Ziemlich widersprüchlich
Tokyo Sympathy TowerTokyo in der nahen Zukunft: Statt Gefängnismauern gibt’s einen Luxusturm für Straftäter. Architektin Sara Machina soll ihn entwerfen, doch sie zweifelt. „Sympathy Tower“ nennt sich das Ganze, und der Name ...
Tokyo in der nahen Zukunft: Statt Gefängnismauern gibt’s einen Luxusturm für Straftäter. Architektin Sara Machina soll ihn entwerfen, doch sie zweifelt. „Sympathy Tower“ nennt sich das Ganze, und der Name ist schon Programm: Empathie statt Strafe, Täter und Opfer gleichwertig. Klingt radikal, oder absurd? Das lässt Rie Qudan offen und genau das ist mein Problem mit dem Buch.
Rie Qudan packt auf gerade mal 160 Seiten Themen rein, die locker für drei Bücher gereicht hätten: sexuelle Gewalt, Gleichberechtigung, Zensur, gesellschaftliche Oberflächlichkeit, Umgang mit Tätern, künstliche Intelligenz, emotionale Kontrolle. Das ist mutig, aber es kratzt eben vieles nur an. Und vor allem: Ich konnte die moralische Haltung der Autorin nicht greifen. Mal wirkt es wie ein Lob auf eine egalitäre Gesellschaft, mal wie eine Warnung vor ihrer Absurdität. Dazu mischen sich Vorurteile und subtile rassistische Stereotype, gleichzeitig aber auch Gleichheit und Empathie rein.
Spannend ist, dass Japan real gesehen fast das komplette Gegenteil lebt: ein hartes Strafsystem, hohe Verurteilungsquote, soziale Ausgrenzung. In diesem Kontext wirkt die Idee vom „Sympathy Tower“ fast schon wie ein Tabubruch. Aber will Qudan provozieren oder ernsthaft ein neues Gesellschaftsmodell entwerfen? Keine Ahnung und genau das macht’s für mich so frustrierend.
Trotzdem mochte ich Sara als Figur. Sie ist kalt und emotional zugleich, voller innerer Konflikte und damit ein gutes Spiegelbild des ganzen Romans. Tokyo Sympathy Tower ist widersprüchlich, manchmal überladen, aber irgendwie hat es mich trotzdem gepackt, es hätte nur mehr Raum gebraucht, um sein volles Potenzial zu entfalten.
6/10
Auf meinem Blog findet ihr eine ausführlichere Rezension: https://buchkomet.wordpress.com/2025/08/05/rie-qudans-tokyo-sympathy-tower-kritik-oder-vision/