Profilbild von Barbara62

Barbara62

Lesejury Profi
online

Barbara62 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Barbara62 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.08.2020

Licht und Schatten eines Musikerlebens

Der letzte Satz
0

Die letzte Überfahrt Gustav Mahlers 1910 von New York nach Europa bildet den Rahmen für den nur 126 Seiten starken Roman "Der letzte Satz" von Robert Seethaler. Der bereits vom Tode gezeichnete Dirigent ...

Die letzte Überfahrt Gustav Mahlers 1910 von New York nach Europa bildet den Rahmen für den nur 126 Seiten starken Roman "Der letzte Satz" von Robert Seethaler. Der bereits vom Tode gezeichnete Dirigent und Komponist, der im Mai 1911 mit nur 50 Jahren in Wien verstarb, weiß um sein nahes Ende. Während seine Frau Alma und die sechsjährige Tochter Anna den Vormittag unter Deck verbringen, sitzt Mahler oben, eingewickelt in Wolldecken und umsorgt von einem kindlichen Schiffsjungen in feiner, viel zu großer Uniform, seinem einzigen Gesprächspartner:

"Den Kopf gesenkt, den Körper in eine warme Wolldecke gewickelt, saß Gustav Mahler auf dem eigens für ihn abgetrennten Teil des Sonnendecks der Amerika und wartete auf den Schiffsjungen. Das Meer lag grau und träge im Morgenlicht. Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete." (Romanbeginn S. 7)

Zeit für eine Bilanz
Eingebettet in diese Rahmenhandlung lässt Robert Seethaler Mahler auf die Licht- und Schattenseiten seines Lebens zurückblicken. Zeitlebens war er kränklich, litt unter dem "Desaster eines sich selbst verzehrenden Körpers" und seiner zarten Gestalt, unter Migräne, Schlaflosigkeit, Schwindelanfällen, Mandelentzündungen, Hämorrhoiden, Magen- und Herzbeschwerden. Trotz dieser körperlichen Einschränkungen und seiner jüdischen Herkunft stieg Mahler zum größten Dirigenten seiner Zeit und gefeierten Komponisten auf. An Deck wandern seine Gedanken zurück in seine Zeit als Direktor der Wiener Hofoper zwischen 1897 und 1907, zu seinem Wirken in New York, Konzertreisen in zahlreiche europäische Städte, Komponier-Sommer in Toblach sowie zur monumentalen Uraufführung der Achten Symphonie 1910 in München vor 4000 Zuhörern.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht als Wiener Operndirektor schien sein Glück vollkommen, als er 1902 mit der 19 Jahre jüngeren Alma eine der schönsten und begehrtesten Frauen Wiens heiratete. Alma stammte aus bestem Haus, war klug und Mahlers große Liebe. Nach dem frühen Tod der älteren Tochter Maria verschlechterte sich jedoch das Verhältnis der Ehepartner zu seinem großem Kummer zusehends und Alma verließ ihn nur wegen seines sich abzeichnenden Todes nicht für den „Baumeister“, den im Roman nicht namentlich genannten Walter Gropius:

„Alles, woran ich einmal geglaubt habe, existiert nicht mehr. Vielleicht war es auch nie da. […] Ich wollte dich, du warst Gustav Mahler, das Genie, und ich habe mich in dich verliebt. In deine Hände. In deinen Mund. In deine idiotisch hohe Stirn. Es war ein Traum, und wir haben ihn eine Zeitlang gemeinsam geträumt. Aber jetzt bin ich aufgewacht.“ (S. 88/89)


Mensch Mahler
Mir hat dieses kleine Büchlein mit den meisterhaften Übergängen zwischen Gegenwart und Erinnerungen und Robert Seethalers beneidenswerter Kunst der knappen Worte gut gefallen, auch wenn es nicht an seinen überragenden Roman "Ein ganzes Leben" oder an "Der Trafikant" heranreicht. Viel Erfahren habe ich über den Menschen Gustav Mahler, sein Leben, seine Melancholie, seine Träume - so wie Seethaler sie sich vorstellt, wenig dagegen über seine Musik, was Mahler dem Schiffsjungen aber plausibel erklärt:

„Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“ (S. 65)

Veröffentlicht am 06.08.2020

Verlierer der Geschichte

Ich bleibe hier
0

Für Tausende Touristen ist der zur Hälfte aus dem Reschensee ragende Kirchturm der alten Grauner Pfarrkirche St. Katharina in jedem Jahr Grund für einen Stopp und Motiv für ein spektakuläres Urlaubsfoto. ...

Für Tausende Touristen ist der zur Hälfte aus dem Reschensee ragende Kirchturm der alten Grauner Pfarrkirche St. Katharina in jedem Jahr Grund für einen Stopp und Motiv für ein spektakuläres Urlaubsfoto. Ein zufälliges Vorbeikommen im Sommer 2014 war für den italienischen Autor Marco Balzano Anlass, die Geschichte des Bergdorfs Graun, der Region Südtirol und des Staudamms am Dreiländereck Italien-Österreich-Schweiz zu studieren und alte Bewohner, Ingenieure und Historiker zu befragen. Beeindruckendes Ergebnis dieser Recherchen ist der Roman "Ich bleibe hier", 2018 zweitplaziert beim angesehensten italienischen Literaturpreis Premio Strega, mit einer fiktiven Familiengeschichte vor historischem Hintergrund.

Eine Ich-Erzählerin
Die Grauner Lehrerin und Bäuerin Trina Hauser erzählt ihre Lebensgeschichte, allerdings nicht uns Leserinnen und Lesern, sondern ihrer Tochter Marica, von deren Verschwinden man bereits auf den ersten Seiten des Romans erfährt. Für Trina und ihren Mann Erich bleibt die abwesende Tochter zeitlebens eine Wunde, die zwar irgendwann nicht mehr blutet, aber immer schmerzt. Wie der Kirchturm im See haben sie einen wichtigen Teil ihrer selbst verloren.

Dabei schien ihr Lebensweg, trotz der schwierigen Lage durch die italienische Annexion Südtirols nach dem Ersten Weltkrieg, zunächst vielversprechend. Trina, die immer an die Macht der Wörter glaubte, war nach der Reifeprüfung 1923 Lehrerin geworden, doch Mussolinis Politik, die die Südtiroler mit immer brutaleren Methoden zwangsitalienisieren sollte, setzte ihren Ambitionen ein jähes Ende. Nun wurden Lehrkräfte aus Süditalien geholt, die deutsche Sprache verboten, geografische Bezeichnungen und sogar Grabsteininschriften von den Faschisten italienisiert. Trina gehörte zu den Mutigen, die trotz größter Gefahren Deutschunterricht an geheimen Orten erteilte.

Faschisten und Nationalsozialisten
Der anfänglich große Zusammenhalt gegen die italienischen Zuwanderer endete im Oktober 1939 mit Hitlers Angebot einer Auswanderung ins nationalsozialistische Deutsche Reich. Die „Optanten“ verloren ihre Heimat, die „Dableiber“, unter ihnen Trina und Erich, ihre Sprache:

"Weil ich hier geboren bin, Trina. Mein Vater und meine Mutter sind hier geboren, du bist hier geboren, unsere Kinder sind hier geboren. Wenn wir weggehen, haben die anderen gewonnen.“ (S. 62)


1939 war das Jahr, als die Tochter verlorenging. Wenig später griff die Regierung in Rom das alte Staudammprojekt wieder auf, das die Existenz Grauns und seiner Umgebung bedrohte, und das erst mit dem deutschen Einmarsch unterbrochen wurde. Wieder galt es, zu wählen: kämpfen in der Wehrmacht oder sich als Deserteur in den Bergen verstecken?

Die Erleichterung über das Kriegsende wich mit der zügigen Wiederaufnahme der Bauarbeiten schnell der Ernüchterung, Widerstand blieb erfolglos. Im Sommer 1950 wurden die Häuser gesprengt und Graun überflutet. Wieder die Wahl zwischen Gehen und Bleiben und wieder die Entscheidung für die Heimat:

"Wärst du zurückgekehrt, hätte uns nicht einmal mehr der Gedanke an das Wasser, das uns überflutet, erschreckt. Mit dir hätten wir die Kraft gefunden, woandershin zu gehen. Neu anzufangen." (S. 266)

Was nicht in italienischen Geschichtsbüchern steht
Dass die Dörfler schließlich kaum Entschädigung erhielten, die versprochenen Neubauten sich jahrelang hinzogen und der Stausee sehr wenig Energie lieferte, weil Atomstrom aus Frankreich billiger war, sind beschämende historische Tatsachen. Marco Balzano hat mit seinem Roman dieses Geschehen dem Vergessen entrissen. Seine Protagonistin Trina lässt er auf so einfache, schmucklose, melancholische und ehrliche Weise erzählen, dass garantiert niemand unberührt bleibt.

Veröffentlicht am 24.07.2020

Weggesperrt und für verrückt erklärt

Die Tanzenden
0


Den Roman "Själarnas Ö" von Johanna Holmström, in deutscher Übersetzung als "Die Frauen von Själö" erschienen, habe ich 2019 mit großer Anteilnahme gelesen. Darin geht es um eine Insel im äußeren Schärengürtel ...


Den Roman "Själarnas Ö" von Johanna Holmström, in deutscher Übersetzung als "Die Frauen von Själö" erschienen, habe ich 2019 mit großer Anteilnahme gelesen. Darin geht es um eine Insel im äußeren Schärengürtel vor Turku, auf der es bis 1962 eine Nervenheilanstalt für Frauen gab. Meist wurden sie von ihren Angehörigen eingewiesen, häufig nicht mit einer psychiatrischen Diagnose, sondern wegen Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen.

Eine ganze Reihe von Parallelen, aber auch grundlegende Unterschiede dazu, weist das preisgekrönte Debüt "Die Tanzenden" der 1987 geborenen Französin Victoria Mas auf, das im Hôpital de la Salpêtrière in Paris spielt. In beiden Romanen stehen je zwei Patientinnen und eine Krankenschwester im Zentrum, beide beschäftigen sich mit den Einweisungsgründen und dem Klinikalltag und in beiden leben nur wenige Patientinnen freiwillig, weil ihnen die Einrichtung Schutz vor meist männlicher Gewalt bietet. Doch während die Handlung in "Själarnas Ö" von 1891 bis in die 1930er-Jahre spielt, umfasst sie in "Die Tanzenden" lediglich zwei Wochen im Februar und März 1885 mit einem Epilog 1890. Abgeschottet lebten die Patientinnen hier wie dort, doch gab es in der Salpêtrière zahlreiche Ärzte, an der Spitze 1885 der berühmte Professor Charcot mit seiner Hypnosetherapie, der mit ausgewählten Patientinnen wöchentliche öffentliche Lehrvorstellungen gab. Höhepunkt des Jahres für die Salpêtriere wie für die Pariser Bourgeoisie war der jährliche zu Mittfasten abgehaltene Kostümball, der „Bal des folles“, bei dem man die „Hysterikerinnen“ einem sensationsgierigen Publikum präsentierte.

Zwei Patientinnen, eine Krankenschwester
Während Sigrid, die Krankenschwester auf Själö, ihre Patientinnen empathisch umsorgt und die Grenzen zwischen krank und gesund ständig infrage stellt, ist Geneviève, die ehrgeizige Oberaufseherin der Salpêtrière, distanziert und zweifelt nicht am Konzept ihrer Klinik. Louise, eine 16-jährige Waise, wurde drei Jahre zuvor von ihrer Tante eingeliefert, nachdem ihr Onkel sie missbraucht hatte. Ebenfalls Opfer ihrer Familie ist die rebellische 19-jährige Eugénie aus bürgerlichem Hause, die mit ihrer Geisterseherei eine Bedrohung darstellt:

"Dass sie Verstorbene sah, war ein untrügliches Anzeichen von Wahnsinn. Derlei Symptome führten eine Frau, das wusste Eugénie, nicht zum Arzt, sondern geradewegs in die Salpêtrière. Wer solche Dinge öffentlich erwähnte, dem war die Zwangseinweisung sicher." (S. 54)

Als Eugénie sich trotzdem ihrer Großmutter anvertraute, brachte ihr Vater sie umgehend in die berüchtigte Klinik. Nicht nur für Eugénie ein dramatischer Einschnitt, sondern auch für Geneviève, die durch die Geisterseherin in ihren Grundfesten erschüttert wird:

"Seit einer Woche, seit Eugénie da ist, entgleitet ihr alles, was sie im Griff zu haben meinte. Ein bedrückendes Gefühl, doch sie wehrt sich nicht mehr dagegen. Sie hat versucht, standhaft zu bleiben – umsonst." (S. 136)

Ein zwiespältiges Fazit
Einerseits ist die Geschichte äußerst spannend, gut recherchiert, die Ausrichtung auf den dramaturgischen Höhepunkt in der Ballnacht gelungen. Man merkt, wie sehr die Autorin für ihr Thema und die unterdrückten Frauen brennt. Der Erzählstil ist einfach und liest sich dank des fast konsequent chronologischen Aufbaus leicht, das Cover wunderschön. Leider hat mir aber das Abgleiten ins Okkulte und Spiritistische überhaupt nicht gefallen, weil es einer ansonsten realistischen Handlung die Glaubwürdigkeit raubt. Von der Lektüre abraten möchte ich trotzdem nicht, dazu hat mich der historische Hintergrund zu sehr gefesselt und das Geschehen abseits der Geistergeschichte zu gut unterhalten.

Veröffentlicht am 19.07.2020

Ein Schubs in die richtige Richtung

Offene See
0

Die kurze, berührende Rahmenhandlung zeigt den geistig rüstigen, körperlich gebrechlichen Robert Appleyard, der staunend über das Vergehen der Zeit sinniert: „Wo ist das Leben geblieben?“ Nur in seiner ...

Die kurze, berührende Rahmenhandlung zeigt den geistig rüstigen, körperlich gebrechlichen Robert Appleyard, der staunend über das Vergehen der Zeit sinniert: „Wo ist das Leben geblieben?“ Nur in seiner Erinnerung wird er wieder jung und kann eine Begegnung heraufbeschwören, die seinem Schicksal eine neue Richtung gab.

Auf der Suche nach dem wahren Ich
Ausgerechnet ihm, dem introvertierten, die Natur über alles liebenden 16-Jährigen war die Laufbahn seiner Vorfahren in der heimischen Kohlemine im Norden Englands vorgezeichnet. Wenigstens einmal wollte er jedoch zuvor den Süden und das Meer dort sehen, wo es nicht grau vor Staub war:

"Ich wollte sehr viel mehr von dem erleben, was anderswo geschah, jenseits der Grenzen meines ländlichen Bergarbeiterdorfs, das irgendwo zwischen der Stadt und dem Meer in einer sanft gewellten Landschaft lag. Ich wollte überrascht werden. Nur wenn ich allein in der Natur war, hatte ich je eine Ahnung von meinem wahren Ich bekommen…“ (S. 17)

Eine Begegnung mit Folgen
Auf seiner Wanderung im Nachkriegsfrühling 1946 zwischen dem Abschluss der Schule und dem unvermeidlichen Zecheneintritt verdingte sich Robert als Tagelöhner, bis er in einer Bucht in Yorkshire auf ein Cottage stieß, das wie ein Traumbild anmutend inmitten einer verwilderten Wiese lag. Dulcie Piper, die unkonventionelle Besitzerin, war anders als alle Frauen, die er kannte. Groß, derb, sarkastisch, sehr direkt und weit gereist, machte sie aus ihrem Atheismus keinen Hehl, deklarierte die Lust zum Geburtsrecht, trank gern und verabscheute Spießer, Schnösel, Großmäuler und Vorurteile.

Aus der spontanen Einladung zum Tee wurden ungeplant Tage und Wochen, in denen Dulcie nicht nur die Schätze ihrer erstaunlich reichhaltigen Speisekammer, sondern auch ihre Liebe zur Literatur und ihre freien Ansichten mit ihm teilte. Robert machte sich derweilen pflichtschuldig im Garten und bei der Entrümpelung und Instandsetzung einer alten Hütte nützlich. Zufällig stieß er dabei auf Dulcies gut gehütetes Geheimnis, den Grund für ihre Melancholie und ihre Abneigung gegen das Meer…

Eine Perle mit minimalen Schönheitsfehlern
Ich habe dieses Buch mit dem auffallend schönen Cover und der wertigen Herstellung mit großer Freude gelesen. Der 1976 geborene Brite Benjamin Myers, der auch Lyrik und Sachbücher verfasst, hat mich mit dem ungleichen Duo seines Zwei-Personen-Romans, den fantastischen Naturschilderungen und seinem verschwenderischen Vorrat an fast immer passenden bildlichen Vergleichen bezaubert. So konnte ich leicht über kleinere Kritikpunkt hinwegsehen, wie die Tatsache, dass ich eigentlich einen Überdruss bei zufällig auftauchenden Tagebüchern, Manuskripten, Briefen und ähnlichem empfinde. Auch die Glaubwürdigkeit der beiden Protagonisten hat mich kaum beschäftigt, liest sich doch die Geschichte in Teilen märchenhaft, den Kitsch haarscharf vermeidend. Nicht immer passen Roberts Gedanken zu seinem Alter, denn die Überlegung, ob junge Mädchen einst ihren Müttern gleichen und Männer wie ihre Väter heiraten werden, entspringt wohl eher dem Denken des gealterten Erzählers. Der hintergründige Humor beim wiederholten Scheitern von Roberts ambitionierten Aufbruchsversuchen hat mich in der ersten Romanhälfte erheitert, in der zweiten hätte ich dagegen Straffungen bei Dulcies trauriger Geschichte vorgezogen. Letztlich aber ist nichts davon Grund genug, diese gelungene Mischung aus Entwicklungsroman und Nature Writing nicht wärmstens zu empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.06.2020

Ein brillanter Erzähler

Kostbare Tage
0

Kostbar sind die Tage für Dad Lewis, denn wegen seiner unheilbaren Lungenkrebserkrankung sind sie gezählt. Auf dem Heimweg vom Arztbesuch mit seiner Frau Mary, nimmt der 77-Jährige die Landschaft besonders ...

Kostbar sind die Tage für Dad Lewis, denn wegen seiner unheilbaren Lungenkrebserkrankung sind sie gezählt. Auf dem Heimweg vom Arztbesuch mit seiner Frau Mary, nimmt der 77-Jährige die Landschaft besonders intensiv wahr, sieht er sie doch mutmaßlich zum letzten Mal:

"Sie ließen Denver hinter sich, dann die Berge, fuhren zurück auf die Hochebene: Salbeisträucher, Palmlilien, Moskito- und Büffelgras auf den Weiden, Weizen und Mais auf den bestellten Feldern. Von beiden Seiten des Highways gingen unter dem klaren blauen Himmel Landstraßen ab, alle gerade wie Zielen in einem Buch, mit nur wenigen vereinzelten Kleinstädten auf dem flachen offenen Land." (S. 7)

Wenig später sind sie zurück in Holt, jener fiktiven Kleinstadt in Colorado, in der alle sechs Romane von Kent Haruf (1943 – 2014) angesiedelt sind:

"Die Main Street mit nur einer einzigen Ampel, die an der Ecke Second Street von rot auf grün sprang und wieder zurück, das drei Blocks umfassende Geschäftsviertel, die alten Backsteingebäude mit den hohen Blendfassaden, die Post mit ihrer ausgebleichten Flagge, die Häuser zu beiden Straßenseiten der Main Street, die Straßen im Westen, nach Bäumen benannt und die im Osten, nach amerikanischen Städten benannt, den Highway 34, der die Main Street kreuzte und in beiden Richtungen aufs flache Land führte, die Weizen und Maisfelder, die örtlichen Weideflächen, …, und die blauen Sandhügel in der dunstigen Ferne." (S. 77)

Kleinstadtleben
Eine eingeschworene Gemeinschaft ist dieses Holt, jeder weiß über jeden Bescheid, Veränderungen sind unerwünscht. Ein Mann wie Reverend Rob Lyle, den man wegen seiner Parteiname für einen schwulen Pastor hierher strafversetzt hat, muss sich für seine Auslegung der Bergpredigt als „Terroristenfreund“ beschimpfen und verprügeln lassen. Nur wenige wollen, wie die alte Witwe Willa Johnson, seine Visionen hören.

Starke Frauen
Überhaupt die Frauen: Sie sind hier für Gefühle, Menschlichkeit, Liberalität und Hilfsbereitschaft zuständig. Mary und ihre aus Denver herbeigeeilte Tochter Lorraine pflegen Dad hingebungsvoll während dieser letzten Wochen. Ihre Nachbarin Berta May, die ihre verwaiste achtjährige Enkelin Alice aufzieht, packt ganz selbstverständlich mit an, genauso wie Willa und ihre Tochter Alene, die darüber eine endgültige Rückkehr nach Holt in ihrem Ruhestand nachsinnt. Frauen mit schweren Schicksalsschlägen und doch voller Herzenswärme und gelegentlichen Ausbrüchen von Lebensfreude.

Zeit für eine Bilanz
Dad Lewis dagegen kann nur schwer Gefühle zeigen. War sein Leben glücklich? 

"Oh ja, ich war glücklich. Abgesehen von einer Sache." (S. 147)

Die „eine Sache“ ist der Weggang seines Sohnes Frank, dessen Homosexualität der Vater nicht akzeptieren konnte. Nun begegnet er Dad nur noch in seinen Tagträumen.

Immer wieder gern in Holt
Gefreut habe ich mich über kurze Hinweise auf Figuren aus anderen Romanen Harufs, die Brüder McPheron, Victoria oder Rose Tayler aus "Lied der Weite" und "Abendrot". Zeitlich ist "Kostbare Tage" später angesiedelt, jedoch vor dem unvergleichlichen Finale "Unsere Seelen bei Nacht".
Auch in meinem vierten Roman von Kent Haruf haben die alltäglichen Probleme der US-Kleinstadtbewohner aus dem Mittleren Westen nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Wie immer wechseln sich Szenen der Trauer und Melancholie ab mit solchen der Hoffnung und Freude. Nach wenigen Zeilen war ich wieder mittendrin und genauso gefesselt wie jedes Mal, obwohl ich immer noch nicht ganz genau weiß, warum.    

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere