Fast schon zu viele Ängste
Unbegründete ÄngsteDer Roman "Unbegründete Ängste" von Res Sigusch erzählt mit viel Feingefühl, Humor und klarem Blick von einer Angst, die viele Menschen kennen – auch wenn sie oft unausgesprochen bleibt oder für einige ...
Der Roman "Unbegründete Ängste" von Res Sigusch erzählt mit viel Feingefühl, Humor und klarem Blick von einer Angst, die viele Menschen kennen – auch wenn sie oft unausgesprochen bleibt oder für einige unbegründet scheint. Im Mittelpunkt steht Christian Lotz, 30 Jahre alt, queer, Single und wohnhaft in einer sächsischen Kleinstadt. Nach außen wirkt sein Leben ziemlich geordnet: Er arbeitet im Fitnessstudio, ist sportlich, attraktiv und trifft sich jeden Sonntag mit seinen Eltern zum Sektfrühstück. Doch hinter dieser scheinbaren Normalität verbirgt sich ein Kopf, der kaum zur Ruhe kommt.
Christian denkt viel – vielleicht zu viel. Ständig kreisen seine Gedanken darum, wie er auf andere wirkt, warum er noch nicht den richtigen Partner gefunden hat oder was die Zukunft bringen wird. Klimawandel, politische Entwicklungen, Pandemien oder mögliche Krankheiten: Für Christian endet fast jeder Gedanke im schlimmsten denkbaren Szenario. Besonders seine exzessiven Internetrecherchen zu gesundheitlichen Symptomen verstärken diese Spirale aus Sorgen und Selbstzweifeln. Aus anfänglicher Unsicherheit wird mit der Zeit eine allgegenwärtige Angst, die keinen konkreten Auslöser mehr braucht.
Was „Unbegründete Ängste“ so besonders macht, ist die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit. Res Sigusch gelingt es, ein schweres Thema wie Angststörungen mit einer überraschenden Portion Humor und Selbstironie zu erzählen. Christian ist eine Figur, in der man sich trotz – oder gerade wegen – seiner übertriebenen Sorgen schnell wiedererkennt. Seine Gedankenspiralen sind oft gleichzeitig tragisch und komisch, weil sie so nah an alltäglichen Unsicherheiten liegen.
Der Roman stellt große gesellschaftliche Fragen im Kleinen: Wie lebt man mit ständiger Unsicherheit in einer Welt, die ohnehin voller Krisen scheint? Wie sehr lassen wir uns von Ängsten leiten, die vielleicht gar keinen realen Ursprung haben? Und wie wichtig ist es, über diese Gefühle zu sprechen?
„Unbegründete Ängste“ ist ein kluger, zeitgeistiger und zugleich sehr menschlicher Roman, der zeigt, wie eng Humor und Verletzlichkeit manchmal beieinanderliegen.