und tatsächlich, es gab diesen Landstrich in der DDR, in dem die Kirche und nicht die Partei regierte. Das finde ich sehr spannend und interessant zu lesen, zumal dieser Einfluss immer und immer wieder im Leben von Karl und Luise auftaucht.

Demgegenüber kommt mir der Bericht über die Arbeitsweise der Staatssicherheit deutlich zu kurz. Zwar wird immer wieder erwähnt, an welcher Stelle sie ihre Finger im Spiel gehabt haben soll, aber wirklich davon erzählt, was passiert ist und warum wird leider nicht. Da der Klappentext versprach, dass hier die Geschichte einer Familie erzählt wird, die an der Stasi zerbrochen ist, hatte ich mir mehr in diese Richtung erwartet.

Fazit:
Alles in Allem ist diese Geschichte ein gelungenes Familiendrama, das zum Ende hin vielleicht etwas schnell abgehandelt wird. In Karl und Luise kann sich der Leser gut hineinversetzen, Martin bleibt mir zu blass. Auch das Thema Stasi wird nur erwähnt, aber leider nicht erklärt. 3 von 5 Sternen.

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