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Veröffentlicht am 01.04.2025

Einschnitte

Halbinsel
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Das Daumendrücken war erfolgreich: Völlig zurecht wurde Kristine Bilkau, Journalistin und für mich eine der wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen im deutschen Sprachraum, für ihren vierten Roman "Halbinsel" ...

Das Daumendrücken war erfolgreich: Völlig zurecht wurde Kristine Bilkau, Journalistin und für mich eine der wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen im deutschen Sprachraum, für ihren vierten Roman "Halbinsel" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025 in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet.

Mutter und Tochter
Die nicht näher benannte titelgebende "Halbinsel" liegt im nordfriesischen Wattenmeer. Hier wohnt in eigenem Häuschen in einem 1300-Seelen-Dorf die Ich-Erzählerin, Bibliothekarin und Endvierzigerin Annett, die nach dem frühen, plötzlichen, schlecht verarbeiteten Tod ihres Partners Johan die gemeinsame Tochter Linn alleine großgezogen hat. Beide haben nach dem Schicksalsschlag perfekt funktioniert, Annett in ihrer Rolle als fürsorgliche, behütende, Schlimmes fernhaltende Mutter und Versorgerin, Linn durch Ehrgeiz, der sich schon als Kleinkind manifestierte, als sie mit anderthalb Jahren jede Treppe alleine hochkletterte. Inzwischen hat Linn zielstrebig zuerst das Abitur, dann diverse Praktika in europäischen Waldprojekten und schließlich ein Studium der Umweltwissenschaften mit dem Master in Lund abgeschlossen.

Ein Sommer zu zweit
Mit Linns erstem, gutbezahlten Job in einer Berliner Beratungsfirma für die Förderung und Finanzierung von Umweltprojekten scheinen sich die beiderseitigen Erwartungen zu erfüllen. Annett ist froh, die finanzielle Herausforderung gemeistert zu haben und blickt voller bewunderndem Stolz auf die erfolgreiche Tochter, Linn will sich mit Idealismus und Knowhow für die Umwelt engagieren. Alles spricht dafür, dass sie Karriere machen wird, anders als Annett, die durch die frühe Schwangerschaft und den Umzug von Kiel aufs Land eigene berufliche Hoffnungen zugunsten der Familie aufgab. Doch dann bricht Linn bei einem Vortrag zusammen. Aus einer Woche zuhause an der Nordsee wird ein ganzer langer Sommer, in dem Mutter und Tochter wieder zueinanderfinden und ihre Beziehung auf eine neue Grundlage stellen müssen. Für Annett gilt es, sich ihren Ängsten und der Leerstelle in ihrem Leben zu stellen, ihre Erziehungsgrundsätze kritisch zu überdenken, ihre Zukunft zu planen, Antriebslosigkeit und Menschenscheu zu bekämpfen und zu lernen, ihren eigenen Fähigkeiten, vor allem aber denen Linns zu vertrauen.

Hat sie ihrer Tochter zu wenig Freiheit gewährt, sie stattdessen mit ihrer Fürsorge erdrückt? Hat sie ihre eigenen unerfüllten Hoffnungen auf die Tochter projiziert? Warum kann sie so schwer mit Linns Sinnkrise und ihrem Wunsch nach einer Pause umgehen, was ihr Linn zum Vorwurf macht?

"Zum ersten Mal, zum allerersten Mal ist es so, dass ich nicht weiterkomme. Dass ich nicht zurechtkomme. Und du erträgst das nicht." (S. 100)

Existenzielle Fragen
Halbinsel ist einerseits eine hochinteressante Mutter-Tochter-Geschichte über Generationenunterschiede, veränderte Lebensvorstellungen und erdrückende Erwartungen mit Gedanken, die mir als Mutter erwachsener Töchter sehr nah sind. Andererseits geht es um die Bedrohungen durch den Klimawandel, die aufs Spiel gesetzte Zukunft und die Verlogenheit des CO2-Emissionshandels, bei der Linn nicht mehr mitspielen möchte:

"Darum ging es mir wohl, ich wollte zeigen, welchen unglaublichen Aufwand wir betreiben, um uns zu belügen und belügen zu lassen." (S. 146)

Den perfekten Rahmen für die beiden eng miteinander verwobenen Themen bildet die karge, sensible, durch Wind und Meer ständig im Umbruch befindliche Landschaft und Natur, ergänzt durch literarische und historische Bezüge. Wie immer bei Kristine Bilkau bleibt genug Spielraum für eigene Gedanken.

Dies zusammen macht den ruhig, linear, ohne Perspektivwechsel erzählten, einerseits melancholischen, andererseits auch hoffnungvollen Roman mit seiner beeindruckend präzisen, aufs Notwendigste reduzierten Sprache so absolut lesenswert und fraglos preiswürdig.

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Veröffentlicht am 10.03.2025

Ein bezauberndes musikalisches Liebesmärchen

Für Polina
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Kaum auf der Welt, schmiegen sich der runzlig-rote Hannes und die flaumig-dunkle Polina „wie zwei Maulwurfsbabys“ (S. 16) aneinander. Ihre alleinerziehenden, überglücklichen Mütter sind Zimmergenossinnen ...

Kaum auf der Welt, schmiegen sich der runzlig-rote Hannes und die flaumig-dunkle Polina „wie zwei Maulwurfsbabys“ (S. 16) aneinander. Ihre alleinerziehenden, überglücklichen Mütter sind Zimmergenossinnen in einer Hannoveraner Entbindungsklinik und fortan beste Freundinnen. Fritzi Prager steht kurz vor dem Abitur und begräbt ihren Traum vom Jura-Studium, die türkischstämmige Güneş holt auf der Abendschule ihr Abitur nach und beide putzen nun gemeinsam Netto-Markt. Fritzi findet ein 90-Quadratmeter-Zimmer in einer halbverfallenen Villa im Bissendorfer Moor beim schrulligen, 60-jährigen Ex-Klavierstudenten und Möchtegernschriftsteller Heinrich Hildebrand, der sich widerwillig von ihr und Hannes als Mietern überzeugen lässt. Nachdem auch Polina sein „Gletscherherz“ (S. 33) zum Schmelzen gebracht hat, sind sie und Güneş häufige Besucherinnen in der Moorvilla und die grundverschiedenen Kinder wachsen wie Geschwister auf. Hannes ist still, verträumt, langsam und beinahe lethargisch, Polina laut, wach und lernt schnell. Sie ist Hannes in allen Belangen überlegen, bis der Achtjährige Hildebrands altes Klavier entdeckt:

"Er fühlte das Instrument, bevor er es verstand." (S. 43)

Mit Hildebrands Unterricht macht das musikalische Wunderkind schnelle Fortschritte:

"So dömelig der Junge mit allem anderen war, so schnell begriff er am Klavier." (S. 45)

Und noch etwas hat Hannes Polina als Dreizehnjähriger voraus: Er lernt seinen Vater kennen, während sie dauerhaft unter dieser Leerstelle leidet.

Ein Ziel gerät aus dem Blick
Auch wenn Polina sich vorläufig – trotz Hannes' für sie komponierter Klaviersonate „Für Polina“ – anderweitig verliebt, hätte alles gut werden können, doch nach einem Drittel des Romans hat Hannes verloren, was sein Leben ausmacht. Ans Klavier mag er sich nicht mehr setzen, doch weil er nicht ganz davon lassen kann, wird er trotz seines ungeeigneten Körperbaus Klavierträger in Hamburg. Das Schicksal beschert ihm einen hünenhaften Arbeitskollegen, der zum Freund wird, eine Lebenspartnerin und eine trügerische Alltagsroutine:

"Er vermisste die Musik nicht, sie war ja noch da, auch wenn es nicht seine war, die erklang. Wenn er genug arbeitete, gelang es ihm, diese Lüge zu glauben." (S. 137)

Seine übermächtige Leerstelle bleibt Polina, sein Ausdrucksmittel Töne. Als er sich eines Tages spontan auf der Straße ans Klavier setzt und ein Video davon viral geht, könnte sein in Vergessenheit geratenes Ziel plötzlich wieder näherrücken…

Einfach verzaubern lassen!
Man kann "Für Polina" mit dem strengen Blick des Feuilletons beurteilen, eine Verletzung der Kitschgrenze, fehlenden Raum für Fantasie, statische Charaktere oder Überkonstruktion kritisieren und sich den Zauber, der sich bei mir ab dem ersten Satz einstellte, dadurch gründlich vermiesen. Arme Kritikerinnen und Kritiker! Glücklicherweise ging es mir völlig anders. Zwar meide ich sonst Liebesromane, besonders, wenn die pastelligen Cover eine Frau von hinten zeigen, aber mit dieser an ein Märchen erinnernden, manchmal aus der Zeit gefallenen Liebes- und Freundschaftsgeschichte hatte mich der 1985 geborene, für seine Reportagen vielfach ausgezeichnete ehemalige Spiegel-Journalist Takis Würger sofort am Haken. Ein bisschen Kitsch darf sein, wenn er, wie hier, immer rechtzeitig ironisch gebrochen oder, wie der Titel des Videos, eindeutig Satire ist. Meiner Fantasie bietet das gelungene Ende reichlich Platz und die von seinen Freunden unterstützte Wandlung Hannes‘ vom Objekt zum Subjekt war mir Entwicklung genug. Die geschickte Romankonstruktion mit linearer, leichtfüßiger Erzählweise, Wendungsreichtum, urigen Nebenfiguren, gekonnt platzierten Zeitsprüngen und Details zum Klavierträger- sowie Klavierstimmerhandwerk hat mir ausgezeichnet gefallen.

Ich kann "Für Polina" allen empfehlen, die sich gerne von einem gut geschriebenen, keinesfalls trivialen, dafür hoffnungsvollen musikalischen Liebes- und Freundschaftsmärchen verzaubern lassen möchten. Bei mir hat das hervorragend geklappt.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Reich und verkorkst

Verlassen
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Die erfolgreiche Krimireihe der 1988 geborenen Isländerin Eva Björg Ægisdóttir spielt an verschiedenen Orten im Westen der Insel, für die allesamt die Kripo Akranes zuständig ist. Schauplatz des vierten ...

Die erfolgreiche Krimireihe der 1988 geborenen Isländerin Eva Björg Ægisdóttir spielt an verschiedenen Orten im Westen der Insel, für die allesamt die Kripo Akranes zuständig ist. Schauplatz des vierten Bandes, "Verlassen", ist Snæfellsnes (['stn̥aiːfɛlsnɛs], „Schneeberghalbinsel“). Diese in den Nordatlantik ragende lange, schmale, dünn besiedelte und geschichtenträchtige Halbinsel bietet auf einer Fläche von 1 468 km² nahezu alles, wofür Island bekannt ist: einen erloschenen Vulkan, Lavafelder, Krater, spektakuläre Klippen, Höhlen, schwarze und weiße Strände, Schluchten, Wasserfälle, Berge, Robben- und Vogelkolonien.

Risse unter der Oberfläche
In dieser spektakulären Umgebung trifft sich im November 2017 der Snæberg-Clan. Hier, wo der sagenhafte Aufstieg der Familie zu einer der reichsten, bekanntesten und einflussreichsten der Insel in Wirtschaft, Politik und Partyszene mit einem Fischereibetrieb begann, kommen die Nachfahren zum 100. Geburtstag ihres verstorbenen Vaters, Großvaters und Urgroßvaters zusammen. Standesgemäß hat man ein ganzes abgelegenes, futuristisches Luxushotel mitten im Lavafeld gemietet. Während der Alkohol an diesem draußen wie drinnen zunehmend stürmischen Wochenende in Strömen fließt, werden, angeheizt durch Alkohol, Nähe, Bosheit und alte Geheimnisse, immer größere Spannungen und Risse sichtbar:

"Um unsere Familie zu verstehen, muss man sich eine Herde Flusspferde vorstellen, die in einem viel zu kleinen Wasserloch badet; alle rempeln sich gegenseitig an. Wenn so viele Egos aufeinanderprallen, kann jede Kleinigkeit das Fass zum Überlaufen bringen." (S. 28)

Zwei Zeitebenen, mehrere Perspektiven
In zwei nahe beieinanderliegenden Zeitebenen, dem 5.11.2017, an dem eine Leiche an den Klippen gefunden wird, und den beiden Tagen davor, und aus vier Ich-Perspektiven erfahren wir, was sich zugetragen hat. Jeweils aus ihrer Sicht schildern sie die beiden Tage vor dem Leichenfund: die etwa 30-jährige Hotelangestellte Irma mit ihrer Obsession für die Jetset-Familie, die etwa gleichaltrige Petra Snæberg, eine erfolgreiche Innenausstatterin, deren 16-jährige Tochter Lea Snæberg mit ihren Social-Media-Verstrickungen und der ganz und gar nicht standesgemäße Tischler Tryggvi, seit einem Jahr Partner von Petras alkoholkranker Tante. Alle vier leiden unter alten Geheimnissen und Verletzungen, die während des Treffens stückweise zu Tage treten. Nur wenige Kapitel, die mit „Jetzt, Sonntag, 5. November 2017“ überschrieben sind, zeigen die Ermittlungsarbeit von Sævar und seinem Chef Hörður, bekannt aus den drei Vorgängerbänden "Verschwiegen" (Band 1), "Verlogen" (Band 2) und "Verborgen" (Band 3). Fans der Reihe werden deren Protagonistin vermissen: die Ermittlerin Elma. Da "Verlassen" aber zeitlich vor diesen Bänden liegt, wird auf den letzten Seiten lediglich ihr Kommen zur Polizeistation Akranes angekündigt.

Viel Island und Psychodrama, weniger Ermittlungsarbeit
Der Stammbaum vorn im Buch erleichtert die Übersicht über die zahlreichen Familienmitglieder, die sich vor allem in ihrer Überheblichkeit, ihrer Trunksucht und ihren Kommunikationsdefiziten ähneln. Echte Sympathieträgerinnen und –träger sucht man mit wenigen Ausnahmen vergeblich. Dafür bietet dieser Band wieder sehr viel isländisches Flair, immer wieder Cliffhanger, einen Spannungsbogen bezüglich der erst ganz zum Schluss aufgedeckten Identität der Leiche und vor allem die Frage, ob die Bedrohung von innen oder doch gar von außen kommt.

Ein gelungener, in sich abgeschlossener Teil der Krimireihe, mit mehr Psychodramatik in mysteriöser Atmosphäre als Ermittlungsarbeit, übertrieben alkoholgesättigt, aber unterhaltsam und spannend erzählt und mit einer für mich überraschenden Auflösung. Für den nächsten Band wünsche ich mir allerdings trotzdem ein Wiedersehen mit der sympathischen Ermittlerin Elma.

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Veröffentlicht am 15.11.2024

Ersatzfamilie

Wohnverwandtschaften
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Wohngemeinschaften gab es unfreiwillig nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland durch Zwangseinquartierungen. Ab den 1960er-Jahren entdeckten Studierende diese Wohnform für sich. Angesichts explodierender ...

Wohngemeinschaften gab es unfreiwillig nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland durch Zwangseinquartierungen. Ab den 1960er-Jahren entdeckten Studierende diese Wohnform für sich. Angesichts explodierender Mieten, Wohnraumknappheit, steigender Zahl von Singlehaushalten und fehlender Heimplätze gibt es sie inzwischen für jedes Alter, jede Lebenssituation und jeden Geldbeutel.

3+1=4
In der Hamburger WG im neuen Roman "Wohnverwandtschaften" der Übersetzerin und Autorin Isabel Bogdan leben vier mitten im Leben stehende Erwachsene aus ganz unterschiedlichen Motiven. Jörg, Rentner Ende 60, kann das Geld aus der Vermietung für seine geplante Reise mit dem Bulli nach Georgien gut gebrauchen und hat sich nach dem Tod seiner Frau wieder Leben in die Wohnung geholt. Anke lebt seit mittlerweile mehreren Jahren bei ihm und wird von Zukunftsängsten geplagt. Sie war einst eine erfolgreiche Schauspielerin, leidet nun aber sehr unter den fehlenden Rollenangeboten für Frau über 50. Murat, ebenfalls um die 50, Fachmann für IT und Deutschtürke aus Köln, ist der Sonnyboy der WG, kocht gern für alle, liebt seinen Schrebergarten, den FC St. Pauli, seinen großen Freundeskreis und seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Er ist es auch, der die jüngere, nicht ganz so lockere Zahnärztin Constanze als Vierte im Bunde anheuert. Frisch getrennt, sieht sie die WG als Notlösung und Zwischenstation. Mit ihrem Einzug im Januar 2022 setzt der Roman ein:

"Neues Zuhause. Übergangsweise. Irgendwann werde ich ja eine eigene Wohnung finden, ein richtiges Zuhause. Meins. Ach, Mist. Ich hatte doch schon mal eins." (S. 7)

Eine Zerreißprobe
Abwechselnd erzählen in den kurzen Kapitel die vier WG-Mitglieder von ihrem Alltag, chronologisch und mit genauer Angabe von Wochentag und Datum. Dazwischen gibt es Abschnitte mit mehreren Personen und Dialogen ähnlich einem Theaterstück. Je weiter der Roman fortschreitet, desto mehr Kapitel kommen aus der Sicht aller, denn nach Jörgs Blinddarmoperation ist er nicht mehr derselbe und der WG-Alltag wird zunehmend auf den Kopf gestellt. Abhängig von ihrem Charakter gehen Anke, Murat und Constanze zunächst verschieden damit um und brauchen unterschiedlich lang, um die Tragweite der Veränderung zu begreifen. Aber eins ist klar: Sie lassen ihren vierten Mann nicht im Stich.

Leicht und warmherzig
"Wohnverwandtschaften" ist mit seinem Anklang an Goethes "Wahlverwandtschaften" eine einfallsreiche Wortneuschöpfung mit Potential für eine Aufnahme in den Duden. Zwei Jahre lang, bis Silvester 2023, verfolgen wir lesend die Ereignisse in der WG, Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Isabel Bogdan schreibt leicht, amüsant und mit viel Empathie für ihre Figuren über ein Zusammenleben, das mir allerdings bei so unterschiedlichen Charakteren ein wenig zu konfliktfrei und harmonisch ablief. Ich hätte mir auch gewünscht, dass Anke, Constanze und Murat sich in ihrer Sprache mehr unterschieden hätten, wie es bei Jörg sehr gut gelungen ist. Als warmherziger Wohlfühlroman über wachsende Freundschaft und geteilte Verantwortung liest sich das Buch jedoch gut. Noch besser allerdings kann ich mir den Text aufgrund seiner innovativen Struktur in der Hörfassung, auf der Bühne oder im Film vorstellen.

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Veröffentlicht am 04.11.2024

Vorboten einer neuen Zeit

Die Lungenschwimmprobe
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Während meiner Norwegen-Reise im Sommer 2024 stand ein Buch im Schaufenster nahezu jeder Buchhandlung: "Lungeflyteprøven" von Tore Renberg, erschienen 2023, geschmückt mit durchgängig sechs Punkten auf ...

Während meiner Norwegen-Reise im Sommer 2024 stand ein Buch im Schaufenster nahezu jeder Buchhandlung: "Lungeflyteprøven" von Tore Renberg, erschienen 2023, geschmückt mit durchgängig sechs Punkten auf dem Wertungswürfel bedeutender Feuilletons und monatelang auf der nationalen Bestsellerliste. Nun ist der historische Roman des in Norwegen sehr bekannten Autors, der in Sachsen im ausgehenden 17. Jahrhundert spielt, von Karoline Hippe und Ina Kronenberger fein ausbalanciert zwischen Lesbarkeit und Barockflair auf Deutsch erschienen.

Die Carolina
1681: Das finstere Mittelalter ist vorbei, die Epoche des Hochbarocks jedoch kaum weniger grausam. Noch schmerzen die Wunden des 30-jährigen Kriegs und der Pest, die Macht liegt bei Adel und Klerus. Seit 1532 gilt die Constitutio Criminalis Carolina, das Straf- und Prozessrecht Kaiser Karls V. Diese sieht für Kindsmörderinnen Tod durch lebendiges Begraben, Pfählen oder Ertränken vor, bei Fehlen des unabdingbaren Geständnisses die Folter.

„Verteidigung einer jungen Frau, die des Kindsmords bezichtigt wurde“
Der Untertitel erklärt, worum es in Tore Renbergs 700 Seiten umfassendem Roman geht, zu dem ein 46-seitiger Anhang online verfügbar ist. Im Oktober 1681 brachte die 15-jährige Gutsbesitzertochter Anna Voigt auf Gut Greitschütz am Westufer der Weißen Elster nahe Leipzig ein uneheliches Kind tot zur Welt, ohne dass sie oder ihre Eltern von der Schwangerschaft wussten. Angezeigt von Hausangestellten, die die von Annas Mutter vergrabene Säuglingsleiche fanden, kam der Fall zum Pegauer Amtmann, dem der nicht-adelige Gutsbesitzer und Parvenü Hans Heinrich Voigt schon lange nicht behagte.

Unter den nicht seltenen Fällen angeklagter Kindsmörderinnen sticht der Fall Anna Voigt vor allem aus drei Gründen hervor: Bei der Obduktion der Säuglingsleiche war der angesehene Stadtphysikus von Zeitz, Johannes Schreyer (1631 – 1694) zugegen, der mit dem später nach ihm benannten forensischen Verfahren der Lungenschwimmprobe nachwies, dass es sich um eine Totgeburt handelte:

"Dass derselbe Tag auch den Beginn der modernen Gerichtsmedizin begründen würde, sollte Schreyer nie erfahren." (S. 60)

Außergewöhnlich war auch, dass Annas Vater die finanziellen Mittel und den Willen besaß, einen begabten, kämpferischen jungen Verteidiger zu beauftragen: Christian Thomasius (1655 – 1728). Dieser unbeugsame Rechtsgelehrte, Sohn des Leiters der Leipziger Thomasschule, der seine Heimatstadt später verlassen musste und Mitbegründer der juristischen Fakultät der Universität Halle wurde, scheute nie den gefährlichen Konflikt mit verborten Klerikern oder universitären Blockierern und war sofort von der Bedeutung der Lungenschwimmprobe elektrisiert:

"Sobald ein Wissenschaftler mit frischen Gedanken Licht ins Dunkel brachte, kamen die Traditionalisten und verdunkelten wieder alles, sie riefen Ketzer und Atheist, insbesondere in Leipzig, das gerade erst mit Mühe und Not begonnen hatte, ein paar Lichtstrahlen hereinzulassen." (S. 125)

Die dritte Besonderheit war die jahrelange Dauer des für alle Beteiligten grauenvollen Verfahrens.

Ein außergewöhnlicher Historienroman
Tore Renberg hat für seinen ersten historischen Roman fünfeinhalb Jahre lang umfassend recherchiert, oft vor Ort, unterstützt von Experten und Expertinnen verschiedener Disziplinen und weit über den eigentlichen Fall hinaus. Hauptquellen waren die umfangreichen Originalschriften von Johannes Schreyer und Christian Thomasius, ergänzt durch schriftstellerische Fantasie, die sich aus spürbar tiefem Eintauchen in die Zeit und Empathie für die Hauptfiguren bis hin zur Leipziger Scharfrichterfamilie speist. Das Ergebnis hat mich begeistert. "Die Lungenschwimmprobe" nutzt die Geschichte nicht – wie gängige Historienschmöker – als Hintergrundkulisse für Liebesdramen, Ränkespiele und Heldenabenteuer. Vielmehr liest man ein detailreiches, multiperspektivisch erzähltes Gesellschaftspanorama, in dem sogar der Autor selbst über sein Schreiben berichtet.

Am Ende hat man auf ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Weise viel über die Gerichtsbarkeit des 17. Jahrhunderts und die Vorboten der Aufklärung am konkreten Beispiel eines tragischen Frauenschicksals erfahren – mit durchaus aktuellen Bezügen zu Wissenschaftsskepsis und Faktenleugnung heute.

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