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Veröffentlicht am 04.06.2026

Ein Roman im Stil des Pointillismus

Die Straße
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Der 1966 geborene österreichisch-deutsche Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler Robert Seethaler zeigt in seinen Romanen immer wieder sein Herz für die „kleinen Leute“ und deren Kampf für ein ...

Der 1966 geborene österreichisch-deutsche Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler Robert Seethaler zeigt in seinen Romanen immer wieder sein Herz für die „kleinen Leute“ und deren Kampf für ein würdevolles Leben mit ein bisschen Glück. Zuletzt gehörte "Das Café ohne Namen" zu meinen Lieblingsbüchern 2023, genau wie "Ein ganzes Leben" einige Jahre zuvor.

In seinem neuen Roman "Die Straße" setzt er deren unspektakulären Bewohnerinnen und Bewohnern ein Denkmal. Die Heidestraße, vermutlich in einer deutschen oder österreichischen Großstadt gelegen, erhielt ihren Namen 1839 und ist Teil eines gewachsenen Arbeiterquartiers. Trotz deutlicher Verfallszeichen ist sie vielen nicht nur Wohnstatt, sondern Heimat. Für Identifikation sorgt Kleingewerbe wie eine Bäckerei, eine Fleischerei, ein Blumenladen, ein neues Antiquariat, eine Kneipe und eine Gastwirtschaft, dazu ein Pflegeheim und das alljährlich im trostlosen November stattfindende Heidestraßenfest der Gewerbetreibenden. Vom Zeitraum zwischen zwei Festen, der genau mit der Lebensdauer des glücklosen Antiquariats zusammenfällt, handelt das Buch.

Ein Buch aus Fragmenten
Allerdings ist "Die Straße" kein Roman im üblichen Sinn mit linearer Erzählstruktur und klassischem Handlungsstrang. Robert Seethaler wählt stattdessen die Form einer Collage aus Dialogen, inneren Monologen, Gerüchten, Beobachtungen, Andeutungen, Dokumenten, Anordnungen und Briefen, die in ihrer radikalen Umsetzung experimentell anmutet.

Überraschenderweise kann man sich nach einer kurzen Phase der Irritation schnell in den zwischen ein paar Wörtern und wenigen Seiten langen, wie hingetupft wirkenden über 250 Fragmenten zurechtfinden. Selten knüpfen sie direkt aneinander an und fügen sich trotzdem langsam zu einem Gesamtbild.

Mehr als nur die übliche Seethaler-Melancholie
Einziger Wermutstropfen ist für mich, dass die Melancholie, die ich sonst in Robert Seethalers Büchern überaus schätze, dieses Mal etwas zu sehr die Oberhand gewinnt. Eine Bäckerin, die einen Obdachlosen regelmäßig mit Kaffee und Brötchen versorgt, ein aufopferungsvoller, lebenspraktischer Hausarzt und ein Paar mit Kindern, das sich zum Leidwesen der Nachbarschaft allabendlich lautstark miteinander vergnügt, gehören zu den wenigen Lichtpunkten im Meer der Ausweglosigkeit. Es herrscht viel Tristesse, ausgelöst unter anderem durch skrupellose, vom Magistrat unterstützte Immobilienspekulanten, denen jedes Mittel zur Entmietung der Wohnungen recht ist. Es gibt Todesfälle, nicht nur im Pflegeheim, den Suizidversuch einer hoffnungslos Verliebten, einen drogensüchtigen Geistlichen, Rassismus, der selbst vor dem beliebten Arzt nicht haltmacht, üble Nachrede, Korruption, Wut und ganz besonders Einsamkeit. Bei den Festen beklagt die Polizei eine Zunahme von Beleidigungen, Sachbeschädigungen, Diebstählen und sogar Körperverletzungen. Selbst der heilige Jolander, dessen von Maurerlehrlingen in jüngerer Vergangenheit angefertigte Statue den einzigen Schmuck der Heidestraße bildet, ist eine fantasievolle Erfindung eines Gemeindemitglieds und bröckelt.

Ein Kunstwerk in Sprache und Form
"Die Straße" ist für mich zwar nicht Robert Seethalers bestes Buch, aber beeindruckt hat mich das vielstimmige Gewirr, durch das der Autor seine Leserinnen und Leser meisterhaft führt, trotzdem. Typische Merkmale seiner Bücher, wie der Minimalismus, die in jedem Fragment wechselnde Sprache, die feine Beobachtungsgabe, das Fehlen jeglicher Sentimentalität oder Wertung und die ganz eigene Poesie hat der Autor in diesem Roman über das breite Spektrum menschlicher Erfahrungen perfektioniert.

Es wäre sehr bedauerlich, sollte Robert Seethaler seine Ankündigung wahrmachen und seine Schriftstellerkarriere mit "Die Straße" beenden. „Wer nichts hat“, sagt der junge Antiquar aus der Heidestraße einmal, „kann in Büchern alles finden“ (S. 12). Für die Bücher von Robert Seethaler gilt das unbedingt.

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Veröffentlicht am 24.05.2026

Ein Mann und 17 Hunde

Penny, Prince und Ginny
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Ein Leben lässt sich anhand von Wohnorten, Tätigkeiten oder Reisen erzählen oder, wie im Falle des ebenso berühmten wie gefürchteten englischen Kunstkritikers Brian Sewell (1931 – 2015), anhand von Haustieren. ...

Ein Leben lässt sich anhand von Wohnorten, Tätigkeiten oder Reisen erzählen oder, wie im Falle des ebenso berühmten wie gefürchteten englischen Kunstkritikers Brian Sewell (1931 – 2015), anhand von Haustieren. Ab dem vierten Lebensjahr bis zu seinem Tod lebte er mit Hunden zusammen, eine weltkriegsbedingte Unterbrechung zwischen 1939 und 1945 ausgenommen. Sie hießen, "Penny, Prince und Ginny", wie Buchtitel verrät, aber auch Susie (Susannah), Hecate, Schubert, Gamage, Spinoza, Trollop, Titian, Mrs Macbeth, Mop (Mopsuestia), Nusch, Winck (Winkelmann), Jack (Giacometti), Lottie oder Gretel, wobei die Namensfindung im Freundeskreis stets ein besonderer intellektueller Spaß war.

Es waren meist Mischlinge, überwiegend aufgegebene Tiere, und nur ein Whippet, eine Rasse, der Brian Sewells besondere Sympathie galt, hatte einen Stammbaum. Sie waren schön oder hässlich, hochintelligent oder dumm, fröhlich oder missvergnügt, verfressen oder wählerisch, aufsässig oder folgsam, in jedem Fall ausgeprägte Persönlichkeiten mit unverwechselbaren Charakteren. Nicht alle liebte er gleichermaßen hingebungsvoll und litt darunter, wenn er es nicht konnte.

Alles für die Hunde
Brian Sewell stellt die Hunde, nicht sich selbst, in den Mittelpunkt seines 2013 erschienen, nur 180 Seiten umfassenden Buches, das nun in der stilgerechten Übersetzung von Claudia Feldmann auf Deutsch vorliegt. Der englische Originaltitel "Sleeping with Dogs" weist auf eine unter Hundehaltern umstrittene Eigenheit des Exzentrikers Brian Sewell hin: Er legte großen Wert darauf, sein Bett mit den Hunden zu teilen. Bei Tisch erhielten sie grundsätzlich ihre Happen, gelegentlich fütterte er sie mit Schokolade und Keksen. Als er in London ein Haus ohne Garten bewohnte, legte er die Kadaver in einen Weidenkorb auf der Dachterrasse. Im Garten seines letzten Hauses in Wimbledon erhielten sie, genau wie die exhumierten Knochen früherer Hunde, zwei eigens gepflanzte Bäume bzw. einen steinernen Sarkophag mit der Inschrift „DOMINICANES“ (Gottes Hunde). Zimperlichkeit in Bezug auf Ausscheidungen und Gerüche aller Art war ihm fremd, weshalb ich bei der Lektüre froh war, ihn nur lesend zu besuchen.

In "Penny, Prince und Ginny" erzählt Brian Sewell von lustigen und traurigen Hundeerlebnissen, langen Spaziergängen durch Londoner Parks mit bis zu sechs Hunden an den Leinen, Kontakten zu Tierärzten, die zu seinen wichtigsten Helfern wurden, und der Trauer beim Tod seiner langjährigen Gefährten, die jedes Mal schlimmer wurde.

13 Kapitel, dazu Vorwort, Coda und Danksagung, widmet Brian Sewell seinen Hunden und kann über sie ebenso hingebungs- und humorvoll schreiben wie über Kunst und Kunstschaffende, allerdings deutlich nachsichtiger. Zugute kommt ihm eine beeindruckend genaue Beobachtungsgabe und deren präzise sprachliche Umsetzung, die mir besonders bei den Beschreibungen der zwischenhündischen Interaktionen in immer neu zusammengesetzten Gruppen gefiel.

Wunderschön illustriert, amüsant und unterhaltsam zu lesen
Ein besonderer Genuss sind die feinen Strichzeichnungen von Sally Ann Lasson, die bereits Brian Sewells britisch-skurriles Büchlein "Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt" charmant und absolut passend illustriert hat.

Das Buch endet kurz vor Brian Sewells Tod, als er sich krankheitsbedingt die Betreuung seiner letzten beiden Hunde mit einem Freund teilte. Man erfährt leider nicht, ob sich sein letzter Wunsch nach einem Tod im eigenen Bett, umgeben von seinen Hunden, erfüllte.

Ein unterhaltsames Büchlein, ein ideales Geschenk für Hundefans und alle, die Tiere mögen, oder die Begeisterung dafür verstehen möchten.

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Veröffentlicht am 24.04.2026

Falsche Abzweigungen

Grüne Welle
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Es gibt Bücher, über deren Inhalt man zu Beginn der Lektüre am besten gar nichts weiß. "Grüne Welle", der zweite Roman der 1993 geborenen Juristin und Autorin Esther Schüttpelz, ist ein Beispiel dafür. ...

Es gibt Bücher, über deren Inhalt man zu Beginn der Lektüre am besten gar nichts weiß. "Grüne Welle", der zweite Roman der 1993 geborenen Juristin und Autorin Esther Schüttpelz, ist ein Beispiel dafür. Kaum mehr als die Ausgangssituation und der Inhalt des ersten der 24 Kapitel soll deshalb in dieser Rezension verraten werden, vor allem nicht das Kernthema, damit sich mögliche Leserinnen und Leser bei der Lektüre ebenso überraschen lassen können wie ich.

Die Umleitung
Im Radio läuft „Life is a Rollercoaster“ (Das Leben ist eine Achterbahn) des irischen Sängers Ronan Keating aus dem Jahr 2000, als „die Frau“, ungefähr Mitte 40, nach dem monatlichen Kinobesuch mit ihrer Freundin in ihr Auto steigt, um nach Hause zu fahren. Sie kennt den Weg, aber dann zwingen eine Baustelle und ein Umleitungsschild sie zum Abweichen von der bekannten Route. Zunächst weiß sie noch, wo sie ist, erkennt die Straße, in der sie als junge Künstlerin ihre erste Einzelausstellung hatte, aber je weiter sie fährt, desto weniger vertraut ist ihr die Umgebung. Als sie gar an einem missverständlichen Schild die falsche Abzweigung nimmt, hat sie die Orientierung gänzlich verloren. Sie beschließt, an der nächsten roten Ampel ihren sicher längst besorgten, wahrscheinlich wütenden Mann zu informieren und zu wenden, aber jede Ampel wird, wie sie erstaunt feststellt, spätestens beim Draufzufahren grün:

"[…], und der Frau blieb nichts anderes übrig, als wieder mehr Gas zu geben und weiterzufahren." (S. 17)

Sie passiert das Ortsausgangsschild, kommt auf die Landstraße, überlässt sich dem Zufall der Ampelschaltungen und fährt und fährt und fährt…

Außen und innen
24 Stunden lang begleiten wir die Frau, sitzen mit ihr im Auto, erleben sie an der Tankstelle, bei einem Wildunfall, mit zwei jungen Tramperinnen und schließlich wieder allein. Vor allem aber folgen wir ihrem inneren Monolog, ihren Erinnerungsfetzen, die umso dichter werden, je weiter sie sich von ihrem Zuhause entfernt, den Entscheidungen, die sie in ihrem Leben getroffen hat, und erleben, wie sie sich immer mehr an ihre Gefühle, Ängste und Schmerzpunkte herantastet.

Ein Roman mit enormem Sog
Obwohl "Grüne Welle" vordergründig harmlos beginnt und sich erst allmählich entfaltet, hatte ich sofort ein Gefühl der Bedrohung, das mich nicht mehr verließ. Die innere Reise der Frau, deren wirklichen Namen, Aussehen und genaues Alter wir nicht erfahren, hat bei mir einen anhaltenden Sog entfaltet. Dazu tragen der äußerst raffinierte Aufbau der Geschichte und die besondere Erzählweise von Esther Schüttpelz bei, die ein perfektes Gefühl für Tempoveränderungen, Schwebezustände, Entfernung und Nähe sowie Bildsprache hat, sei es beim Motiv der Rahmen, aus denen heraus die Künstlerin ihre Bilder entwickelt, beim Umleitungsschild oder beim überfahrenen Reh. Die Sprache ist konzentriert, der Stil lebt von Wiederholungen, die das Gesagte umso stärker einbrennen. Die personale Erzählperspektive wechselt in sieben der Kapitel zur Freundin und ergänzt die Sicht der Frau im Auto von außen. Auch die Freundin bleibt, wie alle Figuren im Buch, namenlos, genau wie der Ort der Handlung, was darauf hinweist, dass es der Autorin nicht nur um ein Einzelschicksal geht, sondern vielmehr um ein gesellschaftliches Muster.

Ein überaus raffiniert erzählter, überraschender, nur gut 200 Seiten umfassender Roman und eine große Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 06.04.2026

Ein bunter Strauß Geschichte

Schwebende Lasten
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Wer liest, kennt das Phänomen: Man möchte einen neuen Roman unbedingt lesen, aber schon kommt die neue Büchersaison, neue Vorschauen stapeln sich, neue Lesewünsche verdrängen die alten. So erging es mir ...

Wer liest, kennt das Phänomen: Man möchte einen neuen Roman unbedingt lesen, aber schon kommt die neue Büchersaison, neue Vorschauen stapeln sich, neue Lesewünsche verdrängen die alten. So erging es mir 2025 mit "Schwebende Lasten" von Annett Gröschner, ein vielgelobter Roman, der auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025 stand und 2026 sowohl mit dem Evangelischen Buchpreis als auch mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet wird.

Um die Lücke doch noch zu schließen, habe ich auf das ungekürzte Hörbuch zurückgegriffen und der ausgezeichneten Sprecherin Michaela Winterstein gut 7,5 Stunden lang mit großer Freude zugehört. Ihre angenehm warme Stimme glänzt bei den traurigen, glücklichen und komischen Abschnitten gleichermaßen und vermeidet jedes Pathos, ganz im Sinn der Autorin und der Protagonistin Hanna Krause, über deren Charakter es heißt:

"Bevor Hanna grübeln konnte, war sie schon am Machen".

Grund zum Grübeln hätte es in ihrem fast 90 Jahre währenden Leben von 1913 bis 1992 reichlich gegeben, wie man gleich zu Beginn erfährt. Sie erlebte zwei Revolutionen, einen Aufstand, zwei Weltkriege mit zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, übte zwei Berufe aus, Blumenbinderin und Kranführerin, gebar sechs Kinder und konnte zwei davon nicht begraben.

Ein Leben ohne Pausen
Hanna Krause, geborene Borowski, entstammte dem klassischen Arbeitermilieu Magdeburgs und wuchs, nachdem der Vater früh verschwunden und die Mutter verstorben war, im Hinterzimmer des Blumenladens ihrer wesentlich älteren Halbschwester auf. Damit war der Grundstein zu einer lebenslangen Liebe gelegt: zu den Blumen, mit denen sie sprach, die ihr Kraft gaben, aus denen sie mit viel Fantasie und Schönheitssinn immer neue Kompositionen schuf und die sie, wo immer möglich, selbst aussäte und hegte.

Bevor Hanna ihren eigenen Blumenladen im eng verwinkelten Armenviertel Magdeburgs, genannt "Knattergebirge", im Krieg mangels Nachfrage schließen musste, beauftragte ein mysteriöser Kunde sie im Herbst 1938 mit der Kopie eines Straußes auf dem Gemälde "Blumenvase in Fensternische" von Ambrosius Bosschaert (1573 - 1621), damals eine Unmöglichkeit, da die Blumen nicht gleichzeitig blühten. Die im Voraus bezahlte Kompromisslösung holte der Unbekannte aus ungeklärten Gründen nie ab. Erst nach der Wende sah Hanna das Originalgemälde anlässlich ihrer einzigen Auslandsreise im Mauritshuis in Den Haag und bewahrte die Postkarte des Fremden bis zu ihrem Tod auf. Die 21 Blumensorten des Arrangements samt kurzer Charakterisierung bilden zusammen mit "Libelle", "Fliege", "Raupe" und "Schneckenhaus" die 25 Kapitelüberschriften des Romans.

Zweimal wurde die Familie ausgebombt, der Sohn einzige Johannes starb vor Hannas Augen im Bombenhagel, eine Tochter kam tot zur Welt. Ihr Mann Karl war glücklos, schwach, verlor bei einem Arbeitsunfall ein Bein und trug wenig zum Familieneinkommen bei. Stets war es Hanna, die trotz ihrer vielen Schwangerschaften – zu den sechs Geburten kamen Fehlgeburten und Abtreibungen – mit bewundernswertem Pragmatismus, Mut, Fantasie, Anpassungsvermögen und Überlebenswillen, klaglos, nie verzagend und immer mit dem Blick nach vorn die Familie rette, selbst wenn sie dafür beispielsweise ihre Höhenangst beim Besteigen eines Krans überwinden musste.

Einzelschicksal und Zeitgeschichte
Die 1964 in Magdeburg geborene, in Berlin lebende Autorin Annett Gröschner beschreibt in "Schwebende Lasten" ein fiktives deutsches Frauenschicksal des 20. Jahrhunderts, das exemplarisch für Millionen steht, über das sich jedoch Geschichtsbücher ausschweigen. Chronologisch, bis auf einen persönlichen Satz am Ende in personaler Form erzählt und mit schlichten, nüchternen, dem Charakter Hannas entsprechenden Sätzen ohne jede Sentimentalität wird deutsche und Magdeburger Geschichte lebendig.

Auch wenn das letzte Drittel stark gerafft ist und ich die Namen und Schicksale der Enkelinnen schwer unterscheiden konnte, habe ich das Hören sehr genossen.

Unbedingte Lese- oder Hörempfehlung!

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Veröffentlicht am 02.04.2026

Vom Weggehen und Bleiben

Die Riesinnen
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Das fiktive Dorf Wittenmoos im Südschwarzwald ist der Schauplatz des literarischen Debüts der Autorin Hannah Häffner, die zuvor bereits drei Nord- bzw. Ostseekrimis veröffentlicht hat.

In einer dörflichen ...

Das fiktive Dorf Wittenmoos im Südschwarzwald ist der Schauplatz des literarischen Debüts der Autorin Hannah Häffner, die zuvor bereits drei Nord- bzw. Ostseekrimis veröffentlicht hat.

In einer dörflichen Gemeinschaft, die jede Form von Individualität ausgrenzt, fallen die Frauen der Familie Riessberger schon durch ihr Äußeres aus dem Rahmen: mit ihrer auffallenden Größe, hageren Gestalt, geradem Rücken, roten Locken und heller Haut. Was sie einerseits einschränkt, eröffnet ihnen gleichzeitig Freiräume abseits der üblichen Wege.

In fünfzehn Kapiteln, fünf für jede der drei Frauen aus drei Generationen, erzählt Hannah Häffner chronologisch weit mehr als nur deren Lebensgeschichte. Es geht um Zugehörigkeit und Außenseitertum, Fernweh, Wurzeln, die einerseits Sicherheit geben, andererseits binden, Freiheit, die im Gehen oder Bleiben liegen kann, Fremd- und Selbstbestimmung, Mütter und Töchter, Freundschaft und Liebe, allmähliche Veränderungen in der Dorfgesellschaft, zeitgeschichtliche Ereignisse wie die Anti-Atomkraftproteste in Wyhl oder den Mauerfall und vor allem um Heimat, die allen in den Knochen steckt, ob sie wollen oder nicht:

"Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?" (S. 100)

Drei Frauen und ihr Wald
Neben Liese, Cora und Eva steht der Wald als vierter Protagonist im Mittelpunkt, ohne den man sie nicht verstehen kann. Er ist ihnen Ruhe-, Trost-, Kraft- und Zufluchtsort, wenn sie nicht mehr weiterwissen:

"Dieser Wald, den man nicht aus sich herausbekommt, auch wenn man ihn verlässt." (S. 6)

Es beginnt mit Liese, die Anfang der 1960er-Jahre in einer lieblosen Ehe mit dem dominanten designierten Metzgereierben Bernhard feststeckt. Die Geburt ihrer Tochter Cora setzt ihren Träumen vom Weggehen ein Ende. Nach Bernhards frühem Unfalltod kämpft sie als alleinerziehende Mutter wie eine Löwin um ihre und Coras Zukunft. Mit  großer Willenskraft und Fleiß ertrotzt sie sich zwar nicht Zuneigung, doch zumindest Anerkennung im Dorf.

Cora vermisst Bernhard genau so wenig wie Liese. Mobbing und Übergriffe auf das „Satanskind“ lassen sie zu einer wütenden Jugendlichen heranwachsen mit nur einem Ziel: fort aus Wittenmoos. Liese respektiert Coras Freiheitsdrang und nimmt sie bei ihrer unfreiwilligen Rückkehr ohne Vorwürfe wieder auf:

"Aber das ändert ja nichts daran, dass sie für so ein Leben nicht gemacht, nie gedacht gewesen ist. Sie hat die ganze Welt sehen wollen, stattdessen ist ihre Welt nun winzig." (S. 223)

Coras Tochter Eva kennt kein Außenseitertum, die Welt hat sich auch in Wittenmoos verändert, sie ist lustig, beliebt und strotzt vor Selbstbewusstsein. Cora legt ihr die Welt zu Füßen, aber Evas Vorstellung von Freiheit ist eine andere:

"Sie könnt alles werden, aber es scheint, als wollt sie dies Alles gar nicht." (S. 260)

Literarisch, intensiv, unterhaltsam
"Die Riesinnen" ist ein Roman mit einem ganz eigenen Zauber, der mich von der ersten Seite an gefesselt hat, und beweist, dass literarischer Anspruch und gute Unterhaltung kein Widerspruch sind. Nachhaltig beeindruckt hat mich die enge Verbindung der Frauen, die sich dennoch Freiräume lassen, Entscheidungen akzeptieren, die sie nicht verstehen, und Geheimnisse respektieren.

Die 1985 in Heidelberg geborene Hannah Häffner hat einen Heimatroman im besten Sinn geschrieben, einen Dorf- und Familienroman ohne Pathos und Klischees, anrührend ohne Rührseligkeit, mit mehrdimensionalen, unvergesslichen Protagonistinnen und fantastischen Waldbeschreibungen. Die Erzählstimme ist je nach Hauptfigur moderat angepasst, jedes Wort und Bild sitzt, die Sätze sind präzise, ruhig, oft poetisch und brennen sich ein:

"Man muss einen Ort nicht lieben, um ihn nicht loszuwerden, wohin man gehört, entscheidet man schließlich nicht selbst. Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde, und man muss dann damit leben." (S. 340)

Unbedingt lesen!

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