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Veröffentlicht am 02.02.2026

Leise und poetisch

Tage des Lichts
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„Tage des Lichts“ von Megan Hunt / Verlag: C.H. Beck

Wir begleiten Ivy an sechs Tagen ihres Lebens – immer um Ostern, zwischen 1938 und 1999 in England. Sechs Tage, die für ein ganzes Frauenleben stehen ...

„Tage des Lichts“ von Megan Hunt / Verlag: C.H. Beck

Wir begleiten Ivy an sechs Tagen ihres Lebens – immer um Ostern, zwischen 1938 und 1999 in England. Sechs Tage, die für ein ganzes Frauenleben stehen und zeigen, wie sehr ein einzelnes Ereignis alles verändern kann.

1938 ist Ivy 19 Jahre alt. Das Leben liegt vor ihr, und sie wünscht sich ein besonderes Leben. Ihre Familie ist außergewöhnlich, künstlerisch, frei.

Alle scheinen ein Talent zu besitzen, nur Ivy nicht. Sie ist nicht kreativ, nicht begabt wie die anderen. Sie ist einfach sie selbst und genau das fühlt sich für sie zu wenig an.

Besonders prägend ist Ostern 1938. Ivy lernt Frances kennen, die Freundin ihres Bruders Joseph. Am selben Tag verschwindet Joseph beim Eisbaden mit Ivy im Fluss. Jung, lebensfroh, verliebt. Sein Tod wird zum Mittelpunkt von Ivys Leben. Von da an kreisen ihre Gedanken, Erinnerungen und Entscheidungen immer wieder um ihn. Und um das Licht, das Ivy im Fluss gesehen hat.

Ivy entscheidet sich später bewusst für ein angepasstes Leben. Sie heiratet Bear, einen Freund ihres Vaters und den Liebhaber ihres Stiefvaters, bekommt zwei Kinder und lebt in einem alten Cottage nahe ihres Elternhauses. Ein normales, sicheres Leben, aber kein glückliches. Sie wirkt leer, suchend, als würde sie sich selbst verlieren. Besonders berührt hat mich dabei dieser Gedanke:

„Ich habe das Gefühl, dass ich mich langsam auflöse, irgendwie – und doch bin ich hier.“ (S. 210)

Erst als Frances Jahre später mit ihrer Familie in Ivys Nähe zieht, verändert sich etwas. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine heimliche Liebschaft. Ivy blüht auf, fühlt sich lebendig und begehrt. Diese Zeit wirkt wie ein kurzes Aufleuchten, bis auch dieses Licht wieder verschwindet, als Frances’ Mann versetzt wird.

Die Autorin erzählt Ivys Geschichte leise, melancholisch und sehr kontrolliert. An nur sechs Tagen gelingt es ihr, immer wieder auf Joseph Bezug zu nehmen und seine Abwesenheit spürbar zu machen. Die Charaktere sind gut gezeichnet, besonders die unkonventionelle Familie bleibt im Gedächtnis. Überraschenderweise war mir Anne, die Haushälterin der Eltern, emotional näher als Ivy selbst; warmherzig, bodenständig und sehr menschlich, obwohl sie nur eine Nebenfigur ist.

Ivy hingegen blieb für mich eher distanziert. Ihre Trauer, ihre Sehnsucht, ihre Liebe, Lust und Affäre habe ich verstanden, aber nicht immer gefühlt. Ich hätte mir gewünscht, ihr näherzukommen und emotional tiefer mitzugehen.

Der Schreibstil ist flüssig und ruhig, stellenweise sehr poetisch und in diese besondere Ausdrucksweise musste ich mich erst einlesen. Thematisch greift der Roman viele große Themen auf: Trauer, Sehnsüchte, Hoffnung, Kreativität, Freigeist, Anderssein, queere und offene Beziehungen, Religion und die Suche nach Halt.

Tage des Lichts ist ein leiser, nachdenklicher Roman mit einer starken Grundidee und einer besonderen Atmosphäre. Emotional konnte er mich trotz allem nicht ganz abholen.

Am Ende steht das Licht. Es erscheint, als Joseph verschwindet, und zeigt sich erneut, als Ivy selbst geht. Zwei Augenblicke, zwei Abschiede und doch liegt darin etwas Tröstliches, als würde sich ein Kreis schließen.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Älterwerden

Die Liebe, später
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„Die Liebe, später“ von Gisela Klönne / Verlag: Rowohlt
Was passiert, wenn das Leben plötzlich innehält, nicht freiwillig, 
sondern durch einen Eingriff, der alles verändert?
Die Liebe, später von Gisa ...


„Die Liebe, später“ von Gisela Klönne / Verlag: Rowohlt
Was passiert, wenn das Leben plötzlich innehält, nicht freiwillig, 
sondern durch einen Eingriff, der alles verändert?
Die Liebe, später von Gisa Klönne ist ein leiser, intensiver Roman über genau diesen Moment: wenn Gewissheiten brüchig werden und man sich, vielleicht zum ersten Mal seit Jahrzehnten, selbst wieder befragt.
Kora ist sechzig, erfolgreiche Journalistin, unabhängig, klar, strukturiert. Seit über zwanzig Jahren ist sie mit Anselm verheiratet. Ein Modell, das funktioniert hat: Distanz unter der Woche, Nähe am Wochenende. Köln und Berlin. Freiheit und Verlässlichkeit in einem sorgfältig austarierten Gleichgewicht.
Doch dann kommt die Herz-OP. Und mit ihr eine Zäsur.
Nach dem Krankenhausaufenthalt findet Kora nicht mehr zurück in ihr altes Leben. Ihr Beruf, ihr Alltag, ihre Ehe, alles steht plötzlich auf dem Prüfstand. Anselm, der Biologe, hat sie in dieser schweren Zeit begleitet, für sie gesorgt, war da. Und doch sagt er später: Sie hat es allein geschafft. Sie braucht mich nicht.
Ein Satz, der nachhallt. Weil er Stärke meint und gleichzeitig Distanz schafft.
Anselm reicht frühzeitig seine Rente ein, zieht ganz nach Köln und möchte einen alten Traum verwirklichen: einen großen Libellenteich im verwilderten Garten. 
Mehr Nähe. Mehr Zeit. Mehr Wir.
Aber will Kora das? Wo bleibt ihre Freiheit?
Und was sagt ihr Herz, jetzt, wo es weiterschlägt und sie zwingt, genauer hinzuhören?
Kora beginnt zu zweifeln. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil ihr Arbeitgeber ihr einen Aufhebungsvertrag geschickt hat. Plötzlich steht etwas im Raum, das sie selbst noch gar nicht zu Ende gedacht hat. Soll sie unterschreiben? Ist das ein sanfter Abschied nach der Herz-OP oder eine Entscheidung, die ihr abgenommen wird?
Ihr Late-Night-Talk war gut. Sie war gut. Und doch fragt sie sich, ob jetzt der richtige Moment wäre, loszulassen. Oder ob sie gerade jetzt noch einmal etwas Neues beginnen könnte. Ein Rückzug? Oder ein Neuanfang?
Ihre Sehnsucht nach Distanz wächst. Ausgerechnet jetzt, wo Anselm täglich da ist. Kora reist immer öfter nach Berlin. Dort hat sie eine Wohnung, ein Rückzugsort? Eine Flucht? Oder ein stiller Versuch, wieder gesehen zu werden? Zu heilen? Sich selbstbezogen finden?
Zum ersten Mal hat sie Geheimnisse. Und zum ersten Mal stellt sich die Frage so deutlich: Wie viel Freiheit verträgt eine lange Liebe?
Auch Anselm bleibt nicht unberührt. Ihm fällt es schwer, mit Koras Emotionen, ihrem Rückzug und ihren offenen Fragen umzugehen. Immer nur Ich, wo bleibt das Wir?
Und auch er muss sich neu verorten: in der Beziehung, im Ruhestand, in einem Leben, das plötzlich anders verläuft als geplant.
Gisa Klönne erzählt diese Geschichte mit großer Einfühlsamkeit und Lebensklugheit. Sie schreibt über den Umbruch nach einer Krankheit, über das Älterwerden, über Nähe und Distanz, über die leisen Verschiebungen in einer langen Ehe. Abwechselnd führt sie uns in Koras Zeit im Krankenhaus, in ihren journalistischen Alltag, in ihre Erinnerungen, ihre Reisen, ihre Sehnsucht und immer wieder in diesen sicheren Hafen, der doch ins Wanken gerät.
Die Liebe, später ist ein Roman, der nachdenklich macht, ohne zu urteilen. Der Fragen stellt, statt Antworten aufzuzwingen.
Wie sieht Glück aus? Ist es für beide dasselbe?
Und wie findet man sich und eine Beziehung neu, wenn sich die Lebensumstände ändern?
Ein stilles, warmes, tief berührendes Buch über eine Liebe, die in die Jahre gekommen ist und gerade deshalb so viel über das Leben erzählt.
Ein Roman, der bleibt. Und lange nachhallt.
Eigene Meinung. Eigenes Lesen. Eigene Worte.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Lebendigkeit

Ava liebt noch
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„Ava liebt noch“ von Vera Zischke
Verlag : Ullstein

Avas Geschichte hat mich emotional sehr berührt und lange beschäftigt.

Sie ist 43 Jahre alt, dreifache Mutter, Ehefrau, Hausfrau, Kummerkasten, Streitschlichterin ...

„Ava liebt noch“ von Vera Zischke
Verlag : Ullstein

Avas Geschichte hat mich emotional sehr berührt und lange beschäftigt.

Sie ist 43 Jahre alt, dreifache Mutter, Ehefrau, Hausfrau, Kummerkasten, Streitschlichterin und rund um die Uhr für alle da. Ihr Alltag besteht aus Organisieren, Funktionieren und Verantwortung tragen. Für sich selbst bleibt kaum Raum und genau das fühlt sich beim Lesen erschreckend echt an.

Während ihr Mann Karriere macht und sein Leben nahezu ungehindert weiterlebt, hält Ava alles zusammen. Sie sorgt, plant, vermittelt und stellt ihre eigenen Bedürfnisse immer hinten an. Dieses Ungleichgewicht wird leise, aber sehr deutlich spürbar und hat mich oft nachdenklich gemacht.

Dann tritt Kieran- ein wahrhaftiger Michelangelo - in ihr Leben. Ein junger Mann, der Ava als Frau wahrnimmt.

Er begehrt sie, sieht sie wirklich, und plötzlich spürt Ava wieder etwas, das lange verschüttet war: Lebendigkeit.

Dieses Wiederentdecken ihrer selbst ist einer der stärksten Aspekte des Romans. Es geht nicht nur um eine Liebesgeschichte, sondern um das Gefühl, wieder zu existieren.

Die Beziehung zwischen Ava und Kieran ist von Anfang an kompliziert. Da sind der große Altersunterschied, die Kinder, die Ehe, die Angst vor Gerede und Verurteilung. Ava weiß, was sie riskieren würde und sie weiß auch, dass sie ihre Familie nicht verlassen kann und will. Diese innere Zerrissenheit zieht sich durch das ganze Buch und wirkt dabei nie konstruiert, sondern sehr real.

Der Schreibstil ist humorvoll, bewegend und schonungslos ehrlich. Die Autorin beschönigt nichts.

Sie zeigt, dass man seine Kinder lieben und das Muttersein trotzdem als erdrückend empfinden kann. Dass Begehren, Frau-sein und der Wunsch nach Freiheit nicht einfach verschwinden, nur weil man Verantwortung trägt.

Ja, es gibt Momente, die leicht klischeehaft wirken, doch das nimmt der Geschichte nichts von ihrer emotionalen Kraft. Im Gegenteil, ich habe mit Ava gefühlt, gelacht, gelitten und geweint.

Es geht um verpasste Jahre, schwere Entscheidungen, Schmerz und Verlust, aber auch um Hoffnung, Nähe und die leisen Lichtblicke, die Liebe immer wieder möglich machen.

Für mich ist dieses Buch eine sehr berührende, realitätsnahe Geschichte über Frauen, die funktionieren müssen, über Sehnsucht nach Leben und darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst nicht völlig zu verlieren.

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Veröffentlicht am 20.01.2026

Highlight

Der Fluss der Zeit
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„Der Fluss der Zeit“ – Pascal Mercier /
Verlag : Hanser

Manche Bücher liest man nicht einfach, sie begleiten einen.

Still, fast unauffällig, und doch bleiben sie lange nach der letzten Seite im Inneren ...

„Der Fluss der Zeit“ – Pascal Mercier /
Verlag : Hanser

Manche Bücher liest man nicht einfach, sie begleiten einen.

Still, fast unauffällig, und doch bleiben sie lange nach der letzten Seite im Inneren zurück. Der Fluss der Zeit ist für mich genau so ein Buch.

Fünf Geschichten, die vom Loslassen erzählen, von der Vergänglichkeit, von Erinnerung und von der Frage, wie wir mit unserer Zeit leben.

Es sind leise Geschichten, und gerade deshalb so eindringlich. Sie zeigen, wie das Leben vergeht; oft unbemerkt, manchmal schmerzhaft klar. Und sie lassen einen innehalten und über das eigene Leben nachdenken.

Was für ein Kleinod. Was für Weisheiten auf nur 112 Seiten.

„Ausräumen – das werden Sie machen müssen; ich will nicht mit ansehen, wie sie mein Leben hinaustragen.“ (Pos. 32)
Karl Prager liebt sein Haus. Und nun lässt er es los.Es fällt ihm nicht leicht. Mit einer gewissen Bestimmtheit möchte er sein Haus ein letztes Mal sehen, versucht dabei doch, die Vergangenheit festzuhalten. Er bemerkt es und versucht wieder loszulassen.
Es ist schmerzhaft, ihm zuzusehen. Wie er sein Leben, sein Haus, seine Erinnerungen zurücklässt. Diese Geschichte geht unter die Haut und bricht einem leise das Herz.



„Hier, genau hier in diesem Raum, ist das Zentrum meines Lebens“ (Pos. 253)
Luca Gaspari, ein angehender Pianist mit einem gebrochenen Finger, steht vor dem Verlust seiner Wohnung. Freunde kaufen sie und schenken sie ihm, damit er nur ein einziges Mal dankbar sein muss. Würde er dort kostenlos wohnen, könnte er sich verpflichtet fühlen, seine Dankbarkeit immer wieder zu zeigen. Also schenken sie ihm die Wohnung.
Sie wollten ihm Freiheit schenken.

„Generosità“, sagt Luca, jetzt versteht er dieses Wort.

Doch was diese Geste zwischen den Freunden auslöst, lässt sich nicht einfach abstellen. Dankbarkeit wird zur Last.

Für Luca, der sich verpflichtet fühlt, sie zu zeigen. Und für die Freunde, weil sie sie erwarten, obwohl sie das eigentlich nicht wollen.
Freiheit fühlt sich doch anders an oder?



„Du behandelst eine gefährliche Möglichkeit wie eine Wirklichkeit, eine Tatsache.“ (Pos. 424)

Zeit kann rasend schnell vergehen oder unerträglich langsam.
Für Jan Winter steht sie still, während er tagelang auf den Befund seines Arztes wartet. Die Angst, die Ungewissheit, das Warten auf die Laborergebnisse lassen seine Sorgen immer größer werden.
Sein Leben wird ihm bewusster. Seine begrenzte Zeit auf Erden. Und auch das Vertrauen, in den Arzt , in das Leben, seine Intuition, wird auf den Prüfstand gestellt.

Warum nicht im Jetzt leben? Annehmen. Vertrauen. Statt zu zweifeln und zu bangen.



„Ich wollte einfach nicht denken, dass vielleicht auch in ihm Schwäche sein könnte.“ (Pos. 709)
Lärm kann einen wahnsinnig machen. Ein Mann erlebt ihn als gewaltig, als unerträglich und doch erträgt er ihn.

Aus Stärke. Oder aus Schwäche.
Er hält alles aus. Bis zu einem gewissen Punkt.
Als Stille sein einziger Ausweg wird …



Ein Mann kehrt nach vierzig Jahren zurück nach Heidelberg. In seine damalige Wohnung. Zu den Anfängen seines Lebens. Er möchte alte Empfindungen wieder spüren, verstehen, was Zeit ist und wie er zu dem Mann geworden ist, der er heute ist.

Doch zu seinem Entsetzen erkennt er, dass das Verfließen der Zeit unumkehrbar war.

„Schade, das mit der Entzauberung“ (Pos. 1011).

Vielleicht sollte man die Vergangenheit ruhen lassen. Erinnerungen einfach sein lassen und sie abheften wie ein wichtiges Dokument. #

Zart, poetisch und in wundervollen Episoden erzählt Pascal Mercier vom Fluss der Zeit.

Dieses Buch drängt sich nicht auf. Es lädt ein. Es flüstert Gedanken, statt Antworten zu geben.

Ein Buch, das mich als Leserin nachdenklich zurücklässt.
Was für ein Schatz. Was für ein Geschenk.

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Veröffentlicht am 17.01.2026

Atmosphärisch

Sophie L.
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„Sophie L.“ von Matthew Blake

Verlag: Fischer Scherz

Nach „Anno O.“ war meine Erwartung an „Sophie L.“ entsprechend hoch.

Der Einstieg überzeugt schnell. Der Schreibstil ist flüssig und sehr gut lesbar, ...

„Sophie L.“ von Matthew Blake

Verlag: Fischer Scherz

Nach „Anno O.“ war meine Erwartung an „Sophie L.“ entsprechend hoch.

Der Einstieg überzeugt schnell. Der Schreibstil ist flüssig und sehr gut lesbar, bereits der frühe Anruf aus Paris erzeugt Spannung und Neugier.

Die kurzen Kapitel und die Zeitsprünge sind klug eingesetzt und sorgen für einen starken Lesesog, man liest immer noch ein Kapitel mehr.

Im Zentrum steht Olivia, Gedächtnisexpertin und Mutter, die einen verstörenden Anruf eines Pariser Kommissars erhält.

Ihre Großmutter sitzt im Hotel Lutetia, behauptet, sie heiße Sophie Leclerc, und gesteht, vor vielen Jahren genau dort einen Mord begangen zu haben. Diese Aussage ist von enormer Tragweite und bildet den starken Ausgangspunkt der Geschichte. Olivia reist nach Paris, um sich um ihre Großmutter zu kümmern, einst eine berühmte Malerin und um der Wahrheit hinter Erinnerung, Schuld und Verdrängung näherzukommen.

Die Grundidee des Romans ist wirklich stark. Besonders der Perspektivwechsel gefällt mir sehr gut und bringt Bewegung in die Handlung. Dennoch hat sich das Buch für mich weniger wie ein Thriller gelesen, sondern eher wie ein atmosphärisch dichter, gut konstruierter Krimi. Die Spannung ist konstant, aber eher leise als nervenzerreißend.

Was mich deutlich enttäuscht hat, ist der Umgang mit Olivias fachlicher Expertise. Als Gedächtnisexpertin hätte sie eine viel aktivere, analytischere Rolle einnehmen können, gerade im Hinblick auf Erinnerung, Schuld und Manipulation. Stattdessen bleibt dieses Thema erstaunlich blass und für den Fortgang der Handlung fast nebensächlich.

Auch emotional blieb ich stellenweise auf Distanz. Olivias Art, mit den belastenden Ereignissen umzugehen, empfand ich als befremdlich. Die Aussage ihrer Großmutter, die alles ins Rollen bringt, ist von enormer Tragweite, dennoch wirkte Olivias Reaktion für mich überraschend kontrolliert und kühl. Obwohl die Beziehung zwischen den beiden als eng beschrieben wird, kam die emotionale Erschütterung bei mir nicht immer an.

Ähnlich ging es mir mit mehreren Nebenfiguren, vor allem mit Tom. Diese Figur blieb für mich über weite Strecken zu blass, entwickelte wenig Präsenz und wirkte eher funktional als wirklich greifbar. Für mich konnte diese Figur ihr Potenzial jedoch nicht vollständig entfalten.

Auch der familiäre Hintergrund, insbesondere das Schicksal von Olivias Mutter und die Schuldgefühle, die Olivia mit sich trägt, wird zwar angesprochen, aber nicht wirklich ausgearbeitet. Diese Themen hätten der Geschichte emotional deutlich mehr Gewicht verleihen können.

Einige Entwicklungen waren für mich relativ früh absehbar, wodurch die Spannung zum Ende hin etwas an Kraft verliert. Die Auflösung selbst empfand ich als zu knapp und psychologisch nicht so tiefgehend, wie es die Geschichte eigentlich hergegeben hätte.

Trotz aller Kritikpunkte hat mich „Sophie L.“ gut unterhalten. Der Stil ist atmosphärisch, die Idee stark und der Roman insgesamt gut lesbar. Meine Erwartungen waren nach dem Vorgänger allerdings höher. Für mich bleibt es ein solides Buch, das eher als Krimi denn als Thriller überzeugt; mit einer sehr guten Grundidee, der an mehreren Stellen mehr Tiefe und Konsequenz gutgetan hätten.

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