Ein erschütterndes Zeitzeugnis mit erschreckender Aktualität
Das Tränenhaus. RomanCornelia Reimann ist eine erfolgreiche Schriftstellerin im wilhelminischen Kaiserreich, die für die Gleichberechtigung der Frau und ein selbstbestimmtes Leben eintritt. Doch jetzt steht sie selbst plötzlich ...
Cornelia Reimann ist eine erfolgreiche Schriftstellerin im wilhelminischen Kaiserreich, die für die Gleichberechtigung der Frau und ein selbstbestimmtes Leben eintritt. Doch jetzt steht sie selbst plötzlich im Abseits – schwanger und unverheiratet gehört sie zu den Verstoßenen, die einer grausamen Gesellschaft ausgeliefert sind. Sie findet in der schwäbischen Provinz eines der diskreten Frauenheime, in dem sie mit Hilfe einer patenten Hebamme ohne Aufsehen ihr Kind zur Welt bringen und einer Pflegefamilie übergeben könnte. Das ist der einzige Weg, um ihr eigenes Leben weiterführen zu können und ihren Ruf zu retten. Im Frauenheim wird sie allerdings mit einer unschönen Realität konfrontiert: Die Hebamme ist geldgierig, desinteressiert und wenig am Wohlergehen ihrer Schützlinge und der Kinder interessiert. Cornelias Leidensgenossinnen stammen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten: mal derb, ungebildet und gehässig, mal herzlich und hilfsbereit. Je weiter ihre Schwangerschaft fortschreitet desto mehr macht sich Cornelia Gedanken um die Situation lediger Mütter allgemein, junger Frauen grundsätzlich und nicht zuletzt um ihr eigenes Kind und was es für ihre Zukunft bedeuten kann.
Ein fesselnder Roman, der heute zu Unrecht vergessen ist. Das Buch gibt einen interessanten und auch schockierenden Einblick in die wenig bekannte Realität lediger Mütter im wilhelminischen Kaiserreich. Die meisten Romane begnügen sich die gesellschaftlichen Folgen für die Frauen in mehr oder weniger dramatischen Farben zu zeichnen. Hier wird der Fokus sehr viel intimer gelegt: Wie empfindet die Frau in der Situation? Zwischen welchen gesellschaftlichen Kräften und persönlichen Gefühlen steht sie?
Es ist wunderbar mit Cornelia selbst mitzuerleben wie sie sich von der sehr distanzierten Haltung gegenüber der Schwangerschaft als etwas Fremdes, Falsches wegentwickelt, immer andere Perspektiven einnimmt und sich quasi immer mehr der Rolle als Mutter annähert. Doch damit endet die Entwicklung nicht: Cornelia reflektiert ihre Situation und die ihrer Leidensgenossinnen und ist immer weniger gewillt sich den gesellschaftlichen Konventionen zu beugen.
Das Buch ist keine einfache Lektüre. Die gehobene Sprache hat mir gut gefallen. Viele Dialektpassagen haben die unterschiedlichen Charaktere sehr gut gesellschaftlich verortet. Das Thema ist hart. Zu wissen, dass das vor noch gar nicht so lange Zeit Alltag war, ist erschreckend. Das Nachwort unterfüttert die Geschichte dann noch mal, da klar wird, dass Gabriele Reuter hier aus persönlicher Erfahrung berichtet hat. Das erklärt die Intensität des Romans.
Ein Buch, das einen sehr wichtigen Aspekt unserer Geschichte vor dem Vergessen bewahrt. Wo die meisten Romane und Informationen enden, erzählt dieser hier weiter. Bei allem Schrecken und aller furchtbaren Details bleibt die Grundstimmung der Geschichte optimistisch und kämpferisch. Das macht die Botschaft und das Erleben des Buches noch einmal so intensiv.