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Veröffentlicht am 01.07.2026

Wenn Erinnerungen plötzlich allen gehören

Eigentlich wollte ich das nicht schreiben
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Man merkt diesem Roman schnell an, dass es ihm nicht darum geht, möglichst viele Wendungen einzubauen. Stattdessen stehen die Figuren und ihre Beziehungen im Mittelpunkt. Für mich war genau das die größte ...

Man merkt diesem Roman schnell an, dass es ihm nicht darum geht, möglichst viele Wendungen einzubauen. Stattdessen stehen die Figuren und ihre Beziehungen im Mittelpunkt. Für mich war genau das die größte Stärke des Buches.

Nola verarbeitet den plötzlichen Tod ihrer Schwester, indem sie darüber schreibt. Aus diesem Manuskript wird überraschend ein Bestseller. Während viele Leser ihre Offenheit bewundern, fühlt sich ihre Familie bloßgestellt. Plötzlich steht nicht mehr nur der Verlust im Raum, sondern auch die Frage, ob man gemeinsame Erinnerungen überhaupt allein erzählen darf oder ob sie allen gehören, die sie erlebt haben.

Besonders gut gefallen hat mir, wie die Autorin Passagen aus Nolas Buch in die eigentliche Handlung einbaut. Dadurch bekommt man nach und nach ein besseres Gefühl für ihre Schwester und versteht gleichzeitig, warum dieselben Erlebnisse innerhalb der Familie so unterschiedlich gesehen werden. Dieses Spiel mit verschiedenen Blickwinkeln hat den Roman für mich deutlich interessanter gemacht.

Am meisten berührt hat mich aber die Art, wie Trauer beschrieben wird. Mein kleiner Bruder ist vor knapp zwei Jahren völlig unerwartet gestorben. Deshalb haben sich viele Gedanken und Reaktionen für mich erschreckend echt angefühlt. Trauer ist oft nicht vernünftig. Man klammert sich an Erinnerungen, stellt sie gleichzeitig infrage oder ärgert sich über Dinge, die von außen völlig belanglos wirken. Das Buch versucht gar nicht, dafür eine Lösung zu finden, sondern zeigt einfach, wie unterschiedlich Menschen mit demselben Verlust umgehen können.

Ganz ohne Kritik komme ich aber nicht aus. Manche Kapitel waren mir etwas zu ausführlich und hätten ruhig gestrafft werden können. Dadurch hat sich die Geschichte zwischendurch gezogen. Wer einen Roman sucht, in dem ständig etwas passiert, wird hier vermutlich nicht ganz glücklich.

Mich hat das Buch trotzdem überzeugt, weil es keine einfachen Antworten gibt. Es regt dazu an, über Familie, Erinnerungen und die Verantwortung nachzudenken, die entsteht, wenn persönliche Erlebnisse öffentlich werden. Genau diese Fragen sind mir nach dem Lesen noch eine ganze Weile im Kopf geblieben.

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Veröffentlicht am 06.06.2026

Zwischen Einsamkeit und flüchtigen Begegnungen

Die Straße
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Robert Seethaler erzählt in „Die Straße“ keine klassische Geschichte mit klarer Handlung oder einem großen Höhepunkt. Stattdessen begleitet man die Menschen einer Straße durch viele kleine Szenen, ...

Robert Seethaler erzählt in „Die Straße“ keine klassische Geschichte mit klarer Handlung oder einem großen Höhepunkt. Stattdessen begleitet man die Menschen einer Straße durch viele kleine Szenen, Gedanken und Begegnungen. Genau das macht den Roman aber so besonders. Die Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, kreuzen sich zufällig oder bleiben einander trotzdem fremd, obwohl sie Tür an Tür leben. Daraus entsteht ein sehr stilles, aber erstaunlich intensives Bild vom Alltag und vom menschlichen Zusammenleben.

Mich hat vor allem beeindruckt, wie genau Seethaler auf seine Figuren schaut. Da gibt es einsame Menschen, verbitterte Menschen, solche voller Sehnsucht oder mit der Angst, dass sich im Leben nichts mehr ändern wird. Manche Episoden haben mich sofort getroffen, andere wirkten zunächst unscheinbar und haben erst später nachgewirkt. Gerade diese Mischung fühlt sich aber ehrlich an, weil eben auch im echten Leben nicht jede Begegnung gleich bedeutend erscheint.

Der Schreibstil ist extrem reduziert. Teilweise bestehen die Abschnitte nur aus wenigen Zeilen oder kurzen Gesprächen. Man muss sich darauf einlassen und am Anfang etwas Geduld haben. Wenn man jedoch einmal in diesen Rhythmus hineingefunden hat, entfaltet das Buch eine ganz eigene Atmosphäre. Seethaler schafft es mit erstaunlich wenigen Worten, Bilder und Stimmungen entstehen zu lassen, die lange im Kopf bleiben.

Besonders gelungen fand ich dann doch die fragmentarische Struktur. Das Buch liest sich fast wie eine Ansammlung aus Beobachtungen, Erinnerungen und Gesprächsfetzen. Vieles bleibt offen oder wird nur angedeutet. Dadurch wirkt die Straße lebendig und gleichzeitig auch bedrückend. Einsamkeit, Verlust und verpasste Chancen ziehen sich durch viele Geschichten. Trotzdem gibt es zwischendurch immer wieder kleine Momente von Wärme oder Hoffnung.

Wer Spannung oder eine durchgehende Handlung erwartet, wird mit diesem Roman vermutlich wenig anfangen können. Wer aber ruhige, genaue Beobachtungen von Menschen mag und Freude an leisen Zwischentönen hat, sollte „Die Straße“ unbedingt lesen.

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Wenn Geschichte ein Familienleben prägt

Fliegt, Wilde Schwäne
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„Fliegt, wilde Schwäne“ hat mir gut gefallen, weil Jung Chang ihre eigene Geschichte mit der Geschichte Chinas verbindet. Es geht nicht nur um Politik, sondern auch darum, was diese Politik mit ...

„Fliegt, wilde Schwäne“ hat mir gut gefallen, weil Jung Chang ihre eigene Geschichte mit der Geschichte Chinas verbindet. Es geht nicht nur um Politik, sondern auch darum, was diese Politik mit einzelnen Menschen und Familien macht. Dadurch wirkt das Buch sehr persönlich und nah.

Wer „Wilde Schwäne“ gelesen hat, erkennt vieles wieder. Man kann das Buch aber auch ohne den Vorgänger lesen. Jung Chang erzählt von ihrer Jugend unter Mao, von ihrem Leben in London und davon, wie schwer es war, von ihrer Heimat getrennt zu sein.

Der Schreibstil ist klar und gut verständlich. Das Buch ist informativ, aber nicht trocken. Viele Stellen sind traurig und berührend, wirken aber nicht übertrieben. Man merkt, wie viel Angst, Schmerz, Hoffnung und Stärke in dieser Geschichte steckt.

Gut gefallen haben mir auch die Jahreszahlen, Fotos und persönlichen Erinnerungen. Dadurch kann man die Ereignisse besser einordnen. Man lernt viel über China nach Mao, aber vor allem versteht man, wie sehr politische Veränderungen das Leben einzelner Menschen beeinflussen.

Für mich ist „Fliegt, wilde Schwäne“ ein bewegendes und sehr lesbares Buch. Es kombiniert Familiengeschichte und Zeitgeschichte auf eine eindrucksvolle Weise.

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Veröffentlicht am 10.05.2026

Das Flimmern einer sterbenden Welt

Ins fahle Herz des Sommers
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Andreas Eschbach entwirft in "Ins fahle Herz des Sommers" eine Zukunft, die erschreckend nah wirkt. Die Erde ist von extremer Hitze gezeichnet, tagsüber kaum noch bewohnbar, viele Menschen sind an einer ...

Andreas Eschbach entwirft in "Ins fahle Herz des Sommers" eine Zukunft, die erschreckend nah wirkt. Die Erde ist von extremer Hitze gezeichnet, tagsüber kaum noch bewohnbar, viele Menschen sind an einer Seuche gestorben oder längst geflohen. Übrig geblieben sind einzelne Orte, in denen nur noch wenige Menschen versuchen irgendwie weiterzumachen. Genau in so einem Dorf lebt Fausto. Er schlägt sich nachts durch verlassene Häuser, sucht Nahrung und versucht den immer härter werdenden Alltag zu überstehen.

Die große Stärke des Romans ist weniger die eigentliche Handlung als die Stimmung. Diese Welt fühlt sich trocken, leer und still an. Man merkt beim Lesen fast körperlich, wie belastend die Hitze sein muss. Alles wirkt langsam, erschöpft und gleichzeitig ständig bedrohlich. Gerade dadurch entsteht eine sehr intensive Atmosphäre, die einen erstaunlich schnell in die Geschichte hineinzieht.

Richtig interessant wird es mit dem Auftauchen von Valerie. Sie passt nicht richtig in diese Welt und genau das macht sie spannend. Ihr Verhalten bleibt lange rätselhaft und sorgt dafür, dass die unterschwellige Unsicherheit die ganze Zeit erhalten bleibt. Zwischen ihr und Fausto entwickelt sich zwar Nähe, gleichzeitig bleibt aber immer das Gefühl bestehen, dass etwas nicht stimmt.

Das Buch erzählt insgesamt eher ruhig. Wer große Action oder dauernd Wendungen erwartet, wird vermutlich nicht ganz glücklich damit. Vieles läuft langsam ab und manche Fragen bleiben offen. Mich hat das stellenweise etwas gestört, gleichzeitig passt genau diese Ungewissheit aber auch gut zu der trostlosen Welt, die Eschbach zeichnet.

Besonders stark funktioniert die Geschichte als Hörbuch. Matthias Koeberlin liest ruhig und unaufgeregt, genau passend zu dieser bedrückenden Stimmung. Ohne übertriebene Dramatik schafft er es, die Einsamkeit und den dauernden Überlebenskampf glaubwürdig wirken zu lassen.

Kein typischer Spannungsroman, sondern eher eine düstere, nachdenkliche Dystopie, die noch eine ganze Weile im Kopf bleibt.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Wenn Vertrautes plötzlich kippt

Beth is dead
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„Beth is Dead“ nimmt sich einen ziemlich bekannten Stoff vor und dreht ihn einmal komplett auf links. Statt warmem Familienroman gibt es hier einen Kriminalfall, der direkt zu Beginn alles kippt: Beth ...

„Beth is Dead“ nimmt sich einen ziemlich bekannten Stoff vor und dreht ihn einmal komplett auf links. Statt warmem Familienroman gibt es hier einen Kriminalfall, der direkt zu Beginn alles kippt: Beth ist tot, gefunden im Wald nach der Silvesternacht. Ab da geht es nicht mehr um Nostalgie, sondern um die Frage, wer dafür verantwortlich ist.
Ob Unfall oder Mord bleibt lange offen, genau das treibt die Handlung an.
Die Geschichte legt ihre Informationen nicht offen auf den Tisch, sondern arbeitet sich Stück für Stück vor. Man bekommt Einblicke aus unterschiedlichen Richtungen und muss sich vieles selbst zusammenlegen. Das sorgt dafür, dass man automatisch mitdenkt und sich ständig fragt, was wirklich passiert ist und was nur so wirkt. Gerade dieses vorsichtige Freilegen der Hintergründe hält die Spannung über weite Strecken stabil.
Im Zentrum stehen weniger äußere Ereignisse als die Beziehungen innerhalb der Familie. Alte Konflikte, unausgesprochene Vorwürfe und persönliche Interessen schieben sich immer wieder in den Vordergrund. Die Figuren sind dabei nicht darauf ausgelegt, sofort gemocht zu werden. Eher entsteht ein Bild von Menschen, die in einer Extremsituation reagieren und dabei nicht immer nachvollziehbar handeln.
Ganz rund ist das nicht in jeder Phase. Der Einstieg braucht etwas, bis man richtig drin ist, und manche Entwicklungen zeichnen sich früher ab, als sie vermutlich sollten. Trotzdem bleibt man dran, weil das Buch einen klaren Zug nach vorne hat und immer wieder kleine Verschiebungen einbaut, die das Gesamtbild verändern.
Am Ende funktioniert das Ganze weniger über den großen Überraschungsmoment als über den Weg dorthin. Es ist kein Thriller, der permanent auf maximalen Effekt setzt, sondern eher eine ruhig aufgebaute, zunehmend düstere Geschichte, die sich Zeit nimmt, ihre Spannung zu entfalten.

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