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Veröffentlicht am 24.03.2023

Bruchstellen und Beulen

Lichte Tage
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"Wer waren wir, Ellis, ich und Annie? So oft habe ich versucht, uns zu erklären, aber jedes Mal bin ich gescheitert. Wir waren alles, und dann zerbrachen wir". (S. 218)

Im vielversprechenden epilogartigen ...

"Wer waren wir, Ellis, ich und Annie? So oft habe ich versucht, uns zu erklären, aber jedes Mal bin ich gescheitert. Wir waren alles, und dann zerbrachen wir". (S. 218)

Im vielversprechenden epilogartigen Eingangskapitel von 1950 wählt die unglücklich verheiratete, schwangere Dora Judd in einem Akt erster Auflehnung gegen ihren Mann Len als Tombolapreis statt des von ihm präferierten Whiskys eine Reproduktion von van Goghs berühmtem Sonnenblumengemälde. Dieses Bild, im Ausschnitt auf dem wunderschönen Cover zu sehen, und sein Entstehungsort, die Provence, sind für Dora, später für ihren Sohn Ellis und dessen Freund Michael, die Verkörperung von Licht, Farbe, Hingabe, Hoffnung, Inspiration und Freiheit.

Umkehr
46 Jahre danach ist aus Ellis ein „verwahrloster Eremit“ (S. 86) geworden, der in Oxford mehr dahinvegetiert als lebt. Seine Künstlerambitionen fielen dem frühen Tod Doras zum Opfer, stattdessen entfernt er nachts als "Tin Man", so der Originaltitel des 2017 erschienenen Romans, "Blechmann", Beulen aus Autokarosserien. Die größte Beule seines Lebens ist der Unfalltod seiner Frau Annie 1991 nach 13 Jahren Ehe. Von ihm übrig ist „[…]nichts als ein Körper, der all seine Energie dafür aufwandte, vor etwas zu fliehen, was sich nicht in Worte fassen ließ.“ (S. 36)

Längst hängt Doras Sonnenblumenbild nicht mehr im Haus seines Vaters, wo inzwischen die empathische Carol mit ihm zusammenlebt. Als Ellis, wachgerüttelt durch eine Krankschreibung, sein Leben noch einmal ändern will und auf dem Dachboden nach der Reproduktion sucht, findet er dort auch einen vergessenen Karton mit Michaels Gedankenbuch.

Michaels Sicht
Während im ersten Teil Ellis sein Leben, seine Ehe und die besondere Freundschaft mit Michael bilanziert, spiegeln Michaels Notizen, begonnen in einer schwierigen Lebensphase 1989, seine Sicht auf den Zweierbund, auf eine Provencereise der beiden Neunzehnjährigen, als plötzlich ein ganz anderes Leben möglich schien, und die Zeit ab 1976, als sie mit Annie zum Trio wurden.

Licht und Schatten
Reduziert auf die reine Romanhandlung, hat mir die natürliche, sprachsensible Ausführung über die verschiedenen Facetten von Liebe und Freundschaft in "Lichte Tage" durchaus zugesagt, allerdings nicht die Gesamtumsetzung. Anscheinend hat die 1964 geborene britische Schauspielerin und Autorin Sarah Winman dem Stoff für ihren dritten Roman zu Unrecht misstraut und ihn mit überflüssiger Dramatik hart an der Kitschgrenze sowie plump eingestreuten Informationen zu van Gogh und einem Gedicht von Walt Whitman angereichert. Den Figurenzeichnungen fehlen Grautöne, es hakt bei der Gewichtung einzelner Szenen und vor allem Annie bleibt als Charakter enttäuschend blass. Zwar sorgen die sprunghaften Zeitwechsel für angenehme Abwechslung, aber die oftmals platten Dialoge hielten mich auf Distanz. Poetische Landschaftsbeschreibungen aus der Provence kontrastieren mit Fäkalausdrücken und fragwürdigen Sprachbildern, etwa die „erschöpfte Schwalbe, die sanft vom Himmel fällt“ (S. 194): Entweder sie plumpst oder sie gleitet sanft. Inwiefern dies ebenso wie unpassende Adjektive und unklare Bezüge von Pronomina an der Übersetzung oder am Originaltext liegt, kann ich nicht entscheiden:

"Ich hatte akzeptiert, dass ich nicht der Schlüssel zu seinem Schloss war. Sie sollte erst später kommen." (S. 155)

Ein sorgfältigeres Lektorat wäre dringend erforderlich gewesen, auch bei der verwirrenden Namensverwechslung ausgerechnet im ersten Satz: „Carol“ statt „Dora“.

Sein Publikum wird Lichte Tage bei Fans gefühlvoller Liebes- und Schicksalsromane garantiert finden. Für mich hat das durchaus interessante Buch über biografische Bruchstellen jedoch leider Potential verschenkt.

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Veröffentlicht am 03.03.2023

Vergangenheit, die kleben bleibt

Als Großmutter im Regen tanzte
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"Weißt du, manchmal gibt es etwas, das vererbt wird, auch wenn man gar nicht weiß, dass es existiert." (S. 68)

Zwei lange verschwiegene Themen aus der norwegischen und deutschen Geschichte verschränkt ...

"Weißt du, manchmal gibt es etwas, das vererbt wird, auch wenn man gar nicht weiß, dass es existiert." (S. 68)

Zwei lange verschwiegene Themen aus der norwegischen und deutschen Geschichte verschränkt die norwegische Journalistin und Autorin Trude Teige in ihrem Familienroman "Als Großmutter im Regen tanzte": das Schicksal der sogenannten „Tyskerjentene“, Norwegerinnen, die sich während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Soldaten verliebten, als Landesverräterinnen galten und bei der Auswanderung ausgebürgert wurden, und den beispiellosen Massensuizid beim Einzug der marodierenden, plündernden und vergewaltigenden Roten Armee Ende April/Anfang Mai 1945 in der vorpommerschen Kleinstadt Demmin mit Hunderten Zivilopfern.

Drei Frauengenerationen, zwei Zeitebenen
Drei Frauen aus drei Generationen stehen im Mittelpunkt dieses bereits 2015 in Norwegen erschienenen und dort zum Bestseller avancierten Romans: die Großmutter Tekla, die Mutter Lilla und die vaterlose Enkelin Juni. Erzählt wird kapitelweise in zwei Ebenen aus den Jahren 1945 bis 1946 und in der Jetzt-Zeit, unterscheidbar durch verschiedene Schriftarten. In der Gegenwart tritt Juni als Ich-Erzählerin auf, in der früheren Zeitebene erfahren wir in personaler Erzählweise vom Schicksal der jungen Tekla, die sich in den deutschen Soldaten Otto Adler verliebte, ihm über das norwegische Ausreiselager Mandal ins zerstörte Deutschland folgte und im Sommer 1945 in seiner zerstörten, traumatisierten Heimatstadt Demmin ankam.

Vererbte Traumata
Juni wiederum flieht schwanger und planlos drei Jahre nach dem Tod der Großeltern und kurz nachdem ihre Mutter verstarb vor ihrem gewalttätigen Mann Jahn in das Familienhäuschen auf einer Schäre vor Kragerø. Dort stößt sie auf ein Foto Teklas mit einem deutschen Soldaten, auf die großelterliche Heiratsurkunde, die nicht zum Geburtsdatum Lillas passt, auf Briefe und andere Dokumente, die ein tiefgreifendes Familiengeheimnis erahnen lassen. Zusammen mit dem frisch geschiedenen, gutaussehenden jungen Historiker Georg, der just auf die Schäre gezogen ist, reist Juni nach Deutschland, um Licht ins Familiendunkel zu bringen. Was sie schließlich herausfindet, überrascht, denn es enthüllt nicht nur das Schicksal ihrer Großmutter, sondern wirft auch ein neues Bild auf das zerrüttete Verhältnis zwischen Tekla und Lilla, Lillas psychische Probleme sowie Junis angespannte Mutter-Beziehung und ihre Alltagsschwierigkeiten.

In der Form nicht mein Roman
Trude Teige hat für diesen von tatsächlichen Geschehnissen und ähnlich gelebten Leben inspirierten Roman gründlich recherchiert, so dass ich von den Schilderungen der hochinteressanten historischen Umstände zweifellos profitiert und den Roman in Teilen daher auch gern gelesen habe. Formal ist "Als Großmutter im Regen tanzte" allerdings leider genau die Art „leichter Frauenroman“, die mir gar nicht liegt. Hätte ich mich nicht von den Themen blenden lassen, am Titel wäre es zu erahnen gewesen. Weder konnte mich die sprachliche Qualität mit den vielen kurzen Hauptsätzen überzeugen, noch die teilweise sehr konstruierte Handlung mit den inzwischen überstrapazierten Überraschungsfunden, dem neuen Inselbewohner oder Teklas zufälligem Hineinstolpern in einen Entnazifizierungsprozess. Am meisten gestört haben mich allerdings die aufgesetzten, dadurch hölzernen Dialoge, die statt der Interaktion der Sprechenden der Belehrung der Leserschaft dienen. Außerdem traut die Autorin ihrem Publikum anscheinend wenig zu, wenn sie durch interessante Parallelen im Schicksal der drei Frauen anschaulich illustrierten Themen unnötigerweise zusätzlich wortreich erklärt. Wen dies jedoch nicht stört, wird an dem flott geschriebenen, etwas sentimentalen Unterhaltungsroman insgesamt mehr Freude haben als ich.

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Veröffentlicht am 27.02.2023

Dschinns der Vergangenheit und Gegenwart

Sibir
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Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte erzählt die1985 in Niedersachsen als Tochter eines 1945 nach Zentralasien deportierten Zivilgefangenen und einer Polin geborene Autorin Sabrina Janesch in ...

Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte erzählt die1985 in Niedersachsen als Tochter eines 1945 nach Zentralasien deportierten Zivilgefangenen und einer Polin geborene Autorin Sabrina Janesch in "Sibir" vom Schicksal der Russlanddeutschen und ihrer Nachkommen, von Auswanderung, Umsiedlung, Vertreibung, Enteignung, Verschleppung, Befreiung und Rückkehr. In zwei Erzählsträngen, 1945/46 und 1990/91, verwebt sie zwei Kindheiten: Josef Ambacher wurde 1945 als Zehnjähriger nach Sibirien, genauer Kasachstan, verschleppt, seine Tochter Leila lebt im gleichen Alter 1990/91 in Mühlheide, Niedersachsen, und wächst mit seinen Geschichten auf:

"Wofür mein Vater keine Worte fand, das kleidete er in Geschichten." (S. 15)

"Ich hing an den Geschichten meines Vaters wie an einem Tropf…" (S. 17)

In der Rahmenhandlung erzählt die erwachsene Leila von ihrem Bemühen, die Geschichten des inzwischen über 80-jährigen, zunehmend dementen Vaters zu bewahren.

Kasachstan
Ursprünglich aus dem Egerland stammend, wanderte die Familie Ambacher im 18. Jahrhundert wie viele andere nach Galizien aus, wurde von den Nationalsozialisten „heim ins Reich“ geholt und im zuvor polnischen Wartheland angesiedelt, bevor sie auf der Flucht von der Roten Armee aufgegriffen und in die Verbannung nach Zentralasien geschickt wurde. Zusammen mit den Großeltern und der Tante – der kleine Bruder verstarb auf dem Transport, die Mutter verschwand spurlos – verbrachte Josef zehn Jahre in einem Dorf mit Deportierten verschiedenster Nationalitäten unter der Aufsicht des Dorfsowjets in der lebensfeindlichen Steppe. Hunger, Mangel an allem, extreme Wetterverhältnisse, Ausgestoßensein, Angst vor den Gulags, aber auch Abenteuer, die Begegnung mit der kasachischen Kultur, ein zugewandter russischer Lehrer und sein kasachischer Freund Tachawi bestimmten Josefs Leben bis zur Ausreise 1955 nach Deutschland. Allgegenwärtig war die Trauer um den Verlust der Mutter:

"Wenn er auf den Beinen war und umherlief, konnte er die Gedanken an die Mutter manchmal für eine Weile abschütteln. Seine Traurigkeit wanderte langsamer durch den Raum als er selbst…" (S. 120/121)

Mühlheide
35 Jahre nach den Zivilgefangenen kamen die Spätaussiedler nach Deutschland, für die Siedlungsbewohnerinnen und –bewohner am Rande von Mühlheide bedeutete dies eine schwierige Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit, Berührungsängste und Schuldgefühle. Aus kindlicher Ich-Perspektive erzählt Leila von Menschen, die „jeder Vorstellung von Beheimatung und Zuhause misstrauen“ (S. 247), ihrer Freundschaft mit Arnold, der Isolation der Siedlungskinder und von ihrer Grenzwallfunktion zwischen Türken und „Normalos“ im Klassenzimmer, ihrem Konflikt mit dem ehemaligen SS-Mann Tartter und dem Spätaussiedlerjungen Pascha, der ihr Duo zum Trio macht.

Ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte
Herausragend in Sibir ist der Teil über Josefs Kindheit, das Aufwachsen unter Extrembedingungen, die man in jedem Wort fühlt. Gefallen hat mir auch, wie gekonnt Sabrina Janesch Sachinformationen über die historischen Bevölkerungsverschiebungen in den literarischen Text einbindet, wie sie fließend die beiden Kindheiten über Begriffe wie „Sturm“, „Hütte“, „Schuld“, „Freundschaft“, „Schule“ oder „Familie“ verwebt und sie in die anrührende Rahmenhandlung einbindet. Auch die sprachliche Qualität des Romans mit den eingeflochtenen deutsch-russisch-kasachischen Vokabelketten hat mich überzeugt. Allerdings hadere ich mit der Gewichtung der Erzählstränge, denn Leilas kindliche Klagen über ihre „schwere“ Kindheit, die dramatisch beschriebene Außenseitersituation der nachgeborenen Kinder 35 Jahre nach der Rückkehr der Eltern, die ich aus eigener Anschauung so nicht nachvollziehen kann, und der aufgebauschte Konflikt mit dem Tartter haben mich mehr genervt als ergriffen und dienen vor allem der Konstruktion von Parallelen. Empfehlenswert ist Sibir trotzdem. Mit mehr Kasachstan und weniger Mühlheide wäre es sogar ein Lieblingsbuch geworden.

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Veröffentlicht am 24.02.2023

Alltagsgeschichten vom Fuchskind

Bildergeschichten zum Mitmachen: Hier kommt Finni Fuchs
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Finni Fuchs ist ein Frühaufsteher, Pech für Papa und Mama, die gerne ausgeschlafen hätten. Seufzend steht Papa Fuchs schließlich auf und ein weiterer abenteuerlicher Tag im Leben des kleinen Fuchskinds ...

Finni Fuchs ist ein Frühaufsteher, Pech für Papa und Mama, die gerne ausgeschlafen hätten. Seufzend steht Papa Fuchs schließlich auf und ein weiterer abenteuerlicher Tag im Leben des kleinen Fuchskinds kann beginnen, denn:

„Na bitte, also hat Papa doch ausgeschlafen!“ (S. 9)

Ein unternehmungslustiges Füchslein
In fünf Kapiteln begleiten wir Finni beim Aufstehen, in den Kindergarten, beim Einkaufen mit dem Vater, beim Kuchenbacken mit der Mutter für den Besuch von Oma und Opa und beim Zubettgehen. In allen Situationen können sich Kinder ab zwei Jahren bestens wiederfinden, denn die kleinen Szenen kommen mitten aus ihrem kindlichen Alltag: Da fällt das Frühstücksbrot vom Hochstuhl, gibt es einen dicken morgendlichen Abschiedskuss von den Eltern, stürzt der Bauklotzturm von Lulu Dachs und Flocke Hase um, braucht Finni nach einem Unfall an der Rutsche ein Pflaster, bekommt er ein leckeres Probierstück an der Käsetheke (aber leider bei den Keksen), wird der Kuchenteig gleich zweimal verkostet und fließen Tränen, als der Kuchen vor Oma auf dem Boden landet. Und natürlich ist Finni nach einem solch ereignisreichen Tag kein bisschen müde – oder vielleicht doch?

Bilderbuch- und Vorlesespaß für Klein und Groß
"Hier kommt Finni Fuchs" ist eine fröhliche Bildergeschichte, bei der die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer durch Fragen zum Mitmachen und zum Benennen von ihnen bestens vertrauten Gegenständen animiert werden. Die ausdrucksstarken Gesichter der Familie Fuchs und Finnis kleiner Kameradinnen und Kameraden verschiedener Tiergattungen spiegeln ihre Gefühle gut erkennbar wider. Katja Reider hat ihre Texte zu jedem der mal doppelseitigen, mal einseitigen, mal kleineren Bilder der Zielgruppe ab zwei Jahren im Umfang angepasst, wobei ich meinem genau zweijährigen Test-Kind das Geschehen zunächst lieber erzählt habe. Mit Ausnahme der Szene, in der Finni heimlich eine Packung Bonbons in Papas Einkaufswagen schmuggelt, konnte der Zweijährige alle Begebenheiten verstehen und Parallelen zum eigenen Alltag ziehen. Trotzdem werden auch Drei- und Vierjährige ihren Spaß beim Entdecken haben, nur ist auch für ihre kleinen Hände die niedliche Finni-Ausstanzfigur zum Ankleiden aus zu dünnem Papier gemacht. Die vielen Details auf den Bildern von Meike Teichmann laden zum genauen Hinschauen wie auch zum Weitererzählen ein und sind dank der ausreichenden Weißflächen gut zu erkennen. Ihre Freude an den liebevollen, mit viel Humor grundierten Texten und Illustrationen werden auch die Vorleserinnen und Vorlesern haben, denn sie können sich bestens in ihrem turbulenten Alltag mit einem unternehmungslustigen, wissbegierigen Kleinkind wiedererkennen und mit den Fuchseltern aufatmen, wenn es heißt:

"Schlaf schön, Finni! Morgen ist ein neuer Tag – mit Mama und Papa und allen, die du lieb hast." (S. 44)

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Veröffentlicht am 01.02.2023

Die Vergangenheit ist nie vorbei

Verschwiegen
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Das isländische Hafenstädtchen Akranes mit gut 7000 Einwohnern ist zwar durch den Bau eines Tunnels unter dem Hvalfjörður auf 30 Fahrminuten an Reyjavík herangerückt, hat jedoch seinen dörflichen Charakter ...

Das isländische Hafenstädtchen Akranes mit gut 7000 Einwohnern ist zwar durch den Bau eines Tunnels unter dem Hvalfjörður auf 30 Fahrminuten an Reyjavík herangerückt, hat jedoch seinen dörflichen Charakter bewahrt. Früh hat die junge Polizistin Elma die ungeliebte Enge mit der Freiheit in der Hauptstadt vertauscht und dort bis vor Kurzem mit ihrem Partner Davið gelebt. Nun ist sie nach einem privaten Desaster zurückgekehrt und tritt ihren Dienst bei der Kripo Akranes an; wieder ist es eine Flucht und Zweifel nagen ebenso an ihr wie Trauer und Wut.

Keine Schonfrist
Kaum haben die neuen Kolleginnen, Kollegen und ihr Chef Hörður sie freundlich begrüßt, wird eine Leiche am älteren der beiden Leuchttürme von Akranes gefunden: eine junge Frau, verheiratet, Mutter zweier Söhne im Grundschulalter, liegt tot auf den Klippen. Schnell wird ermittelt, dass es sich um Elísabet handelt, eine Pilotin aus Reykjavík, die früher in Akranes lebte und mit neun Jahren mit ihrer Mutter nach Reykjavík zog. Nach Aussagen ihres Mannes Eiríkur und anderer Zeugen besuchte die sehr verschlossene Frau ihr verhasstes Heimatstädtchen kaum.

Prägende Jahre
Unterbrochen wird die Schilderung der auf Hochtouren laufenden Ermittlungen durch verstörende Rückblenden in Elísabets Kindheit 1989 bis 1992 aus ihrer Sicht. Was geschah vor 30 Jahren mit ihr? Was hat ihre Persönlichkeit geprägt?

Immer wieder stoßen Elma und ihr ebenso sympathischer 35-jähriger Kollege Sævar bei den Nachforschungen auf Mitglieder derselben Familie: Vater Hendrik, Macho und angesehener Besitzer einer Immobilienfirma, seine scheue, traurige Frau Ása, den Sohn und designierten Nachfolger Bjarni, dessen selbstbewusste Frau Magnea und das schwarze Schaf, Hendriks gewalttätigen Bruder Tomás.

Nordic Noir
Während Elmas Wiedereinleben nicht immer sanft verläuft und alte Verletzungen erneut aufbrechen, wühlt sie sich immer tiefer in Elísabets Vergangenheit. Aber liegen die Gründe für ihre Ermordung wirklich in ihren frühen Jahren in Akranes oder doch im Hier und Heute? Was wollte Elísabet nachts am alten Leuchtturm und wo befindet sich ihr verschwundener Wagen?

Gerne mehr
Gemordet wird im friedlichen Island hauptsächlich in Krimis. Mit der 1988 in Akranes geborenen und aufgewachsenen Autorin Eva Björg Ægisdóttir und ihrem in Island preisgekrönten Debüt "Verschwiegen", dem Auftakt zu einer neuen Serie, gibt es nun eine weitere lesenswerte isländische Krimistimme.

Auch wenn die Vielzahl der Personen mit den ungewohnten Namen zu Beginn erschreckend wirkte, ließen sie sich doch erstaunlich schnell zuordnen. Kleinere Unstimmigkeiten, wenn das Ermittlerteam Verhören mehr Informationen entnahm, als tatsächlich gesagt wurde, oder ein technisches Detail bei der Auflösung (Stichwort: Auto) haben mich nur kurz irritiert. Dafür hat mich die doppelte Spannung bezüglich des Mordfalls und Elmas Vergangenheit ausgezeichnet unterhalten und dem Team bin ich bei seinen Ermittlungen sehr gerne gefolgt. Die gelungenen Orts- und Charakterzeichnungen, die düstere Grundstimmung, eine zaghaft beginnende Liebesgeschichte, die Verbindungen zur Vergangenheit, die schwierige Situation des auch privat mit dem Ort und den Beteiligten verbundenen Ermittlerteams, gründliche Recherche statt oberflächlicher Rasanz, Elmas zwiespältige Haltung zur Auflösung und das in allen Handlungssträngen wiederkehrende Motiv des Wegschauens haben mir sehr gut gefallen.

Schön, dass im August 2023 mit "Verlogen" bereits der zweite Band der Reihe erscheint.

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