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Veröffentlicht am 12.04.2020

Ein Wolf ist nur in Märchen böse

Wolves – Die Jagd beginnt (Ein New-Scotland-Yard-Thriller 3)
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Dies ist der dritte Roman in einer Reihe von Krimis um ein Ermittlungsteam bestehend aus William Fawkes, genannt Wolf, Jake Sounders, Finlay, der allein in einem Raum doch ermordet wurde, Emily Baxter, ...

Dies ist der dritte Roman in einer Reihe von Krimis um ein Ermittlungsteam bestehend aus William Fawkes, genannt Wolf, Jake Sounders, Finlay, der allein in einem Raum doch ermordet wurde, Emily Baxter, Wolfs ehemalige Geliebte, Alex Edmund, der den Polizeidienst quittiert hat, nun als Privatdetektiv arbeitet und trotzdem seiner alten Truppe verbunden bleibt, Polizeichef Christian Bellamy und Commander Geena Vanita, Bellamys Stellvertreterin.
Als dritter Teil sind Anspielungen und Hinweise auf die vorangegangenen Krimis unvermeidlich, doch mit kurzen Erklärungen, die geschickt in der Handlung eingebaut sind, kommt auch der „Neuling mit und die Leser, die Hangman und Ragdoll schon gelesen haben, sind nicht langweilt, vielleicht eher froh um die kleine Auffrischung der Geschichte.
Zur Handlung: Keine Angst, hier wird nicht gespoilert. Finlay, bester Freund von Christian Bellamy und Mentor von Wolf Fawkes, wird tot allein in einem verschlossenen Raum aufgefunden. Alle glauben an Selbstmord, bis auf Wolf. Zusammen mit seinem Team und unter aufmerksamer Beobachtung von Geena Vanita und Christian Bellamy beginnt Wolf die Ermittlungen aufzunehmen. Schnell stellt sich heraus, dass es tatsächlich Mord war und dass das Tatmotiv irgendwo in der Vergangenheit von Finlay liegen muss.
Anders als bei traditionellen Krimis, ist der wahre Mörder schnell ermittelt, jedoch, wie bei Colombo-Krimis, ist das Teil der Spannung, den Mörder zu stellen, alle Beweise gegen ihn in der Hand zu haben, und schließlich der große Showdown. Denn der Mörder ist den Ermittlern immer dicht auf der Spur, ihnen immer auch einen Schritt voraus, lässt langsam alle Masken und Prätentionen der Unschuld fallen, es ist ihm egal, dass die halbe Polizeibelegschaft von seinem Verbrechen weiß, solange ihm nichts nachzuweisen ist, kann er so weitermachen wie bisher.
Spannend geschrieben, gut übersetzt, interessante Handlung, gut gezeichnete Charaktere, ab und zu leicht karikierte Szenen, hat dieses Buch alles, was ein guter Krimi benötigt.

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Veröffentlicht am 12.04.2020

Dies soll ein Sachbuch sein?

An den Ufern der Seine
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Leute, dies ist allerspannendste hochprozentigste Kulturgeschichte! Poirier stellt uns ein Buch vor, das sich schwer in eine Schublade fassen lässt. Einerseits Geschichte: wie Paris kurz vor dem Ausbruch ...

Leute, dies ist allerspannendste hochprozentigste Kulturgeschichte! Poirier stellt uns ein Buch vor, das sich schwer in eine Schublade fassen lässt. Einerseits Geschichte: wie Paris kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war, wie es sich während des Krieges durchgerungen und –gedrungen hat, und die Jahre des Aufschwungs nach dem Krieg. Das ist aber eine Facette. Das andere sind die vielen französischen und internationalen Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Philosophen, Journalisten, Mäzenen, Verleger, Regisseure, Sänger, Schauspieler die gerade in diesen Jahren ihre höchste Schaffensphasen hatten, und wie sie die Jahre der Besatzung und die Fünfziger Jahre gelebt und gewirkt haben und dadurch die Mitte des vergangenen Jahrhunderts geprägt haben. So erfahren wir vom Schicksal Simone de Beauvoirs, der Schriftstellerin und Philosophin, ihrem Partner Jean-Paul Sartre, ebenfalls Philosoph und Literat, Albert Camus, Literaturnobelpreisträger, genau wie Sartre, Jean Marais, dem Schauspieler oder der Chansonsängerin Juliette Gréco und vielen vielen anderen die Paris intellektuell und künstlerische zur Welthauptstadt der Kultur gemacht haben.
Das Buch ist nicht nur ein Denkmal für all die Künstler, die in Paris während der Besatzung ausgeharrt haben, sondern zugleich eine Hommage an all jene, die im Stillen Kopf und Kragen riskiert haben, um die Kultur Frankreichs zu retten. So lernen wir Jaques Jaujard kennen, der als Direktor der staatlichen Museen Frankreichs die Kunstschätze in den staatlichen Museen vor dem Raub der Nazis geschützt hat. Was aber das Buch zusätzlich so interessant macht, ist die Anerkennung jener wenigen Deutschen, die dazu beigetragen haben, Paris zu retten. Wenn Franz von Wolff Metternich, als Leiter des Kunstschutzes im besetzten Frankreich seine Mission anders verstanden hätte, wäre wohl das Schicksal der Mona Lisa ein anderes gewesen. Jaujard und Metternich retteten die Kunstschätze in einem Pakt ohne Worte. „Sie waren allein der Kunst und der Menschheit verpflichtet“.
Wir erfahren auch von Kollaborateuren, jenen Franzosen die sich entschieden hatten, mit der Petain-Regierung in Vichy und den Nazis in Berlin zusammen zu arbeiten. Aber wenige nur wissen, dass viele das nur zum Schein taten, im Geheimen vielen Flüchtlingen und Juden halfen, den Nazischergen zu entkommen. So zum Beispiel der Journalist Jean Luchaire der zwar mit Otto Abetz befreundet war, dem deutschen Botschafter in Paris. Aber beide, Luchaire und Abetz halfen heimlich Menschen in Not. Seine vielleicht berühmteste Sekretärin, die junge Simone Signoret ahnt freilich davon nichts. Sie kündigt ihm und droht ihm sogar mit der Hinrichtung nach dem Krieg wegen Hochverrat.
Ein anderes Beispiel einer Schein-Kollaboration bietet das Verlagshaus Gallimard. Drieu la Rochelle ist der „Hausfaschist“ von Gallimard, ein überzeugter Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie. Gaston Gallimard benützt einerseits Drieu la Rochelle als Aushängeschild für die deutschen Besatzer und druckt entsprechenden antisemitischen und faschistischen Schund und andererseits Werke von Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, James Joyce, Paul Claudel, Iwan Turgenjew, Raymond Queneau, Paul Morand und sogar Louis Aragon, einen Kommunisten, Mitglied der Résistance, zu veröffentlichen. Jean Paulhan, Lektor bei Gallimard, betreut diese Veröffentlichungen, gründet mitten in Gallimard-Verlagshaus eine Résistance-Zelle und versteckt in seinem Büro eine Vervielfältigungsmaschine für Flugblätter. Gerhard Heller, zuständig von deutscher Seite aus für sämtliche Veröffentlichungen in Frankreich liebt Literatur über alles, empfindet eine wahre Abscheu, die von den Nazis indexierten Bücher zu verbrennen. Dass so viele progressive liberale und linksgerichtete Schriftsteller in Frankreich die Zeit der Besatzung überlebten, ist auch Hellers stillschweigendes und vergessenes Verdienst.
Das Buch ist großartig. Geschichtsbuch und Who’s Who zugleich, lässt man es nur aus der Hand um in anderen Werken zusätzliche Einzelheiten über die Persönlichkeiten und ihre Werke nachzuschlagen.
Chapeau, Mme Poirier!

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Veröffentlicht am 11.04.2020

Das Mädchen aus den Sümpfen

Der Gesang der Flusskrebse
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Eine arme Familie lebt in den Küstensümpfen von Nord-Karolina im Süden der USA. Der Vater ist ein Alkoholiker der Frau und Kinder brutal schlägt. Einer nach dem anderen verlassen ihn die Kinder und die ...

Eine arme Familie lebt in den Küstensümpfen von Nord-Karolina im Süden der USA. Der Vater ist ein Alkoholiker der Frau und Kinder brutal schlägt. Einer nach dem anderen verlassen ihn die Kinder und die Ehefrau. Zurück mit dem gewalttätigen Vater bleibt nur das jüngste Kind, Kia. Mehr schlecht als recht schlägt sich Kia durch, lernt dem Vater auszuweichen, wenn er betrunken ist, putzt und kocht für ihn und geht mit ihm fischen. Doch irgendwann bleibt auch der Vater aus, und mit ihm fällt auch seine magere Invalidenrente weg. Kia ist zehn Jahre alt. Sie lebt allein im Sumpf, die weiße Bevölkerung des nahen gelegenen Städtchens verachtet sie, meidet sie, verbietet ihren Kindern jeglichen Kontakt zu ihr. Die einzigen, die ihr beistehen, sind Jumpin und seine Frau Mabel, Schwarze aus dem benachbarten „Coloured Town“. Manchmal sieht sie aus der Ferne andere Fischer, ab und zu auch Tate, der ein Freund ihres verschwundenen Bruders Jodie war. Auf sich allein gestellt lebt sie die nächsten vier Jahre. Sie gräbt Muscheln aus, angelt, räuchert Fische, verkauft sie an Jumpin für Treibstoff für ihr Boot und ein paar magere Lebensmitteln.
Kia ist hoch intelligent. Sie kann zwar nicht lesen, schreiben, rechnen, hat keinerlei Schulbildung je genossen, aber ist interessiert an allem was sie umgibt. Sie ist fest verwurzelt mit der einzigartigen Sumpfgegend, in der sie lebt, kennt und versteht die Pflanzen- und Tierwelt, ob zu Lande, im Wasser oder in der Luft. Und zusammen mit Kia entdecken auch wir, die Leser, die Moore, die Vogelwelt, die Muscheln, Gräser, den Einfluss der Gezeiten und der Jahreszeiten. Wir entdecken die Schönheit der Sonnenauf- und -untergänge, wir entdecken temporäre Sandbänke, die mit der nächsten Flut wieder verschwinden werden. Und wir bewundern Kia, zollen Ihr Respekt für die Art wie sie ihr schweres Leben meistert, sich nicht unterkriegen lässt, offen für all das Schöne und Wunderbare ist, das sie umgibt. Sie wird Teil des Marschlandes, anderswo könnte sie nie leben.
Kia ist Menschenscheu. Tate versteht es, sich ihr zu nähern, ohne sie zu erschrecken. Zuerst lässt er für sie Federn oder Muscheln an einer Stelle zurück, an der sie vorbeikommen muss, dann, als Kia ihm auch solch kleine Geschenke hinterlässt, taucht er selbst auf, spricht mit ihr ganz behutsam, verspricht ihr, ihr Lesen und Schreiben beizubringen. Kia akzeptiert das denn Lesen und Schreiben zu können war schon immer ihr Herzenswunsch. Und tatsächlich, Tate und Kia freunden sich an, Tate gelingt es, Kia die nie besuchte Schule zu ersetzen, Kias wacher Geist saugt Tates Wissen wie ein Schwamm auf. Sie liest alle Bücher, die Tate ihr vorbeibringen kann. Tate geht nebenbei zur Schule, arbeitet mit seinem Vater und trotzdem findet er Zeit, Kia regelmäßig aufzusuchen, mit ihr zu lernen.
Doch Tate muss aufs College. Er will Biologie studieren, denn genau wie Kia ist er fasziniert von der Natur des Marschlandes. Er verspricht zwar Kia sie weiterhin zu besuchen, aber er wird wortbrüchig. Er hat weder die Stärke, ihr zu sagen, dass er sie verlässt, noch sie mit zu nehmen, sie aus dem Moorgebiet zu holen. Und wieder bleibt Kia allein zurück, Alle die sie geliebt hat, die sie ganz nah an sich herangelassen hat, haben sie verlassen: die Geschwister, die Mutter, der Vater und nun auch Tate.
In ihrer Einsamkeit lässt sie es zu, dass ein anderer Mann sich ihr nähert. Es ist Chase Andrews. Quarterback und sunny boy, gutaussehend, überheblich, der Held von Barkley Cove. Die zwei beginnen eine Affäre, in die Kia gutgläubig hineingeht denn Chase spricht von Hochzeit, von einem gemeinsamen Haus am Rand von Barkley Cove, er will sie seinen Eltern vorstellen, und so weiter. Doch er findet immer wieder Ausreden, warum es gerade nicht geht, warum er sie nicht mitnimmt in die Stadt, zu den Parties, weil sie sich ja nur langweilen würde, weil die vielen Menschen sie nur stören würden, usw. Für Chase ist Kia nur ein kleines Abenteuer bis zu seiner Hochzeit mit einem Mädchen aus der Stadt, einer guten Partie, mit der beide Familien einverstanden sind. Kia erfährt von der Verlobung aus der Zeitung und weigert sich fortan noch Chase zu begegnen. Eigentlich hat sie Chase nie so geliebt wie Tate, aber er war da und machte ihr die Einsamkeit erträglicher. Letztendlich war Chase nur auch einer von jenen, die eine Zeitlang da waren ums ie dann still und heimlich zu verlassen.
Dieses ist die eine Ebene und Seite des Romans. Kias Leben in der Einsamkeit der Sümpfe, ihre Freundschaft und Liebe mit Tate und ihre Affäre mit Chase, in den Jahren 1952 bis 1967.
Die andere Ebene ist zeitlich versetzt. Sie spielt 1969 – 1970 ab. Chase wurde unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden und die Polizei von Barkley Cove führt die Ermittlungen. Der Verdacht erhärtet sich, dass Chase nicht als Folge eines Unfalls starb und Selbstmord wird auch ausgeschlossen. Nun beginnt die Suche nach dem Mörder. Das Städtchen ist schnell dabei, den Stab über Kia zu brechen. Zum einen ist sie „WhiteTrash“ aus dem Sumpf, zum anderen lebt sie allein, sie hat nie die Schule besucht, wenn sogar die eigene Familie sie verlassen hat, ist sie also schuldig. Außerdem, Chase Andrews war ein rechtschaffener Mann, verheiratet, eine Stütze der Gesellschaft. Bestimmt hat sie ihn verführt, auch wenn Zeugen gesehen haben wollen, wie Kia vor ihm weggelaufen ist, nachdem er versucht hat, sie zu vergewaltigen.
Es kommt zum Prozess. Tate, sein Vater, Jumpin und Mabel stehen zu ihr, auch ihr Bruder Jodie kommt, nachdem er vom Prozess aus der Zeitung erfahren hat. Der Prozess zieht sich hin. Es haben die 70er Jahre des 20. Jahrhundert begonnen. Nicht nur dürfen Mabel und Jumpin im Gerichtssaal direkt hinter Kia sitzen, nein, in den Köpfen einiger weißer Menschen hat ein Umdenken begonnen. Einige erkennen, wie sehr sie als Gemeinschaft versagt haben, ein kleines Mädchen auszustoßen, nie zu fragen, wie sie lebt, ob sie zu Essen hat, ob sie etwas braucht. Jumpin und Mabel haben das auf ihre unaufdringliche liebevolle Art getan. Und auch das wurde Kia vorgeworfen: Sie würde von den „Niggern“ abgelegte Kleidung anziehen und nur mit ihnen Freundschaft pflegen. Aber wenn sie die einzigen waren, die ihr beistanden, wie hätte sie denn je Freundschaft zu anderen Bewohnern von Barkley Cove pflegen können? Und so wird der Prozess über Kia letztendlich auch zu einem Prozess über Barkley Cove, die engstirnige selbstgerechte Kleinstadt in der Außenseiter keine Chance haben.
Von einem Buch über eine schwierige Kindheit zu einem Buch über die Schönheiten der Natur zu einem Krimi und zu einem Roman über einen Prozess, wie sie in den Staaten sehr beliebt sind, ist Delia Owens‘ Buch vielschichtig und faszinierend.
Ein großes Lob möchte ich auch dem Übersetzerteam Ulrike Wasel und Klaus Timmermann aussprechen. Ihnen ist der perfekte Grat zwischen der Hochform der amerikanischen Sprache und dem Südstaatenslang sowohl der weißen als auch der schwarzen Bevölkerung gelungen. Die Arbeit von Wasel und Timemrmann hat wesentlich zum Lesegenuss beigetragen.

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Veröffentlicht am 03.04.2020

Ein Gerücht und seine unabsehbaren Folgen

Das Gerücht
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Und dabei beginnt alles so harmlos. In einer kleinen idyllischen Stadt am Meer bringen morgens die Mütter ihre Kinder in die Schule, tauschen noch ein paar Worte aus, jede Mutter geht dann ihrer Wege. ...

Und dabei beginnt alles so harmlos. In einer kleinen idyllischen Stadt am Meer bringen morgens die Mütter ihre Kinder in die Schule, tauschen noch ein paar Worte aus, jede Mutter geht dann ihrer Wege. Ganz normaler Alltag. Wenn da nicht eine der Mütter von einer Kindermörderin erzählen würde, die vielleicht sogar in dieser kleinen idyllischen Stadt leben könnte. Von jetzt an nimmt das tragische Geschehen seinen Lauf. Einmal etwas Gesagtes kann nicht mehr zurückgenommen werden. Joanna bekommt die Mörderin nicht mehr aus dem Kopf, vermutet sogar in allen Frauen, die etwa im Alter der Mörderin sind und deren Anfangsbuchstaben S und M sind, also mit der Sally McGowan übereinstimmen, die Täterin zu identifizieren. Ob es eine Laden- oder Hausbesitzerin ist, Joanna vermutet, stellt Theorien auf, verwirft sie wieder, hadert mit sich selbst, warum sie von diesem Gerücht nicht loskommt. Und sie steckt auch andere damit an. Bis sich der Verdacht erhärtet und Joanna plötzlich selbst bedroht wird und ihr Sohn Alfie auch. Bis das letzte Puzzlestück an seinen Platz fällt und Joanna erkennt, dass sie im Auge des Sturms ist und dass Sally McGowan ihr viel Näher ist, als sie sich jemals hätte träumen lassen. Es kommt zu einem filmreifen Showdown, im Laufe dessen Sally McGowan die Bluttat von vor über 50 Jahren vor unseren Augen wieder auferstehen lässt. Sally war damals selbst ein Kind, 10 Jahre alt, von den Eltern geschlagen und misshandelt, vom Vater noch zusätzlich sexuell missbraucht, war sie ein Kind ohne Kindheit. Der fünfjährige Junge starb mit dem Messer in der Brust, ein Messer das Sally vorher noch in der Hand gehabt hatte. Sally wurde verurteilt lebte lange Zeit in einer besonderen Anstalt für straffällige gewalttätige Kinder, wurde nach langen Jahren entlassen, bekam eine falsche Identität und lebte unentdeckt und fern der Öffentlichkeit, immer bemüht keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch die Familie des getöteten Kindes fand keine Ruhe. Immer wieder tauchten Journalisten auf, rissen alte Wunden auf, hielten in der Mutter und in der Schwester des getöteten Kindes den abgrundtiefen Wunsch nach Rache wach. Da sie kein Zeugenschutzprogramm genossen, so wie Sally McGowan, waren sie der Öffentlichkeit preisgegeben, praktisch Freiwild.
Ich kann beide Parteien gut verstehen: sowohl die Mutter und Schwester des kleinen Robbie Harris, die von Rachegedanken zerfressen keine Ruhe finden können, als auch die Erwachsene Sally McGowan, die ihr Leben dafür hergeben würde, den einen schrecklichen Moment ihrer Kindheit ungeschehen zu machen. Ihr Leben ist zerfressen von Selbstvorwürfen und Reue, Gedanken, die sie aber niemandem zeigen kann, weder den liebsten Menschen, die sie umgeben, noch irgendjemand anderem. Nur eine einzige Frau weiß Bescheid, die kann ihr aber auch nur heimlich helfen und sie unterstützen, denn es darf ja niemand von dem schrecklichen Geheimnis erfahren.
Die Sprache ist perfekt an die Handlung angepasst: zuerst heiter, angenehm, so wie das Leben in Flinstead selber, ändert sie sich im Laufe des Romans, wird düsterer, dunkler, voller kataphorischer Textverweise, die zuerst den Gedanken an eine Paranoia Joannas denken lassen, weil sie plötzlich überall Gefahren und Bedrohungen zu erkennen glaubt und dann auf die drohende Gefahr anspielen, in der Joanna und Alfie schweben.
Nach dem Coup de Théâtre löst sich die Handlung auf, alle Fäden werden zu Ende gesponnen, Sally McGowan hat wieder eine neue Identität bekommen und lebt irgendwo an einem anderen Meer in Sicherheit und unerkannt, Joanna, ihr Freund Michael und ihr gemeinsamer Sohn Alfie leben weiter in der kleinen Stadt am Meer, alles ist gut.
Na ja, fast gut. Denn die letzte Szene im buch rüttelt alles wieder auf und lässt die Ereignisse damals, in dem zerfallenden Haus in den sechziger Jahren in ein anderes Licht erscheinen. Und wir, die Leser kommen wieder ins Grübeln.

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Veröffentlicht am 29.03.2020

Familiengeschichten zum Hirschgulasch

Das eiserne Herz des Charlie Berg
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Um es vorweg zu sagen: Dies ist kein Kochbuch, obwohl ich das Rezept von diesem Hirschgulasch gerne hätte.
Der Hirschgulasch spielt eine zentrale Rolle in der Familie Berg – Del Monte. Aber dieses Buch ...

Um es vorweg zu sagen: Dies ist kein Kochbuch, obwohl ich das Rezept von diesem Hirschgulasch gerne hätte.
Der Hirschgulasch spielt eine zentrale Rolle in der Familie Berg – Del Monte. Aber dieses Buch ist auch kein Familienroman allein, obwohl sämtliche Familienmitglieder darin vorkommen: Die vier Großeltern, die beiden Eltern, Charlie und Fritzi, die beiden Kinder. Auf den ersten Blick scheint dies eine dysfunktionale Familie zu sein, der Vater ein kiffender Musiker, die Mutter Theaterregisseurin mit einem massiven Alkoholproblem, Fritzi ein Savant, die mit vier Jahren schon die städtische Bücherei durchgelesen hat. Und schließlich Charlie Berg der die Familie zusammenhält. Er kocht für die Familie, hält das Haus in Schuss, übernimmt die kleine Fritzi als die Mutter in ganz Europa Regieaufträge annimmt und der Vater sich tagelang in sein Studio für Musikaufnahmen einschließt. Er zieht mit Fritzi um ins Haus der Großeltern als die Großmutter einen Schlaganfall erleidet und übernimmt ihre Pflege. Dysfunktional doch irgendwie halten die Mitglieder doch zusammen, sind füreinander da im entscheidenden Augenblick, unterstützen sich bedingungslos. Und nicht nur strikt die mit verwandtschaftlichen Graden untereinander sondern auch die Freunde die fest zu dieser Familie dazugehören: Stucki, Ditos Freund und das andere Mitglied der Band Toytonic Swing Ensemble; Stuckis Stieftochter Malinche – Mayra; David, Charlies sexbesessener Schulfreund, Laura, die Bibliothekarin die Fritzi bei sich in der Bibliothek aufnimmt und sie alles lesen lässt.
Also gut. Kein Kochbuch aber ein Familienroman. Was noch? Entwicklungsroman? Auf jeden Fall. Zwar kein Tumber Tor der sich zum Gralssuchenden Parzival entwickelt, aber vom schulischen Außenseiter in der Kindheit, der nur im Hause seiner Großeltern und mit Malinche zusammen unbeschwerte Kindheit erleben darf, entwickelt sich Charlie Berg zu einem Mann der die Fäden der Familie fest zusammen hält, Verantwortung übernimmt, über Leben oder Tod von geliebten Menschen aber auch von fremden oder verhassten Menschen fraglos übernimmt.
Also gut: Kein Kochbuch aber ein Familien- und Entwicklungsroman. Ist es ein Roman über eine außergewöhnliche Gabe und Begabung? Charlie Berg hat eine Leidenschaft für Gerüche und Parfüms. Er hat ein außergewöhnliches Riechorgan, besser als die eines Spürhundes. Er kann die Düfte und Gerüche, die ihn umgeben zerlegen, aussortieren, sich auf einige wenige konzentrieren und sie akkurat wahrnehmen. Charlies Nase spielt im Roman eine Hauptrolle.
Also gut: Kein Kochbuch aber ein Familien- und Entwicklungsroman und ein Roman über eine außergewöhnliche Begabung. Ist es ein Roman über den Literaturbetrieb an sich, wie kleine Selbstverlage funktionieren, wie Preise im Literaturzirkus manchmal vergeben werden (Bitte, lasst wenigstens den Nobel-Preis korrekt vergeben werden!) Die ganze Stadt fiebert dem Literaturfestival und -preis Text.Eval entgegen, die Lesungen werden mit großem Interesse allerseits verfolgt, sie sind ungemein wichtig sowohl für den jungen Literaten, der den Preis gewinnt als auch für den „Literaturpaten“ der das Werk des Debütanten fördert und unterstützt.
Also gut: Kein Kochbuch aber ein Familien- und Entwicklungsroman, ein Roman über eine außergewöhnliche Begabung und ein Roman über den Literaturbetrieb der über die Grenzen einer Kleinstadt hinausgeht. Krimi? Oder Thriller? Ja! Beides: Wer ist der Wilderer im Wald? Wieso verschwindet Großvaters Leiche vom Tatort? Wie schafft es der schwerkranke Charlie Berg in einer atemberaubenden Aktion Ramón beim Sterben ein wenig nachzuhelfen? (Von meiner Seite aus: !Hasta nunca! Ramón!). Sehen wir uns mal den Thriller an: das Baumhaus ist fertig, der elfjährige Charlie und die 14jährige Malinche wollen im Wald im Baumhaus übernachten, werden aber von den ärgsten Schulhofschlägern überfallen, das Baumhaus wird in Brand gesteckt, das Mädchen wird fast vergewaltigt, Charlie überlebt nur knapp den Tod. Das Ganze wird so spannend geschildert, dass man mit den Kindern mitfiebert und mitleidet. Oder kurz vor dem Ende des Romans, als Charlie der Polizistin Carla die Hintergründe der Morde, des Plagiatsvorwurf, kurz alles aufdeckt und zur Verhaftung der schuldigen Person führt. Die Szene (wie übrigens alle Buchszenen) ist filmreif und ein Raymond Chandler oder skandinavischer Krimiautor hätten das nicht besser gestalten können.
Sebastian Stuertz ist mit seinem Debüt gleich in die Meisterklasse aufgestiegen. Die ganze Handlungsführung von der ersten zur letzten Seite, die Actionszenen, die Dialoge, die agierenden Personen, alles wirkt natürlich und logisch. Der Spannungsbogen erschlafft an keiner Stelle, noch wird er überzogen. Einige Gestalten finden wir von Anfang an liebenswürdig, wie Malinche – Mayra, wie Charlies Oma, wie die geradlinige Fritzi die nur in Zitaten redet. Andere brauchen etwas, bis sie uns ans Herz wachsen: wie Charlie Berg, der Ich-Erzähler. Zuerst war ich ein wenig abgestoßen, mit welcher Kaltblütigkeit er den erschossenen Opa im Wald beim Hirsch zurücklässt, aber im Nachhinein betrachtet verstehen wir seine Beweggründe, akzeptieren sie und stehen voll hinter Charlie. Oder seine Eltern: Rita del Monte, deren Karriere als Regisseurin vor Familie und vor allem vor den Kindern steht. Nur während der Schwangerschaften verzichtet sie auf weite Reisen, Alkohol und Zigaretten. Aber durch Charlies Trick mit der Kassette aus dem Anrufbeantworter kommt sie zur Besinnung und geht auf Entzug. Der Vater, Dito Berg ist Musiker, ein kiffender Alt Achtundsechziger, der seinem Vater seine NSDAP Vergangenheit nie verziehen hat. Er hat eine „Band“ bestehend aus ihm und seinem Freund Stucki, sie haben sogar Erfolge damit, bringen Platten heraus, sind in Insiderkreisen bekannt. Er zieht sich tage- und wochenlang zurück in sein Studio im Keller, kümmert sich weder um die Kinder noch um das Haus, obwohl er weiß, dass seine Frau abwesend ist. Charlie erledigt praktisch alles: kümmert sich um das Baby und spätere Kleinkind, kocht, putzt, schmeißt den ganzen Haushalt und das neben der Schule.
Die Großeltern sind absolute Gegensätze: Oma ist freundlich, lieb, resolut, tröstet Malinche und hilft ihr als sie zum ersten Mal ihre Regel kriegt. Sie baut mit Charlie und Malinche das Baumhaus und reagiert vernünftig als sie Murat, Mozart und Claudio im Wald erwischt. Hätte sie die Polizei gerufen, wäre aus diesen dreien Kleinkriminelle geworden, ohne Halt im Leben. So werden sie ihren Familien ausgehändigt, die von den Umtrieben der Bande bis dahin nichts wussten und nun ihrerseits Maßnahmen ergreifen können. Opa ein eigenbrötlerischer Mann, trinkt und hat praktisch keinen Kontakt zur eigenen Frau oder zu den Enkelkindern. Das ändert sich radikal als Oma den Schlaganfall erleidet. Als späte Wiedergutmachung hört er mit dem Trinken auf, bringt Charlie sein Jägerhandwerk bei, wird zu dem Opa, der er früher nie war. Wer weiß, vielleicht hätte er es sogar noch geschafft, sich mit seinem Sohn auszusöhnen.
Dann wären da die ermittelnden Polizisten, Carla Bentzin und Dittfurt. Effizient, in einer heimlichen Sexaffäre miteinander verwickelt, kommen sie zu den gleichen Schlussfolgerungen wie Charlie Berg und sind der Lösung der Krimifälle auf der Spur.
Dann wäre da noch die schräge Dr. Helsinki. Kompetent aber schräg. Sie redet in einer verniedlichenden Babysprache mit den erwachsenen Patienten, dass man sich fragen muss, wie fachkundig sie eigentlich ist und ob sie ihr Diplom in der Kita erworben hat.
Eine meiner Lieblingsszenen spielt im Krankenhaus, nachdem Charlie seinen Herztransplant bekommen hat. Er schwebt zwischen Leben und Tod, er kriegt nur olfaktorisch mit, wer ihn besucht, zwischen den Besuchen entschwebt sein Geist aus dem Raum, spricht mit Cernunnos, dem keltischen Gott des Waldes und der Natur. Erst als ihm der gehörnte Gott die Absolution erteilt kann Charlie mit Mayras Hilfe zurück ins irdische Dasein kommen.
Die Schlussszene, als die gesamte Familie samt Freunden beim Hirschgulaschessen zusammen findet, und die letzten losen Enden in diesen wunderschönen Wirkteppich zusammen gefügt werden lässt die Leser aus dem Buch auftauchen, sich umsehen und zurück ins Buch eilen: war das wirklich alles? 714 Seiten sind nicht genug. Bei weitem nicht. Wird Ramon nie aus der Versenkung auftauchen? (Achtung Wortspiel). Wird die adoptierte Gräfin noch Ränke und Intrigen schmieden? Wird Mayra je die volle Wahrheit über Ramon erfahren und wie wird sie darauf reagieren? Und vor allem wird Charlie seine wunderbare Gabe auch nach der Herz-OP behalten?

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