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Veröffentlicht am 07.06.2019

Die Zerstörungskraft einer Sucht

All das zu verlieren
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All das zu verlieren – Leila Slimani

Die französisch-marokkanische Autorin und Prix Goncourt-Preisträgerin Leila Slimani wird in Frankreich für ihre Erzählkunst gefeiert. Der Klappentext verweist auf ...

All das zu verlieren – Leila Slimani

Die französisch-marokkanische Autorin und Prix Goncourt-Preisträgerin Leila Slimani wird in Frankreich für ihre Erzählkunst gefeiert. Der Klappentext verweist auf die Beschreibung einer „modernen Madame Bovary“. Tatsächlich gibt es einige Ähnlichkeiten in Plot und Personal. Doch gerade die Handlung und deren Hintergründe (die fehlen), reichen bei Weitem nicht an das Original heran.

Das Cover finde ich sehr passend. Es ist zweigeteilt und zeigt dadurch sehr deutlich die Zerrissenheit der Protagonistin. Ihr Leben ist durch eine Sexsucht geprägt und weist eine dunkle, depressive Seite auf, die sie aber mit allen Mitteln geheim zu halten versucht. Nach außen zeigt sie eine perfekte, strahlende Seite.
Adèle ist mit ihrem Leben unzufrieden. Mit ihrem Mann verbindet sie eine reine Zweckehe, mit dem Kind ist sie überfordert – ihre einzige Ablenkung ist schneller, harter Sex. Sie will begehrt werden, um sich selbst zu spüren.
"Sie wäre so gerne die Ehefrau eines reichen Mannes, der nie da ist." Seite 15

Der Roman ist kühl und distanziert erzählt, gerade die vielen Sexszenen werden nüchtern erzählt. Zum Glück, denn nur durch die sachliche Beschreibung, werden diese abstoßenden Akte erst erträglich.
Es ist eine stakkato artige Aneinanderreihung von einzelnen Sequenzen aus ihrem Leben. Die Autorin wirbt nicht um Verständnis für Adèle, sie hält den Leser auf Distanz, die Geschichte berührt nicht, sondern provoziert und schockiert durch ihre Direktheit und den Hang zur Selbstzerstörung der Protagonistin.

Man kann und soll sich nicht mit Adèle identifizieren, man kann sie auch nicht verstehen, sie ist ein absolut unsympathischer, lebensunfähiger Mensch. Sie konnte noch nicht mal mein Mitleid erwecken. Wohl aber kann man diesen Roman als Darstellung der Zerstörungskraft einer Sucht lesen. Adèle kämpft dagegen an, gelobt Besserung und scheitert immer wieder.
Geradezu emotionslos was den Alltag betrifft, sucht sie Betäubung und Ablenkung bei fremden Männern. Sie baut sich geradezu ein Doppelleben auf.

Am Ende bin ich unschlüssig, wie dieses Buch zu bewerten ist. Ich fand es nicht schlecht, aber auch nicht gut. Letztendlich war es mir zu distanziert, dadurch bleiben für mich sowohl die Figuren als auch die Handlung blass. Slimani erklärt nicht, liefert keine Begründungen oder Hintergründe, es ist eine reine Zustandsbeschreibung.
Die hochgelobte Sprachkunst, die ich gerne anerkenne, reicht mir hier leider nicht.

Veröffentlicht am 05.06.2019

Konnte die Erwartungen leider nicht erfüllen

Die Nickel Boys
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Die Nickel Boys – Colson Whitehead

Von Whitehead habe ich zuletzt den Bestseller „Underground Railroad“ gelesen und war begeistert. „Die Nickel Boys“ konnten mich leider bei Weitem nicht so mitreißen ...

Die Nickel Boys – Colson Whitehead

Von Whitehead habe ich zuletzt den Bestseller „Underground Railroad“ gelesen und war begeistert. „Die Nickel Boys“ konnten mich leider bei Weitem nicht so mitreißen und dieses Werk bleibt meiner Meinung nach weit dahinter zurück.
Das Thema der Rassenproblematik in Amerika durchzieht sämtliche Werke des Autors und so geht es auch hier um die Probleme der schwarzen Bevölkerung, die der Willkür von Weißen schutzlos ausgeliefert sind. Ein dunkles Kapitel der amerikanischen Geschichte, umso beeindruckender, als diese Erzählung auf wahren Begebenheiten beruht.

Elwood ist ein fleißiger, pflichtbewusster Sechzehnjähriger, der es geschafft hat, einen Platz am College zu ergattern. Durch einen dummen Zukunft und die Ignoranz der Justiz, wird Elwood zum Nickel, einer Besserungsanstalt, verurteilt. Hier werden die Jungen misshandelt und ausgebeutet. Und nicht jeder verlässt die Anstalt lebend wieder.

Diese Geschichte wird in drei Teilen erzählt. Im ersten Teil erfährt der Leser Einzelheiten über Elwoods Leben vor Nickel, das ebenfalls durch Rassenbenachteiligungen geprägt war. Dann erlebt man mit dem Protagonisten die Besserungsanstalt Nickel und seine Brutalitäten. Schließlich widmet sich der Autor den Auswirkungen, die eine solche Inhaftierung mit sich bringt.
Leider bleibt in diesem Roman die Distanz zu den Personen sehr groß, so dass man die Szenerie mehr von außen beobachtet. Es gelingt dem Autor nicht, dass man als Leser wirklich mitfiebert. Vielleicht liegt es an der relativ geringen Seitenzahl, dass mir das Buch als nicht ganz ausgearbeitet und unausgereift erschien. Insgesamt bleibt es weit hinter „Underground Railroad“ zurück, auch wenn das schriftstellerische Talent Whiteheads immer mal wieder durchblitzt und für großartige Szenen sorgt, kann es sich leider nicht durchsetzen. Für mich blieben sowohl Elwood und seine Leidensgenossen, als auch die Handlung sehr blass und holzschnittartig. Schade, denn das Thema ist wichtig.


Veröffentlicht am 03.06.2019

Grandioser Roman über eine Großfamilie

Niemals ohne sie
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Niemals ohne sie – Jocelyne Saucier

Saucier erzählt in diesem Roman die Geschichte einer wirklich chaotischen kanadischen Großfamilie. 21 Kinder, das ist enorm. Es geht drunter und drüber, es wird gezofft ...

Niemals ohne sie – Jocelyne Saucier

Saucier erzählt in diesem Roman die Geschichte einer wirklich chaotischen kanadischen Großfamilie. 21 Kinder, das ist enorm. Es geht drunter und drüber, es wird gezofft und geprügelt. Doch wenn's drauf ankommt, halten die Cardinals zusammen. Denn den sturen Hitzkopf haben sie alle.
Bei einem mehr oder weniger freiwilligen Familientreffen nach 30 Jahren, wird klar, dass ein dunkles, tragisches Geheimnis die Familie damals auseinandergetrieben und in alle Winde verstreut hat.

"Sie glauben, ich hätte schon immer von Australien geträumt. Die Wahrheit ist, dass ich diese Familie nicht mehr ertrage." Seite 138

Es geht um die vielen Geschwister, sowieso ein Wunder, wie Saucier es schafft, dem Leser viele starke, einzigartige Charaktere nahezubringen, allesamt auch noch mit Spitznamen, wie Jeanne D`Arc oder Wapiti. Dennoch gelingt es überraschend gut, den Überblick zu behalten.
Und es geht um die Besitzansprüche an einer alten Mine. Der Familienvater hat einst ein großes Zinkvorkommen entdeckt, wovon sich die Familie finanzielle Sorglosigkeit versprochen hatte. Doch dieser Lohn blieb leider aus.

Abwechselnd wird die Geschichte von verschiedenen Familienmitgliedern erzählt. Saucier hat einen tollen Erzählstil und eine großartige Erzählstimme, getragen von Verlust und Schmerz. Ausgehend von den unterschiedlichen Erinnerungen der jeweiligen Geschwister, bewegt sich die Handlung, spannend wie ein Krimi, zurück bis zu dem einen entscheidenden Moment, der ihrer aller Leben prägte.
Vielleicht ein ganz kleines bisschen arg pathetisch, auf jeden Fall aber unheimlich traurig und zugleich schön.
Dringende Leseempfehlung!

"In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben." Seite 222






Veröffentlicht am 03.06.2019

Reise auf der Seine

Warum die Vögel sterben
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Warum die Vögel sterben – Victor Pouchet

Wer hier anhand des Titels und des Klappentextes einen spannenden Abenteuerroman erwartet, wird enttäuscht sein. Denn es handelt sich vielmehr um die Ansammlung ...

Warum die Vögel sterben – Victor Pouchet

Wer hier anhand des Titels und des Klappentextes einen spannenden Abenteuerroman erwartet, wird enttäuscht sein. Denn es handelt sich vielmehr um die Ansammlung von Abschweifungen und Überlegungen eines Studenten, der des Arbeitens an seiner Diplomarbeit leid ist und sich stattdessen lieber mehr oder weniger halbherzig auf die Suche nach der Ursache für den Regen toter Vögel an den Ufern der Seine macht.

Ein seltsamer Roman. Da fährt der Protagonist mir einem Senioren-Ausflugs-Schiff die Seine hinunter, sinniert über vom Himmel gefallene Vögel, sein zerrüttetes Elternhaus und verliert sich immer wieder in allerlei Abschweifungen, wie den biblischen Plagen, bei denen er seine Forschung beginnt. Oder eine Lachswanderung, zurück zur Quelle, mit denen er seine Reise gen Heimat vergleicht. Dies ist mal unterhaltsam, mal weniger. Um immer wieder auf die Vögel zurückzukommen, die in der Nähe seines Heimatortes zu Boden fielen. Dabei ist der Erzähler durchaus selbstkritisch. Ihm ist bewusst, dass er keine Ahnung von Vögeln hat, doch er fühlt sich gerade dadurch bestätigt, dass die Allgemeinheit, die Vogelregen ignoriert.

"Meine ornithologischen Kenntnisse waren dürftig, und mein Instinkt konnte mich trügen. (...) Ich hoffte darauf, dass die Dunstschwaden der Seine mich in eine hellsehende Pythia verwandeln würden, in einen glaubwürdigen Propheten, der die Vorzeichen und Vogelschauen deuten und die himmlischen Fingerzeige erkennen konnte." Seite 51

Die Sprache ist teils geradezu unbeholfen, einfach und direkt, dann wieder poetisch bis übertrieben schwülstig. Dieser Wechsel soll wohl die etwas ambivalente Persönlichkeit des Protagonisten ausdrücken, der sich gerade in etwas hineinsteigert.

Insgesamt eine hochinteressante Grundidee, doch in der Umsetzung wurde viel Potential verschenkt, gerade in der zweiten Hälfte gibt es beträchtliche Längen und wenig Fortschritt. Weder in der Sache der Vögel, noch in der Entwicklung des Protagonisten. Dazu ist der Roman etwas mühsam und anspruchsvoll zu lesen.
Eingeschränkte Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 24.05.2019

Großmutter in der Fremde

Der Zopf meiner Großmutter
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Der Zopf meiner Großmutter - Alina Bronsky

Mäxchen hat es nicht leicht, sein Opa auch nicht. Denn Großmutter Margarita hat ein ganz besonderes Temperament. Herrschsüchtig, kontrollierend, durchaus auch ...

Der Zopf meiner Großmutter - Alina Bronsky

Mäxchen hat es nicht leicht, sein Opa auch nicht. Denn Großmutter Margarita hat ein ganz besonderes Temperament. Herrschsüchtig, kontrollierend, durchaus auch beleidigend wacht sie über ihre Lieben. Auf zweifelhafte Art und Weise in einem jüdischen Flüchtlingsheim in Deutschland gelandet, wettert sie gegen alles und jeden. Gegen Deutsche, gegen Juden, Flüchtlinge im Allgemeinen, das deutsche Schulsystem und deutsche Ärzte. Keiner kann es ihr recht machen. Dann verliebt sich Opa und auf skurrile Art und Weise entsteht eine außergewöhnliche russische Patchwork Familie. Und alle Beteiligten müssen nicht nur ihren Platz im neuen Land, sondern auch noch in der neuen Familie finden.

Als Leser weiß man anfangs nicht, darf man lachen, sollte man eher weinen, angesichts der harschen, teils geradezu bösartigen Art der älteren Frau. Besonders Maxim wird zugleich verhätschelt und erniedrigt, für dumm, krank, schier lebensunfähig erklärt. Es grenzt an seelische Misshandlung und ist nicht immer leicht zu ertragen. Auch weil die Beweggründe sehr lange unbekannt bleiben bzw. nie vollständig aufgeklärt werden.
Unverständlich, der Gleichmut des Großvaters, der alles stoisch über sich ergehen lässt, statt Mäxchen in Schutz zu nehmen.

Alina Bronsky hat eine unvergleichliche Art, von unmöglichen Verhältnissen zu erzählen, auf eine seltsame Art komisch, gleichzeitig unheimlich traurig, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Den Schreibstil mag ich sehr, locker-flockig rast man durch die Seiten. Anderswo habe ich bereits den Begriff „Bronsky-Beat“ gelesen. Ja, das kann ich nachvollziehen und genau dieser Stil macht mich neugierig auf ihre anderen Werke.
Raffiniert wird die Geschichte dadurch, dass der Leser auf dem Stand des kindlichen Erzählers ist und somit ebenso wie dieser nur Häppchenweise in die Hintergründe und Zusammenhänge eingeweiht wird. Zumal die Oma eisern schweigt.

Dieser Roman hat für mich sehr sehr stark begonnen. Gegen Ende waren mir einige Zeitsprünge zu unvermittelt und einige Wendungen zu abrupt, kaum noch nachvollziehbar. Hier hätten ein paar Seiten mehr dieser Geschichte sehr gut getan. Leider gibt es dafür auch einen Stern Abzug.
Trotzdem eine absolute Leseempfehlung für einen sehr außergewöhnlichen Roman!