Weiblicher Robin Hood bestiehlt reiche Nazis in der Schweiz
Die MeisterdiebinEine jüdische Kaufhauserbin in Wien verliert das Geschäft und ihre Liebsten. Die verfolgte junge Frau wird zur Meisterdiebin, die überwiegend Nazis bestiehlt. Ich finde es interessant, dass Elise mit der ...
Eine jüdische Kaufhauserbin in Wien verliert das Geschäft und ihre Liebsten. Die verfolgte junge Frau wird zur Meisterdiebin, die überwiegend Nazis bestiehlt. Ich finde es interessant, dass Elise mit der Zeit die Beutezüge als Widerstand begreift. Sie verhält sich wie eine Art Robin Hood und spendet auch Beträge an Flüchtlingsorganisationen. Elise hat sich allerdings nicht im Griff. Sie macht sich angreifbar, wenn sie öffentlich hohe Tiere der Nationalsozialisten verbal angeht. Sie bringt sich immer wieder in Gefahr. Diese auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte erzählt die Autorin Christine Jaeggi so spannend und eingehend, dass man meint, dass man mit Elise auf Beutezug geht. Die wahre Erika B., auf deren Geschichte das Buch basiert, hat sich zu über 90 Schweizer Hotelzimmern Zutritt verschafft und zwischen 1936 und 1946 millionenschweren Schmuck erbeutet, wie im Nachwort erläutert wird.
In dem ersten Teil des Buches mit dem Titel Die Meisterdiebin, im Zytglogge Verlag erschienen, erzählt Jaeggi, wie aus dem kleinen Mädchen die erwachsene Meisterdiebin wird. Und davon, dass die Weichen früh gestellt werden. Ihr Großvater ist ihr Ein und Alles und hat einen Laden, in dem er Uhren repariert und teuren Schmuck herstellt, den Steinen ihren Schliff verpasst. Elise hat also in frühester Kindheit einiges zum Thema Schmuck mitbekommen.
Elise erlebt das Einmarschieren von Hitlers Truppen in Österreich und alles Grauen, was dazu gehört. Man kann Elises Gefühle als Leser sehr gut nachvollziehen, ihre Ängste und ihre Verzweiflung. Das Zeitgeschehen ist in vielen kleinen Szenen erlebbar gemacht worden. Die Figur Elise ist sehr lebendig gezeichnet. Frühere Freunde verleugnen sie und helfen nicht. Sie steht irgendwann alleine da. Mit der Protagonistin fühlt man als Leser mit und man möchte gerne wissen, wie es weitergeht.
Elise macht eine schwere Zeit durch, verliert alles und kann in die Schweiz flüchten. Die Tante ihres Mannes entpuppt sich entgegen der Erwartungen als gute Seele, die selbst Verluste erlitten hat. Nun ist auch klar, wie Elise zur Meisterdiebin werden konnte. Eine Gelegenheit in Wien hat den Anfang gemacht, um die Flucht überhaupt erst zu ermöglichen. Zufälle und Rachegedanken, aber auch Sachzwänge sind mitentscheidend, besonders der, dass sie als Emigrantin in der Schweiz nicht arbeiten darf. Aber sie will Mutter und Schwester nachholen, dafür braucht sie Geld. Das Buch nimmt an Fahrt auf. Elise gerät in einen regelrechten Rausch und wird immer professioneller, besorgt sich Verkleidungen. Ich finde, dass sie dennoch unvorsichtig agiert. Die Spannung steigert sich bis zum Finale immer mehr, was mir sehr gut gefällt. Die Schlinge legt sich immer enger um Elises Hals, denn ein Korporal heftet sich an ihre Fersen. Das Finale ist überraschend, denn es kommen noch verstörende Details aus der Vergangenheit zu Tage.
Fazit: Das Buch von Christine Jaeggi, das auf wahren Begebenheiten basiert, ist ein äußerst spannender historischer Krimi aus der Sicht der Diebin, die durch ihre Verfolgung durch die Nazis aus einer Opferrolle heraus gehandelt hat. Der Roman ist der Figur einer legendären Meisterdiebin gerecht geworden. 5 Punkte!