Wenn Erinnerungen plötzlich allen gehören
Eigentlich wollte ich das nicht schreibenMan merkt diesem Roman schnell an, dass es ihm nicht darum geht, möglichst viele Wendungen einzubauen. Stattdessen stehen die Figuren und ihre Beziehungen im Mittelpunkt. Für mich war genau das die größte ...
Man merkt diesem Roman schnell an, dass es ihm nicht darum geht, möglichst viele Wendungen einzubauen. Stattdessen stehen die Figuren und ihre Beziehungen im Mittelpunkt. Für mich war genau das die größte Stärke des Buches.
Nola verarbeitet den plötzlichen Tod ihrer Schwester, indem sie darüber schreibt. Aus diesem Manuskript wird überraschend ein Bestseller. Während viele Leser ihre Offenheit bewundern, fühlt sich ihre Familie bloßgestellt. Plötzlich steht nicht mehr nur der Verlust im Raum, sondern auch die Frage, ob man gemeinsame Erinnerungen überhaupt allein erzählen darf oder ob sie allen gehören, die sie erlebt haben.
Besonders gut gefallen hat mir, wie die Autorin Passagen aus Nolas Buch in die eigentliche Handlung einbaut. Dadurch bekommt man nach und nach ein besseres Gefühl für ihre Schwester und versteht gleichzeitig, warum dieselben Erlebnisse innerhalb der Familie so unterschiedlich gesehen werden. Dieses Spiel mit verschiedenen Blickwinkeln hat den Roman für mich deutlich interessanter gemacht.
Am meisten berührt hat mich aber die Art, wie Trauer beschrieben wird. Mein kleiner Bruder ist vor knapp zwei Jahren völlig unerwartet gestorben. Deshalb haben sich viele Gedanken und Reaktionen für mich erschreckend echt angefühlt. Trauer ist oft nicht vernünftig. Man klammert sich an Erinnerungen, stellt sie gleichzeitig infrage oder ärgert sich über Dinge, die von außen völlig belanglos wirken. Das Buch versucht gar nicht, dafür eine Lösung zu finden, sondern zeigt einfach, wie unterschiedlich Menschen mit demselben Verlust umgehen können.
Ganz ohne Kritik komme ich aber nicht aus. Manche Kapitel waren mir etwas zu ausführlich und hätten ruhig gestrafft werden können. Dadurch hat sich die Geschichte zwischendurch gezogen. Wer einen Roman sucht, in dem ständig etwas passiert, wird hier vermutlich nicht ganz glücklich.
Mich hat das Buch trotzdem überzeugt, weil es keine einfachen Antworten gibt. Es regt dazu an, über Familie, Erinnerungen und die Verantwortung nachzudenken, die entsteht, wenn persönliche Erlebnisse öffentlich werden. Genau diese Fragen sind mir nach dem Lesen noch eine ganze Weile im Kopf geblieben.